27. Februar 2014

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Was zeichnet die Sachsen aus? Betrachtungen eines Viertel-Siebenbürgers

Dr. Jürgen Gündisch, LL.M., wurde am 26. Februar 1929 in Dresden geboren, war von 1961 bis 1974 Mitglied der Hamburger Bürgerschaft in der CDU-Fraktion, außerdem über 25 Jahre Mitglied des Hamburger Verfassungsgerichts. Der Rechtsanwalt ist nur zu einem Viertel Siebenbürger Sachse. Dennoch meinen seine Frau und seine Kinder, dass in seinem Bewusstsein das Siebenbürgische überwiege. Warum?
Mein Großvater Georg Gündisch ist in Heltau geboren. Er studierte Jura, und da er als Deutscher nicht in den ungarischen Verwaltungs- oder Richterdienst eintreten konnte, wurde er k.u.k. Militärrichter. Als solcher kam er in der gesamten österreichisch-ungarischen Monarchie herum und heiratete eine in Großwardein lebende Ungarin. Somit war mein Vater Guido Gündisch nur halber Sachse, wurde aber deutsch erzogen. Allerdings ging er, als sein Vater in Budapest stationiert war, auf ein ungarisches Gymnasium. Er studierte Jura in Klausenburg, Budapest, Wien und Berlin und ließ sich dann als Rechtsanwalt in Elisabethstadt nieder. Zweimal war er zu Beginn des 20. Jahrhunderts sächsischer Abgeordneter im Budapester Parlament und zog 1916 dorthin. 1918 wurde er von seiner siebenbürgischen Heimat getrennt. 1928 heirate er eine aus Dresden stammende „Reichsdeutsche“, meine Mutter. Wir lebten bis 1944 in Budapest. Dann ging es auf der Flucht über Dresden und Oberösterreich nach Württemberg, wo ich 1947 mein Abitur machte und anschließend in München, Tübingen und Harvard Jura studierte. 1956 kam ich aus beruflichen Gründen nach Hamburg, wo ich seither lebe und als Rechtsanwalt arbeite. Alles in allem ­also kein typisch sächsischer Lebenslauf. Siebenbürgen habe ich vor 1945 kaum erlebt, nur einmal war ich als kleiner Junge in Nordsiebenbürgen. Erst 1969 besuchte ich erstmalig Südsiebenbürgen, vor allem Hermannstadt, wo uns väterliche Verwandte liebevoll aufnahmen. Seitdem war ich etwa zehn Mal dort, meist mit meiner Frau, teils mit Kindern und (nicht-sächsischen) Schwiegersöhnen.

Wieso also die Aussage meiner Familie, dass ich mich trotz meiner Abstammung und meines Lebensweges in Ungarn und Deutschland den Siebenbürger Sachsen eng verbunden fühle? Die Antwort kann nicht lauten, dass meine mütterliche Familie Baum keine Rolle in meinem Leben gespielt habe. Ich war vor dem Krieg während der Sommerferien häufig bei meiner Großmutter in Dresden, und seit der Wiedervereinigung gibt es alle zwei Jahre ein Familientreffen der Baums. Der Grund für meine Vorliebe für die Siebenbürger Sachsen muss also in Anderem liegen.

Als Erstes nenne ich meine Bewunderung dafür, dass sich die Sachsen, eine kleine Minderheit, in Ungarn und Rumänien 850 Jahre als Deutsche in Sprache, Kultur und Lebensweise erhalten haben. Derartiges gibt es nur selten. Die deutschen Einwanderer in Nordamerika waren meist schon in der zweiten Generation nicht nur integriert, sondern assimiliert. Die ungarndeutschen Schwaben, obwohl erst vor 250 Jahren eingewandert, hatten sich schon zu Beginn des vorigen Jahrhunderts weitgehend magyarisiert. Die dauerhafte Standhaftigkeit der Sachsen kann man nur mit der der Juden vergleichen, die sich 2000 Jahre in der Zerstreuung erhalten haben.

Das zweite, was ich an den Sachsen bewundere, ist ihr Geschichtsbewusstsein. Das wurde mir erneut deutlich, als ich mit einer siebenbürgischen Reisegruppe unter der Leitung von Konrad Gündisch von der Marienburg an der Nogat zur Ruine der Marienburg am Alt fuhr – zur Erinnerung an den Zug der Deutsch-Ordens-Ritter im Jahre 1212 an die Ostgrenze Ungarns. An jeder unserer Stationen von Thorn über Kaschau und Klausenburg konnten uns Mitfahrer etwas über deren Geschichte erzählen.

Dem Geschichtsbewusstsein entspricht das Kulturbewusstsein der Sachsen. Als Beispiel nenne ich die Siebenbürgische Zeitung, deren umfangreichen „Kulturspiegel“ meine Frau und ich immer mit Vergnügen lesen. Auch die Pflege der Architektur, vor allem der Kirchen(-Burgen), gehört dazu. Viele Schriftsteller, so etwa Eginald Schlattner, sind weit über Siebenbürgen bekannt. Dieses Geschichts- und Kulturverständnis der Sachsen liegt auch daran, dass sie alle Berufs-und Gesellschaftsschichten umfassten, von wohlhabenden Kaufleuten über einen tüchtigen Handwerker-Mittelstand bis zu ihren Bauern und Winzern. Am angesehensten waren aber immer die am meisten Gebildeten, nämlich Theologen und Philologen. Einen eigenständischen, sächsischen Adel gab es jedoch nicht. Die Sachsen waren und sind eine Bürgergesellschaft – das gefällt mir.

Durch die evangelische Kirche bin ich ebenfalls mit den Siebenbürgern verbunden. Zwar ist auch die Familie meiner Mutter aus Sachsen evangelisch. Ich empfinde aber die Kirche in Siebenbürgen sowohl in der Vergangenheit als auch gegenwärtig mit dem kleinen Häuflein der Deutschen dort kraftvoller und geschlossener als unsere Kirche hier. Die Kirchenlieder wurden bei dem Sachsentreffen vor zweieinhalb Jahren in der Schwarzen Kirche in Kronstadt kräftiger gesungen als in unserer Hauptkirche St. Katharinen in Hamburg.

Bei aller Geschlossenheit und Standhaftigkeit haben die Siebenbürger Sachsen noch eine weitere Eigenschaft, die ihnen geholfen hat, sich 850 Jahre in fremder Umgebung zu halten: diplomatisches Geschick. Sie standen sich gut mit den ungarischen Königen, die sie ins Land geholt hatten und erwarben durch Geschick, nicht durch Gewalt, fast einmalige Privilegien. Sie bewahrten ihre Rechte unter den siebenbürgischen Fürsten und der osmanischen Oberherrschaft und konnten schließlich auch unter den diversen rumänischen Königen und Machthabern leben – nur unter Ceauşescu half ihnen diplomatisches Geschick nicht mehr. Aber auch unter den kommunistischen Regimes kam der rumänische Botschafter zu den Sachsentreffen in Dinkelsbühl. Jetzt, nach der politischen Wende, ist der Sachse Klaus Johannis Bürgermeister von Hermannstadt geworden, gewählt mit großer Mehrheit, obwohl in unserer Kulturhauptstadt nur noch wenige Deutsche leben. Die Siebenbürger Sachsen haben in der Tat eine Brückenfunktion!

Nun ist mir selbst klar geworden, warum ich so stark zu den Siebenbürger Sachsen neige. Es ist nicht die Abstammung. sondern der geistige Einfluss, der von den Sachsen ausgeht.

Schlagwörter: Siebenbürgen, Identität, Siebenbürger Sachsen

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