17. April 2022

Tiefschürfender Altertumskundler und Wirtschaftshistoriker: Dr. Dr. h.c. Volker Wollmann zum 80. Geburtstag

Er wollte als Kind Vermessungstechniker werden, studierte aber Geschichte, konzentrierte sich auf Archäologie, Epigraphik und Altertumskunde, auf die Bergbau- und Industriegeschichte, verfasste ab 1965 mehr als 220 Publikationen, darunter einige schwergewichtige, nicht nur wegen ihrer Seitenzahl – allein die von ihm (mit-) herausgegebenen Bücher umfassen die schier unglaubliche Zahl von 18698 Seiten –, sondern auch, und vor allem, wegen der bislang kaum bekannten Informationen, die sie vermitteln. Er war jahrelang Museumsleiter, erst in Reschitza, später in Gundelsheim, ist und bleibt aber ein unermüdlich Suchender, ein Geschichtsforscher der viel Vergessenes zutage gefördert hat, sowohl bei Ausgrabungen als auch durch Archivstudien.
Dr. Dr. h.c. Volker Wollmann, 2017. Foto: Monika ...
Dr. Dr. h.c. Volker Wollmann, 2017. Foto: Monika Riediger
Volker Arthur Wollmann kam am 17. April 1942 in Hermannstadt als Sohn des Taschnermeisters Arthur Karl Wollmann und seiner Ehefrau Elsa-Maria, geb. Wellmann, zur Welt. 2019 hat er pietätvoll die aussagekräftigen Erinnerungen seines Vaters in deutscher und rumänischer Sprache veröffentlicht. Kindheit und Jugend verbrachte er in Mühlbach, wo er zwischen 1948 und 1959 erst die Grundschule, dann das Gymnasium besuchte. Prägend war hier sein Geschichtslehrer Theobald Streitfeld, dem er stets ein ehrendes Andenken gewahrt hat, und aus dessen Schriftennachlass er 2011 zusammen mit Christian Rother den Band „Mühlbach und der Unterwald“ herausgab. Nach dem Abitur studierte Wollmann bis 1964 Geschichte an der Babeş-Bolyai-Universität in Klausenburg, wo er die Magisterprüfung ablegte und 1983 bei Prof. Dr. Ion I. Russu zum Dr. phil. promovierte.

Nach dem Studium wurde Volker Wollmann Geschichtslehrer in Reschitza (1964-1965), danach Leiter des dortigen Kreismuseums (1965-1967). Hier widmete er sich der Inventarisierung des Museumsbestandes, archäologischen Grabungen im römischen Standlager von Berzovia und der Gründung der Abteilung Bergbau und Hüttenwesen im Banater Bergland, ein Thema, das ihn nicht mehr losgelassen hat.

Aus Reschitza wurde er 1967 ans Institut für Geschichte und Archäologie der Rumänischen Akademie in Klausenburg berufen, wo er bis zu seiner Aussiedlung (1988) als wissenschaftlicher Mitarbeiter tätig war. Hier war er hauptamtlich im Kollektiv für die Herausgabe der Quellen zum Aufstand des Horea (1784) beschäftigt, in dem er seine Kenntnis der deutschen Paläographie des 18. Jahrhunderts erwarb und vertiefte; bei vier Bänden der „Fontes Seditionis Horianae“ zeichnet er als Mitherausgeber. Sein Herz schlug aber für die Altertumskunde (Mitherausgabe der Römischen Inschriften in Dakien), für die Archäologie (Rettungsgrabungen im römischen Dierna, dem heutigen Orschowa, das durch den Bau des Wasserkraftwerkes von Drobeta Turnu-Severin überflutet werden sollte, und in der Siedlung illyrisch-dalmatinischer Bergleute in Alburnus Maior, die durch das Ausweiten des Tagebaus in Goldbach/Roşia Montană gefährdet war) und für die Industriegeschichte in Siebenbürgen, in der Marmarosch und im Banat im 18. Jahrhundert (Entwicklung der Bergbautechnik, des Hüttenwesens und des Maschinenbaus).

