15. November 2010

Erste Ackerbauschule Siebenbürgens in Bistritz

1870 öffnete in Bistritz die erste Ackerbauschule Siebenbürgens ihre Pforten. Beim 20. Siebenbürgischen Sachsentreffen würdigte die Schulleitung der Nachfolgeschule, heute „Grupul Şcolar Agricol“, in einer Feierstunde die Gründung der ersten Sächsischen Landwirtschaftsschule in Siebenbürgen. Zahlreiche Gäste erlebten eine niveauvolle Veranstaltung. Der gewählte Zeitpunkt sollte die Leistung der Bistritzer und Nösner Sachsen im landwirtschaftlichen Bereich in der und für die Region besonders würdigen.
Mit der Einwanderung der Siebenbürger Sachsen im 12. Jahrhundert beginnt die lange Geschichte der Rodung und Bewirtschaftung des Landes. Die aus der Urheimat mitgebrachten Kenntnisse über Ackerbau und Viehzucht waren die Grundbedingung für das Überleben der Einwanderer. Aus einem überwiegend von Wald bedeckten Gebiet wurde in harter Arbeit über Jahrhunderte hinweg ein „Land des Segens, ein Land der Fülle und der Kraft“, wie es im Siebenbürgenlied heißt. Dies war ein langer, beschwerlicher Weg, oft negativ beeinflusst durch Kriege, Krankheiten und wetterbedingte Missernten.

Seit dem frühen Mittelalter entwickelte sich zunächst in Frankreich und in Südwestdeutschland die Dreifelderwirtschaft. Die Landwirtschaft im westlichen Europa war im 19. und vor allem im 20. Jahrhundert durch weitere Technisierung und Spezialisierung geprägt. Ab Ende des 19. Jahrhunderts konnte billiger synthetischer Dünger hergestellt werden. Er ermöglichte, ebenso wie Erfolge in der Pflanzen- und Tierzüchtung und die Entwicklung neuer Maschinen, eine Steigerung der Erträge um ein Vielfaches. Die im westeuropäischen Raum einsetzende Intensivierung der Agrarproduktion ließ auch die Siebenbürger Sachsen Überlegungen zur besseren Nutzung der natürlichen Ressourcen anstellen. Die bisher erfolgreich praktizierte Dreifelderwirtschaft mit Vieh-, Weidewirtschaft und Flurzwang war nicht mehr zeitgemäß. An Stelle der extensiven Dreifelderwirtschaft mit zwei Getreideschlägen und einem Brachlandteil wurde eine Fruchtfolge zwischen Getreide, Hackfrüchten und Futterpflanzen angedacht. Zur Umsetzung dieser weitgreifenden Veränderung wurde in Klausenburg am 5. März 1845 der Siebenbürgisch-Sächsische Landwirtschaftsverein gegründet. Der Verein verfolgte das Ziel „der möglichen Verbesserung des Landbaus auf dem Sachsenboden“. Der Landwirtschaftsverein erarbeitete 1867 in Schäßburg ein Konzept, das durch einen Fachausschuss der Nationsuniversität umgesetzt wurde. Es sah die Errichtung von fünf „niederen“ Ackerbauschulen vor. Außerdem sollte noch eine „mittlere“ Ackerbauschule errichtet werden. Die von der Nationsuniversität zur Verfügung gestellten Mittel reichten jedoch nur für zwei niedrige Ackerbauschulen in Bistritz und Marienburg und eine mittlere in Mediasch. Viel später, 1930, wurde die Landwirtschaftliche Winterschule in Hermannstadt eingerichtet. Die Umsetzung des Konzeptes war schon für 1869 geplant. Die Anfangsschwierigkeiten waren erheblich und so konnte die erste Ackerbauschule Siebenbürgens in Bistritz erst im April 1870 ihren Betrieb aufnehmen. 1871 folgten Marienburg und Mediasch.
Einweihung der zum 140-jährigen ...
Einweihung der zum 140-jährigen Ackerbauschuljubiläum angebrachten Gedenktafel durch Bistritzer orthodoxe Priester. Foto: Horst Göbbel
Hans Acker hat 1990 in dem im Wort und Welt Verlag, Thaur bei Innsbruck, erschienenen Buch „Die Deutschen Landwirtschaftschulen in Siebenbürgen“ die Geschichte dieser für die Siebenbürgische Landwirtschaft segensreichen Einrichtungen beschrieben. Seine akribische Arbeit bietet allen Interessierten umfangreiche Informationen zur Entwicklung der Ackerbauschulen in Siebenbürgen bis 1944. Die Geschichte der 1870 in Bistritz gegründeten deutschen Ackerbauschule endet 1944. Die weitere Entwicklung der Lehranstalt zum heute erfolgreichen landwirtschaftlichen Gymnasium „Grup Şcolar Agricol“ ist ein Kapitel, in dem die Siebenbürger Sachsen keine Rolle mehr spielen. Es ist jedoch eine Entwicklung, die durch die politischen Verhältnisse nach 1944 und vor allem nach der Wende 1989 bedingt ist. Auch dieses Kapitel muss beleuchtet werden, wenn man heuer 140 Jahre landwirtschaftlicher Ausbildung in Nordsiebenbürgen gedenken will. - Mehr zum Thema Bistritzer Ackerbauschule kann man in der Sonderausgabe zum Sachsentreffen in Bistritz in „Wir Nösner“ nachlesen.

