6. Juli 2015

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Joaquin trifft Rosa

Joaquin trifft Rosa oder Arm trifft Reich könnte man den Clash der Kulturen in Karin Bruders Jugendbuch „Haifische kommen nicht an Land“ untertiteln. Was dieses Aufeinandertreffen bedeutet und welche Konsequenzen es für den Protagonisten hat, kann man auf 200 zum Teil märchenhaften Seiten nachlesen, wobei aber die Rechnung „armer Campesino heiratet reiche Prinzessin“ nicht eins zu eins aufgeht, auch wenn es so etwas wie ein Happyend gibt.
Joaquins Heimat ist Ometepe, eine kleine Insel im Nicaraguasee. Dort lebt der Zwölfjährige in einem reinen Frauenhaushalt, denn der Vater, 1982, im vierten Jahr der Revolution geboren, ist seit 2011 tot. Erst viel später erfährt der Leser, dass er erschossen worden ist, weil er eine Kuh gestohlen hat, deren Besitzer ihn um seinen Lohn betrogen hat. Joaquin übernimmt die Rolle des Ernährers, indem er mit keineswegs kindgerechten Gelegenheitsarbeiten bei unterschiedlichen Patrones das Geld verdient, das die Familie mehr schlecht als recht über Wasser hält. Dass an einen Schulbesuch für ihn und seine Schwestern nicht zu denken ist, versteht sich von selbst. Ja mehr noch, oft muss er mit knurrendem Magen zur Arbeit gehen und das karge Mahl aus Reis und Bohnen macht nur satt, weil die Mutter noch viel Liebe dazu streut. Trotzdem lässt sich ein Grundgefühl nicht leugnen, das da heißt: „Richtig glücklich kann man nur sein, wenn der Magen nicht knurrt.“

l ... In diese „Dorfidylle“ platzt eines Tages die große, weite Welt herein, und zwar in Gestalt des weißen Mädchens Rosa aus Deutschland, das seinen Vater auf einer Forschungsreise begleitet. Diese Bekanntschaft wird für Joaquin zu einem Schlüsselerlebnis, einem Initiationsritus gleich, und wirft eine Vielzahl von neuen Fragen und Denkanstößen auf wie etwa „Warum Mädchen Macht besitzen“ oder „Warum weiße Mädchen anders sind“ und viele mehr. Aber auch ganz praktische Vorteile hat die neue Freundschaft, als da sind Restaurantbesuche zum Sattessen und sogar ein Vertrag mit Rosas Vater, der eine erkleckliche Summe Geldes für die Mutter in Aussicht stellt und jeden Morgen ein ausgiebiges Frühstück. Die Gegenleistung sind Interviews, bei denen Joaquin ein paar Fragen beantworten soll, allerdings, und das ist der Wermutstropfen in diesem Deal, finden die Treffen auf der Hazienda von Don Alonso statt und der „war der Teufel. Er war sogar noch schlimmer, der Teufel des Teufels.“ Trost spendet der Gedanke, dass er letztlich nicht für Don Alonso, sondern für den Gringo arbeitet, und seine anfänglichen Vorurteile gegenüber Gringos, den Fremden, haben sich längst in Luft aufgelöst.

Vielfältige Begegnungen mit Rosa, die Joaquin die Gelegenheit bieten, seinen Mut unter Beweis zu stellen, etwa bei der Rettung eines Fremdlings vor dem Ertrinken, und die Gespräche mit Rosas Vater, bei denen philosophisches Nachsinnen gefragt ist wie „Gibt es einen Gott?“, „Kannst du einen Stein lieben?“ oder „Wozu gibt es Eltern?“, sind Anlass für vertieftes Nachdenken und klärende Gespräche mit Familienangehörigen und markieren wichtige Stationen auf dem Weg des Erwachsenwerdens. Doch als eines Tages Rosa die Rolle der Interviewerin übernimmt, kommt es zu leichten Verstimmungen, weil sie eine Aussage ihres Vaters aufgreift, wonach der Nicaraguasee Joaquins Tellerrand sei, d. h. sie weist ihn auf seine Unwissenheit hin, was ihn in seinem Stolz verletzt. Die Aufforderung, die Legende von der Entstehung der Insel Ometepe zu erzählen, nimmt er zum Anlass, eine phantasievolle Geschichte zu erdichten, weil er das Original, das Großmutter ihm vor langer Zeit erzählt hatte, nur noch sehr vage erinnert. Diese Geschichte wird ihm allerdings zum Verhängnis, denn Antonio, der Sohn von Don Alonso und Rosas neuer Freund, stempelt ihn vor ihren Augen und Ohren als Lügner ab, sodass er aus Wut und gekränkter Eitelkeit den Entschluss fasst, den „Tellerrand“ zu verlassen. „Ja, ich werde unsere schöne Insel verlassen. Denn drüben wird es noch schöner sein. Nach drüben zu fahren ist fast, als würde ich eine Reise nach Deutschland unternehmen. Ich werde die Welt kennenlernen. Sie wird mir gefallen, diese neue Welt. Drüben liegt der Himmel auf der Erde. Alles ist blau und schön und groß. Und mein Tellerrand wird sich vergrößern.“ In der Bezirkshauptstadt Moyogalpa angekommen, muss Joaquin schmerzlich erfahren, dass sich Pläne nicht so leicht umsetzen lassen und dass das Leben in der Stadt ohne Geld in der Tasche zu einem bitteren Überlebenskampf wird. Aber das Glück taucht in Gestalt eines kleinen Jungen namens Victor auf. Dieser führt ihn zu einer Hilfsorganisation, die ihm den Schulbesuch ermöglicht, was eine Fülle weiterer Zukunftsträume auslöst, die, man kann es nur hoffen, nicht nur Wunschträume bleiben.

Insgesamt ist das ansprechend gestaltete Buch – witzig, gleichzeitig aber durchaus nachdenklich, auch gesellschaftskritisch aus der kindlichen Perspektive des Protagonisten in einer metaphorisch-beseelten Sprache mit ungewöhnlichen Bildern erzählt – eine empfehlenswerte Lektüre, nicht nur für Kinder und Jugendliche.

KaRo


Karin Bruder: „Haifische kommen nicht an Land“, Peter Hammer Verlag, Wuppertal, 2015, 208 Seiten, 12,90 Euro, ISBN 978-3-7795-0513-6

Schlagwörter: Buch, Jugend, Gesellschaft

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