8. Juli 2022

Der Hermannstädter Alfred Mrass spricht über seine gelebte Heimatnähe

„Mit der Auswanderung nach Deutschland verändern wir nur unseren Wohnsitz. Das sächsische Siebenbürgen bleibt unsere Heimat. Folglich sollen wir so oft wie möglich die alte Heimat besuchen und mit unseren dortigen Landsleuten Kontakt aufnehmen.“ – Diese Worte, mit denen Alfred Mrass, früherer stellvertretender Bundesvorsitzender des Verbandes der Siebenbürger Sachsen in Deutschland, seine tief empfundene Heimatverbundenheit ausdrückt, sind bezeichnend für das Leben und Wirken des 77-jährigen Hermannstädters. Sein großes Heimat-Engagement, seine unermüdlichen Bemühungen um die Belange und den Erhalt der siebenbürgisch-sächsischen Kultur räumen Alfred Mrass in der Reihe der Heimatverbundenen einen festen Platz ein. Das nachfolgende Interview führte Brigitte Kräch.
Alfred Mrass. Foto: privat ...
Alfred Mrass. Foto: privat
Herr Mrass, unsere Bekanntschaft rührt aus der Zeit meines Besuchs der Brukenthalschule, als Sie dort unterrichteten, und wir sind einander seither bei vielen Zusammenkünften der Siebenbürger Sachsen in Hermannstadt und Deutschland begegnet. Sie sind überall Hermannstadt und Siebenbürgen treu geblieben. Sind Sie auch in Hermannstadt geboren?
Ich bin Hermannstädter, da ich seit meinen ersten Lebenstagen und bis zur Ausreise im November 1986 in Hermannstadt gelebt habe. Geboren bin ich allerdings in Agnetheln, in der Obergasse, im Haus des Maurermeisters Michael Knall, meinem Großvater mütterlicherseits. Mein Vater stammte auch aus Agnetheln, arbeitete aber in Hermannstadt. Viele Bekannte zählen mich deswegen zu den Agnethlern, auch weil die siebenbürgisch-sächsischen „Mrassischen“ alle dort ihre Wurzeln hatten. Aufgewachsen bin ich zusammen mit drei weiteren Geschwistern auf dem Konradplatz in Hermannstadt. Meine ersten Schuljahre habe ich in einem Gebäude in der Kästnergasse, danach in der Waisengasse und ab 1954 in der Brukenthalschule auf dem Huetplatz verbracht.

Inwieweit hat Ihre Schulausbildung zur Festigung Ihres Heimatbewusstseins beigetragen?
Unter dem Einfluss herausragender Lehrer, wie Isolde Binder, Anneliese Thut, Alexander Römer, Richard Schuller, mit Blick auf das damals noch funktionierende Nachbarschaftswesen, mit Blick auf die segensreiche Tätigkeit des Eltern(bei)rates der Brukenthalschule, reifte in mir als ­Jugendlicher die Einsicht und Erkenntnis, dass man als Erwachsener verpflichtet ist, für seine Herkunftsgemeinschaft Lasten zu tragen und dafür auch Verantwortung übernehmen muss. Danach habe ich immer gehandelt.

Siegfried Habicher, Ihr Kollege und Freund aus der Zeit der Brukenthalschule, hat Sie in seiner Ehrung zum 70. Geburtstag als „nimmermüden Praktiker und Visionär“ bezeichnet. Diese Begriffe sind weit voneinander entfernt, finden aber in Ihrem Werdegang vom „realen“ Beruf des Diplom-Physikers und Physiklehrers zur „humanen“ Berufung eines mit bundesweiten Ehrungen überhäuften Heimatmediators – um den ehemaligen Ausbildungsrichtungen „real“ und „human“ der Brukenthalschule gerecht zu werden – eine beständige und erfüllende Verbindung. Was können Sie uns dazu sagen?
Nach meinem Abschluss als Diplom-Physiker an der Universität Klausenburg, meiner Tätigkeit als Forscher am Institut für Elektronische Forschung Bukarest und den drei Jahren als Lehrer und Stellvertretender Direktor der IPAS-Berufsschule in Hermannstadt war ich von 1973-1986 Physiklehrer an der Brukenthalschule. In dieser Zeit war ich auch von 1978-1986 Obmann (Vorstand) des Hermannstädter Deutschen Männerchors „Hermania“, für den ich auch seine 100-Jahresfeier organisierte, im Beisein des rumänischen Fernsehens. Aus dieser Zeit stammen meine ersten Bestrebungen um die Pflege des deutschen Kulturgutes, unter den oft schwierigen Bedingungen der kommunistischen Zwänge. Es gelang mir damals, mit anderen deutschen Chören in Rumänien zusammenzuarbeiten. Nach meiner Ausreise habe ich im Jahr 2012 diesem Chor, seiner Tradition und Geschichte ein Buch gewidmet.

