30. April 2009

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Situation der deutschsprachigen Schulen und Abteilungen in Rumänien

Die massive Abwanderung der deutschen Bevölkerung nach der Wende und die Tatsache, dass auf den Dörfern „die Dämme brachen“, schienen zugleich das Ende der deutschsprachigen Schulen und Abteilungen in Rumänien zu bedeuten. In vielen ländlichen Ortschaften blieb nur die Kindergarten-Abteilung und eine wenig gegliederte Grundschul-Abteilung bestehen – oft musste auch diese aufgelöst werden – auf der Stufe des Gymnasiums mit den Klassen 5-8 blieben nur wenige Abteilungen übrig und die Lyzealstufe (9-12) konzentrierte sich ohnehin in großen Städten. Aber in den Städten stabilisierte sich die Lage innerhalb weniger Jahre, und dem großen zahlenmäßigen Rückgang in den Kerngebieten stehen Neugründungen in den Randgebieten wie dem Banater Bergland und vor allem in dem Kreis Sathmar gegenüber.

Schülerzahlen, die überraschen

So überrascht die Zahl der Vorschulkinder und Schüler, die in Rumänien deutschsprachige Bildungseinrichtungen vom Kindergarten bis zum Lyzeum besuchen: Nach den amtlichen Statistiken waren das in den letzten Jahren konstant rund 20 000. Die Schulkommission des Demokratischen Forums der Deutschen in Rumänien erfasste im Schuljahr 2007/2008 insgesamt 19 293 Kinder und Jugendliche: In 151 Kindergärten 5 473 Kinder, in 85 Allgemeinschulen (Klassen 1-8) 10 086 Schüler und in 23 Lyzeen 3 734 Schüler. In Siebenbürgen lag die Gesamtzahl immer knapp über 10 000: Im Schuljahr 2007/2008 waren es 11 010 Kinder und Schüler: In 84 Kindergärten 3 059 Kinder, in 44 Allgemeinschulen 5 761 Schüler und in 13 Lyzeen 2 190 Schüler. Allerdings enthalten diese Statistiken auch Schulen, in denen, aufgrund des Lehrermangels, nur wenige Fächer in deutscher Sprache unterrichtet werden konnten. Es ist erstaunlich, dass sich diese Zahlen, trotz des deutlichen Rückgangs der Schülerzahlen in Rumänien aufgrund der demographischen Entwicklung, nur wenig verändert haben. Die Zahl der Kinder im Kindergarten ist leicht angestiegen (allein in der Stadt Hermannstadt gibt es 17 Kindergarten-Abteilungen mit 32 Gruppen), die Zahl der Schüler an Lyzeen leicht zurückgegangen.

Die hier erfassten „deutschsprachigen Schulen und Abteilungen“ bilden keine einheitliche Gruppe. Das Spektrum reicht von der großen, drei- oder gar vierzügigen Grundschule bis zur einklassigen Grundschul-Abteilung mit weniger als zehn Schülern, von den Allgemeinschulen, in denen fast alle Fächer Deutsch unterrichtet werden können bis zu deutschsprachigen Abteilungen, in denen der Unterricht nur in zwei oder drei Fächern und im Extremfall nur in dem Fach „Deutsch als Muttersprache“ (mit einem anspruchsvolleren Lehrplan als „Deutsch als Fremdsprache“) in deutscher Sprache erfolgt, wie im letzten Schuljahr in Viktoriastadt. Friedrich Philippi, der Vorsitzende der Schulkommission des Demokratischen Forums der Deutschen in Siebenbürgen, schreibt dazu: „Es ist gewagt, diese Schulen noch als deutschsprachige Schulen zu bezeichnen.“ Eigentlich handelt es sich um Schulen mit erweitertem Deutschunterricht. Sie werden weiter einbezogen in der Hoffnung, dass in Zukunft vielleicht doch deutschsprachige Lehrer zu Verfügung stehen. Die Bergschule in Schäßburg: So prägend wie das ...Die Bergschule in Schäßburg: So prägend wie das neben der Bergkirche gelegene „Joseph-Haltrich-Lyzeum“ für das Schäßburger Stadtbild ist, so prägend war und ist das Schulwesen für die Entwicklung der siebenbürgisch-sächsischen Kultur. Foto: Hermann Fabini
Selbstständige Schulen, die ausschließlich Klassen mit deutscher Unterrichtssprache führen, sind die fünf „Lyzeen mit deutschsprachigem Unterricht“, die organisatorisch auch den Unterbau der Klassen 1-8 oder 5-8 umfassen: - Das Theoretische Lyzeum „Nikolaus Lenau“ in Temeswar mit im Schuljahr 2007/2008 1 267 Schülern in den Klassen 1-12;

