15. Januar 2002

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Dr. Hermann Fabini

Winterfeiertage bieten oft Zeit für Bilanzen. Ein besonderer Anlass Rückschau zu halten hat der Hermannstädter Architekt Dr. Hermann Fabini, der im Dezember 2000 gleich anderen Kollegen des rumänischen Parlaments, als Senator der Nationalliberalen Partei erstmals das politische Parkett im Bukarest betrat. Mit ihm führte unser Hermannstädter Mitarbeiter Martin Ohnweiler folgendes Interview.
Herr Fabini, schon Ihre Kandidatur für das Oberhaus betrachteten Sie vor gut einem Jahr als eine Herausforderung, nach den ersten 100 Tagen im Amt als Senator sahen Sie das nicht anders. Hat sich dies mittlerweile nicht doch geändert?

Nein, nach bald einem Jahr im Senat Rumäniens ist diese Tätigkeit nach wie vor eine Herausforderung für mich. Da ich in meiner beruflichen Laufbahn bislang kaum etwas mit Politik zu tun hatte, ist meine neue Arbeit im Oberhaus ein kontinuierlicher Lernprozess für mich, erst recht "auf meine alten Tage". Nach einem Jahr im Amt sehe ich schon viele Dinge und Zusammenhänge wesentlich klarer als am Anfang. Einerseits erhält man im Lauf der Zeit Einblick in die Funktionsweise - oder auch manchmal in das mangelnde Funktionieren - des Parlaments, andererseits kristallisieren sich allmählich die wichtigsten Persönlichkeiten in diesem Gremium mit ihren Anschauungen, Strategien und sonstigen Verhaltensweisen heraus. Mit anderen Worten: Man wird langsam zum so genannten "Insider".

Was war die bislang größte Herausforderung für Sie?

Die größte Herausforderung bisher war das Schäßburger Dracula-Projekt. Diesbezüglich habe ich übrigens in einer aktuellen Stunde des Senats Fragen an den Kulturminister Razvan Theodorescu und Tourismusminister Dan Matei Agathon gerichtet, desgleichen auch in verschiedenen rumänisch- wie deutschsprachigen Zeitungen Artikel publiziert und an Pressekonferenzen teilgenommen. Und ich bleibe bei meiner Meinung: Das Dracula-Projekt ist sowohl vom Standpunkt der Erhaltung des Kulturguts als auch von geschichtlichem Gesichtspunkt aus nicht vertretbar. Im Grunde genommen ist es in der erst kürzlich präsentierten Form ein massiver Angriff auf das nationale Kulturgut Rumäniens und im Speziellen auf das Kulturgut der Siebenbürger Sachsen. Selbst die Kalkulationen, die in einer Broschüre des Tourismusministeriums veröffentlicht wurden, halten einer kritischen Stellungnahme nicht stand. Leider ist in Bukarest eine sachliche Diskussion nur schwer zu führen. Es wurde mir gar unterstellt, ich habe materielle Interessen an einer Verlegung des Projektes. Aus solchen und anderen Bemerkungen ergab sich daraufhin allerdings eine ziemlich umfangreiche Korrespondenz...

.... die Sie in Ihren Annahmen bestätigen?

Sicherlich konnte ich über die Kritik an diesem Projekt meine beruflichen Erfahrungen mit ausländischen Partnern betreffend Argumentation und Rechtfertigung von Investitionen, die ich in den letzten zwölf Jahren gesammelt habe, gut anwenden. So gesehen, hatte ich bei der Erörterung dieses Problemkreises das Gefühl, aus dem oft sterilen politischen Geplänkel in eine Zone der Realität gelangt zu sein, wo ich meine Erfahrungen gezielt einbringen konnte. Ich bin fest überzeugt, dass das Dracula-Projekt in der vorgeschlagenen Form nicht realisiert werden kann und dass wir als Siebenbürger Sachsen sowohl wegen seines Inhalts - der Draculalegende - als auch wegen der Beeinträchtigung von Schäßburg mit allen Mitteln dagegen ankämpfen müssen.

