30. Oktober 2021

"Die Akte Hanna": Radiofeature über die rumäniendeutsche Journalistin Helga Höfer

„Eine Frage, die mich umtreibt, seit ich denken kann: Wenn niemand das Regime ernstgenommen hat, warum haben alle so lange mitgespielt? Wie funktioniert so ein System, wenn sich niemand damit identifiziert?“ Wer da fragt, ist Senta Höfer, geboren 1971 in Bukarest, Tochter der Journalistin Helga Höfer, die für den Neuen Weg und die Neue Literatur arbeitete und Ende der 1960er Jahre vom Bayerischen Rundfunk angeworben wurde. Von der rumänischen Hauptstadt aus bahnte sie in den 1970er und 1980er Jahren Kontakte an, recherchierte, führte Interviews und übersetzte; die westdeutschen Korrespondenten strickten daraus ihre Beiträge. Helga Höfers Arbeit lenkte die Aufmerksamkeit des rumänischen Geheimdienstes, der Securitate, auf sie und ihre Familie – die „Akte Hanna“ entstand.
Über 30 Jahre später, 2012, beantragt Senta Höfer bei der Landesbehörde zur Verwaltung der Securitate-Akten in Bukarest (CNSAS) Einsicht in die Akte ihrer Mutter, die ihr auch gewährt wird. „Ich lasse mir die Akten kopieren. Sie begleiten mich bis heute.“ Gut 850 Seiten liest sie, spürt dabei „Widerwillen und Rührung“ und ist bestürzt über „die schiere Anzahl der Menschen, die auf uns angesetzt waren“.

Aus dem Radiofeature „Die Akte Hanna“, das aus Senta Höfers Beschäftigung mit der Vergangenheit ihrer Mutter entstanden ist, erfährt man, dass Helga Höfer „vor allem im Hintergrund wirkte“ und sich im Kulturressort der Zeitung Neuer Weg „am wohlsten fühlte“; die Arbeit für das westdeutsche Fernsehen nahm sie nur an, weil sich daraus materielle Vorteile ergaben und sie so mehr Zeit für ihre Kinder Hanno und Senta hatte.
Peter Miroschnikoff (rechts) mit Gustav Binder, ...
Peter Miroschnikoff (rechts) mit Gustav Binder, Studienleiter von der Akademie Mitteleuropa/Heiligenhof in Bad Kissingen (2014). Foto: Konrad Klein
Helga Höfer wurde 1941 als Tochter des Banater Schauspielers Stefan Heinz (Hans Kehrer) geboren, studierte Germanistik und heiratete 1966 Edmund Höfer, den langjährigen (1957-1987) Fotoreporter des Neuen Weg – „mein despotischer Vater“, wie Senta ihn nennt. Von klein auf ist die Securitate unsichtbare Begleiterin ihres Lebens – „ein geschützter Raum war unsere Blockwohnung nie (…) ich lernte sehr früh verschlüsselt zu sprechen, zwischen den Zeilen zu lesen“; dass ihre Eltern keine Parteimitglieder sind, beeinträchtigt ihr Leben. Unbegreiflich damals, dass ihr die Teilnahme am Pionierlager verwehrt wird und sie nicht mitfahren darf.

Mit Peter Miroschnikoff, langjähriger ARD-Korrespondent (1978-2007) für Südosteuropa in Wien, berichtet Helga Höfer im Dezember 1989 über den Umsturz in Rumänien. Zu diesem Zeitpunkt ist sie bereits mit Mann und Kindern nach Deutschland ausgereist, mit der Auswanderung im August 1988 wird ihre Securitate-Akte geschlossen. In einem Interview mit der Siebenbürgischen Zeitung schildert Miroschnikoff 2010 die journalistischen Herausforderungen in Ländern des ehemaligen Ostblocks und preist Helga Höfers Qualitäten: „Also grundsätzlich galt für die gesamte Berichterstattung in Ländern mit früher autoritären Regimen, dass wir auf lokale, regionale Mitarbeiter angewiesen waren. Wir hatten das große Glück gehabt, in Rumänien mit Helga Höfer, die früher auch für den Neuen Weg und die Neue Literatur gearbeitet hat, jemanden zu haben, der dieses Gespür hatte und der auch relativ schnell einem Neuling wie mir damals signalisiert hat: Achtung, hier stößt du an bedenkliche Grenzen.“

Die Journalistin Senta Höfer, die mit ihrer Familie in Berlin lebt, hat nicht nur die Securitate-Akte ihrer Mutter gelesen, sondern auch Zeitzeugen getroffen, unter ihnen den oben erwähnten Peter Miroschnikoff, aber vor allem Freunde ihrer Eltern aus der Bukarester Zeit oder deren Kinder.

Ihr knapp einstündiges Radiofeature „Die Akte Hanna“, 2019 für Deutschlandfunk Kultur produziert, eine Mischung aus Gesprächen mit diesen Zeitzeugen, historischen Aufnahmen aus Fernsehbeiträgen, Spielszenen und wunderbarer Musik, ist ein echtes Hörerlebnis. „Ich will niemanden anprangern. Ich will verstehen, wie das Leben in der Diktatur funktioniert hat und was das mit uns heute zu tun hat.“ Ihre Mutter kann sie nicht mehr fragen – Helga Höfer starb 1993 mit knapp 52 Jahren an Krebs.

Doris Roth


„Die Akte Hanna“ von Senta Höfer. Mit Imogen Kogge, Leonie Rainer, Leopold von Verschuer, Thomas Arnold, Jon Kiriac, Regie: Cordula Dickmeis, Ton: Jan Fraune, Produktion: Deutschlandfunk Kultur 2019, Länge: 56:29. Zu hören online auf www.deutschlandfunkkultur.de

Lesen Sie auch:

Edmund Höfer: Eine rumäniendeutsche Fotografenlegende ist tot, Siebenbürgische Zeitung Online vom 28. September 2014

Schlagwörter: Journalistin, Banaterin, Bukarest, Neuer Weg, Neue Literatur, ARD, Bayerischer Rundfunk, Porträt, Radio-Tipp, Securitate, Geschichte

Bewerten:

41 Bewertungen: +

Noch keine Kommmentare zum Artikel.

Zum Kommentieren loggen Sie sich bitte in dem LogIn-Feld oben ein oder registrieren Sie sich. Die Kommentarfunktion ist nur für registrierte Premiumbenutzer (Verbandsmitglieder) freigeschaltet.