23. April 2014

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Zwischenbilanz nach 25 Jahren

„Zusammenwachsen zwischen Ost und West − Bilanz nach 25 Jahren seit der Wende in Kirche, Staat und Gesellschaft in Rumänien“, so hieß die Tagung vom 4.-6. April 2014 in der Bildungs- und Begegnungsstätte „Der Heiligenhof“ in Bad Kissingen. Sie fand in Zusammenarbeit mit dem Evangelischen Freundeskreis Siebenbürgen, der Gemeinschaft Evangelischer Siebenbürger Sachsen sowie der Evangelischen Kirche A.B. in Rumänien und unter großem Zuspruch von über 90 Teilnehmern statt. Die Tagung zeigte, wie rumäniendeutsche „Vereinstage“ mit möglichst vielen Institutionen aus Ost und West das europäisch-gesellschaftliche Denken fördern könnten.
Es ging um eine „Bilanzierung“ des gelebten Lebens in Siebenbürgen und anderswo seit der Wende im Jahre 1989 über Grenzen hinweg. Gustav Binder, Studienleiter am Heiligenhof, und Pfarrer Dr. Stefan Cosoroabă brachten unterschiedliche Institutionen zusammen. Tonangebend waren die Evangelische Kirche A. B. (Bischof Reinhart Guib und Altbischof D. Dr. Christoph Klein) und das Demokratische Forum der Deutschen in Rumänien (Martin Bottesch, Vorsitzender des Siebenbürgenforums). Insgesamt fünfzehn Teilnehmer aus Rumänien waren anwesend. Inwiefern tonangebend? „Über Bitten und Verstehen“, so kann man es mit dem Titel des 2013 erschienenen Buchs von Altbischof Klein sagen: ein Staunen über 25 Jahre geschenkten Lebens nach dem Exodus. Ein Fernsehteam mit der Journalistin Christel Ungar Ţopescu machte Aufnahmen, die auch im Internet zu sehen sein werden (www.tvrplus.ro/emisiune-akzente-37). Hans Gärtner vertrat den HOG-Verband, in dem 136 Heimatortsgemeinschaften zusammengeschlossen sind. Der Generalkonsul Rumäniens in München, Anton Niculescu, war an allen drei Tagen anwesend. Eröffnungspodium im Heiligenhof mit Bischof ...Eröffnungspodium im Heiligenhof mit Bischof Reinhart Guib, Dr. Stefan Cosoroabă, Dekan i.R. Hermann Schuller, Dr. Raimar Kremer. Fotos: Dr. Egbert Schlarb Dr. Bernd Fabritius, MdB, Bundesvorsitzender des Verbandes der Siebenbürger Sachsen in Deutschland, äußerte gleich zu Beginn seines Impulsvortrages einen wichtigen Gedanken: „Zwischenstaatliche rumänisch-deutsche Verhandlungen zu Minderheitenfragen sollten nie mehr über die Minderheiten hinweg, sondern nur noch mit ihrer Stimme geführt werden.“ Wer in Europa weiß, dass es diese Stimme seit 1990 wieder gibt? Im rumänischen Parlament ist die deutsche Minderheit zurzeit durch Ovidiu Ganţ vertreten. Zu dieser einen politischen Stimme gehören die vielen gesellschaftlichen Stimmen der Institutionen in Siebenbürgen und im Banat und anderswo in der Welt dazu. Die Schwaben waren auf der Tagung u.a. durch Prof. Dr. Anton Sterbling, Görlitz, präsent, der zu Beginn über „Globalisierung, Transformation in Ost und West“ referierte. Seinen Vortrag konnte man als Mahnung verstehen, Bilanzierungen von Minderheitenfragen nicht in einem zu engen Rahmen vorzunehmen. Wir leben in einer globalisierten Welt – und zugleich im vereinten Europa, in Einzelstaaten, in Mehrheiten und Minderheiten. Nicht nur Siebenbürger Sachsen und Banater Schwaben werden von der Spannung zwischen Tradition einerseits und Zwang zum Wandel andererseits hin und her gerissen. Die europäischen Wanderungen wirbeln Millionen von Menschen durcheinander; aber neue Medien und schnelle Verkehrswege machen es wiederum auch möglich, der trostlosen Alternative von stummer Assimilation und lautstarker Rückwärtsgewandtheit zu entkommen und neue Formen jenseits geographischer Grenzen zu finden.