Welches war dann die größte Enttäuschung, die Sie als Senator bisher erfahren haben?

Ob ich die größte Enttäuschung schon hinter mir habe, sei dahingestellt. Eine Enttäuschung für mich aber waren sicherlich die mangelnden Vorlagen für eine präzise Funktionsweise des Parlaments. Auf eine kurze, etwas böswillige Formel gebracht: Vielleicht wäre es besser und billiger, den Parlamentariern statt Handys lieber Uhren zu geben. Der Umgang mit der Freiheit in einer Demokratie verlangt letztlich ein gewisses Maß an Verantwortung, Selbständigkeit, Reife, aber auch weitere Perspektiven deren gesellschaftlicher Dynamik, um sich so aus dem Bereich kleinlicher Streitigkeiten und verlogener, populistischer Äußerungen zu befreien. Aus meiner Sicht ist es Besorgnis erregend, dass heute größtenteils mit Dringlichkeitsverordnungen regiert wird; so gesehen, hat das in seiner jetzigen Form recht schwerfällige und für Rumänien auch teuere Parlament kaum eine Rechtfertigung. Als baulicher Ausdruck dieses Zustands zwingt sich der Vergleich zu dem "Palast des Parlaments" (Ceausescus "Haus des Volkes") auf, ein Gebäude, das durch seine mangelnde Funktionalität und unverhohlen zur Schau gestellte Protzsucht auffällt. Dass gerade dieses Gebäude zur Behausung der jungen rumänischen Demokratie geworden ist, ist für mich ebenfalls enttäuschend.

Wie sehen Sie von daher ihre künftige Tätigkeit auf der Oppositionsbank im Bukarester Oberhaus?

In meiner künftigen Tätigkeit im Bukarester Senat werde ich wohl kaum in das politische Alltagsgeschehen eingreifen. Dafür müsste man sich leichter auf dem Bukarester Pflaster bewegen können. Andererseits aber gibt es Gebiete, wo ich mein Wissen und meine Begabung durchaus einbringe und, vormals in der Kommissionsarbeit, denn auch zu Fragen wie Privatinitiativen, realistische Einschätzungen von Investitionsvorhaben und Programme der EU immer wieder Stellung beziehe. Der EU-Kommissar für Landwirtschaftsfragen, Franz Fischler, sagte mir, er sehe ein Hauptproblem Rumäniens in der Umsetzung von Gesetzen. Bezüglich des SAPARD-Programm zur Umstrukturierung der rumänischen Landwirtschaft sollten beispielsweise die Vertreter aus Bukarest nicht immer wieder nach Brüssel kommen, um sich dort Entscheidungen bestätigen zu lassen, meinte Fischler. Das SAPARD-Programm müsse vielmehr selbständig in Rumänien abgewickelt werden. Brüssel sei zwar bereit, die entsprechenden Summen für dieses Programm in den Nationalen Fonds zu überweisen, alles andere jedoch müsse man in Rumänien erledigen.

Bleiben Sie, trotz bisheriger Erfahrungen, auch in Zukunft ein "Liberaler", oder gehen Sie mitunter auf Abstand zu möglichen parteipolitischen Zwängen?

Meine Grundeinstellung ist liberal, so wie mein Beruf auch ein liberaler Beruf ist. Ob sich diese Haltung mit der Leitung der National-Liberalen Partei (PNL) in allen Punkten deckt, ist eine andere Frage. Bisher hat es diesbezüglich keine Konflikte gegeben. Übrigens gilt in unserer Parlamentsgruppe die Regel: Wer in einem Punkt mit der Linie der Parteispitze nicht einverstanden ist, sollte sich beim Votum der Stimme enthalten, nicht dagegen stimmen. Es gibt auch andere liberale Parlamentarier, die in manchen Fragen nicht unbedingt die Meinung der Parteileitung teilen und dann die Stimmenthaltung üben. Parteipolitische Zwänge habe ich bisher jedenfalls nicht zu spüren bekommen.

