7. Februar 2019

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Das Tagebuch der Kathi Beer (1945-1949)

Zu Beginn des Jahres 1945 wurden alle arbeitsfähigen Deutschen, die sich auf den von der Roten Armee besetzten Territorien Rumäniens, Jugoslawiens, Ungarns, Bulgariens und der Tschechoslowakei befanden, zum Wiederaufbau in der Sowjetunion eingesetzt, darunter rund 70000 Deutsche aus Rumänien. In diesem Jahr sind 74 Jahre seit der Verschleppung zur Zwangsarbeit vergangen, die meisten Deportierten sind inzwischen verstorben. Umso wertvoller sind schriftliche Zeugnisse wie die Aufzeichnungen von Katharina Fabich, geboren am 20. Februar 1923 in Hermannstadt als Katharina Beer, heute wohnhaft in Stuttgart. Am 13. Januar 1945 wurde sie in ihrem Heimatort Neppendorf ausgehoben und kam erst 1949 aus Russland zurück. Über die Erlebnisse während dieser Zeit hat sie später, vermutlich nach ihrer Ausreise nach Deutschland 1979, ein Tagebuch angelegt; wir drucken einige Auszüge daraus, deren Schreibweise weitgehend wie im Original belassen wurde.
13. Januar 1945
Rumänische Militaristen drangen mit aufgepflanztem Gewehr und einer Liste in der Hand in unsere Häuser ein. Auf der Liste standen alle Namen der Frauen von 18-35 Jahren und der Männer von 17-45. Ohne eine Auskunft WARUM? WOHIN? WIESO? mussten wir sofort unsere Häuser verlassen und uns im großen Gemeindesaal melden. Da wurden wir festgehalten – Posten vor der Tür –, keiner durfte mehr hinaus, nicht einmal zur Toilette. Jeder durfte ein kleines Köfferchen mitnehmen mit einer Reihe Kleider und für zwei Tage Essen. […]

Am Abend trat ein rumänischer Beamter auf die Theaterbühne im Saal und versuchte uns in unserer verzweifelten Lage zu beruhigen: Achtung, Genossen! Möchte euch mitteilen, warum ihr hier seid. Beruhigt euch. Bis morgen Abend stellen wir hier Betten auf. Ihr müsst alle für den Staat drei Wochen Arbeitsdienst leisten, dann seid ihr wieder frei. Die erste große Lüge. Kaum schwieg er, da rollten schwere Laster vor die Tür. Nach dem ABC wurden wir verlesen, mein Bruder war der Erste. Nacheinander mussten wir auf die Laster steigen, und ab ging es zum Bahnhof. Dort standen schon die Viehwaggons bereit. Wie Vieh wurden wir hineingeschoben, zugeriegelt und verschleppt nach Russland. […]

Unser Transport landete in Dnjepropetrowsk, dort war ich drei Jahre lang; nachher schaffte man uns nach Saporischja für zwei weitere Jahre. In Dnjepropetrowsk übernahm uns ein jüdischer Leutnant, der konnte ein paar Worte Deutsch, so konnten wir uns mit ihm verständigen. Als Erstes schaffte er uns in die Entlausung. […]

Nach einem halben Jahr wurde dann die Hälfte unserer Frauen auf den Kolchos versetzt, für die Landwirtschaft. Ich war nicht auf der Liste, hätte also nicht mitfahren müssen. Aber als unsere Frauen die traurige Nachricht hörten, dass sie 30 km vom Lager entfernt auf den Kolchos fahren mussten, war die Verzweiflung groß, es flossen Tränen ohne Ende. Diese traurige Geschichte hat mich so angegriffen, dass ich mich entschloss mitzufahren. […]Lageruniform. Zeichnung von Marianne Hüttel, ...Lageruniform. Zeichnung von Marianne Hüttel, geborene Riemer (1925-2015). Am Kolchos kamen wir dann in ein altes Gebäude, da waren Eisenbetten übereinander gestellt, und so dicht nebeneinander, dass wir kaum Platz hatten, uns an- und auszuziehen. Morgens um 5 Uhr wurden wir geweckt, da gab es einen heißen Tee. Nachher gab es 500 Gramm Brot, das war für uns das Wichtigste. Das Brot bestand hauptsächlich aus Kleie. Nach dem Tee ging es hinaus aufs Feld, bis zum Sonnenuntergang tobten die Normen. Ich habe keine Stunde auf dem Feld gearbeitet, ich habe blindes Glück gehabt: Durch meine Sprachkenntnisse war ich im Lager und in der Waschküche.

Was heißt Waschküche? Ein unterirdischer verlassener Ziegenstall, dort standen auf ein paar Ziegelsteinen zwei alte deutsche Benzinfässer; oben hatten sie einen kleinen Ausschnitt, dass man Wasser einfüllen konnte. Das Wasser musste ich 30 m weiter aus einem Brunnen schöpfen. Wenn die Fässer gefüllt waren, musste ich mit Stroh und Mist unter den Fässern Feuer machen und das Wasser erhitzen. Ein kleines Holzfenster ohne Scheiben brachte Licht ins Dunkle. Eine einfache Tür aus alten Brettern ohne Griff, die hat man mit dem Fuß auf- und zugestoßen. Der Fußboden war Erde, der Abfluss ein Loch in der Ecke, auch in der Erde. Hier habe ich zwei Jahre gearbeitet. So armselig das Ziegenställchen war, so hilfreich war es für viele hungernde Frauen. Meine Arbeit war es, Wäsche zu waschen und zu kochen in diesen Benzinfässern, sodass auch gleich die Läuse vernichtet waren.