Dr. Anneli Ute Gabanyi, Berlin, gab einen Schlüssel, um „Die Innenpolitische Entwicklung Rumäniens seit 1989“ einordnen zu können: Das Spezifische der chaotisch anmutenden Revolution hilft, spätere Zustände zu erklären und zu verstehen. Die Wende in Rumänien war kein Systemwechsel, sondern ein Regimewechsel – bewirkt durch eine innerkommunistische Opposition. Das erklärt viel; beispielsweise die ungefestigten Parteien, darunter „Doppelgängerparteien“, wie alte Liberale und kommunistische Liberale, ebenso die sprunghaften, kurzlebige Reformen rasch wechselnder Regierungen. Die Minderheiten kamen im Vortrag kaum vor. Wie auch? Auf der Ebene, auf der Frau Gabanyi das Problem behandelte, spielen Minderheiten nur insofern eine Rolle, als der neue rumänische Staat sich ausdrücklich als Staat aller seiner Bürger und nicht als ethnischer Nationalstaat versteht.

Grußwort von Bischof Reinhart Guib. ...Grußwort von Bischof Reinhart Guib.Martin Bottesch beschrieb ergänzend „Die Situation der deutschen Minderheit in Rumänien von 1990-2014“ nach Unterlagen der Geschäftsstelle des Landesforums. 1990 lebten noch 120 000 Sachsen und Schwaben in Rumänien; 2002 waren es 60 000 und 2011 noch 30 000, die meisten in den Städten. Aber die Forumsabgeordneten erhielten bei landesweiten Wahlen meistens um die 40 000 Stimmen, also weit mehr als die Minderheit Wählerstimmen hat. Die Schulen mit Unterricht in deutscher Sprache bieten Absolventen gute Chancen für ihr späteres Berufsleben. Es herrscht Lehrermangel, besonders in den kleinen Ortschaften mit wenigen Schülern. Die Sprachkompetenz ist schwer aufrecht zu erhalten, wenn in den Schulen mit deutscher Unterrichtssprache überhaupt keine Muttersprachler mehr unterrichten. Es ist auch nicht gelungen, Anreize für gute Fachlehrer zu schaffen, die in deutscher Sprache unterrichteten. Das ist ein europäisch-strukturelles Problem. Minderheiten gibt es nicht nur in Rumänien. Die finanziellen Mittel des Forums kommen sowohl aus Rumänien als auch aus Deutschland. Die bundesdeutschen Mittel reduzierten sich im Laufe der 25 Jahre. Das zu hören, trifft die aus Siebenbürgen stammenden, bundesdeutschen Steuerzahlerinnen oder -zahler schmerzlich. Als die Rumäniendeutschen zwischen 1941 und 1990 keine Stimme besaßen, kamen Tausende von Sachsen und Schwaben nach Deutschland. Gewiss, die meisten kamen freiwillig im Krieg als Soldaten, später um dem Sozialismus Ceauşescus zu entkommen. Das ist wahr, aber ein Problem von gestern. Heute dagegen sind die im Lande Verbliebenen an der Reihe. Sie zahlten einen existenziell-horrenden Preis und zahlen ihn noch. In der Diskussion kam das auch in einem eher leisen Ton zur Sprache, obwohl Martin Bottesch diesen schmerzlichen Zusammenhang nicht ansprach. Er ist ein offenes Geheimnis, und er war den Zuhörerinnen und Zuhörern gegenwärtig. Die europäische Dimension dieses Zusammenhangs sollte diskutiert werden. Die Stimme erheben – wie Dr. Fabritius betonte. Die Mittel des rumänischen Staates gehen an gemeinnützige Vereine. Sie steigen und sind heute fast so hoch wie die Unterstützung aus Deutschland. Sie werden für Publikationen und Presseorgane verwendet. Über die große Zahl von Kulturveranstaltungen im Altreich, im Banat, im Buchenland, in Nord- und Südsiebenbürgen kann man nur staunen. Martin Bottesch ging auch auf die Eheschließungen ein, die zu 80 Prozent gemischt (deutsch-rumänisch) seien. Ohne Zuzug von außen, so sein Fazit, werde die deutschsprachige Minderheit nicht lebensfähig sein.