- das „Deutsche Goethe-Kolleg“ in Bukarest (bis 2002 „Theoretisches Lyzeum Hermann Oberth“) mit 1 355 Schülern in den Klassen 1-12;

- das Theoretische Lyzeum „Johannes Honterus“ in Kronstadt mit 1 1.78 Schülern in den Klassen 1-12;

- das Nationalkolleg „Samuel von Brukenthal“ in Hermannstadt mit 790 Schülern in den Klassen 5-12;

- das Theoretische Lyzeum „Johann Ettinger“ in Sathmar mit 564 Schülern in den Klassen 1-12.

- Dazu kommt als selbstständige deutschsprachige Schule die „Hermann-Oberth-Schule“ in Mediasch als Allgemeinschule (sozusagen Schulzentrum für die Umgebung), mit 467 Schülern in den Klassen 1-8.

Von den 14 „Lyzeen mit deutschsprachigen Abteilungen“ (mit ganzen Klassenzügen von der 9. bis zu 12. Klasse) liegen neun in Siebenbürgen – darunter so traditionsreiche Schulen wie das „Joseph-Haltrich-Lyzeum“ in Schäßburg (mit 494 Schülern in den Klassen 1-12) und das „Stephan-Ludwig-Roth-Lyzeum“ in Mediasch mit 215 Schülern in den Klassen 9-12.

Schwierig ist die Lage auf dem Land. Die Statistik des Schuljahres 2007/2008 für Siebenbürgen enthält 19 Schulen, in denen es nur die Klassen 1-4 gibt, 13 von ihnen in Ortschaften ohne deutschsprachige Gymnasialstufe. In 14 dieser Schulen gibt es Simultanunterricht mit kleiner Schülerzahl, in neun Schulen mit weniger als zehn Schülern.

In Orten, in denen weniger als 50 Schüler die Klassen 5-8 besuchen, ist der Fortbestand der deutschsprachigen Abteilung in Gefahr (und das waren im Schuljahr 2007/2008 Elisabethstadt, Viktoriastadt, Neumarkt am Mieresch, Mühlbach, Agnetheln, Reps und Petersdorf bei Mühlbach). Dann müssten die Schüler eine Schule in den Zentren oder die rumänische Abteilung besuchen.

„Schulen in der Sprache der deutschen Minderheit“

Die hohen Schülerzahlen in den deutschsprachigen Bildungseinrichtungen haben ihren Grund in dem starken Zustrom rumänischer Schüler. Neben dem guten Ruf der alten Traditionsschulen ist es vor allem die Hoffnung auf bessere Studien- und Berufschancen im In- und Ausland, die rumänische Eltern veranlassen, ihre Kinder in deutschsprachige Schulen und Abteilungen zu schicken.