Sie haben in Baden-Württemberg ein neues Zuhause gefunden. Konnten Sie Ihre berufliche Laufbahn nach der Ausreise fortsetzen? Und welche Bedeutung hatten für Sie weiterhin Hermannstadt und die Siebenbürger Sachsen?
Ich fand bald nach unserer Ausreise eine Anstellung als Diplom-Physiker beim Landesgewerbeamt Baden-Württemberg und seit 2004 bis zum Rentenantritt in 2010 war ich dann als Referent beim Wirtschaftsministerium Baden-Württemberg tätig.
Ja, unser Leben spielte sich plötzlich weit weg von Hermannstadt ab. Doch es blieb mir immer nah, vor allem auch durch meine ehrenamtliche Tätigkeit, die ich innerhalb der Landesgruppe Baden-Württemberg des Verbandes der Siebenbürger Sachsen innehatte, wo ich mich auch bezüglich Motivation und Stärkung der Jugendarbeit erfolgreich einbringen konnte, so dass der „Visionär“ in mir zufrieden war. Zuerst war ich Pressereferent der baden-württembergischen Landesgruppe, danach Landesvorsitzender, mit der bisher längsten Amtszeit. Während meiner Zeit als Stellvertretender Bundesvorsitzender des Verbandes der Siebenbürger Sachsen (2007-2019) war die Landesgruppe Baden-Württemberg im Jahre 2014 Mitausrichter des Heimattags in Dinkelsbühl. Es war für mich ein besonderes Highlight, dass unser Beitrag trotz organisatorischer Schwierigkeiten der gegebenen Veranstaltungsgröße von Erfolg und Anerkennung gekrönt war. Brauchtumspflege und Erhalt der siebenbürgischen Kultur im Kontext aller anderen Kulturen, die Übertragung der Verantwortung dafür auf die junge Generation ist mir immer schon wichtig gewesen.

Bei so viel erfüllten und erfüllenden Tätigkeiten ist Ihr Terminkalender mit Sicherheit noch immer sehr ausgefüllt. Welche Termine und damit verbundenen Leistungen würden Sie aus Ihrer Erinnerung als besonders herausragend erwähnen?
Da fallen mir so einige Ereignisse ein, die mir unvergesslich geblieben sind, vor allem auch durch die Teilnahme einiger dazu eingeladenen Persönlichkeiten. 1999 war die Organisation der 50-Jahrfeier der Landesgruppe Baden-Württemberg, mit dem damaligen Ministerpräsidenten Erwin Teufel, dann 2009 die 60-Jahrfeier mit Minister Heribert Rech. Nicht unerwähnt, weil mir persönlich sehr wichtig, war meine Gestaltung und finanzielle Verantwortung für mehrere als Buch gedruckte Festschriften. 2011 konnte ich den baden-württembergischen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann auf seiner Reise nach Bukarest begleiten und über die Siebenbürger Sachsen und ihre grenzenfreien Aktivitäten innerhalb des Verbandes informieren, mit Schwerpunkt auf interkulturelle Kooperation zwischen beiden Ländern. Dieses Treffen gab mir auch die wertvolle Möglichkeit, dem Ministerpräsidenten für die Zuschüsse zu danken, die das Bundesland der Siebenbürgischen Bibliothek in Gundelsheim zugesprochen hatte.

Ihr unentwegter und beachtlicher Einsatz wurde vielfach gewürdigt. Über welche Preise dürfen wir uns mit Ihnen freuen?
Für meinen ehrenamtlichen Einsatz wurde mir 2003 vom Bundespräsidenten die Verdienstmedaille der Bundesrepublik Deutschland verliehen und vom Verband der Siebenbürger Sachsen erhielt ich die „Pro Meritis“-Medaille, das Goldene und das Silberne Ehrenwappen des Verbandes. Auch wurde mir die Verdienstmedaille der Stadt Sachsenheim, wo ich mit meiner Familie wohne, in festlichem Rahmen übergeben.

