9. November 2013

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Dem Himmel ganz nah – unterwegs auf der Transalpina

Einst versprach eine Autofahrt auf der Königsstraße zwischen Şugag und Novaci Abenteuer pur. Sie konnte schnell an den Felsbrocken vom letzten Steinschlag oder einer weggespülten Fahrbahn enden, von Pannen ganz zu schweigen. Mit der Asphaltierung der Transalpina von 2009 bis 2012 rollt nun auch hier der Massentourismus an. Wir sahen uns auf der höchsten Passstraße Rumäniens um und fanden, dass das Wolkenspiel und die überwältigenden Fernblicke bis hin zu den Ostkarpaten eine Reise auf der DN 67 C lohnen, Abstecher ins Hinterland inbegriffen.
Wer von Novaci kommend den Urdele-Pass überquert hat, wird sich die Augen reiben, wenn er plötzlich in der ödesten Pampa reges Jahrmarkttreiben erblickt. Wir befinden uns auf dem Hochgebirgsplateau Muntinul Mic (2035 m). Es duftet nach Mici, gegrillten Maiskolben und Holzfleisch. Ein Kessel mit Hirtentocana köchelt auf einem Dreibein vor sich hin, während gegenüber drei Szekler mit der Herstellung ihres verführerisch glasierten Baumstriezels beschäftigt sind. Wenn man nur nicht so schreien müsste, um sich bei der nervtötenden Manele-Musik zu verständigen.Die Transalpina, wenige hundert Meter vor dem ...Die Transalpina, wenige hundert Meter vor dem Urdele-Sattel, an dem sie mit 2145 Metern ihren höchsten Punkt erreicht. Im Hintergrund der Urdele-Kessel mit der Mohorul-Spitze (2337 m). Foto: Konrad Klein Einem stoischen Eselspaar etwas abseits vom Menschengewimmel ist das alles ziemlich egal. Es hält sogar still, als zwei übermütige Großstadtkinder für ein Foto im Hirtenpelz auf den Rücken der Grautiere klettern: Klick, klick, klick, macht einen Leu pro Person. Ein nordsiebenbürgischer Schnapsbrenner („pălincar de frunte“, wie es in einer auf dem Verkaufstisch ausliegenden Zeitung heißt) mit Strohhut und Trikoloren-Schärpe lädt zur Verkostung seiner prämierten Pflaumenschnäpse ein, während er mit seinem Kumpel am Smartphone weiter herumflachst. Kati aus Korond verkauft neben Körben und Keramik original Maramurescher Hausgewerbeartikel. Na ja, fast. Hergestellt haben die bunten Glasperlenketten (zgarde) und die Wollteppiche mit den geometrischen Mustern Szeklerinnen in Csíkszereda; ein gelungener Fall von Binnenglobalisierung, wenn man so will. Die gleiche Wegstrecke anno 1974: Ohne häufiges ...Die gleiche Wegstrecke anno 1974: Ohne häufiges Steineräumen wäre früher ein Vorwärtskommen mit dem Auto unmöglich gewesen. Foto: Konrad Klein Und damit auch jeder weiß, wo’s langgeht, hat ein Witzbold einen Wegweiser aus Holz errichtet, der die Touristen mit launigen Informationen versorgt: 3200 km bis London, 1540 bis Paris, 600 bis zum Meer, 50 bis zur nächsten Disko, zehn Meter bis zu den kürtos (Baumstriezel), acht bis zu den mici, fünf bis zum Bier und zwei Kilometer bis zur „Maria de la stână“, was in den Ohren des Fremden vielleicht zu Recht nach einer Ortsheiligen mit Beichtgelegenheit klingt. Ach ja, und bis nach Europa sind’s noch „vreo 20 de ani“, noch ungefähr 20 Jahre. Humor hat in Rumänien schon immer dort begonnen, wo der Spaß aufhört.