Am Morgen ging ich mit einem Wägelchen, hochbeladen mit Wäsche, zum Lager hinaus, sodass die Postin zu mir sagte: Mein Gott, wie schaffst du das alles, kannst du an einem Tag so viel waschen? Dabei hatte ich ja fast keine Wäsche dabei. Was am Wägelchen gestapelt war, das waren lauter Konservendosen, 1/2 Liter groß, die waren alle voll mit Körnern, Bohnen, Erbsen, Mais und Kartoffeln. Unter den Waschfässern war ein Loch, 30 cm hoch und 80 cm lang, weil ich ja mit Stroh heizen musste. Da hab ich diese Dosen alle hineingeschlichtet, neben- und übereinander, und in der Mitte Feuer. So habe ich bis abends, wenn die hungrigen Frauen gekommen sind, alles gekocht. Diese Körner waren natürlich alle geklaut vom Kolchos. Jede Frau hat sich ein kleines Säckchen gemacht und unter den Rock gehängt, sodass man es von außen nicht merken konnte, denn die Kontrollen waren sehr streng; es war 1946/47 große Hungersnot. Viele sind damals den Hungertod gestorben. […]

Meine Kusine warf sich vor Verzweiflung unter einen Zug, der mit glühendem Koks beladen war. Ihr Kopf wurde abgetrennt und rollte davon. Nach drei Tagen wollten wir sie holen, zum Begraben. Die Leiche war in eine Kirche am Ufer des Dnjepr gebracht worden. Als ich da reinkam, war ich erst mal sprachlos – da war eine Totenhalle mit mindestens 200 bis 300 Toten, nackt und geschlichtet wie das Klafterholz, alle mit einem Zettel an der Hand. Wir holten meine Kusine, der Kopf war wieder angenäht. Ein kleiner Laster sollte uns zum Friedhof führen, wir waren vier Frauen aus unserem Heimatdorf. Es war im Januar, ein stürmischer, eiskalter Tag, es schneite ohne Ende. Der Friedhof war 15 km entfernt. Nachdem wir eine Strecke gefahren waren, hat uns der Chauffeur abgeladen, ungefähr fünf km vor dem Friedhof. Wegen dem hohen Schnee konnte er nicht mehr weiterfahren. Wir sind gleich bis übers Knie im Schnee versunken, mussten trotzdem den Sarg bis zum Friedhof tragen. Auf zwei Leintücher hatten wir den Sarg gelegt, und so sind wir durch den dicken Schnee marschiert, zwei Frauen auf einer Seite und zwei auf der anderen bis zum Friedhof. Kalt war es uns nicht – wegen der Last, die wir völlig geschwächten Frauen zu tragen hatten, und des ständigen Stolperns im Schnee floss uns der Schweiß den Rücken runter. Am Friedhof angekommen, kam uns der Friedhofswächter entgegen, sah uns ganz erstaunt an und fragte uns: Wohin mit der Toten? Es ist doch kein Grab offen. Drauf hab ich ihm gesagt, uns hat der Leutnant gesagt, das Grab steht offen und wir sollen die Tote hineinlegen und das Grab offen lassen, solange die Erde steinhart gefroren ist; zudecken können wir, wenn der Schnee schmilzt. Darauf führte er uns zu einem Grab. Wir waren sprachlos – da lag ein junger deutscher Soldat, den hatten seine Kameraden ein paar Stunden zuvor dort hinein gelegt. Splitternackt und ohne Sarg und nur 40 cm tief. Wie ein Ballon aufgeblasen von der Kälte und steinhart gefroren. Da sagte der Wächter: Da müsst ihr den Sarg draufstellen, oder kommt mit! Er führte uns zu einem Massengrab, wo deutsche Kriegsgefangene lagen, ungefähr 30 Quadratmeter groß, auch alle splitternackt und nur 30 cm tief in der Erde, alle kreuz und quer hineingeschlichtet wie das Klafterholz. Kein Gramm Erde, nur Schnee deckte die Leichen zu. Nachdem wir diese schrecklichen Tatsachen gesehen hatten, legten wir meine tote Kusine über die Leiche von diesem jungen deutschen Soldaten. Der Sarg ragte 20 cm über die Erdoberfläche. Wir schaufelten ein bisschen Schnee über den Sarg und verließen den Friedhof in tiefer Trauer und mit einem unglaublichen Schock. Wir wussten ja nicht, ob nicht auch unsere Brüder oder Jugendfreunde in dem Massengrab lagen. Im Frühjahr rief mich der Leutnant und sagte mir, er gebe mir acht Männer mit, die ein Grab ausheben sollen, damit wir die Leiche in die Erde legen. Das haben wir dann gemacht, haben sie an einen kleinen Hügel gelegt neben zehn andere Mädchen und Frauen, die im Jahr 1947 den Hungertod gestorben waren. […]

In der letzten Woche [vor der Entlassung nach Rumänien; Anm. d. Red.] wollte man uns die Tage so schön machen wie nur möglich. Die alten Kleider mussten wir auf einen Haufen mitten im Hof werfen, und wir bekamen neue Kleider. Man führte uns auch ins Kino und Theater, denn man wollte uns schöne Erinnerungen einprägen. Doch die bitteren, traurigen Stunden, die unseren Leuten widerfahren sind; die vielen, die den Hungertod gestorben sind – all das können wir nicht so schnell vergessen.

Schlagwörter: Deportation, Russlanddeportation, Zeitzeugin, Tagebuch, Geschichte, Zweiter Weltkrieg

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