„Kulturträger in der Region“

Die Anregung des Vorstandes der HOG Bistritz-Nösen, anlässlich des 20. Sachsentreffens im Herbst 2010 auch der Gründung der ersten Ackerbauschule in Siebenbürgen und wahrscheinlich in ganz Südosteuropa zu gedenken, fiel bei Ovidiu Creţu, Bürgermeister der Stadt Bistritz, und vor allem auch bei Maria Simona Belea, Direktorin des „Grupul Şcolar Agricol Bistriţa“, auf fruchtbaren Boden. „Grupul Şcolar Agricol Bistriţa“ ist ein Gymnasium mit landwirtschaftlichem Profil, in dem über tausend Schüler in Tages- und Abendkursen Hochschulreife erlangen können. Die Schulleitung, Lehrerschaft und Schüler haben gemeinsam dieses Jubiläumsfest vorbereitet und in einer stimmungsvollen Feierstunde zelebriert. Die zur Schule gehörende Doppelturnhalle war festlich geschmückt und bot den über 400 erschienenen Gästen ein angenehmes Ambiente.

Die Schulleiterin Marina Simona Belea begrüßte die Anwesenden, vor allem die Ehrengäste, neben dem Leiter des Kreisschulinspektorats den Bürgermeister der Stadt Bistritz, Teodor Ovidiu Creţu, den Vorsitzenden der HOG Bistritz-Nösen, Dr. Hans Georg Franchy, und die zahlreichen angereisten Gäste aus Österreich und Deutschland, aber auch zahlreiche Schulabsolventen.
Der Wortlaut der zum Ackerbauschuljubiläum ...
Der Wortlaut der zum Ackerbauschuljubiläum angebrachten Gedenktafel. Foto: Michael Weihrauch
Frau Belea ging kurz auf die Geschichte der Schule ein. Die Jahre von 1870 bis 1901 waren geprägt durch das Ringen ums Überleben. Fehlende finanzielle Unterstützung durch die Nationsuniversität nach der politischen Wende von 1876 und zögerlicher Zuspruch durch die Bauernschaft verursachten der jeweiligen Schulleitung erhebliche Schwierigkeiten. Nach 1901, nach dem Umzug in den heute noch als Schulgebäude genutzten Neubau an der Rosenburg und nicht zuletzt das über 41 Jahre lange Wirken des Lehrers Albert Preiß (1876-1953) bescherten der Schule Erfolge. Die Evakuierung der Sachsen aus Nordsiebenbürgen im September 1944 bedeutete das Ende der deutschsprachigen Ackerbauschule in Bistritz. Die rumänische Administration übernahm nahtlos die Weiterführung einer Landwirtschaftlichen Schule im Januar 1945. Aus der Schule, die 1945 über drei Klassenräume, kaum vorhandenes Schulinventar und elf Schüler verfügte, wurde bis 1966 eine Schule mit 13 Klassen, drei Schullaboratorien, drei Räumen für didaktisches Material, einem Festsaal mit 200 Sitzplätzen, einem Schulinternat für 450 Schüler, einer Schulbibliothek und einer Kantine für die Schüler. 1945 begann der Unterricht mit einem Lehrer. 