2. Mai 2012

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Eginald Schlattner im Literaturhaus Berlin

Eginald Schlattner las am 20. März im Literaturhaus Berlin aus bisher unbekannten Texten. Anlass für den Themenabend war ein „Kellerfund“: Die junge Literaturwissenschaftlerin Michaela Nowotnick, die ihre Dissertation über „Rote Handschuhe“ schreibt, stieß auf Manuskripte Schlattners aus den 50er Jahren, die damals nicht erscheinen durften. Diese literarische „Trouvaille“ veranlasste sie dazu, die Texte zu editieren und den eher aus „Qualitätsgründen“ zögerlichen Autor dazu zu bewegen, sie in zwei Bänden herauszugeben: „Odem“ und „Mein Nachbar, der König“, beide 2012 im Schiller-Verlag, Hermannstadt/Bonn erschienen.
Die Begegnung mit diesen Texten begann am Nachmittag mit einem gut besuchten Workshop unter der Leitung von Michaela Nowotnick. Es wurde eine sowohl text- als auch autorenimmanente Annäherung an ein Manuskript versucht, das schon den Prozess einer Lektorierung (Erika Constantinescu, ESPLA-Verlag) hinter sich hatte und so Einblicke in eine stalinistisch-kommunistische Zensurbehörde ermöglichte.

In der Diskussion wurden verschiedene Interpretationsansätze herausgearbeitet. Schlattner, der später zu der Gesprächsrunde hinzukam, hatte naturgemäß ein ganz anderes Textverständnis. Im Anschluss an den Workshop wurde Walter Wehmeyers Film „Von der Macht des Verdächtigens. Eginald Schlattner und das Securitate-Trauma“ gezeigt.

Abends fand die eigentliche Lesung im Großen Saal des Literaturhauses Berlin statt. Vor zahlreichem Publikum sprach Ernest Wichner, Leiter des Hauses, einleitende Worte zu Leben und Werk Eginald Schlattners, ergänzt durch Hinweise von Nowotnick zur Geschichte der Manuskripte. Schlattner las dann einen Auszug aus jener 1968 verfassten Erzählung, die seine letzte dichterische Tätigkeit bis 1991 bleiben sollte: „Jemand steht immer im Wege“. Paul Schuster hatte davon abgesehen, den Text in der Neuen Literatur zu veröffentlichen und Joachim Wittstock soll, so kolportiert jedenfalls Schlattner, dazu geäußert haben: „Viel geredet, nichts gesagt!“. Anschließend las Schlattner noch aus der titelgebenden Erzählung „Mein Nachbar, der König“, die der Autor ein Zwischenspiel nannte, da sie, als einzige 1992 entstanden, zwischen den beiden ersten Romanen seiner Trilogie zu verorten sei.

Die folgende Podiumsdiskussion wandte sich unvermittelt Schlattners Tätigkeit als Schriftsteller im kommunistischen Rumänien zu und der Verstrickung in die Schriftstellerprozesse. Nowotnick erläuterte ihre Erkenntnisse aus dem Studium der Akten der Securitate und stellte fest, dass es viele Gutachten (etwa 15) zu den Texten der Verhafteten gegeben habe, die alle regimefeindliche Tendenzen bestätigt hätten, Schlattner also keineswegs als „Schlüsselinterpret“ gelten könne – der Kronzeuge sei also kein Zeuge, sondern spiele eine „Rolle“ in einer Ins­zenierung. Wenn man also Schlattner als „Verräter“ bezeichne, müsse man alle Angeklagten in den Schauprozessen als solche bezeichnen, da alle zu Aussagen gezwungen worden seien, was wegen der stalinistischen Methoden der Repression kaum vermeidbar gewesen sei. „Rote Handschuhe“ sei eine Chronik der Rechtfertigung eines Menschen, der in der Auseinandersetzung über die Schuldfrage gegenüber jenen, gegen die er aussagte, als „doppelter Verräter“ (die Bezeichnung soll von Hans Bergel stammen) erscheine: weil er zuerst seine bürgerliche Herkunft verraten habe, als er Kommunist wurde, und dann den Kommunismus, als er Pfarrer geworden ist. Nowotnick forderte die Leserschaft auf, als „mündige“ Leser die Schuldfrage ohne die Selbstbezichtigungen der Hauptperson zu klären.

Eine „binnendeutsche“ Position konnte der Berichterstatter in einem Gespräch mit Beate Ziegs, Autorin und Regisseurin und als Verfasserin eines Hörfunk-Features im WDR zu Schlattners Tätigkeit als Pfarrer mit dem Sachverhalt vertraut, in Erfahrung bringen: Demnach fehlt das Verständnis für die Art und Weise, wie dieser Konflikt ausgetragen worden ist.

Nach der Podiumsdiskussion gab es einen regen Austausch mit dem Publikum, z.B. zu Schlattners Rolle und Selbstverständnis als Pfarrer und ob nicht ein Bonus der Vergebung für seine Tätigkeit als Gefängnisseelsorger (seit 1992) zu gewähren sei. Fragwürdig ist seine Bewertung des 23. August 1944 als biographische Chance, einem gutbürgerlichen Schicksal entgangen zu sein und in den Wirrnissen des nationalkommunistischen Rumänien eine multikulturelle Erfahrung gemacht zu haben. Schlattner bewertete am Ende der Diskussion die Zwietracht, die zwischen den Beteiligten auch heute noch herrsche, als einen späten Erfolg der Securitate und stellte die Frage in den Raum, was wohl Priorität haben solle: Wahrhaftigkeit oder Barmherzigkeit.

Jürgen Schlezack

Schlagwörter: Schlattner, Lesung, Berlin, Diskussion

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