27. November 2008

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Bewahren und eingliedern: Nachruf auf den Ehrenvorsitzenden Dr. Wilhelm Bruckner

Am 15. November 2008 starb in München im Alter von 87 Jahren Dr. Wilhelm Bruckner, Ehren­vorsitzender des Verbandes der Siebenbürger Sachsen in Deutschland e.V. Sein Leben war erfüllt von dem Einsatz für seine siebenbürgischen Landsleute. Er war nach dem Zweiten Weltkrieg Mit­begründer des Hilfskomitees der Siebenbürger Sachsen und evangelischen Banater Schwaben sowie der Landsmannschaft der Siebenbürger Sachsen in Deutschland. Dr. Bruck­ner hat in leitenden Funktionen die siebenbürgisch-sächsischen Belange auf verschiedenen Ebenen mitgestaltet und als Bundesvorsitzender vertreten und auch noch lange Jahre nach dem ehrenamtlichen aktiven Dienst mit Rat und Tat begleitet.
Am 23. Januar 1921 wurde Wilhelm Bruckner in Hermannstadt geboren. Er absolvierte 1939 das Brukenthalgymnasium und begann 1940 in München Germanistik, Geschichtswissenschaften und Publizistik zu studieren. Er schloss sein Studium 1944 mit der Promotion zum Dr. phil. ab und erlebte das Kriegsende im Frühjahr 1945 in München. Nach Kriegsende heiratete er die Münchnerin Maria Sporrer, im August 1946 wurde Sohn Ernst geboren. Schon während seines Studiums setzte sich Bruckner als Vorsitzender des Bundes Auslandsdeutscher Studenten (BADSt) für die Belange der Mitglieder ein.

Als Dr. Otto Appelt aus Bistritz im August 1945 im Rahmen des Bayerischen Roten Kreuzes (BRK) eine Betreuungsstelle für Südostdeutsche einrichtete, konnte er Dr. Bruckner für die Mitarbeit gewinnen. Im Anschluss an die fünfmonatige hauptberufliche Tätigkeit beim BRK erhielt Dr. Bruckner eine Anstellung an einem privaten Münchner Gymnasium und unterrichtete Deutsch, Geschichte und Erdkunde, später auch das Fach Sozialkunde, das 1949 unter seiner Mitwirkung in den Unterrichtsplan aufgenommen wurde. Neben der Lehrtätigkeit am Gymnasium unterrichtete Dr. Bruckner ab 1946 in Abendkursen auch an der Münchner Volkshochschule und verfasste sporadisch Hörfunksendungen über Siebenbürgen und damit im Zusammenhang stehende Themen für den Bayerischen Rundfunk (ab 1949). Als Stellvertretender Direktor übernahm er 1956 die Leitung des Privatgymnasiums bis 1967, um dann den sich anbietenden Geschäftsführerposten beim Bayerischen Philologenverband zu übernehmen. In dieser Position war er intensiv mit Fragen der Bildungs- und Schulpolitik befasst und erhielt Kontakt mit anderen Berufs- und Lehrerorganisationen. Da der Vorsitzende des bayerischen Verbandes zeitweilig den Vorsitz des Deutschen Philologenverbandes innehatte, war Dr. Bruckner zeitweilig auch mit der Geschäftsführung dieses Verbandes betraut.

Dr. Wilhelm Bruckner, aufgenommen im April ...Dr. Wilhelm Bruckner, aufgenommen im April die­ses Jahres von Konrad Klein.Neben seiner beruflichen Tätigkeit beschäftigte Dr. Bruckner das Schicksal der südostdeutschen Landsleute auch über die Tätigkeit beim BRK hinaus. Als das Hilfskomitee der Siebenbürger Sachsen und evangelischen Banater Schwaben am 6. Februar 1947 gegründet wurde, war er mitbeteiligt, und als es nach Inkrafttreten des Grundgesetzes der Bundesrepublik am 23. Mai 1949 möglich war, unabhängig von Besatzungsbestimmungen Vereinigungen zu gründen, war er auch an der Gründung des Verbandes der Siebenbürger Sachsen und Banater Schwaben am 26. Juni 1949 durch den Vorsitzenden des Hilfskomitees, Fritz Heinz Reimesch, beteiligt. Dieser Verband wandelte sich bald in den Verband der Siebenbürger Sachsen um (11. Februar 1950) und gab sich später als Landsmannschaft der Siebenbürger Sachsen in Deutschland e.V. eine endgültige Form.

Als im Jahre 1949 der aus der Batschka stammende Dr. Josef Trischler von den Siebenbürger Sachsen und den anderen südostdeutschen Landsmannschaften als Kandidat für die Bundestagswahl auf der Liste der FDP unterstützt wurde, kam Dr. Bruckner mit Vertretern dieser Partei in näheren Kontakt, trat 1950 der FDP als Mitglied bei und wurde zehn Jahre später zum Vorsitzenden des Münchner Kreisverbandes gewählt. Weitere zehn Jahre später, als sich die bayerische FDP stark nach links orientierte, konnte Dr. Bruckner dieser Entwicklung nicht folgen und trat aus der Partei aus.