Dadurch hat sich der Charakter dieser Schulen natürlich verändert: Sie sind nicht mehr „siebenbürgisch-sächsische Schulen“ oder „schwäbische Schulen“ auch nicht mehr „deutsche Schulen“ im alten Sinne, also nicht mehr Schulen der deutschen Minderheit – die Schüler deutscher Muttersprache sind hier selbst in der Minderheit, ihr Anteil an der Schülerzahl liegt unter 10%. Aber nach wie vor sind es „Schulen in der Sprache der deutschen Minderheit“. Sie haben darum im Demokratischen Forum der Deutschen in Rumänien einen verlässlichen Partner, der entschlossen ist, den durch das rumänische Unterrichtsgesetz vorgegebenen Status zu nutzen und ihnen im Rahmen seiner Möglichkeiten Unterstützung zu gewähren. Das Treppenhaus der Brukenthalschule in ...Das Treppenhaus der Brukenthalschule in Hermannstadt, 2005. Foto: Hermann Bolthes
„Im Falle der deutschsprachigen Schulen wird trotz der Zusammensetzung der Schülerschaft der Minderheitencharakter nicht in Frage gestellt. Konkret bedeutet dieses, dass das Ministerium anerkennt, dass hinter diesen Schulen eine Minderheit steht, die bestimmte Ansprüche stellt.“ Dies schreibt Martin Bottesch, bis 2008 (bis zu seiner Bestätigung in Persönlichkeitswahl als Vorsitzender des Kreisrats des Kreises Hermannstadt) Vorsitzender der Schulkommission des Landesforums, dem Vertreter aller Regionen angehören. Und auch in den Augen rumänischer Eltern gelten diese Schulen noch immer als „Minderheitenschulen“, als „deutsche Schulen“. Das erklärt, warum sie sich an das Demokratische Forum der Deutschen in Rumänien wenden, wenn es um Fragen geht, die über lokale Probleme hinausgehen. „Somit tritt eine Minderheit, aus deren Reihen weniger als 10% der Schüler entstammen, als Fürsprecherin der ganzen staatlichen deutschsprachigen Schulnetzes auf“, stellt Bottesch fest. Die Schulkommission des Demokratischen Forums „unterstützt das Ministerium in allen bildungspolitischen Fragen, die zur Festigung des Stellenwerts des deutschsprachigen Unterrichts beitragen“, heißt es in einer Darstellung des Ministeriums. Sie vertritt die Forderungen und Interessen dieser Schulen (zunächst im Kontakt mit den Kreisschulbehörden und wenn nötig mit dem Ministerium) und sie erhebt jährlich eine Schulstatistik, um einen Überblick über die Entwicklung zu behalten. Sie hat sich besonders um die Übersetzung, Finanzierung und Drucklegung der Schulbücher für die Lyzealstufe verdient gemacht.

Die deutschsprachigen Schulen und Abteilungen sind eingebunden in das rumänische Schulwesen – und dieses Schulwesen hat gravierende Mängel. Sehr häufige, wenig oder gar nicht vorbereitete „Reformen“ machen eine mittelfristige Planung schwer. Darüber klagen auch Lehrer in Deutschland, aber der Blick auf Rumänien zeigt, dass es beträchtliche Steigerungsmöglichkeiten gibt: Unterrichtsminister werden „ständig ausgewechselt“ (sogar mehrmals in einer Legislaturperiode!) und „keiner setzt fort, was der Vorgänger angefangen hat“. Die rumänischen Lehrergewerkschaften brachten die Diskussion um das neue Unterrichtsgesetz im Februar 2008 auf die Formel: „Die 29. Unterrichtsreform in zehn Jahren“. „Unfähigkeit oder mangelnder Wille zu jeglicher Konsequenz“, „ewig schlechte Organisation“, „Verdrängen der Realität durch Eintauchen in eine Scheinwelt“ – so charakterisieren Lehrer und Schulleiter die Situation. Hinzu kommen die Probleme einer wenig entwickelten Zivilgesellschaft mit einem ausgeprägten Individualismus, einer „Gesellschaft im Umbruch, die wenig Beständiges, dafür umso mehr Oberflächlichkeit zu bieten hat“ (Gerold Hermann).

