12. September 2004

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Wolf von Aichelburg: "Die Liebe sieht allein nur das Gute"

Vielleicht ist das hier abgedruckte, erstmals 1987 im Gedichtband " Corrida" erschienene Gedicht "Pontus Echtinos" in seiner Urform bereits in den 1950er Jahren bei der Zwangsarbeit unter der gleißenden Sonne der Donausteppe entstanden, wo der Dichter, Maler und Komponist Wolf von Aichelburg eine mehrjährige Haftstrafe für seine politische Überzeugung verbüßen musste. Tägliches Memorieren statt Aufnotieren - wie sonst wenn nicht auf den Schwingen der Dichtung konnte man sich den "Würgern" entziehen?
Es liegt Ironie darin, dass Wolf Freiherr von Aichelburg (1912-1994) in eben diesen leben-schenkenden Schaumkämmen seinen Tod fand. Wer seine Gedichte kennt, weiß freilich, dass sie oft um Wasser, Wind und Sonne, um das Einswerden mit der Natur kreisen: " Quelle sollst du werden, ohne Halten, ohne ein Besitzen... "

Aichelburg empfand die Elemente nie als Feind. Vielmehr begriff er sie wie auch sich selbst als Teil der all-einen Natur. Für einen, der seine pantheistischen Überzeugungen so lebte wie er, hatten sie ihren bedrohlichen Charakter verloren. Auch wenn der Pantheismus nichts weiter als die " vornehme Form des Atheismus" (Schopenhauer) sein sollte - in Aichelburgs Pantheismus schwang, keine Frage, auch etwas vom enthusiastischen Schöpfungslob eines Franz von Assisi mit. Schwer, etwa bei der Lektüre des Gedichtes "Orange", nicht mutatis mutandis an Franzens Sonnengesang mit seinen Lobpreisungen von Schwester Wasser und Bruder Wind zu denken.
Es hat gewiss etwas Schicksalhaft-Zwangsläufiges, Psychologen würden vielleicht von self-fulfilling prophecy sprechen, dass Wolf von Aichelburg gerade beim Schwimmen in den windbewegten Wellen des so geliebten Mittelmeeres zu Tode kam. Was genau sich freilich in jenen Morgenstunden des 24. August 1994 vor der schroffen Felsenküste von Banalbufar ereignete, wird sich nicht mehr rekonstruieren lassen, doch ist es letztlich auch belanglos.

"In dir muss jeder Weg und Aufruhr enden": das Meer an der Küste bei Banalbufar/Mallorca. Foto: der Verfasser

In einem Rundbrief an die dem Dichter Nahestehenden beschreibt Wolf Fruhtrunk, ein dem Verstorbenen eng verbundener Bekannter, die letzten Tage, die er zusammen mit Aichelburg verbringen durfte. Hier einige Passagen aus dem am 25. August 1994 verfassten Brief.

"All seine letzten Tage, die ich das Glück hatte, mit ihm zu verbringen, von der Autofahrt Freiburg-Paris (Aichelburg lebte seit seiner Ausreise 1981 in Freiburg - Anm. K.K.) bis zu gestern morgen in diesem abgelegenen, von ihm landschaftlich so überaus geliebten Teil der Welt, waren durchwegs von Heiterkeit und Fröhlichkeit durchzogen und fortwährendem Entzücken übertönt – dies von der unbedeutendsten Ameise bis zu der hier so vorherrschenden Sonne.

Um 8.30 Uhr, ich noch halb in Schlaf versunken, ging er aus dem Haus, um sich eine Wanderung bis auf die Spitze des auf beiliegender Karte abgebildeten Berges zu schenken. Kurz davor muss er ein Meeresbad genossen haben wollen. Er hatte seine Kleider wohlgeordnet in der Tragetasche einige Meter über dem Felsenufer liegen lassen und muss dann während des Schwimmens in einem allerdings bewegten Wasser seinen Tod gefunden haben. (...) Dort fand ich ihn am Nachmittag, 30 Meter vom Ufer von den Wellen sachte hin und her gespült. (...) Unser letztes Gespräch am Vorabend könnte ich mit seinen Worten so zusammenfassen: ‚Die Liebe sieht allein nur das Gute. "


Mit seinem Tod in einer einsamen Meeresbucht unter der Sonne des Südens hat Wolf von Aichelburg " sein letztes erschütterndes Gedicht geschrieben", wie es der sonst des Pathetischen unverdächtige Literaturhistoriker Peter Motzan in einem Nachruf auf den Dichter formulierte."Alles ist offen rings um dich her. / Wo du auch wanderst, erreichst du das Meer", heißt es in einem seiner schönsten Gedichte. Es trägt den Titel "Insel".

Konrad Klein


(Siebenbürgische Zeitung, Folge 14 vom 15. September 2004, Seite 8)

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