4. Dezember 2010

Germanistentagung in Hermannstadt betreibt Vergangenheitsaufarbeitung

„Interkulturelle Beziehungen im Spiegel der Sprache und Literatur. Dokumentation und Deutung“ lautete das Thema einer Tagung der Fakultät für Philologie und Bühnenkünste der „Lucian-Blaga-Universität und des Instituts für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas e.V. (IKGS) an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München, die vom 18. bis 20. November in Hermannstadt stattfand. Germanistinnen und Germanisten aus dem In- und Ausland referierten über aktuelle literaturwissenschaftliche, sprachwissenschaftliche, kulturgeschichtliche, soziologische, komparatistische sowie übersetzungskritische Themen. Jungen Doktorandinnen und Doktoranden wurde der Rahmen geboten, über ihre Forschungsschwerpunkte im Bereich der Germanistik eingehend zu berichten. Auch eine kleinere Sektion in rumänischer Sprache wurde anlässlich der Tagung eingerichtet, wo ein fachlicher Austausch ebenfalls in Sachen Interkulturalität gewährleistet wurde.
Die gesamte Veranstaltung war dem emeritierten Professor Dr. Horst Schuller anlässlich seines 70. Geburtstages gewidmet, dessen Tätigkeit als Mundartkenner und Kulturredakteur der Kronstädter „Karpatenrundschau“, als Lehrer und Forscher, als ehemaliger Leiter des Germanistiklehrstuhls der Hermannstädter Universität und als Betreuer zahlreicher Dissertationen von der derzeitigen Lehrstuhlleiterin Prof. Dr. Maria Sass gleich zu Beginn der Tagung gewürdigt wurde.
Aufmerksame Tagungsteilnehmer beim Vortrag von ...
Aufmerksame Tagungsteilnehmer beim Vortrag von Joachim Wittstock im Saal der Österreich-Bibliothek: hinten (im blauen Sakko) Michael Markel, Dritter von rechts Dr. Horst Schuller. Foto: Konrad Klein
Anschließend stellten Prof. Dr. Thomas Krefeld und Dr. Stephan Lücke von der LMU München ein Projekt von hohem ethnografischen, kulturgeschichtlichen und landeskundlichen Wert über den Audioatlas siebenbürgisch-sächsischer Dialekte vor, das die Digitalisierung des in den 1960er und 1970er Jahren des 20. Jahrhunderts auf Magnetbändern angelegten Tonarchivs, der Aufzeichnungen und Interviews mit zahlreichen Landsleuten aus Siebenbürgen umfasst. Die Referenten veranschaulichten anhand von Beispielen, dass somit eine eingehende computer- und internetgestützte Analyse ermöglicht wird, und überzeugten die Hörerinnen und Hörer von der außergewöhnlichen wissenschaftlichen Leistung.

Absurde Erfahrungen mit der Securitate

Einen Höhepunkt der Tagung stellten die Beiträge dar, die größtenteils von aus Rumänien stammenden und in Deutschland lebenden Germanisten und Schriftstellern im eng gewordenen Saal der Österreich-Bibliothek vor einem interessierten Publikum gehalten wurden. Seit wenigen Jahren sind die Archive des rumänischen Geheimdienstes Securitate über den in Bukarest befindlichen „Nationalrat zur Erforschung der Securitate-Archive“ (CNSAS) zugänglich, der das Archivmaterial akkreditierten Forschern oder Betroffenen zur Einsicht bereitstellt. Eine Sektion der diesjährigen Hermannstädter Tagung fokussierte sich auf die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema Literatur und Securitate. Dabei verlas der Direktor des Instituts für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas an der LMU München (IKGS), Prof. h.c. Dr. Stefan Sienerth, die ersten Ergebnisse seiner Recherche über den Germanisten, Literaturkritiker und -historiker Heinz Stănescu (1921-1994), der sich als Mitarbeiter der Securitate erwies, für die er Jahre lang verleumderische Berichte unter den Decknamen „Abrud“, „Silviu“ und „Traian“ verfasste.