Nach den „Jahren der Reform“ (1997-1999) unter Bildungsminister Andrei Marga, in denen den einzelnen Schulen ein Spielraum zur eigenen Profilbildung eröffnet wurde, wird wieder die Tendenz zum Zentralismus deutlich. Prüfungsmodalitäten setzen dem Bemühen um selbstständiges und selbstverantwortliches Lernen Grenzen.

Ein pädagogisch sensibler Gastlehrer schrieb mir treffend, ihm sei „sehr deutlich geworden, dass die deutschsprachigen Schulen sich nur sehr bedingt abkoppeln können vom Umfeld, in dem sie existieren, dass die eigene Profilbildung dort an Grenzen stößt, wo tief eingewurzelte Mentalitäten und Gewohnheiten in- und außerhalb der Schule Platz greifen.“ Aber es gibt Schulleiter und Lehrer mit bewundernswerter Gelassenheit, die mutig, engagiert und konsequent Freiräume nutzen.

Das pädagogische Profil

In diesem Rahmen – und mit diesen deutlichen Grenzen – hat sich in dem Leben und der Arbeit der deutschsprachigen Schulen und Abteilungen in den letzten Jahren vieles verändert. Schon die äußeren Arbeitsbedingungen haben sich in einigen Schulen deutlich verbessert: Die Gebäude des Joseph-Haltrich-Lyzeums einschließlich des Internats (des Alberthauses) sind mit einer „ungewöhnlich großen Hilfe“ und dank des großen Engagements des Ehepaares Karl und Annemarie Scheerer großzügig „generalsaniert“ worden und befinden sich in einem „ausgezeichneten Zustand“. Die Brukenthalschule hat endlich eine neue Turnhalle erhalten und die Mansarde wurde ausgebaut. In der Honterusschule wurden die Schulgebäude renoviert und ehemalige Schüler staunen bei einem Besuch über die wohnlichen Schulräume.

Kennzeichen der deutschsprachigen Schulen und z. T. auch der Abteilungen ist immer noch das lebendige „Schulleben“, auch wenn sich die Tätigkeitsfelder verändert haben. Es gibt keine Schilager alten Stils mehr, keine Blaskapellen, kaum noch Schülerorchester und auch der Schulchor ist keine Selbstverständlichkeit mehr, aber es gibt Tanzgruppen. Theatergruppen, Ausflüge, Schulfeste, öffentliche Veranstaltungen und eine Vielzahl von Projekten, z. T. sogar in den Ferien, auch schulübergreifende Projekte, z. T. zusammen mit Schulen aus dem Ausland.

Zu der „nachwirkenden Tradition“ kamen nach der Wende neue Möglichkeiten: Neue Medien und Materialien, intensive Kontakte zum deutschen Sprachraum, Studienaufenthalte und Fortbildungskurse im Ausland, Schulpartnerschaften mit Schulen im Ausland, Schüleraustausch, Sprachdiplom und Anregungen durch das Fortbildungszentrum und durch Gastlehrer.

Seit 1990 arbeiten auch in Rumänien Gastlehrer aus Deutschland in verschiednen Funktionen, vor allem als „Multiplikatoren“ zur Förderung des Deutschunterrichts. Ihre Zahl wurde in den letzten Jahren etwas verringert und einheimische Kollegen bedauern, dass sich ihre Aufgabe mehr und mehr auf die Vorbereitung und Abnahme der Sprachdiplomprüfung beschränkt. Ihre Arbeit ist pädagogisch-methodisch eine Bereicherung und sie können als Fachberater wichtige Anstöße geben. Und qualitativ-pädagogisch ist vieles in Bewegung und im Wandel begriffen. Dafür nur einige Beispiele.

