7. Januar 2008

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Hanns Schuschnig wurde 80: Ein bewegtes Bühnenleben

In „Ein bewegtes Bühnenleben“ durchstreift der Theaterprinzipal Hanns Schuschnig seine Erinnerung und zieht dabei einige Register seiner ziemlich spektakulären Karriere: von A wie Altusried bis Z wie Zensur. In der Dramatis personae figurieren Beatrice Gutt als Gattin (und Souffleuse) sowie als Söhne die ebenfalls den Thespis-Karren ziehenden Tristan und Mark. Dem hier nur in groben Zügen wiedergegebenen Stück wohnen dramenverwandte Leidenschaften inne. Grotesk-komische Handlungselemente verweisen auf das Absurde Theater. Die Rahmenhandlung ist so schlicht wie wahr: Am 20. Dezember 2007, gegen 16 Uhr, klingelt das Telefon im Hause Schuschnig in der Scheibenstraße 5 im Markt Altusried (im Allgäu). Just am Vortag seines 80. Geburtstags bittet den gebürtigen Hermannstädter Hanns Schuschnig ein Journalist um ein biografisches Gespräch, aus dem ein Beitrag für die Siebenbürgische Zeitung erwachsen soll. Vorhang auf!
Das auf der Geburtstagsfeier am 21. Dezember 2007 entstandene Familienfoto zeigt den Protagonisten Hanns Schuschnig mit seiner Frau Beatrice Gutt und den Söhnen Tristan und Mark (man denkt unwillkürlich an die Wagner-Oper mit Tristan, dem treuen Ritter von König Marke in Cornwall). Befragt nach seinem Befinden, antwortet der Jubilar, er erfreue sich guter Gesundheit. Seine Stimme klingt dabei aufgehellt. Akustisch vermittelt sich dem Journalisten – und bestrickt ihn - im Fortlauf des Gesprächs der wache, optimistisch-wirkende Geist des Interviewten. Dem Alter auf der Spur, scheint immer wieder die nahe Zukunft auf. Neben glanzvollen Erfolgen vergangener Dekaden emanzipieren sich ins Auge gefasste Pläne und Projekte. So springt man zwischen Zeiten, Orten und Ebenen, wechselt von der Bühne des Theaters umstandslos zu jener des Lebens, was aber in diesem speziellen Falle Hanns Schuschnigs auch angehen mag, sind hier doch die Übergänge fließendst. Wozu das ganze Theater? – „Ich will das Publikum berühren“, formuliert Schuschnig das sein Inszenieren leitende Motiv. Der Jubilar Hanns Schuschnig, flankiert von ...Der Jubilar Hanns Schuschnig, flankiert von seiner Familie, von links: Mark Schuschnig, Beatrice "Babe" Gutt und Tristan Schuschnig.

„Ich will das Publikum berühren.“

Diese (im Kunstgewerbe verbreitete) Devise gilt für Schuschnigs monumentale Freiluftaufführungen in seiner Allgäuer Wahlheimat ebenso wie für seine an den Münchner Kammerspielen orientierte, private „Insel-Bühne“. Gar nicht melancholisch blättert der Theaterprinzipal zurück bis ins Jahr 1956. Ein halbes Jahrhundert vor dem frisch abgelaufenen Kulturhauptstadtjahr schrieb Hermannstadt europäische Theatergeschichte: Die deutsche Bühne wurde nach ihrer Auflösung gegen Kriegsende wiedergegründet – mit Bertolt Brechts „Mutter Courage“ in einer Inszenierung von Hanns Schuschnig. Der damals 29 Jahre junge Regisseur hatte zuvor, nach Abschluss seines Studiums an der Schauspielhochschule in Bukarest, am Bukarester Städtischen Theater, dem „Municipal“, gearbeitet. Die Premiere fand am 12. August 1956 im ehemaligen Ursulinenkloster statt. Dies war nicht nur die erste Aufführung eines Brecht-Stückes in Rumänien, es war überdies eine der weltweit ersten der „Courage“, nach Zürich (1941), Berlin (1949) und Paris (1954). Ein Hauch von Nostalgie schwingt in Schuschnigs Worten mit. Auf der Freilichtbühne im Garten des Deutschen Mädchenlyzeums spielte Ursula Armbruster die Hauptrolle. Den Namen souffliert ihm, Stimme im Hintergrund, Beatrice „Babe“ Gutt, die in verschiedenen Inszenierungen ihres Gatten als Schauspielerin mitgewirkt hat, auch 1972 (oder war es 1973?) als „Chefärztin“ in „Die Physiker“, wovon noch die Rede sein wird. Jedenfalls hat diese heute legendäre Hermannstädter „Courage“ Eingang gefunden in die 1977 im Münchner Kindler Verlag erschienene Anthologie „Brecht in der Kritik“ (auf Veranlassung des ehemaligen Chefredakteurs der Siebenbürgischen Zeitung, Hannes Schuster).

