11. September 2012

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Abriss wegen akuter Einsturzgefahr

Das ehemalige evangelische Pfarrhaus in Deutsch-Kreuz (Kreis Kronstadt) ist wegen akuter Einsturzgefahr abgerissen worden. Die Michael Schmidt Stiftung hatte den Pfarrhof im September 2011 von der evangelischen Kirchengemeinde Deutsch-Kreuz gekauft (Kaufpreis 70 000 Euro) und eine Hermannstädter Baufirma mit der Sanierung des Gebäudes beauftragt. Ein für das Projekt zunächst eingeholtes Expertengutachten stellte den maroden Zustand des 1843 in traditioneller Bauweise am Berghang errichteten, nicht denkmalgeschützten Hauses fest. Bei Sondierungsarbeiten der Baufirma ist am 22. August ein Hauseck eingestürzt. Aufgrund der - in einem zweiten Gutachten bestätigten - akuten Einsturzgefahr und Gefährdung der öffentlichen Sicherheit erfolgte dann der Abriss des Gebäudes am nächsten Tag. Der in Deutsch-Kreuz geborene Unternehmer und Stiftungsgründer Michael Schmidt hat gegenüber dieser Zeitung erklärt, dass das Haus originalgetreu neu aufgebaut werden soll.
Der Verband der Siebenbürger Sachsen in Deutschland, mit dem die Michael Schmidt Stiftung kooperiert, indem sie z.B. die zügige Ausstellung der Bescheinigungen über die Russlanddeportation für die in Deutschland lebenden Landsleute mit Personal und Infrastruktur unterstützt (siehe "Entschädigungsverfahren in Rumänien"), hat die Stiftung um eine Sachverhaltsaufklärung gebeten. Die nachfolgende Darstellung stützt sich im Wesentlichen auf das von der Stiftung zur Verfügung gestellte Dokumentationsmaterial sowie auf eine schriftliche Stellungnahme des Vorsitzenden des Siebenbürgisch-Sächsischen Kulturrates, Dr. Dr. h.c. mult. Christoph Machat, renommierter Denkmalschutzexperte in Diensten des Internationalen Rates für Denkmalpflege (ICOMOS) der UNESCO wie auch der Nationalen Denkmalschutzkommission in Rumänien.

Nach Auskunft von Hauptanwalt Friedrich Gunesch, Leiter der Kanzlei des Landeskonsistoriums der Evangelischen Kirche A.B. in Rumänien, erfolgte der Verkauf an die Michael Schmidt Stiftung ordnungsgemäß nach Beschlüssen des Bezirkskonsistoriums Kronstadt und des Landeskonsistoriums. Der Verkaufserlös sei für die Durchführung des aus Fördermitteln der Europäischen Union finanzierten Kirchenburgenprojektes (s. "Großprojekt soll Kirchenburgen retten") - als Eigenbeitrag der Kirchengemeinde - zweckbestimmt und werde vom Bezirkskonsistorium Kronstadt kirchenordnungsgemäß verwaltet, erklärte Gunesch.

Wie die Siebenbürgische Zeitung berichtete, sollte das bereits seit Jahren leerstehende evangelische Pfarrhaus nach einer grundlegenden Sanierung als Sitz der Michael Schmidt Stiftung auch für soziale Projekte und Kulturveranstaltungen genutzt werden. Die mit der Erstellung des Projektes betraute angesehene Hermannstädter Architekturfirma CON-A SRL hat gemäß dem von der Stiftung erhaltenen Projektauftrag vom 30. April 2012, neben geologischen und anderen Untersuchungen, auch Prof. Dr. Zoltan Kiss (Klausenburg) beauftragt, ein Statikgutachten zu erstellen. Der staatlich anerkannte Statiker dokumentierte in seinem Gutachten vom 17. Mai 2012 (liegt der SbZ-Redaktion vor) sämtliche Bauschäden an dem Haus und empfahl angesichts der mangelhaften Standsicherheit Maßnahmen zur statischen Sicherung des Gebäudes. Kiss beanstandete das zu geringe Fundament, zudem spätere bauliche Veränderungen. Das Fundament erschöpfte sich in einer dem Fußbodenaufbau entsprechenden Steinlage, die nach der fotografischen Dokumentation geschätzt ca. 10 cm tief war. Zudem wurden Vorschädigungen festgestellt, die durch den nachträglichen Anbau einer Veranda entlang der gesamten Häuserfront sowie eines Regenwasser-Auffangbeckens im unmittelbaren Fundierungsbereich hervorgerufen worden seien. Diese hätten, so der Gutachter, „fatale Auswirkungen auf das Setzungsverhalten des Bodens“ gezeigt. Auch seien in der Zeit vergangener Nutzung im Inneren des Gebäudes tragende Elemente entfernt worden, vermutlich zum Einbau von Kachelöfen. Sprünge und tiefe Risse in der Außenfassade, die sich vom Kellergewölbe bis unters ziegelgedeckte Walmdach ziehen und in der Vergangenheit zum Teil noch sichtbar „überputzt“ worden waren, sind in dem Gutachten fotografisch dokumentiert. Risse und Sprünge in der Fassade des baufälligen ...Risse und Sprünge in der Fassade des baufälligen evangelischen Pfarrhauses in Deutsch-Kreuz. Bildquelle: Michael Schmidt Stiftung
Eine Fotografie im Gutachten von Prof. Dr. Zoltan ...Eine Fotografie im Gutachten von Prof. Dr. Zoltan Kiss (Seite 7) dokumentiert das beschädigte Kellergewölbe und die geringe Fundamenttiefe des Hauses.
Die nachträglich angebaute verglaste Holzveranda ...Die nachträglich angebaute verglaste Holzveranda schädigte die Statik des Gebäudes. Bildquelle: Gutachten Kiss
Auch Dr. Dr. h.c. mult. Christoph Machat stellte ...Auch Dr. Dr. h.c. mult. Christoph Machat stellte "gravierende Schäden" fest als Folge mehrfacher Eingriffe und Erweiterungen (siehe Anbau links). Bildquelle: Gutachten Kiss
Im Zuge der von der oben genannten Hermannstädter Baufirma aufgenommenen weiteren Sondierungsarbeiten stürzte am 22. August ein Hauseck (in Hanglage) ein. Unverzüglich leitete die Baufirma Sicherungsmaßnahmen ein, sperrte den Zutritt zum Gelände und setzte die Stiftung in Kenntnis. Der verantwortliche Baustellenleiter verhängte wegen dringender Einsturzgefahr des Gebäudes ein Betretungsverbot. Aufgrund der bestehenden akuten Einsturzgefahr sowie der Gefährdung der öffentlichen Sicherheit erfolgte nach Begutachtung und Dokumentation des eingetreten Zustands am nächsten Tag der Abriss des Gebäudes, mit weitestgehender Sicherung wieder verwendbaren Originalmaterials für den Wiederaufbau. Dieses Vorgehen wird von einem Gutachten vom 5. September 2012 (liegt der SbZ-Redaktion vor), das die Fachfirma zu dem am 23. August 2012 dokumentierten Vorfall erstellen ließ, gestützt und legitimiert.

