8. Dezember 2006

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Das Buch zum Kulturhauptstadtjahr

Pünktlich vor Beginn des Jahres 2007, in dem Hermannstadt zusammen mit der Großregion Luxemburg Kulturhauptstadt Europas sein wird, legt der Böhlau Verlag eine erste zusammenfassende Darstellung der Ortsgeschichte vor. Ihr Verfasser Dr. Harald Roth, Leiter des Siebenbürgen-Instituts an der Universität Heidelberg, schließt damit eine Marktlücke, denn überraschenderweise gibt es zwar mehr oder weniger gute Reiseführer und mehr oder weniger gelungene Bildbände über Hermannstadt, aber – außer der trockenen Stadtchronik von Emil Sigerus – keinen ernstzunehmenden Überblick über die faszinierende Entwicklung von einer blühenden Metropole des Mittelalters zum pulsierenden Kultur- und Wirtschaftsstandort von heute.
Das Buch versteht sich als eine „knappe Synthese“, die auf „eine Vielzahl hervorragender und teils sehr umfangreicher Einzeluntersuchungen“ aufbaut, wie Harald Roth einleitend mit einem gewissen Understatement und mit dem Dank an deren Autoren feststellt. Wenn man allerdings das in sechs Kapitel gegliederte Buch liest, stellt man fest, dass es genau die Fragen beantwortet, die sich der heutige Leser stellt, dabei akribisch genau vorgeht, aber zugleich spannend zu schildern versteht. Selbstverständlich wirft das Buch auch Fragen auf, die die künftige Forschung anregen und zu einer vertieften Kenntnis einer Stadt beitragen werden, die „heute ein Bild europäischer kultureller Pluralität par excellence“ bietet, wie die Werbung auf dem Umschlag verspricht.


Harald Roth hat schon ein sehr anregendes Buch über seinen Heimatort Kronstadt herausgegeben, in dem mehrere Autoren ihre Stadt aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachtet haben. Die Hermannstadt-Synthese ist in ihrer ganzen Anlage eher mit der erfolgreichen, ebenfalls bei Böhlau erschienenen und inzwischen auch ins Rumänische und Ungarische übersetzten „Kleinen Geschichte Siebenbürgens“ zu vergleichen. Sie verfolgt die große Wellenlinie des Auf und Ab einer geschichtlichen Entwicklung – ohne sich auf eine erdrückende Schilderung von Fakten zu konzentrieren –, und lässt das charakteristische Detail für das Ganze sprechen.

Das auf diese Weise auch für Laien gut lesbare (und anschaulich geschriebene) Buch gliedert die Stadtgeschichte in sechs Zeitabschnitte, die von der „villa“, dem Dorf Hermanns, zur mittelalterlichen Handelsmetropole (ca. 1150-1526), von der Hauptstadt der Sächsischen Nation (1526-1614) zur „bescheidenen“, unter den Kriegswirren des 17. Jahrhunderts besonders leidenden Stadt (1614-1687), von der Landeshauptstadt einer Provinz des Habsburgerreiches (1687-1849) zur „modernen“, allerdings politisch bedeutungslosen Stadt der Jahrhundertwende (1850-1918), „von der vergessenen Provinzhauptstadt zur europäischen Kulturhauptstadt (1918-2007)“ führen. Dabei werden interessante Begebenheiten ebenso geschildert wie Urteile über Handlungen der Stadtgemeinde oder von Einzelpersonen gefällt, bisher nicht gestellte Fragen beantwortet und neue gestellt, Wissen nicht voraussetzt, sondern vermittelt. Vor allem aber wird die Vielfalt dieser Stadt nicht nur einem Teil ihrer Bewohner zugeschrieben, sondern der Beitrag aller zum Gedeihen des Gemeinwesens berücksichtigt.

Man muss das Buch zusammen mit den sparsamen, aber sorgfältig ausgewählten Abbildungen (einschließlich der hervorragenden Fotografien von Arne Franke) lesen und man muss die Umschlaginnenseiten öffnen, um vorne den sehr klaren Stadtplan mit den wichtigsten Straßen, Gebäuden und Verteidigungsanlagen zu betrachten, hinten aber die einprägsame Karte der „Hermannstädter Provinz“ (der „Sieben Stühle“) einzusehen. Denn so behält man den Überblick über die im Buch geschilderten bau- und verteidigungsgeschichtlichen Aspekte, versteht man die Bedeutung des Umlandes einer Stadt, die weit in die Region hinein gewirkt hat, von dieser aber auch wirtschaftlich und demographisch abhängig war. Denn das Buch behandelt die Stadtgeschichte als Ganzes, verharrt nicht bei der politischen Entwicklung allein, sondern berücksichtigt auch den alltäglichen zwischenmenschlichen Umgang, das wirtschaftliche und kulturelle Leben, die Veränderung der Wohnverhältnisse und der Bevölkerungszusammensetzung, der Mentalität und des Selbstbewusstseins der „Haupt- und Hermannstädter“.

Man kann das Buch als facettenreichen historischen Roman aufnehmen und genießen. Stellt man es schließlich ins Regal, dann weiß man, dass man es immer wieder hervorholen wird, um Antwort auf die eine oder andere Frage zu finden, die man sich stellt, wenn man an Hermannstadt denkt, um es mitzunehmen, wenn man in die Kulturhauptstadt fährt. Nicht zuletzt kann man die Entscheidung der Europäischen Union, Hermannstadt diese große Ehre zuteil werden zu lassen, erst in vollem Umfange nachvollziehen, wenn man dieses Buch gelesen hat, das nach dieser Entscheidung, aber von derselben angeregt erschienen ist.

Konrad Gündisch

Harald Roth: Hermannstadt. Kleine Geschichte einer Stadt in Siebenbürgen. Köln, Weimar, Wien: Böhlau Verlag 2006. 233 Seiten, 16 Bildtafeln mit Fotografien von Arne Franke, 15 Abbildungen , 1 Stadtplan, 1 Karte, 22,90 Euro, ISBN-10 3-412-05106-3, ISBN-13 978-3-412-05106-8.

Schlagwörter: Rezension, Hermannstadt, Kulturhauptstadt

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