Die Transalpina, die Siebenbürgen über die Karpaten hinweg mit dem rumänischen Altreich (Oltenien) verbindet, misst von Mühlbach bis Novaci 149 km und erreicht am Urdele-Pass mit 2145 Metern ihren höchsten Punkt. Damit ist sie nicht nur wesentlich länger als ihre jüngere Schwester, die Transfogarascher Hochstraße (91km), sondern auch genau um hundert Meter höher als diese. (Zur Erinnerung: Die Trans­făgă­ră­șana wurde 1970-1974 auf persönlichen Wunsch von Präsident Ceaușescu gebaut. Das auch ökologisch desaströse Objekt kostete angeblich 71 Straßenbauer – meist junge Pioniersoldaten – das Leben, so Alfred K. Schuster in Der Bergtourismus in Siebenbürgen/Rumänien 1945-1990, 2011, S. 58; ein Kenner der Materie meinte mir gegenüber, die Zahl dürfte weit niedriger liegen.) Auf der Königsstraße 1974. Das Bild zeigt den ...Auf der Königsstraße 1974. Das Bild zeigt den Wegabschnitt zwischen Muntinu und Urdele-Kessel. Im Hintergrund links der Mohorul-Gipfel (2337 m). Foto: Konrad Klein Im Wesentlichen folgt das Asphaltband der Transalpina der alten Königsstraße, doch nicht überall wurde die neue Trasse auf den Fundamenten der Vorgängerin errichtet. Auch wurden die Kurven viel großzügiger ausgebaut. 2012 war die Asphaltierung abgeschlossen, doch fehlen immer noch vielerorts Schutzplanken und Stützmauern. Kein Ruhmesblatt auch, was mit dem einst verschlafenen Luftkurort Rânca (1580 m, 18 km nördlich von Novaci) geschah, dem heute touristisch wichtigsten Ort an der Transalpina. Der dort in den 1990er Jahren einsetzende Bauboom fand mit der Wirtschaftskrise ein jähes Ende. An den rund 400 unter Missachtung elementarer Bauvorschriften in die Landschaft gestellten Hotels, Pensionen und Privatvillen und seinen 80 Bauruinen lassen sich die Folgen wilden Bauens geradezu exemplarisch studieren. Was Skifreunde nicht davon abhält, die Gegend als das „neue Predeal“ zu betrachten, der kümmerlichen Infrastruktur zum Trotz (www.rancaonline.com). Noch mehr touristisches Potential verspricht das im Entstehen begriffene Wintersportparadies mit dem ach so hippen Namen „Transalpina Ski Resort“ am Vidra-Stausee nahe von Obârșia Lotrului (vgl. ADZ vom 25.1.2013).

Wer sich mehr für die fast schon verschwundene Welt der Gebirgsbauern und die eigentümliche Trachtenlandschaft dieser Gegend interessiert, sollte vor Şugag in Dobra einen Abstecher auf der frisch modernisierten Straße nach Jina machen, ein typisches Schafzüchterdorf der Mărginime, das mit seinen 1064 Metern die höchstgelegene Großgemeinde Rumäniens ist. Hier erwartet einen das im eigenen Haus liebevoll eingerichtete Hirtenmuseum der ehemaligen Dorfschullehrerin Ileana Morariu (geb. 1952), die über 4600 Objekte zu­sammengetragen hat und einen gerne durch die Ausstellung führt (Mu­zeul Pastoral Morariu, Jina Nr. 428, Telefon aus Deutschland: (00 40-2 69) 53 21 42 oder (00 40-7 43) 54 19 98). Dort erfährt man beispielsweise, dass die vermeintlich so typische, in Schwarz und Weiß gehaltene Volkstracht der mărgineni gar nicht so alt ist und erst um 1850 aufkam. Dazu wird einem sicher auch das Paradestück der Sammlung gezeigt: eine ie cu fustă (eine Art Hemdgewand für Frauen), die einen sofort durch ihren gediegenen Schnitt und die farbigen Ziernähte în culorile câmpului (in den Farben einer Blumenwiese) anspricht, wie es Morariu in der ihr eigenen poetischen Art ausdrückt. Die schlauen Hirtenesel wissen längst, dass bei ...Die schlauen Hirtenesel wissen längst, dass bei Autofahrern meist etwas zu holen ist. Und weil auf der Transalpina hohes Eselaufkommen herrscht und so ein sympathischer Nimmersatt selten alleine kommt, ist auch das Safari-Feeling schnell da. Foto: Konrad Klein Ein einzigartiges Exponat aus der gleichen Zeit stellt ein Ortsschild von „Sinna“ (deutsch auch Schinna) dar. Das Blechschild mit dem österreichischen Doppeladler stammt noch aus der Zeit, als das Grenzdorf Jina zum wenig später (1851) aufgelösten Ersten Walachischen Infanterie-Regiment gehörte, das die Siebenbürgische Militärgrenze des Habsburgerreiches nach Süden zu verteidigen hatte. Obwohl griechisch-orthodox, gehörte Jina mit seinem Grenzregiment zur katholischen Pfarre in Reußmarkt.