In der Landsmannschaft war Dr. Wilhelm Bruckner seit 1950 Mitglied im Bundesvorstand, als Vorstandsmitglied in verschiedenen Funktionen, als Stellvertretender Bundesvorsitzender und 1977 bis 1983 als Bundesvorsitzender. Er war zudem von November 1956 bis Ende 1970 Vorsitzender der Kreisgruppe München, er wirkte bei der Siebenbürgischen Zeitung, im Trägerverein Stephan-Ludwig-Roth für das Altenheim in Rimsting, im Heimatpolitischen Ausschuss und anderen Ausschüssen mit und führte nach seiner Zeit als Bundesvorsitzender den Vorsitz des Kulturpreisgerichtes zur Verleihung des Siebenbürgischen Kulturpreises. Außerhalb der landsmannschaftlichen Organisation gehörte er dem Südostdeutschen Rat an und dem kulturellen Arbeitskreis der Heimatvertriebenen, war er Mitglied des Südostdeutschen Kulturwerks und anderer Einrichtungen, die seine Mitarbeit beim Rundfunk, als Redner und als Publizist schätzten.

In seine Amtszeit als Bundesvorsitzender fallen die Abmachungen beim Bukarest-Besuch von Bundeskanzler Helmut Schmidt zur Stabilisierung der Aussiedlerzahlen und der Erlass der Freikaufdekrete der Bukarester Ceauşescu-Administration im Oktober 1982, der Siebenbürger Sachsen und Banater Schwaben geschlossen zu einer Protestdemonstration am 4. Dezember 1982 vor dem Kölner Dom veranlasste.

Dr. Bruckner forderte wie sein Vorgänger Erhard Plesch eine geordnete Familienzusammenführung und erhöhte Aussiedlerzahlen, was die Gruppe der Aussiedlungsgegner erregte und zu tiefgreifenden Meinungsverschiedenheiten vor allem mit dem Hilfskomitee und diesem nahestehenden Kreisen führte. In seine Amtszeit fällt auch die zunehmende Gründung von Heimatortsgemeinschaften, eine Entwicklung, die zwar grundsätzlich begrüßt wurde, die aber doch hin und wieder, besonders an der Basis, zu Irritationen führte, die erst im Laufe der Zeit bewältigt werden konnten. Ebenfalls in dieser Zeit (1978) begann die Neubelebung der Jugendarbeit, die im Bundesvorstand anfangs mit etwas Skepsis zur Kenntnis genommen wurde, für die Dr. Wilhelm Bruckner aber letztendlich Unterstützung fand.

Dr. Bruckner hat in seinem langen beruflichen Leben zahlreiche fachbezogene Veröffentlichungen erarbeitet. Noch stärker aber war sein Engagement bei der Publikation von Arbeiten über Siebenbürgen, die Siebenbürger Sachsen und über die Bewältigung der sie betreffenden Probleme. Er war in zahlreichen Referaten und Reden bemüht, nach innen Verständnis weckend, nach außen informierend und erläuternd zu wirken. Dabei hat er sich nicht nur auf die Siebenbürger Sachsen beschränkt, sondern auch der südostdeutschen Problematik insgesamt Raum gegeben. Seine humanistische Bildung, seine Redegewandtheit und Schilderungskraft, gepaart mit konservativ-liberal orientierter Einstellung und einem bestimmten politischen Gespür, haben ihm seine Vorstellungen zu verwirklichen geholfen und die Begegnungen mit ihm bereichert.

Für sein landsmannschaftliches Engagement wurde er schon früh mit der Verleihung des goldenen Ehrenwappens der Landsmannschaft geehrt. Für seine langjährige ehrenamtliche und verdienstvolle Tätigkeit wurde ihm auf dem Verbandstag in Ingolstadt am 11. November 1989 von der Landsmannschaft der Siebenbürger Sachsen in Deutschland „für außerordentliche Verdienste um den Stamm der Siebenbürger Sachsen“ die Ehrenmitgliedschaft mit dem Titel „Ehrenvorsitzender“ verliehen. Für seine beruflichen Verdienste „um das bayerische Gymnasium und seine Lehrer“ wurde Dr. Bruckner im Jahre 1992 mit der Goldenen Ehrennadel des Bayerischen Philologenverbandes ausgezeichnet.

Ein langjährig engagierter, verdienstvoller und erfahrener Streiter für das „Sachsentum“ ist von uns gegangen. Wir werden ihn vermissen und uns oft an ihn erinnern. Wir wollen dankbar sein, dass er für uns gewirkt hat.

Dr. Wolfgang Bonfert

Schlagwörter: Verbandsleben, Nachruf, Hermannstadt, München

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