Mit dieser Aufführung hatte der Regisseur in seiner Geburtsstadt ein dickes Ausrufezeichen gesetzt. Weitere sollten folgen. Drei Spielzeiten später war Schuschnig Leiter der deutschen Abteilung des Hermannstädter Staatstheaters.

Z wie Zensur

Die Ansetzung des 1961 von dem Schweizer Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt geschriebenen Stückes „Die Physiker“ war seinerzeit problematisch. Das muss Schuschnig dem nicht mal halb so alten Journalisten erklären. Vordergründig ist’s doch „nur“ eine Komödie, die (zugegeben) in einem Irrenhaus spielt, dessen Insassen, darunter drei Physiker, eine gesellschaftlich privilegierte Stellung besaßen. Geisteskranke Geisteswissenschaftler, denen in der Anstalt eine spezifische ärztliche „Behandlung“ zuteil wird. Der Aufenthalt in dem geschlossenen System hat in Einzelfällen tödliche Folgen. Die Morde an drei Schwestern stehen im Zusammenhang mit einer Formel, die – in den falschen Händen – zur Vernichtung der Welt führen könnte. Wer, fragt sich der Leser, das Theaterpublikum, ist eigentlich irr in diesem Stück? Offenkundig doch der Physiker Möbius. Und wie verhält es sich bei der Chefärztin, der Anstaltsleitung, den Funktionsträgern des Macht- und Ordnungsapparats? – In der kommunistischen Zeit war das ein Politikum, führt Schuschnig aus. Die Tatsache, dass das Stück in Hermannstadt zunächst der Zensur zum Opfer gefallen ist, später dann doch zugelassen wurde, erklärt der Regisseur mit einer zeitweilig mehr oder minder akuten Unzulänglichkeit der Zensoren in punkto textkritisches Verständnis. Welch ein Glück!

Apropos Kommunisten: Ihre ideologisch motivierte Einflussnahme überschattete Schuschnigs Hermannstädter Ära, die gekennzeichnet war von dem Bemühen, das klassische Repertoire mit modernen Stücken zu ergänzen. Nach einem Berufsverbot musste er zwischen 1962 und 1969 im Banater „Exil“ auf das Landestheater in Temeswar ausweichen. Eine ausgesprochen produktive Phase, erinnert sich der Theatermann. Nur neun Monate nach seiner Rückkehr nach Hermannstadt kommt der erste Sohn Tristan zur Welt, zwei Jahre darauf folgt Mark.

In der Stadt am Zibin Gegenspieler des Regisseurs, der sich selbst als „liberal und oppositionell“ verortet, ist der im Lager der Kommunisten stehende Schauspieler und langjährige Intendant der deutschen Abteilung der Hermannstädter Bühne, Christian Maurer. Als sich die beiden Landsleute viele Jahre später in Deutschland begegnen, gibt es einen förmlichen Händedruck. Tempi passati? Kommunismus und Ceauşescu-Diktatur vermochten das deutsche Theater nicht tot zu kriegen. Als weit einschneidender erwies sich der Publikumsschwund nach 1989 im Zuge der Massenauswanderung der deutschen Bevölkerung. Da hatte Hanns Schuschnig bereits seine Heimatstadt in Richtung Deutschland verlassen. Das war 1979. Seit 1981 lebt er in der Allgäuer 10 000-Seelen-Gemeinde Altusried; seine „theaterverrückte“ Familie zog ein Jahr später nach.