Es gibt ein nach ganzheitlichen Gesichtspunkten ausgerichtetes Curriculum für die deutschsprachigen Kindergärten. Neue „Curriculare Lehrpläne“ für das Fach „Deutsch als Muttersprache“ wurden in Arbeitsgruppen von Lehrerinnen und Lehrern unter maßgeblicher Mitwirkung von Gastlehrern erarbeitet, wobei Methoden des Faches „Deutsch als Fremdsprache“ zunehmend an Bedeutung gewinnen. Moderne Lese- und Sprachbücher für die Grundschule und das Gymnasium konnten erscheinen (an denen für das Lyzeum wird noch gearbeitet), für Kindergarten und Grundschule auch hilfreiche Handreichungen. Die Übersetzung rumänischer Schulbücher für den deutschsprachigen Fachunterricht ist eine „unendliche Geschichte“ und bleibt unbefriedigend. Nach jeder Lehrplanänderung stellt sich die Aufgabe neu und ist nicht nur wegen der extrem kleinen Auflage schwierig.

„Religion“ ist in allen Schulen und Klassen ein Wahlfach, das verpflichtend angeboten werden muss. In Siebenbürgen nehmen orthodoxe Schüler sehr oft am evangelischen Religionsunterricht teil. Im letzten Schuljahr erhielten 3.966 (!) Schülerinnen und Schüler in 192 Gruppen (nicht Klassen) evangelischen Religionsunterricht mit je einer Wochenstunde. Ab dem Schuljahr 1999/2000 wurde an diesen Schulen in den Klassen 6 und 7 ein einstündiges Fach eingeführt „Geschichte und Traditionen der deutschen Minderheit in Rumänien“ mit einem modernen Curriculum. Dazu ist (2004) ein anregendes Lehrbuch erschienen, das 2007 in 3. Auflage gedruckt wurde und im Jahr der Kulturhauptstadt unter den Sachbüchern auf dem 2. Platz der Bestsellerliste der Hermannstädter Buchhandlungen stand. Über den Erfolg, die Realität in diesem Fach gibt es leider keine Informationen. Der Haupteingang (Gebäude C) in das ...Der Haupteingang (Gebäude C) in das traditionsreiche Honterus-Gymnasium in Kronstadt.
Das Thema kann auch als Wahlfach oder für eine Arbeitsgemeinschaft angeboten werden. Auf Anregung und mit Unterstützung der Siebenbürgisch-Sächsischen Stiftung führte die Brukenthalschule 2006 für die Schüler der 10. Klasse einen „Wettbewerb zur Geschichte der Siebenbürger Sachsen“ durch, wiederholte ihn 2008 und „will weitermachen“. „Die Wahrung des kulturellen Erbes der Siebenbürger Sachsen ist in Zukunft nur möglich, wenn auch die Mehrheitsbevölkerung Interesse und Verständnis dafür aufbringt“, heißt es in dem Bericht der Schule.

1998 wurde auf Initiative des Demokratischen Forums unter der Trägerschaft des rumänischen Erziehungsministeriums in Mediasch das „Zentrum für Lehrerfortbildung in deutscher Sprache“ gegründet mit dem Ziel, die Qualität des deutschsprachigen Unterrichts professionell und praxisnah zu fördern. Es bietet mit Außenstellen in Temeswar und Hermannstadt und einer „Lernwerkstatt“ in Hermannstadt zentrale und regionale Fortbildungsveranstaltungen mit vom Erziehungsministerium anerkannten Programmen aus dem Themenbereich Planung, Durchführung und Evaluation von Unterricht an. In dem „Leitbild“ des Instituts heißt es: „Es steht in der Tradition des deutschsprachigen Schulwesens in Rumänien und setzt sich für die Bildungsziele der deutschen Minderheit ein.“