Nach seiner Aussiedlung wurde Volker Wollmann im April 1989 zum Leiter des Siebenbürgischen Museums auf Schloss Horneck in Gundelsheim am Neckar berufen, wo er bis Ende 2002 tätig war. Hier widmete er sich der Ergänzung des Museumsfundus um Objekte, die vor 1989 nicht erworben werden konnten, der Sicherung des dinglichen Kulturgutes vor allem in ländlichen Siedlungen nach dem Massenexodus der Siebenbürger Sachsen in den Wendejahren 1989/1990, unter anderem durch Errichtung von Sammelstellen und durch Initiativen zur musealen Ausstellung in einigen Kirchenburgen, so in Tartlau, Urwegen, Malmkrog, Birthälm und Bulkesch. Herausfordernd war die Ausarbeitung ­einer Konzeption für die neue Dauerausstellung des Siebenbürgischen Museums, das ab 1990 zu einem Landesmuseum ausgebaut werden sollte. Darüber berichtete er unter anderem in Aufsätzen mit den kennzeichnenden Titeln „Von der Heimatstube zum Zentralmuseum. Stationen in der Entwicklung des Siebenbürgischen Museums Gundelsheim“ oder „Nicht nur über, nicht nur für die Siebenbürger Sachsen. Zur Neukonzeption des Siebenbürgischen Museums Gundelsheim“. Einige der damals getroffenen Entscheidungen waren in der kleinen sächsischen Welt umstritten, entstanden ist aber ein modernes Museum, das die Vielfalt Siebenbürgens, seiner Völker, Kulturen und Religionen gerecht wird. In die bundesdeutsche Museumslandschaft brachte er das Siebenbürgische Museum durch Kooperationen mit dem bekannten Museum für Sepulkralkultur in Kassel (vielbeachtete Sonderausstellung zur Grab- und Begräbniskultur in Siebenbürgen) und vor allem mit dem Deutschen Bergbau-Museum in Bochum ein, mit dem er auf die Bergbaugeschichte Siebenbürgens durch eine überregional anerkannte Ausstellung (1999) und eine mehrbändige Publikation zum Thema „Silber und Salz in Siebenbürgen“ sowie durch die gemeinsame Ausstellung „Das Gold der Karpaten – Bergbau in Roșia Montană“ aufmerksam machte. Selbstverständlich arbeitete er intensiv mit den siebenbürgischen Institutionen zusammen, insbesondere mit dem Brukenthal-Museum und dem ASTRA-Museum, dem Siebenbürgischen Museum in Klausenburg, den Museen in Karlsburg und Tannenhof (Brad), mit der Evangelischen Kirche und dem Demokratischen Forum der Deutschen in Rumänien. Siebenbürgisch-sächsische Kultur und Geschichte im In- und Ausland bekannt zu machen, war sein Ziel – er hat es erreicht, nicht zuletzt als Gastdozent der Karlsburger Universität, an der er zwischen 2000 und 2008 Montan- und Industriearchäologie sowie Museums-Management gelehrt hat.

Volker Wollmann bei der Entgegennahme der ...
Volker Wollmann bei der Entgegennahme der Ehrenbürgerschaft der Stadt Tannenhof (Brad), 2011. Foto: Mircea Crepcia
Bereits die ersten Aufsätze Volker Wollmanns umreißen, indirekt, ein Forschungsprogramm, dem er sich unbeirrt gewidmet hat: „Zwei römische Inschriften in den Westgebirgen“ (1965), „Die Bedeutung metallographischer Untersuchungen für die Auswertung archäologischer Funde“ (1967), „Die Entwicklung der Bergbautechnik in den Karascher Bergen in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts“ (1971). Auch seine Dissertation „Erzbergbau, Salzgewinnung und Steinbrüche im römischen Dakien“ (1983) weist in dieselbe Richtung: Epigraphie, Archäologie, Bergbau und Industrie im Altertum, später auch in der Neuzeit sind seine Themen. Die dreizehnbändige Monographie „Salz und Silber in Siebenbürgen“ (nummeriert sind zehn Bände, einige aber haben jeweils zwei umfassende Teile), bescheiden als „Ausstellungskatalog des Deutschen Bergbau-Museums Bochum“ bezeichnet, die er zusammen mit Rainer Slotta herausgegeben hat und die zahlreiche eigene Beiträge enthält, ist ein Standardwerk der europäischen Bergbaugeschichte geworden, macht die deutschen Montantraditionen Siebenbürgens international bekannt und füllt umfassend und überzeugend bis dahin sträflicherweise vernachlässigte Forschungslücken. Das gilt ebenso für die bislang neunbändige Dokumentation „Patrimoniul preindustrial şi industrial în România“ (Das vorindustrielle und das industrielle Erbe in Rumänien), das unzählige, vorwiegend siebenbürgisch-sächsische Industrieunternehmen dem Vergessen entreißt. Erst diese Werke und zahlreiche weitere Aufsätze Wollmanns haben zentrale Aspekte und Kapitel siebenbürgisch-sächsischer Geschichte geschrieben, die sich bislang zu einseitig auf die politischen, kirchlichen und kulturellen Leistungen dieser Gruppe konzentriert haben. Biographien über den Altertumsforscher Johann Michael Ackner (1982) oder die Edition von „Briefen zur Geschichte der siebenbürgischen Altertumskunde“ (1983) zeigen, dass Wollmann stets auch die Traditionen siebenbürgisch-sächsischer Geschichtsforschung im Blick hatte.