Prof. h.c. Dr. Peter Motzan, stellvertretender Direktor des IKGS, berichtete mit bitterem Humor über seine Akte, in der 32 IM-Namen vorkommen, und zitierte aus den Überwachungsberichten von IM „Moga“. Michael Markel (Nürnberg) berichtete, wie er aus seiner Akte erfahren konnte, dass Heinz Stănescu alias IM „Traian“ und Carl Göllner alias IM „Gunther“ ihn der „Staatsfeindlichkeit“ beschuldigt und vier Jahre lang informativ verfolgt haben. Prof. Dr. Horst Schuller (Hermannstadt/Heidelberg) berichtete gerührt vom ersten Kontakt mit der Securitate während seiner Klausenburger Studentenzeit. Als Intellektueller und Angehöriger der siebenbürgisch-deutschen Minderheit unterstellte ihm die Securitate, ein „deutscher Nationalist“ zu sein, was dazu führte, dass er von dieser observiert und verfolgt wurde. Die Rumäniendeutschen standen seit den 1950er Jahren unter der Aufsicht der Securitate, die diese durch die Anwerbung von IMs und Agenten sowie auf Grund von Schauprozessen einschüchtern und verunsichern wollte. Joachim Wittstock (Hermannstadt) und Franz Hodjak (Usingen) berichteten mit subtiler Ironie aus schriftstellerischer Perspektive über die literarische Umsetzung ihrer absurden Erfahrungen mit der Securitate. Wittstock sprach von einem so genannten „Urkundenbuch“, das die Securitate über seinen Lebenslauf zusammengestellt hat.
Bevor Franz Hodjak aus seinen neuesten Gedichten ...
Bevor Franz Hodjak aus seinen neuesten Gedichten las, führte Dr. Peter Motzan in das lyrische Werk seines Freundes ein. Foto: Konrad Klein
Anlässlich der Hermannstädter Tagung wurde auch die Ausstellung „Rumäniendeutsche Literatur im Spiegel und Zerrspiegel der ‚Securitate’-Akten“ in der Aula des Theologisch-Protestantischen Departements der Lucian-Blaga-Universität eröffnet. Anschließend folgte eine Autorenlesung von Franz Hodjak und Ioan Radu Văcărescu. Die dokumentierte und inspirierte Moderation von Dr. Peter Motzan, die Lektüre der rumänischen Gedichte Văcărescus, gelesen von Joachim Wittstock in der von ihm unterzeichneten deutschen Übersetzung, sowie Hodjaks geistreichen Kommentare zu seinen vorgetragenen Versen regten zum Weiterdenken nach.

Während die Tagung in Hermannstadt für das IKGS bereits die dritte Veranstaltung zur Problematik der Vergangenheitsaufarbeitung darstellte (nach vorangegangenen Tagungen in München und Jena), war sie für die germanistische Forschung in Rumänien ein Novum und ein von vielen ersehntes Ereignis. Nichtsdestotrotz wurde von Dr. Gerhard Konnerth, dem ehemaligen Leiter des Germanistiklehrstuhls in Hermannstadt, die Frage nach der Verantwortung gestellt, die die Forscher auf sich nähmen, wenn sie verdienstvolle Persönlichkeiten in negativem Licht erscheinen ließen und damit Leben zerstörten. Es gehe darum, Fakten und Sachverhalte wissenschaftlich aufzuarbeiten, lautete die Antwort der Fachleute vom IKGS, angemaßte Masken aufzudecken, sagte Michael Markel.
Dr. Peter Motzan verwahrte sich nach seinem ...
Dr. Peter Motzan verwahrte sich nach seinem Vortrag gegen den Vorwurf von Dr. Gerhard Konnerth, dass mit der Aufdeckung von IM-Tätigkeiten „Leben zerstört“ oder gar „Autodafé“ betrieben werde: Wo kämen wir denn hin, wenn ein „Schuft“ auch noch Schonung erfahre. Auf dem Bild Erster von rechts: der Siebenbürgisch-Sächsische Kulturpreisträger Joachim Wittstock. Foto: Konrad Klein
Auch wenn die Referenten erschütternde Tatsachen aus ihrem Leben erzählten, geschah es ohne Hassgefühle und Ressentiments. Begriffe wie Verstehen, Vergessen, Verzeihen wurden somit neu beleuchtet, so dass die Hermannstädter Tagung als ein erstes bedeutendes Kapitel der „Oral History“ in Rumänien aufgefasst werden kann. Wünschenswert wäre es, dass es nicht nur bei den mündlichen Aussagen bleibt, sondern dass man diese in einem Buch versammelt, um sie der breiten Öffentlichkeit und vor allem der jungen Generation bekannt zu machen.

Mariana Lăzărescu

Fotostrecke: IKGS-Tagung in Hermannstadt zum Schwerpunkt Securitate und Literatur, Fotos: Konrad Klein

Schlagwörter: Rumänien, Hermannstadt, München, IKGS, Literatur, Securitate, Germanistik, Tagung

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Neueste Kommentare

  • 04.12.2010, 17:06 Uhr von bankban: Wo war der verdienstvolle Securitateforscher Mag. Carl Gibson? Wie konnte man ihn nicht ... [weiter]
  • 04.12.2010, 08:32 Uhr von Äschilos: Beim letzten Satz des Artikels werden wohl die erwähnten hochehrwürdigen Germanisten die Stirne ... [weiter]

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