A wie Altusried

Markt Altusried bei Kempten. Nächste Etappe dieser bühnenreifen Karriere. Dramaturgisch betrachtet hängt das gut einstündige Telefonat nie durch. Hanns Schuschnig ist ganz in seinem Element, reagiert auf eingeworfene Stichworte geistesgegenwärtig, ohne Umschweife, pointiert, gewitzt. Das Ende des Stückes naht. Die Handlung kulminiert: Schuschnigs Mega-Inszenierungen auf der Freilichtbühne am Rande von Altusried. Lassen wir Zahlen sprechen: Die Freilichtspiele in Altusried sind seit bald 130 Jahren fest etabliert im Kulturleben der Marktgemeinde. Das Repertoire ist spezialisiert auf Freiheitshelden. Hanns Schuschnig inszenierte 1982 „Wilhelm Tell“, später u.a. auch den Tiroler Freiheitskämpfer Andreas Hofer, und das mit 500 ortsansässigen Laiendarstellern, darunter 40 Reiter. Das Massenschauspiel beeindruckte 1995 nicht nur den Schirmherrn der „Hofer“-Aufführung, Edmund Stoiber, es wurde überhaupt ein grandioser Publikumserfolg. Im selben Sommer brachte der Hermannstädter Theaterregisseur zudem „Das tapfere Schneiderlein“ auf die Altusrieder Naturbühne. Am Ende jener Sommerspielzeit waren es insgesamt rund 100 000 Zuschauer aus Deutschland, Österreich, der Schweiz und Norditalien, die beide Inszenierungen erleben durften. Genug des Zahlenspiels.

So einen tüchtigen Mann lässt man nicht ziehen, denkt sich der kluge Bürgermeister der Marktgemeinde und gibt ihm Baugrund. Schuschnig baut sich und seiner Familie ein Haus in der Scheibenstraße und startet weitere, über das lokale Kulturleben weit hinausgehende, fruchtbare Initiativen. So gründet er 1984 das „Allgäuer Theaterkästle“, unterstützt seine Söhne Tristan und Mark bei ihrer Übernahme des Figurentheaters in Rothenburg ob der Tauber, geht mit der familieneigenen „Insel-Bühne“, mit Frau und Söhnen, von Zeit zu Zeit auf Gastspielreise. Ziel sind stets deutsche Sprachinseln in Siebenbürgen, Ungarn, dem ehemaligen Schlesien, ja sogar Namibia (Deutsch-Südwestafrika) und Südkorea. Schuschnig, der Regisseur, Intendant, Schauspieler, Stückeschreiber, Gatte und Vater, führt im Januar 2008 in Altusried Regie in der Komödie „Fisch zu viert“ von Wolfgang Kohlhaase. In diesem Jahr will der agile und ungebremst mobile (fährt wie selbstverständlich noch Auto) Theatermacher auch das epische Wilder-Stück „Unsere kleine Stadt“ und „Peer Gynt“ inszenieren.

Zeitkritisches und Vorhang

Das zeitgenössische Theater interessiert, berührt Hanns Schuschnig. Dem deutschen Regietheater steht er grundsätzlich unvoreingenommen gegenüber, eher aufgeschlossen denn distanziert. Namentlich die Arbeiten eines Dieter Dorn schätzt er sehr. Angesprochen auf das siebenbürgisch-sächsische Theaterleben heute, schlägt er kritische Takte an: „Das Niveau unseres siebenbürgisch-sächsischen Theaters ist sehr steigerungsfähig.“ Vieles sei „ultralaienhaft“ in Szene gesetzt: „Mitten auf der Bühne steht ein Tisch, links und rechts davon geradezu steif die Darsteller.“ In den Augen des professionellen Regisseurs ist das reichlich altbacken, „aufgewärmte Traditionspflege“, und „lebendes Museum“. Es ist bezeichnend für den unverzagten Praktiker, dass er nicht bloß lamentiert, sondern seine tätige Mithilfe anbietet. Gern würde er den Regie führenden Landsleuten beratend zur Seite stehen. Ende 2003 hat Schuschnig ein vom Kulturreferat unseres Verbandes ausgerichtetes Theaterseminar geleitet, in dem es um allgemeine Grundlagen der Regiearbeit sowie Fragen des Repertoires ging. Schuschnig verstummt. Endet nun das einstündige Gespräch? Der Blick fällt auf den Bühnenboden. Neben einer geöffneten, reifen Matroschka liegen drei sich aufs Haar gleichende Holzpuppen verschiedener Größe. Vorhang. Stille. Kräftiger Schlussapplaus.

Christian Schoger

Schlagwörter: Kultur, Theater, Hermannstadt

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