Ich lernte Volker als Student kennen. In Zeiten, in denen es einige Sachsen in Klausenburg (noch) nicht wagten, mich öffentlich in meiner Muttersprache anzusprechen, redete er wie selbstverständlich Deutsch. Als wir Kollegen am dortigen Geschichtsinstitut wurden – wir waren die beiden „Vorzeigedeutschen“ – pflegte er wie selbstverständlich eine bevorzugende Kollegialität. Wenn man ihn brauchte, war er selbstverständlich hilfsbereit, sei es beim Beschaffen lebensnotwendiger Lebensmittel, sei es in der schwierigen Zeit, als der fast gleichzeitige Tod meiner Mutter und die Geburt meiner Tochter den „Freund in der Not“ forderten. Er hatte die Initiative, dass wir zusammen den deutschsprachigen Geschichtsunterricht am George-Coşbuc-Lyzeum gewährleisten, für den ein volles Deputat nicht ausreichte, der aber für den Erhalt der deutschen Abteilung überlebenswichtig war.

Für das Klausenburger Geschichtsinstitut war Wollmann ein Faktotum. Josef Wolf hat das treffend in der Würdigung zum 70. Geburtstag (Siebenbürgische Zeitung vom 15. April 2012) zum Ausdruck gebracht: „Ohne sein Zutun konnte man sich die Technoredaktion und Drucklegung der institutseigenen Publikationen kaum vorstellen. […] Bei allem Erfolg sind ihm Bescheidenheit und Augenmaß bei der Bestimmung des Mach- und Erreichbaren nicht abhanden gekommen.“ Das Geschick im Umgang mit anderen, erwachsen aus einer angeborenen Empathie für jeden Menschen, hat ihm Türen geöffnet, die anderen verschlossen blieben.

Als das Siebenbürgische Kulturzentrum „Schloss Horneck“ eine Informationstafel zur „Industriegeschichte Siebenbürgens“ vorbereitete, half er mit Rat und Tat, lieferte uneigennützig Informationen und Abbildungen, trug zusammen mit Dr. Dr. Gerald Volkmer wesentlich zum Gelingen dieses Vorhabens bei.

Volker Wollmanns Leistungen wurden vielfältig geehrt. 1984 wurde ihm der Vasile-Pârvan-Preis der Rumänischen Akademie für die Monographie „Johann Michael Ackner – Leben und Werk“ verliehen. Er war Nationalkorrespondent für Rumänien des „International Committee for the Conservation of the Industrial-Heritage“ (1980-1988), ist Ehrenmitglied des Instituts für Industriearchäologie und Sachkultur in Rom. 2011 wurde er Ehrenbürger seiner Heimatstadt Mühlbach sowie der Stadt Tannenhof (Brad) für seinen „Beitrag zur Erforschung der Bergbaugeschichte im Zarander Land und seinen Einsatz für die Erschließung des geschichtlichen und kulturellen Erbes des Munizipiums“. Im gleichen Jahr verlieh ihm der Bundespräsident das Bundesverdienstkreuz. 2015 wurden Volker Wollmann die Ehrendoktorwürde der Karlsburger Universität „1 Decembrie 1918“ zuerkannt und der Ludovic-Mrazek-Preis der Rumänischen Akademie für das Buch „Bergbausiedlungen in Siebenbürgen, dem Banat und der Marmarosch in einem Atlas aus dem 18. Jahrhundert“ überreicht. 2017 wurde er Ehrenbürger von Reschitza, 2019 schließlich erhielt er von der Nationalen Freimaurer-Großloge Rumäniens den Henri-Coandă-Preis für angewandte Wissenschaften.

Hochgeehrte können hochmütig werden, Volker Wollmann war und ist bescheiden, hilfsbereit, den Menschen zugewandt und, nicht zu vergessen, fleißig.

Konrad Gündisch

Schlagwörter: Porträt, Geburtstag, Historiker, Hermannstadt, Mühlbach, Siebenbürgisches Museum

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