Nach 1991 findet in jedem Herbst in jeweils einer anderen Stadt der „Siebenbürgische Lehrertag“ mit Fortbildungsveranstaltungen zu einem von der Schulkommission des Siebenbürgen-Forums vorgeschlagenen aktuellen Thema statt, an dem zwischen 120 und 180 „deutschsprechende Lehrerinnen und Lehrer“ teilnehmen. Nach einem Einleitungsreferat diskutieren sie in mehreren Arbeitsgruppen über das Thema und stellen die Ergebnisse abschließend im Plenum vor. Der 18. Siebenbürgische Lehrertag beschäftigte sich im Oktober 2008 an der Honterusschule in Kronstadt mit dem Thema „Traditionen an den deutschsprachigen Kindergärten und Schulen in Siebenbürgen“ unter dem Motto „Tradition ist nicht das Halten der Asche, sondern das Weitergeben der Flamme“. Es wäre erfreulich, wenn (unterstützt durch die Intentionen des Fortbildungszentrums) ein Reflexionsprozess angestoßen werden könnte über die zentrale Frage: Was kann, unter den völlig veränderten Voraussetzungen und Bedingungen, das Charakteristische, das besondere Profil einer deutschsprachigen Schule (und noch schwieriger: einer deutschsprachigen Abteilung) sein? Dabei geht es nicht nur, vielleicht gar nicht primär um Tradition. Wünschenswert wäre eine fruchtbare Synthese von traditionellen Qualitäten der „nachwirkenden Tradition“ und zeitgemäßen Erfordernissen, Schlüsselqualifikationen, die jeder für Studium und Beruf braucht.

Eine Klammer zum deutschen Sprachraum und in gewisser Weise zum deutschen Auslandsschulwesen stellt das Deutsche Sprachdiplom dar. Seit 1995 nehmen Schüler aus Rumänien an dieser weltweit von der Kultusministerkonferenz der Bundesrepublik Deutschland organisierten Prüfung teil, die als Nachweis der sprachlichen Voraussetzungen (der „Studierfähigkeit“) in Deutschland, im deutschsprachigen Ausland, aber auch in einem deutschsprachigen Studiengang an der Babeş-Bolyai-Universität in Klausenburg gilt und zusätzliche Berufschancen z. B. bei den deutschen Wirtschaftsunternehmen in Rumänien eröffnet. Rumänien steht mit Abstand an der Spitze der Länder, aus denen sich Schüler an der Prüfung beteiligten – sowohl was die Anmeldungen anbetrifft als auch in der Erfolgsquote. Von den jährlich rund 1 000 Diplomanden kommen rund 70% aus Schulen mit „muttersprachlichem Deutschunterricht“ und die großen deutschsprachigen Schulen gehören zu den Sprachdiplom-Zentren, denen Zubringerschulen zugeordnet sind. Die Schüler werden in modernen Arbeitsformen von einheimischen Lehrern in den letzten vier Schuljahren vorbereitet und geprüft, nur der Prüfungsvorsitzende ist ein bundesdeutscher beamteter Lehrer. Die schriftlichen Prüfungsteile werden in Deutschland von anonymen Korrektoren bzw. elektronisch bewertet.

Infolge der Veränderung der Zusammensetzung der Schüler und Lehrer und des sprachlichen Umfeldes ist das Sprachniveau allerdings gesunken. Deutsch ist für die allermeisten Schüler und für immer mehr Lehrer „Arbeitssprache“. Direktor Gerold Hermann nennt unter „den Entwicklungstendenzen, die Grund zur Besorgnis geben“, „die abnehmende Sprachkompetenz der Schüler“ und meint: „neben objektiven Gründen ist auch mangelnde Sorgfalt im Umgang mit der Sprache festzustellen“.

Man vergleicht die Sprachkompetenz zu Recht mit der an vergleichbaren Schulen in den Nachbarländern, und dabei schneiden die deutschsprachigen Schulen in Rumänien immer noch gut ab. Das dürfte aber nicht zur Senkung des Anspruchniveaus führen. Voraussetzungen dafür ist freilich die Sprachkompetenz der Lehrerinnen und Lehrer.

Das Hauptproblem: der Lehrernachwuchs

Die deutschsprachigen Schulen und Abteilungen in Rumänien sind, trotz der großen Veränderungen, immer noch etwas Besonderes. Ihre Existenz ist vom Gesetz her gesichert, und auch das in dieser Legislaturperiode zu erwartende neue Schulgesetz wird in den Bestimmungen über den „Unterricht in den Sprachen der Nationalitäten“ keine wesentlichen Veränderungen bringen. Sie sind von Eltern und Schülern gesucht und erfreuen sich großer Nachfrage. Zumindest die größeren Einheiten sind zukunftsfähig, wenn sie ihr Niveau halten oder verbessern und für Schüler rumänischer Muttersprache attraktiv bleiben.