Wie werden Sie den Erwartungen Ihrer Hermannstädter Wähler gerecht?

Da bewege ich mich auf zwei Ebenen. Die eine ist rein pragmatisch, das heißt, ich werde mich immer wieder für Hermannstädter Belange, wie die Umgehungsstraße oder Fragen der Denkmalpflege u.a., einsetzen. Andererseits sehe ich meinen Auftrag seitens der Hermannstädter Wähler darin, im rumänischen Parlament siebenbürgisch-sächsische Tugenden wie Ehrlichkeit, Zuverlässigkeit, Freude an Arbeit und Aufbau zu vertreten und ansonsten meinem Gewissen zu gehorchen.

Und wo bleibt die Ebene der deutschen Minderheit?

Von dem vorhin skizzierten Standpunkt aus gesehen, ist es kein Problem, auch die Anliegen der deutschen Minderheit zu berücksichtigen, natürlich nur, wenn diese Anliegen ethisch vertretbar sind. Das galt übrigens schon für meine Bemühungen sowohl um die Rückgabe von siebenbürgisch-sächsischem Eigentum als auch im Disput um das Dracula-Projekt von Schäßburg oder die Rückführung von Gemälden aus Bukarester Museen ins Hermannstädter Brukenthalmuseum.

Wie wirkt sich das Amt als Parlamentarier auf Ihr Unternehmen, das Hermannstädter Architekturbüro ABF, aus?

Für das Architekturbüro ABF hat mit meinem Einzug in den Senat gleichfalls ein neuer Abschnitt begonnen. Es gibt dafür den schönen Satz: Niemand ist unentbehrlich. Tatsächlich kann die Abwesenheit des Chefs in einer kleinen Firma zur stärkeren Motivation der Mitarbeiter führen und ihre Leistungen steigern. Und der ABF-Betrieb hat im letzten Jahr durchaus funktioniert, in manchen Bereichen vielleicht etwas weniger dynamisch, trotzdem ist unser Kalender 2002 rechtzeitig erscheinen, sind alle laufenden Projekte ohne Verzögerungen weitergeführt und zum Teil abgeschlossen worden. So können wir heute bereits daran denken, das Büro auch ohne auswärtige Hilfe mit modernen Geräten auszustatten für eine demnächst EDV-unterstützte Planung. Ich finde es positiv, dass junge Mitarbeiter voll in die Verantwortung genommen werden, und dass meine Arbeit für die Firma sich hauptsächlich auf Entscheidungen und Überprüfen der Leistungen beschränkt. Diesbezüglich kommen mir die modernen Kommunikationsmittel - E-Mail, Handy und Fax - zu Hilfe.

Fühlen Sie sich dadurch motiviert, im Jahre 2004 nochmals für den Senat zu kandidieren?

Die Frage ist insofern schwer zu beantworten, da mein gegenwärtiges Leben eine dynamische Dimension erfährt, die zwar meinem Temperament entspricht, aber zeitweilig dann doch ermüdend ist. Ob ich eine Kandidatur 2004 erneut annehme, hängt auch von einigen Faktoren ab, die sich in ständiger Veränderung bzw. Entwicklung befinden, konkret: das politische Spektrum in Bukarest, aber auch im Kreis Hermannstadt, das Fortschreiten oder Stagnieren der euro-atlantischen Beitrittsverhandlungen, die Entwicklung nationalistisch-totalitärer Tendenzen und nicht zuletzt mein gesundheitliches Befinden. So gesehen, möchte ich die Beantwortung dieser Frage bis zum Beginn des nächsten Wahlkampfs aufschieben.

Herr Senator, wir danken für das Gespräch.

Schlagwörter: Interview, Politik

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