Dr. Bernd Fabritius, München/Berlin, sprach zu den „Perspektiven der Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Rumänien unter Einbeziehung der ausgewanderten und der verbliebenen Rumäniendeutschen“. Er hob die Brückenfunktion hervor auf der politischen Ebene von Staat zu Staat, von Nichtregierungsorganisation zu Nichtregierungsorganisation und in der Gesellschaft. Über alles müsse geredet werden. Zurzeit sei das Projekt mit 18 Kirchenburgen auf der Agenda. Könne man sich nicht auch eine Fortsetzung und Erweiterung mit europäischen Mitteln vorstellen? Sei der Betrieb der Altersheime, in denen rumänische Staatsbürger leben, nicht auch eine Aufgabe des rumänischen Staates? Die Stimme erheben − das war ein von Dr. Fabritius häufig gebrauchtes Bild. Er ging auch auf das brisante Thema einer Erweiterung des Schengenraums ein. Man könne sich Erleichterungen an Flughäfen denken, als eine Lösung zwischen ganzer oder gar keiner Freizügigkeit.

Altbischof Prof. Dr. Christoph Klein, Hermannstadt, deutete den Weg „Von der Volkskirche zur Diasporakirche“ in den letzten 25 Jahren im Lichte der Bibel. Dem kinderlosen Abraham wird ein großes Volk verheißen. Moses blickt am Ende seines gefahrenreichen Lebens in das Land der Freiheit. Noah überlebt die kosmische Gefährdung der Sintflut. Alle drei Dimensionen sind in den vergangenen 25 Jahren sichtbar geworden. „Glaube schafft Zukunft“, schloss er mit Gerhard Ebeling. Von rund 100 000 Menschen 1990, gehören heute noch etwa 13 000 zur Landeskirche. „Vieles Unermessliches haben wir verloren, aber die Zeit war nicht verloren“ (Dietrich Bonhoeffer). Die evangelische Kirche wurde, was sie immer schon war, eine Diaspora-Kirche. Westlich geprägt, versteht sie doch die Ostkirche und ringt mit ihr zusammen um ökologische Aufgaben und um die Ökumene. Sie lernt: Auch Wenige können viel bewirken und über den eigenen Bereich hinaus − in der Diakonie, in der Frauen- und Jugendarbeit und in der Ökumene (Weltgebetstag der Frauen). Die Teilnehmer der „Bilanz“-Tagung im ...Die Teilnehmer der „Bilanz“-Tagung im Heiligenhof. Die Tagung schloss mit einem lebhaften Podium zu „Länderübergreifenden Zusammenarbeit der Politik, der Vereine und Verbände, des Forums und der Kirche“. Hans Gärtner aus Deutschland und vier Teilnehmer aus Rumänien, Bischof Reinhart Guib, Martin Bottesch, Generalkonsul Anton Niculescu und Dr. Stefan Cosoroabă, der moderierte. Er wählte für die Tagung das Bild eines Baumes, dessen Blätter bekanntlich flüstern können: „Ihr lebt ja noch!“ Der Zuspruch sollte die Lebendig-Toten aufhorchen machen in West und Ost. Martin Bottesch erzählte von einem Schlüsselerlebnis kurz nach der Wende. Mit sozialistisch eintrainierter, leiser Beklemmung trat er den Gang zu einer Schulbehörde mit einer Sachfrage an und traf zu seiner freudigen Überraschung auf Aufgeschlossenheit und aufrichtige Hilfsbereitschaft. Er erkannte: Im politisch-öffentlichen Raum kann man etwas tun. Und der Einsatz lohnt. Wie in seinem Grußwort zu Beginn der Tagung beschwor Bischof Guib die bewährte Kraft regelmäßiger (Ver-) Sammlungen, das gilt ganz pragmatisch und ebenso spirituell (Hebräer 10,25). Stefan Cosoroabă stellte am Rande (oder doch nicht am Rande?) das mit der EKD abgestimmte Modell einer doppelten Kirchenzugehörigkeit vor. Der Erlass zur Regelung der Mitgliedschaft von Ausländern in der EKR kann im Internet eingesehen werden (www.evang.ro). Eine nüchterne und zugleich ermutigende Frühlingstagung. Wird sie praktische Folgen haben?

Andreas Möckel

Schlagwörter: Umbruch 1989, Bilanz, Tagung, Bad Kissingen, EKR, Kirche und Heimat

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