Voraussetzungen dafür ist allerdings die Sicherung des qualifizierten Lehrernachwuchses – und gerade der zunehmende Mangel an Lehrkräften, die gut deutsch können und sowohl fachlich als auch methodisch kompetent sind, macht große Sorgen. Das Gebäude des Stephan-Ludwig-Roth-Gymnasiums in ...Das Gebäude des Stephan-Ludwig-Roth-Gymnasiums in Mediasch wurde 1912 erbaut. Die Aufnahme entstand im Jahr 2000. Foto: Hans Gerhard Pauer Im Kindergarten haben rund 25%, in der Grundschule 10% der Lehrkräfte keine pädagogische Ausbildung. Auf der Stufe des Gymnasiums und Lyzeums gibt es inzwischen keine Schule mehr, in der alle Fächer, die dem Gesetz nach in deutscher Sprache unterrichtet werden können (und das sind fast sämtliche Fächer) tatsächlich auch deutsch unterrichtet werden. Man hatte immer gehofft, dass ehemalige Schülerinnen und Schüler der „Traditionsschulen“ als Lehrerinnen und Lehrer an deutschsprachige Schulen zurückkehren und ein Stück der „gelebten Tradition“ weiterführen würden – was auch in Einzelfällen geschieht, aber viel zu selten. Der Grund für den Lehrermangel ist „die beschämend niedrige Besoldung“ der Lehrer. Konkret: Nach der Gehaltsliste von Oktober bis Dezember 2008 verdient ein Gymnasiallehrer („Professor“) mit Universitätsabschluss als Berufsanfänger („debutant“) 1 135 Lei (das sind umgerechnet 273 €), nach 40 Dienstjahren 1 737 Lei (415 €), mit dem ersten Grad 2 195 Lei (525 €). Eine Erzieherin (Kindergärtnerin) beginnt mit 969 Lei (231 €), kann nach 40 Dienstjahren 1 423 Lei (340 €) und mit erstem Grad 1 712 Lei (409 €) verdienen.

Dies ist ein Problem für die Qualität der Schule in Rumänien im Ganzen, für die deutschsprachigen Schulen im Besonderen, denn wer Deutsch kann, hat in der Wirtschaft weitaus bessere Verdienstmöglichkeiten. Lehrkräfte mit Familie sind oft auf einen Nebenverdienst angewiesen, „Privatstunden werden überlebenswichtig“, dabei ist der Lehrerberuf ein Vollzeitberuf.

Der Direktor der Brukenthalschule sagte in einem Gespräch, seine Schule könne nicht mehr Anreize bieten als lernwillige Schülerinnen und Schüler, eine anregende Schulatmosphäre und Verbindungen zum deutschen Sprach- und Kulturraum mit Fortbildungsmöglichkeiten in Deutschland.

Die deutschsprachigen Studiengänge der Klausenburger Universität, die ins Lehramt führen können, sind wenig gefragt. Das Interesse für das Fach Deutsch an den Universitäten ist zurückgegangen, und wer es studiert, tritt nicht in den Schuldienst ein. Beim Hauptfach Deutsch der Hermannstädter Philologie-Fakultät sind in diesem Jahr nur etwas über die Hälfte der Plätze besetzt. „Deutschlehrer will kaum jemand werden und für die Arbeit in vielen anderen Bereichen genügt die Kenntnis der deutschen Sprache, ein Germanistik-Studium ist da kein großer Zugewinn“, schreibt Martin Bottesch.