Das sind unvergessliche Beweise einer bemerkenswerten Tätigkeit und eines lebenslangen Heimatgefühls. Sich zu seiner Heimat bekennen, prägt den Charakter und das Selbstverständnis der eigenen Identität. Sie waren auch immer ein Unterstützer der sächsischen Kulturgruppen sowie ein Befürworter des kulturellen Austauschs, den Sie bei zahlreichen Anlässen erfolgreich in die Wege leiten konnten.
Ja, die Zusammenarbeit zwischen sächsischen Kulturgruppen aus Deutschland und Rumänien habe ich immer begrüßt und unterstützt. Ich habe zum Beispiel in meiner Funktion den Aufenthalt des Chores Sälwerfädden aus Hermannstadt und des Jugendbachchores aus Kronstadt in Stuttgart organisiert. Etliche Blaskapellen und Tanzgruppen aus Deutschland und aus Rumänien haben im Laufe der vergangenen Jahre durch Besuchsreisen in das jeweilige andere Land das kulturelle Erbe von uns Siebenbürger Sachsen gepflegt.

Doch ideelle Vorhaben benötigen zu ihrer Verwirklichung eine materielle Zuwendung. Diesbezüglich gibt es zum Glück die finanziellen Unterstützungsmöglichkeiten, Spenden oder Fonds.
Da gebe ich Ihnen Recht. Ich war immer der Meinung, die sächsische Gemeinschaft aus Deutschland soll jene aus Rumänien und die Institutionen, die das Kulturerbe pflegen, auch finanziell und materiell unterstützen. Das ist dankbarer Weise in den letzten Jahren allgemein bei den Siebenbürgern in Deutschland Auffassung gewesen, so dass sowohl über private Spenden als auch über zu Wohltätigkeitszwecken gegründete Stiftungen geholfen werden konnte und kann. Und ich habe mit meiner Familie gerne bei mehrfachen Gelegenheiten meinen Beitrag zu dieser Unterstützung geleistet.

Leider sind aber viel zu oft die in Siebenbürgen zurückgelassenen und oftmals aus Mangel an finanziellen Mitteln unvermeidlich verwahrlosten Bauwerke dem Verfall preisgegeben. Wie ließe sich Ihrer Meinung nach dieser Umstand vermeiden?
Bezüglich der Rettung unseres materiellen/steinernen Kulturerbes in Rumänien habe ich in den Nachwendejahren und in meiner Zeit als Landesvertreter in Baden-Württemberg die Auffassung geteilt, dass es unsere moralische Pflicht ist, dort aktiv zu sein, zum Erhalt oder Rettung der Bauwerke beizutragen. Derzeit wird seitens der siebenbürgischen Organisationen aus Deutschland sehr viel zum Erhalt von Kirchenburgen, von Friedhöfen, von alten Schulen und anderen Baudenkmälern in Rumänien beigetragen. Hier muss ich betonen, dass die Tatsache, dass wir Siebenbürger Sachsen aus Deutschland in Rumänien steinerne Zeugen unserer dortigen Anwesenheit restaurieren und erhalten, etwas absolut Besonderes ist. Sie wird jedoch von der Öffentlichkeit, der Politik und Wissenschaft noch nicht genügend gewürdigt.

Herr Mrass, herzlichen Dank dafür, dass Sie sich uns hier auf so bereichernde Weise mitgeteilt haben, in dieser Zeit der blühenden Apfelbäume, wie auch seinerzeit in Krakau, wo Sie 2017 an der Gedenkfeier des Hilfskomitees zur Reformation in Siebenbürgen teilgenommen haben. Gerne möchte ich mit einem Zitat des Schweizer Publizisten Ernst Reinhardt zum Thema Heimat schließen: „Heimat ist der Ort, der uns nicht nur Geborgenheit, sondern auch Aufbruch und Rückkehr gewährt.“
Wie treffend!

Schlagwörter: Interview, Hermannstadt, Agnetheln, Alfred Mrass, Verbandspolitik

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  • 08.07.2022, 15:41 Uhr von gogesch: „Mit der Auswanderung nach Deutschland verändern wir nur unseren Wohnsitz. Das sächsische ... [weiter]

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