27. Juni 2016

Die Sprache bis zum Bersten mit Sinn aufladen: Interview mit Horst Samson

Die in Kooperation mit dem BildungsCampus Nürnberg veranstaltete Lesereihe Literatur Live hatte am 12. Mai als Vortragenden einen Dichter, dessen Schicksal mit der Stadt Nürnberg eng verbunden ist: den Banater Schwaben Horst Samson, geboren am 4. Juni 1954 in Salcâmi in der Bărăgansteppe, der von 2006 bis 2014 Generalsekretär der Sektion deutschsprachige Länder des EXIL-P.E.N. war. In einem Flügel des ehemaligen Kreuzganges des Katharinenklosters befindet sich das Zeitungs-Café. Hier kann man in den unterschiedlichsten Journalen blättern, aber auch gute Gespräche mit Freunden führen. So trafen sich vor der eigentlichen Lesung der Dichter Horst Samson und Josef Balazs, der dem Autor acht Fragen vorlegte. Es entspannte sich ein Dialog über das Schreiben, über Poesie, über Gott und die Welt.
Wenn Sie einem Außerirdischen den Begriff Lyrik bzw. Poesie erklären müssten, womit würden Sie anfangen ... wo enden?
Ich würde sagen, Poesie als Dichtung im Format der Lyrik ist der sprachlich und philosophisch konzentrierte Blick eines Menschen auf sich und die Welt, die er in seinem Hirn filtert, um herauszufinden, was sie und was ihn im Innersten zusammenhält. Im Unterschied zur Prosa, die unter der Invasion von Vokabeln leidet, steckt im Gedicht, wie ich es verstehe, die existentielle Quintessenz des Da-Seins. Deshalb besteht die Notwendigkeit und die Kunst der Dichtung nach meinem Verständnis darin, Sprache bis zum Bersten mit Sinn aufzuladen, und darin, wie in einem Samenkorn, die Schönheit und das Feuer, aber auch die Kälte der Existenz in der Vertikalen zu archivieren, damit die Saat der Sprache in Form von Gedanken, Bildern, Metaphern, Rhythmus, Melodik und Weiterungen aller Art immer wieder neu aufgehen kann. Das Gedicht weiß über mich mehr als ich selber. Hilde Domin hat es in ihrem legendären Buch „Doppelinterpretationen“ festgeschrieben: Das Gedicht ist mehr als die Summe all seiner möglichen Interpretationen. Unfassbar steckt in der Tiefe des gelungenen Gedichtes ein Rest vom Drama des menschlichen Hierseins. In jenem finsteren Verlies brennt das Leben als Licht und wirft wechselhafte Schatten an die Innenseite unserer Existenz. Emily Dickinson soll über sich gesagt haben, dass sie in Gegenwart eines echten Gedichtes von so viel Kälte durchrieselt wird, dass kein Feuer sie mehr erwärmen könne. Ich meine von mir, ein fröhlicher Zeitgenosse zu sein, aber im Grunde, wenn ich Gedichte schreibe, daran schleife, sie kürze, vernichte oder überschreibe, dann gleite ich in eine andere Welt und ich lege meine Fröhlichkeit ab wie einen Rucksack, der mich am Weiterkommen, an der Selbsterforschung meiner Sprache und Seele hindert. Vor der Ernsthaftigkeit des Seins, der Weltbetrachtung und -beachtung verliere ich mitunter jede Heiterkeit und der Geist, so sah es auch Cioran, tritt als Spielverderber auf.
Horst Samson (rechts) und Josef Balazs nach dem ...
Horst Samson (rechts) und Josef Balazs nach dem Gespräch in Nürnberg. Foto: Gertrud Balazs
Sind Sie ein politischer Dichter? Soll bzw. darf Poesie politisch sein?
Dichtung ist allein schon durch ihre Existenz und gesellschaftliche Präsenz ein Politikum. Ich bin in meinem Schreiben der Welt und mir zugewandt und reibe mich als Subjekt an den mich umgebenden, prägenden, inspirierenden auch provozierenden Zuständen und an der grundsätzlichen Verfasstheit unseres Lebens. Wenn wir der Vokabel Politik nicht Agitation, Propaganda, Reklame subsummieren, dann bin ich auch ein politischer Dichter. Prof. Johann Holzer aus Inns­bruck, der einen exzellenten Aufsatz über mein Buch „La Victoire. Ein Poem“ geschrieben hat, ein großes poetisches, aber auch ein dezidiert politisches Buch, bringt in diesem Zusammenhang unter anderem Heinrich Heines „Deutschland. Ein Wintermärchen“ ins Spiel. Das hat mich nicht nur gefreut, sondern auch stark bewegt. Die Bewunderung für den Meister des politischen Gedichtes versuchte ich ja nicht von ungefähr auch schon im Titel meines Buches anklingen zu lassen: „Ein Poem“. Zur Frage also, ob Poesie politisch sein dürfe, ein eindeutiges Ja. Warum auch nicht? Es sollte aber nicht plakativ, billig oder flach sein, etwa wie das von Günter Grass als Gedicht deklarierte agitatorische Pamphlet „Was gesagt werden muss“. Trotz des Agitprop aber bleibt gültig: Ein Gedicht darf alles, es ist frei, frei zu sein, wie es ist. Alles andere ist nachrangig.

