18. Juli 2010

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Siebenbürgisch-sächsische Friedhöfe nach der Aussiedlung

Um eine komplexe, ja sogar heikle Problematik ging es am 17. Juni im Haus der Heimat Nürnberg beim Vortrag „Siebenbürgisch-sächsische Friedhöfe nach der Aussiedlung“. Im Mai 2009 hatte Horst Göbbel in einem stattlichen Dorf in Südsiebenbürgen ein aufwühlendes Erlebnis beim Anblick eines sehr sauberen, klar geordneten Friedhofs. Seine Eindrücke und Gedanken zum Thema Friedhöfe hat Horst Göbbel in einem Vortrag in Nürnberg zusammengefasst, der im Folgenden gekürzt wiedergegeben wird.
Es war frisch gemäht, so frisch, dass zwischen Gräbern und außerhalb der Gräber praktisch eine Art Stoppelfeld mit wenig Grün zu sehen war. Auf den meisten Gräbern lag eine frische Betonplatte. Es ist niemand mehr da, der die Gräber regelmäßig betreuen könnte. Betonplatten sollen diese Aufgabe übernehmen. Ich bekam das Gefühl, hier seien die Toten zubetoniert, man habe sie von uns noch Lebenden abgeschnitten, mit grauen Zementplatten – alles in allerbester Absicht sehr präzise, wohl geordnet, sauber, geplant. Alles schien perfekt, für mich jedoch in denjenigen Augenblicken leblos, die Toten von mir Lebendem künstlich getrennt, zubetoniert halt. Friedhof in Südsiebenbürgen. Foto: Horst Göbbel ...Friedhof in Südsiebenbürgen. Foto: Horst Göbbel Ich war erschrocken und begann zum ersten Mal darüber nachzudenken, was wir tun, was wir tun wollen, tun sollen, tun können, wenn es um unsere Toten in der siebenbürgischen Heimat geht. Ich sah vor meinem geistigen Auge auch andere siebenbürgische, aber auch rumänische, ukrainische, deutsche, österreichi­sche, französische, jüdische, ja sogar amerikanische Friedhöfe, die ich im Laufe der Jahrzehnte besucht habe. Ich verglich und konnte mich des Eindrucks nicht erwehren, dass wir mit unserem Gräberkult in gewisser Hinsicht oft die Toten, die geliebten Dahingegangenen aus dem Auge verlieren, hier konkret, sie mit Eisenbeton abdecken, ihnen deuten, Du bist jetzt ganz still, Du musst da unten bleiben und hast keine Chan­ce mehr, locker Kontakt mit uns aufzunehmen. Vermutlich fehlte mir die lebendige Natur, die ich auf vielen Friedhöfen so mag: einfaches Gras, Gebüsch, manchmal auch Blumen. Von diesem Bild der oft frisch zubetonierten Gräber ausgehend, beschäftigte ich mich mit dem Thema Totenkult, Grabstätten im Laufe der Zeiten und heutzutage in unterschiedlichen Kulturen. Ich suchte Bilder, Daten, Fakten und fand jede Menge, zeigte sie den Anwesenden. Wir kommentier­ten sie auf vielfältige Art.

Mein Credo heute lautet: Ich respektiere die Art und Weise, wie Familien ihre Gräber einrich­ten und pflegen. Ob mit oder ohne Zementplatten, ob mit oder ohne Blumenbeete, ob mit oder ohne Grabstein, ob mit klarer Ordnung oder etwa so, wie ich es auch in siebenbürgisch-sächsischen Gemeinden, wo seit dem Zweiten Weltkrieg keine Deutschen, keine Evangelischen mehr leben und die Friedhöfe z.B. Hutweide geworden sind, wo viele Grabsteine längst von Erde und Gras überwuchert sind, wo genau so Gottes Friede herrscht, wie auch im sehr gepflegten West-, Leonhard- oder Südfriedhof in Nürnberg. Friedhof in Nordsiebenbürgen. Foto: Horst Göbbel ...Friedhof in Nordsiebenbürgen. Foto: Horst Göbbel Ich habe Friedhöfe erlebt, die sich innerhalb von 40 bis 50 Jahren gewandelt haben: Von ursprünglich gepflegten Gräbern sind jetzt hie und da Grabsteinspuren übrig, manchmal Gebüsch, meist jedoch Weidefläche für Tiere. Ich habe hier Frie­den gefühlt. Gottes Acker, Gottes Unendlichkeit. Auf den Betonresten, wenn die zerbersten (und ewig hält Beton wirklich nicht), werden dann, wenn wir die Gräber nicht mehr neu betonieren können, wohl auch Pflanzen, Unkraut, Gras und Gebüsch wachsen. Gottes Friede holt uns allemal ein. Ich will mir keineswegs anmaßen, jemandem zu diktieren, wie er seine Gräber gestaltet. Es ist auch das Recht eines jeden, so zu handeln, wie man es selber für richtig hält. Sich über all das anhand von Bildern von Grabstätten aus dem alten Ägypten, aus China, aus Japan, von Orthodoxen, von Katholiken, Evangelischen, Juden, Muslimen, aus Oltenien, aus Jerusalem, Prag, Hamburg, aus der Normandie, aus Tschernowitz (der jüdische Friedhof dort hatte um 1940 50000 Gräber!), aus Washington, Paris, London, Istanbul etc. Gedanken zu machen, sich auszutauschen und gegenseitig zu befruchten, das war die Mühe des ­Sehens wert. Gräber, Friedhöfe berühren uns. Vielfältig wie ihre Gestaltung ist ihre Pflege, ihr Wandel in der Zeit.

Horst Göbbel

Schlagwörter: Vortrag, Siebenbürgen, Friedhofspflege

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