Ein Mediascher Gymnasiallehrer sorgt für Aufsehen

Der erste Autotourist, der die Karpaten auf der Bergstraße von Novaci nach Mühlbach überquerte, war ausgerechnet ein Intellektueller: der Mediascher Gymnasiallehrer Dr. Otto Folberth. Mit von der Partie war seine Frau und sein Freund aus Weltkriegstagen Egon Wachner. Die dreitägige Tour im August 1930 mit seinem Tatra-Cabrio – einem Zweizylinder mit 12 (!) PS – muss abenteuerlich gewesen sein und rief bei den Einheimischen ungläubiges Staunen hervor, das sich beim Betrachten der Fotos mit der felsbrockenübersäten Straße heute noch einstellt: „Vai Doamne, von wo zum Kuckuck kommt ihr her?“ Abgedruckt ist Folberths Bericht in der von Anselm Roth herausgebrachten Broschüre „Traumstraße Transalpina“ (Schiller Verlag 2011). Leider firmiert die alt-neue Karpatenstraße im erwähnten Büchlein in völlig unhistorischer Übersetzung als „Weg des Königs“. So jedenfalls wurde die Königsstraße (manchmal auch Königsweg) nie genannt.Ileana Morariu mit ihrem wohl wertvollsten ...Ileana Morariu mit ihrem wohl wertvollsten Sammelstück: einem k.k. Ortsschild von „Sinna“ (Jina) aus der Zeit um 1840/50. Foto: Konrad Klein Als zutreffend erwiesen sich auch Folberths Angaben, denen zufolge die Gebirgsstraße von Novaci bis an die siebenbürgische Grenze im Frumoasa-Tal eine ehemalige Militärstraße aus dem Ersten Weltkrieg ist. Sie wurde 1915 von der rumänischen Armee unter entsprechender Geheimhaltung und mit hohen Kosten gebaut. Im Übrigen befand sich bereits im Mittelalter ein alter Verkehrsweg zwischen Mühlbach und der Walachei (an diesem Weg lag auch die geheimnisvolle Burg von Szászcsor/Săsciori). Manche vermuten hier ursprünglich sogar einen Römerweg aus der Zeit der Dakerkriege. Nach dem Weltkrieg verfiel die Straße – sie war mit dem Anschluss Siebenbürgens an das entstehende Großrumänien strategisch bedeutungslos geworden. Zuletzt wurde sie als Pfad für Lasttiere und, in den unteren Regionen, für den Holztransport mit dem Ochsenwagen genutzt. Und von den Schafhirten natürlich immer schon für die Transhumanz.

Erst im Zuge der schnell fortschreitenden Automobilisierung nahm die Regierung die Instandsetzung und den Weiterbau der halbvergessenen Militärstraße in Angriff. 1934 begannen Hunderte Einheimische sowohl von Novaci aus als auch auf der siebenbürgischen Seite mit Pflasterungs- und Befestigungsarbeiten. Eine Schlüsselrolle spielte dabei neben König Carol II., dem bekanntlich der Tourismus (Gründung des ONT) und die Erforschung und Förderung des rumänischen Dorfes sehr am Herzen lagen, Ministerpräsident Gh. Tătărescu. Am Ausbau des Königsweges war bereits vorher auch ein Siebenbürger Sachse beteiligt. So erzählte mir der kürzlich verstorbene Dr. Hans-Udo Krasser, dass der Abschnitt Tău – Oașa von seinem Vater Gustav Krasser (1897-1982) 1929 im Auftrag der Bergbau A.G. „Petro­șani“ errichtet wurde. Als Abteilungsleiter der deutschen Strabag für Rumänien baute Krasser später (1931ff.) auch die Teilstrecke Großpold – Mühlbach-Aiud, der damals ersten Asphaltstraße Rumäniens. 2001 wurde ihm dafür posthum die Ehrenbürgerschaft von Mühlbach verliehen. (Zum Bau der so genannten Schwedenstraße vgl. Nils H. Măzgăreanus Beitrag in Zeitschrift für Siebenbürgische Landeskunde 2/2003.)