1966 wurden an der Schule zehn Diplomingenieure, zwei Betriebswirtschaftsfachleute, sechs Lehrer für Allgemeinbildung, zwei Laboranten und sechs Betreuer beschäftigt. Dieser Abschnitt, in dem Fachleute für den landwirtschaftlichen Bereich geschult wurden, Fachleute, die hinterher einer strengen politischen Vorgabe dienen mussten und deren Wissen politischer Willkür unterworfen war, endet in der sozialistischen Planwirtschaft, deren Erfolge bis 1989 in der Presse gefeiert wurden, aber de facto das Land in den Ruin führen sollte. 1966 war das entscheidende Jahr für den Durchbruch zum Gymnasium. Die politische Wende im Dezember 1989 bedeutete für die Schule eine Neuorientierung. Heute wird neben der sehr guten Allgemeinbildung Wissen über Lebensmitteltechnologien, Lebensmittelrecht, Verbraucherschutz vermittelt. Ein besonderer Schwerpunkt in der Ausbildung besteht in der Erziehung zum Umweltschutz, zum Respekt vor der Schöpfung. Die Schule beherbergt sogar eine christliche Kapelle.

Bürgermeister Creţu betonte in seinem Grußwort die Weitsichtigkeit und das Umsetzungsvermögen der Bistritzer Sachsen. Sie seien die ersten gewesen, die eine landwirtschaftliche Schule in Siebenbürgen errichtet haben und darauf seien alle Bistritzer stolz. Die Siebenbürger Sachsen seien Kulturträger in der Region gewesen und hätten wesentlich dazu beigetragen, dass Bistritz und die Region erfolgreich wirtschaften konnten.

Dr. Hans Georg Franchy dankte der Schulleiterin und dem Lehrerkollegium für die positive Entwicklung der Schule in den letzten zwei Jahrzehnten. Der Besuch einer HOG-Delegation im Frühjahr 2010 und der nun gewonnene Eindruck hinterließen ein starkes Bild. Die Schulleitung befinde sich in guten Händen, die Ausbildung der Schüler sei solide. Die Zielsetzungen der Schule, mündige, gut ausgebildete, selbstbewusste Absolventen für das nicht einfache Leben in Rumänien am Anfang des 21. Jahrhunderts vorzubereiten, sei beachtlich. Hans Franchy dankte der Schulleitung für die Anbringung einer zweisprachigen Jubiläumstafel (rumänisch und deutsch) sowie für die Würdigung des Lehrers Albert Preiß (ein Schulraum erhielt seinen Namen).

Es folgte ein abgerundetes Kulturprogramm: über klassische Musik und Gedichtvorträge bis hin zu quirligem Volkstanz der Gruppe „Baltagul“. Die Enthüllung der Gedenktafel und die nach orthodoxem Ritus durchgeführte Weihung der Schulgebäude waren ein würdevoller Abschluss der Feierlichkeiten. Der anschließende gesellige Teil, bei einem üppigen Buffet, gab Gelegenheit zu weiterführenden Gesprächen bis in den späten Abend hinein.

Dr. Hans-Georg Franchy

Schlagwörter: Bistritz, Jubiläum, Gedenktafel, Ackerbauschule

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Neueste Kommentare

  • 24.08.2021, 16:59 Uhr von weilauer: Ich frage mich, warum Ackerbauschuldirektor Michael Englisch hier nicht erwähnt wird. Beginnend im ... [weiter]
  • 15.11.2010, 17:51 Uhr von der Ijel: http://www.agrarbildungszentrum-landsberg.de/sonst/gesch.html Geschichte des ... [weiter]

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