Die Ausbildung der deutschsprachigen Kindergärtnerinnen und Grundschullehrer(innen) erfolgt ab dem Schul- und Studienjahr 2008/2009 postlyzeal an einer einzigen Ausbildungsstätte: An der Fakultät für Psychologie und Erziehungswissenschaften der Klausenburger Babeş-Bolyai-Universität, wobei die Ausbildung durch deren Niederlassung in Hermannstadt (in dem ehemaligen Pädagogischen Lyzeum) erfolgt. Für das erste Studienjahr wurden von den 55 Plätzen nur die fünf freien und 14 bezahlte Plätze besetzt. Man wird gespannt sein, wie sich die Neuregelung auswirkt – und man erinnert sich an eine Zeit, in der die Schülerzeitung des Pädagogischen Lyzeums den Titel trug: „Das elfte Gebot: Du sollst Lehrer werden!“

Der Vorsitzende der Schulkommission des Siebenbürgen-Forums Friedrich Philippi ist der Meinung, das werde sich „in Zukunft nur dadurch ändern lassen, dass das Unterrichten in deutscher Sprache auch materiell attraktiver gemacht wird“. Die Schulkommission hat verschiedene Möglichkeiten durchdiskutiert: Ein Zuschuss zum Gehalt, mit der Begründung der zusätzlichen sprachlichen Qualifikation und dem größeren Arbeitsaufwand bei der Vorbereitung und bei der Herstellung oder Übersetzung von Arbeitsmitteln. In Ungarn erhalten Lehrkräfte, die in anderen Sprachen als der Staatssprache unterrichten, eine bessere Besoldung. Man hat überlegt, ob begüterte Schülereltern oder eine Stiftung einen Beitrag zu einer Zulage oder zu einem Mietzuschuss für Berufsanfänger leisten könnten, aber eine Lösung wurde bisher nicht gefunden. Privatinvestoren aus Deutschland sind an Absolventen dieser Schulen interessiert. 2007 ist es der Schulkommission gelungen, von einer Spende des Deutschen Wirtschaftsklubs in Siebenbürgen allen Simultanlehrerinnen eine „Weihnachtsgratifikation“ zu vermitteln und Ende 2008 den Berufsanfängern eine einmalige Zuwendung – keine große finanzielle Hilfe, aber eine Anerkennung. Eine Lösung des Problems wurde bisher nicht gefunden.

Das Fazit: Die Sicherung des qualifizierten Lehrernachwuchses, möglichst mit einem Mindestanteil an Lehrkräften aus der deutschen Minderheit, ist Voraussetzung für den Fortbestand der deutschsprachigen Schulen und Abteilungen in Rumänien. Wenn das gelingt, könnten zumindest die großen, etablierten Schulen und Abteilungen, trotz veränderter Voraussetzungen, im Rahmen des rumänischen Unterrichtssystems durch ihr besonderes Profil, durch ihren Schwerpunkt in deutscher Sprache und Kultur, durch die Kontakte zum deutschen Sprach- und Kulturraum Bindeglieder nach Mittel- und Zentraleuropa sein und bleiben und eine Stütze nicht nur der kleinen Gruppe der Deutschen, sondern der an deutscher Kultur und Sprache interessierten Rumänen. Und sie könnten zugleich Verständnis wecken für die Erhaltung und Pflege deutscher Kulturgüter in Rumänien als ein Bestandteil der Kultur und Geschichte der Region.

Eine detaillierte Darstellung der Gegenwart und möglichen Zukunft der deutschsprachigen Schulen in Rumänien mit Statistiken und Quellennachweisen findet sich unter dem Titel „Brücken nach Mittel- und Westeuropa – können sie es bleiben?“ in: Walter König: Schola seminarium rei publicae. Aufsätze zu Geschichte und Gegenwart des Schulwesens in Siebenbürgen und Rumänien. Köln/Weimar/Wien 2005, S. 359-376.

Prof. Dr. h.c. Walter König, Reutlingen

Schlagwörter: Rumänien und Siebenbürgen, Schule, Hermannstadt, Kronstadt, Schäßburg, Mediasch

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