Welcher der zwei Begriffe ist Ihnen näher: Hei­mat oder Vaterland? Oder vielleicht Vaterländer?
Beides sind Begriffe, die in meiner Dichtung Bedeutung haben. Heimat ist mir der wichtigere als das große Vaterland, obwohl ich in einem Gedicht geschrieben habe: „Heimat ist / ein sehr kleines Land.“ Ich habe aber auch den Satz von Emil Cioran im Ohr, „Leben heißt Boden verlieren“ aus seinem Buch „Vom Nachteil, geboren zu sein“. Und würde dem auf jeden Fall hinzufügen: Aber Leben heißt auch Sprache finden. Und für mich als Dichter bedeutet das Landgewinn. Ins Populärwissenschaftliche verschoben: Eine Tür fällt zu, eine andere öffnet sich, und zwar zu einem Raum, aber einem Raum mit einem Fenster mehr. Darin liegen die Erkenntnis, die Magie und der Gewinn des Scheiterns.

Sind Sie der Meinung, dass Sie Humor haben? Worüber können Sie lachen?
Ich lache gerne, auch über mich, ich kann buchstäblich Tränen lachen. Selbst in den Tagen der Emigration blieb meine Fröhlichkeit nicht an den zurückgelassenen Gräbern oder den verlorenen Habseligkeiten hängen. Meine Schreibmaschine hat mir der Offizier an der Grenze abgenommen, aber gegen meine Erinnerungen war er machtlos. Die hat er nicht gefunden. Ich nahm sie alle unbefingert mit ins Exil. So war ich selbst dort, also da, nicht allein, als mich die CIA im Nürnberger Durchgangslager Dutzendteich Tage lang mit Fragen löcherte und drangsalierte, in jenen Tagen des Ankommens, was im Prinzip ein Euphemismus und rein physisch zu verstehen ist, weil das Ankommen viel, viel länger gedauert hat, vielleicht sogar heute fortdauert. Jede Flucht, schrieb ich mal, hat einen Anfang, aber kein Ende. Das ist meine Erfahrung. Auch darüber schreibe ich. Wieder und wieder. Ich bin von mir überzeugt, dass ich auch Humor habe. Sogar im Gedicht. In „Bewerbung um die vakante Stelle im Pelagos-Projekt“, mein 2007 von der „Gesellschaft zum Schutz der Delfine“ als „Bestes Delfingedicht“ preisgekröntes Werk, ist mehr als nur der Beweis dafür.

Alles preisgeben. Das Gegenteil wäre das Geheimnis. Lieben sie das Geheimnis?
Ich könnte jetzt antworten, ich liebe meine Frau. Aber Geheimnisse sind nicht so ganz meine Sache, obwohl man manchmal gar nicht drum herum kommt, welche zu haben oder sogar zu hüten. Ich bin gerne ein offener Mensch mit offenen Ansichten und offenem Visier.

Haben Sie einen gewissen Lyrik-Leser vor sich, wenn Sie Ihre Texte schreiben?
Ja, das habe ich, und zwar einzig und allein mich selber!

Der Schweizer Schriftsteller Max Frisch hat in seinen Tagebüchern themenbezogene Fragebögen formuliert; darunter auch die Bereiche Heimat, Freundschaft, Tod. (Das sind drei wichtige Themen, die auch in Ihrer Lyrik vorkommen.) Eine seiner Fragen lautet: Halten Sie sich für einen guten Freund? Oder: Haben Sie Freunde unter den Toten? Wir ergänzen: Spielt Freundschaft in Ihrem Leben eine Rolle? Haben Sie Freunde im Laufe der Jahre verloren?
Ich habe Freunde unter den Toten, Rolf Bossert, Petre Stoica, Nikolaus Berwanger, aber – Gott sei Dank – auch unter den Lebenden. Gute Freunde, die mir wichtig sind, Andreas Saurer, Johann Lippet, Theodor Vasilache, Traian Pop, Marie-Elisabeth Lüdde und einige andere noch. Es ist wie im richtigen Leben, du verlierst auch mal alte Freunde, zum Beispiel die nobelierte Herta Müller, und du findest neue Freunde, zum Beispiel Katharina Kilzer, manchmal aber auch die alten Freunde wieder, zum Beispiel Richard Wagner. Das ist der Lauf der Dinge, der Welt und der brüchigen Freundschaft.

Ihr letzter Gedichtband „Das Imaginäre und unsere Anwesenheit darin“ ist 2014 erschienen. Wann können Ihre Leser mit einem neuen Gedichtband rechnen?
Ich habe 2013 „Kein Schweigen bleibt ungehört“ veröffentlicht, ein Gedichtband, den die Literaturgesellschaft Hessen ausgezeichnet hat, und 2014 den erwähnten Band „Das Imaginäre und unsere Anwesenheit darin“ herausgebracht. Ich habe noch viele Gedichte in der Schublade. Und ich schreibe ab und zu auch neue Gedichte, bearbeite alte oder beuge mich über einen der Schachteln füllenden Zettel mit Notizen für Gedichte. „In der Sprache brennt noch Licht“ habe ich als Arbeitstitel vor mir und das Motto steht, es stammt aus der zehnten Tafel des Gilgamesch-Epos und lautet: „Gilgamesch, wohin läufst du? / Das Leben, das du suchst, wirst du sicher nicht finden!“

Lieber Horst Samson, wir danken für das Gespräch und wünschen, dass in Ihrer Sprache, in Ihren Versen noch lange Licht brenne!

Schlagwörter: Kultur, Literatur, Banater

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