31. Dezember 2020

Russlanddeportation als Romanthema: „Am Himmel drei Sterne“ von Maya Freiberger

Es ist der Winter 1944/45. Die russische Armee ist in Rumänien einmarschiert. Die junge Siebenbürger Sächsin Selma wird zusammen mit ihrer Schwester Irma zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion deportiert. „Eine junge Frau kämpft für die Freiheit – und um das Leben ihrer Schwester“, so wird der Roman „Am Himmel drei Sterne“ auf dem Cover beschrieben. Er ist in diesem Jahr neu im Aufbau Verlag erschienen und stammt aus der Feder von Maya Freiberger, einem Pseudonym für den Schriftsteller Christian Zeitmann, Jahrgang 1975, und seine Frau. Deren Tante hat ihre Erlebnisse der Deportation aufgeschrieben und damit erfreulicherweise das Ehepaar zu diesem Buch inspiriert. Der Roman basiert also auf wahren Begebenheiten.
Er fügt sich ein in die zahlreichen Frauengeschichten, die sich seit mehreren Jahren auf dem deutschen Buchmarkt großer Beliebtheit erfreuen. Im Mittelpunkt steht eine Frau oder eine Familie, die Handlungen reichen in die jüngere Vergangenheit zurück. Auffällig viele dieser Romane spielen in den früheren deutschen Siedlungsgebieten im Osten. Mit „Am Himmel drei Sterne“ ist das Thema der Russlanddeportation ­zigtausender Rumäniendeutscher zum Ende des Zweiten Weltkrieges in der Unterhaltungsliteratur angekommen.

Wer hier autobiographische Erinnerungsliteratur erwartet, wird zwangsläufig enttäuscht werden, denn der Ansatz ist ein anderer. Hier geht es darum, eine interessante Handlung zu erzählen, einen Spannungsbogen aufzubauen und Hauptfiguren zu präsentieren, die die Leserinnen und Leser sympathisch finden. Im Nachwort schreiben die Autoren, dass es ihnen ein Anliegen war, die Memoiren der Tante nicht nur im Kreise der Familie zu erzählen, sondern darüber hinaus. Sie geben an, die Geschichte an einigen Stellen verändert zu haben. Was also tatsächlich nacherzähltes Lebensschicksal ist und was erfunden wurde, bleibt im Dunkeln.

So entstand eine Geschichte mit vielen Abenteuer- und Spannungselementen: Da sind einerseits der Hunger und die harte Zwangsarbeit, andererseits gibt es einen Wächter im Lager, der nicht so hartherzig ist, wie er tut, und einen Lagerarzt, der Selma schöne Augen macht. Zudem ist ihre Schwester Irma kränklich, sodass Selma immer verzweifelter versucht, ihren Namen auf eine der Listen von Personen zu bringen, die nach Hause geschickt werden. Als dann ein einflussreicher Russe erfährt, dass eine Frau im Lager ein Kind von seinem inzwischen toten Sohn hat, überschlagen sich die Ereignisse …

Für spannende Handlungselemente ist also viel Raum. Aus Sicht derer, die die Deportation am eigenen Leib erlebt haben, und deren Nachkommen wäre weniger Abenteuer und mehr bittere Alltagsrealität wünschenswert gewesen: der immer gleiche Ablauf von Hunger, Schufterei und quälender Ungewissheit. Die Schikanen, die Erkrankungen, die Hoffnung und Verzweiflung.

„Am Himmel drei Sterne“ ist ein gut gemachter und gut recherchierter Unterhaltungsroman. Fehler in der Wiedergabe historischer Begebenheiten finden sich nicht, soweit man das als Nichthistoriker und jemand, der nicht zur Erlebnisgeneration gehört, beurteilen kann. „Löcher“ und Ausblendungen gibt es leider schon. So wird zum Beispiel mit keiner Silbe erwähnt, ob es für Selmas Vater im sozialistischen Rumänien Konsequenzen hat, dass er während der Nazizeit Bürgermeister war. Nichtsdestotrotz ist diesem Roman eine große Leserschaft zu wünschen, denn wer sich hier von der spannenden Handlung unterhalten lässt, erfährt vom Schicksal der Russlanddeportierten, das in der deutschen Öffentlichkeit nach wie vor kaum präsent ist.

Luise Frank


Maya Freiberger: „Am Himmel drei Sterne“. Roman. Aufbau Taschenbuch Verlag, Berlin, 2020, 448 Seiten, 9,99 Euro, ISBN 978-3-7466-3652-8.

Schlagwörter: Russlanddeportation, Roman, Buch, Geschichte, Besprechung

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