Auf den Abriss soll nun die Rekonstruktion folgen. Michael Schmidt erklärte gegenüber dieser Zeitung, dass die Stiftung das engagierte Bauunternehmen mit dem originalgetreuen Wiederaufbau des Pfarrhauses unter weitestgehender Verwendung der vorhandenen Baumaterialien beauftragt habe: „Es ist uns ein Herzensanliegen, das Haus ‚wie vorher’ wieder herzustellen. Dafür nehmen wir auch Mehrkosten in Kauf“, bekräftigte der Stiftungsgründer. Derzeit werde bereits der Gewölbekeller wieder aufgebaut.

Christoph Machat empfiehlt originalgetreue Rekonstruktion

Wie zuvor bereits der Klausenburger Experte registrierte auch der Kunsthistoriker und Denkmalpfleger Dr. Dr. h.c. mult. Christoph Machat bei einer Baustellenbesichtigung am 5. August dieses Jahres gravierende Bauschäden, die aus mehrfachen Eingriffen im Laufe der Zeit und vor allem Erweiterungen, wie „eine verglaste Holzveranda an der Vorderseite, einen Schopfen an einer der Schmalseiten und an der anderen Schmalseite ein Auffangbecken für Regenwasser“, resultierten, neben dem jahrelangen Leerstand.

Der Vorsitzende des Siebenbürgisch-Sächsischen Kulturrats betonte in einer Stellungnahme zum Abriss des Pfarrhauses, dass der Teileinsturz einer Hausecke, wie er sich am 22. August ereignete, „auf jeder Baustelle von Restaurierungsarbeiten auftreten kann“. Als Einsturzursache verwies Machat auf die „ungenügende Fundamenttiefe“ und die „extreme Sommerhitze“, die zu einer Austrocknung des Geländes geführt habe. Nach seiner Einschätzung sei das Gebäude, das im Rahmen des Dokumentationsprojektes des siebenbürgisch-sächsischen Kulturgutes der Jahre 1992-1995 inventarisiert wurde und in der Denkmaltopographie Siebenbürgen enthalten sein werde, „bedeutend für das Ensemble von Kirchenburg und historischem Ortskern von Deutsch-Kreuz“. Daher empfiehlt Christoph Machat, „das Haus wieder herzustellen bzw. zu (teil)rekonstruieren“. Für die statische Sicherung und Instandsetzung des Hauses sei eine Reihe von Eingriffen erforderlich, die mit Auswechslung bzw. Neuaufmauerung in den traditionellen Baumaterialien verbunden seien. Dem entspricht das Vorhaben der Michael Schmidt Stiftung, die darüber hinaus beabsichtigt, auch das zum geschützten Ensemble gehörende, zur Ruine verfallene Schulgebäude in Deutsch-Kreuz ebenfalls originalgetreu zu rekonstruieren. Verhandlungen mit der Evangelischen Landeskirche stehen Michael Schmidt zufolge unmittelbar bevor.

Christian Schoger

Schlagwörter: Deutsch-Kreuz, Pfarrhaus, Michael Schmidt Stiftung, Kulturrat

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