Bezeichnenderweise ließ es sich der automobilbegeisterte König Carol nicht nehmen, die Strecke von Săliște bis Novaci (bei ihrer Einweihung?) sogar selber zu fahren – in respektablen acht Stunden, wie überliefert ist. Wann genau das war, ist anhand seiner lückenhaften Tagebücher nicht mehr feststellbar. Einiges spricht für Oktober 1934, andere datieren das Ereignis auf den 6. Oktober 1935. Kaum wahrscheinlich, dass es erst im Oktober 1937 war, als sich Carol II. zu „Königsmanövern“ in der Region aufhielt und bei diesem Anlass auch das Stromnetz für die Dörfer der Mărginimea Sibiului in Săcel/Săliște einweihte. Ganz so spontan kann die Fahrt nicht gewesen sein, denn die Hermannstädter Kreisdirektion für Straßenwesen musste vorher die besonders schlechten Wegstellen ausbessern (so Hans-Udo Krasser im Hermannstädter Heimat-Boten Nr. 107/2010).

Mit dabei war neben Sohn Mihăiţa sicher auch sein langjähriger Hofchauffeur Georg Schuster (1900-1965), ein Sachse aus Schäßburg. In einem lesenswerten Beitrag in den Schäßburger Nachrichten vom 1.12.1999 beschreibt sein Neffe eine Begebenheit von 1932, die zum fahrlustigen König passt. Beim Vorfahren zu einer geplanten Parade auf dem Schäßburger Marktplatz hatte sich Carol selbst ans Steuer gesetzt und seinen uniformierten Fahrer auf den Rücksitz des offenen Wagens verbannt. Als der Chauffeur ausstieg, um dem König die Wagentür zu öffnen, kam er nicht weit. Ein diensteifriger Offizier hatte schon zum Rapportieren angesetzt‚ während der „richtige“ König im Wagen schelmisch sitzenblieb und sich über die Verwechslung, nun ja, königlich amüsierte.

Es scheint kein Zufall zu sein, dass die Strecke Săliște-Şugag-Novaci (ohne den Abschnitt Şugag – Mühlbach) als die eigentliche Königsstraße gilt. Auf jeden Fall war der Name eine ehrende Benennung für König Carol II., der ihre Modernisierung vorangetrieben und sie sehr früh sogar selber befahren hatte. Erstmals erwähnt fand ich ihren Namen in einem Beitrag des bekannten Klausenburger Universitätsprofessors Dan Rădulescu. Darin streift er im Zusammenhang mit Markierungsarbeiten, die er im Sommer 1935 im Lotru- und Parâng-Gebiet durchgeführt hatte, auch kurz die „Autostraße ‚Drumul Regelui Carol II.‘, die von Novaci über Oaşa nach Poiana führt“ (Jahrbuch des SKV 1936, S. 46; auf S.66 die redaktionelle Formulierung „der Weg ‚König Karl II.‘“). Rast am Cărbunele-Grat, September 2008. Als ...Rast am Cărbunele-Grat, September 2008. Als diese Aufnahme entstand, lockte noch Freiheit und Abenteuer fernab der großen Straße. Hinten die Munţii Căpăţânei mit der Târnovu-Spitze (links) und der schneebedeckte Pristosu-Gipfel; davor die Muntinu-Spitze, vorne rechts der Cărbunele-Ausläufer. Foto: Detlef Schiel Ist die heutige Bezeichnung Transalpina überhaupt gerechtfertigt? Der 82-jährige Hermann­städter Architekt Constantin Voiciulescu – er ist der Verfasser des Buches „10 trasee in munţii dintre Olt si Jiu“ (1983) und kennt die dortigen Berge wie kein zweiter – findet den Namen problematisch: „Este o exagerare“, es ist eine Über­treibung. Ob Transcarpatina angemessener gewesen wäre? Natürlich, aber am besten wäre gewesen, man wäre beim alten Namen Drumul Regelui geblieben. Voiciulescu ist nicht irgendwer: Er hatte seinerzeit die Trassierung der Trans­făgărășana festgelegt und sich auch deren Namen ausgedacht – Pate sei dabei die Transsibirische Eisenbahn gewesen, wie er augenzwinkernd gesteht.

Konrad Klein

Schlagwörter: Reisebericht, Rumänien, Berge, Fotografie

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