7. November 2007

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Interview mit Radu Gabrea: "Erstaunliche Parallelen mit Eginald Schlattner"

Anlässlich der Verfilmung des Schlattner-Romans „Der geköpfte Hahn“ äußert sich der rumänische Regisseur Radu Gabrea u. a. über Heimatverlust und Geschichtsklitterung, aber auch die Berge und Wälder Siebenbürgens spielen in dem Gespräch, das Armin Pongs geführt hat, eine Rolle. Die internationale deutsch-rumänisch-österreichisch-ungarische Kinoproduktion „Der geköpfte Hahn“ hatte am 4. Juni auf dem Internationalen Filmfestival in Hermannstadt Premiere und ist am 31. August auch in österreichischen Kinos angelaufen. Das Echo der Filmkritik freilich ist durchwachsen, es reicht von Zustimmung („Ein engagierter Film“/Der Standard) bis Verriss („Eine nichtige Aufarbeitung“/Wiener Zeitung, „Seifenopernniveau“/Filmering).
Herr Gabrea, der Schauplatz Ihres Films ist Fogarasch, ein kleines siebenbürgisches Dorf am Fuße der Karpaten in Rumänien. Was verbin­det Sie mit Siebenbürgen?

Ich wurde vor siebzig Jahren in Bukarest ge­boren und wuchs auch dort auf. Aber meine Fa­milie mütterlicherseits kam aus Siebenbürgen und hieß Lehrmann. Dadurch war mein Interesse für Siebenbürgen schon von klein auf da. In der Familie kursierten immer Geschichten über den Reichtum der Familie Lehrmann, der angeblich ganze Berge und Wälder um Poiana Sărată in Siebenbürgen gehört haben sollen. Mein Ur­groß­vater soll so reich und mächtig gewesen sein, dass er problemlos die Grenzen überqueren konnte, wenn er mit der Kutsche nach Wien fuhr. In der Zeit des Nationalsozialismus war der Name Lehrmann Anlass dazu, dass mein Vater nach der Herkunft meiner Mutter befragt wurde. Man wollte wissen, ob meine Mutter jüdischer Abstammung war.

Der rumänische Regisseur Radu Gabrea. ...Der rumänische Regisseur Radu Gabrea. War sie das? Und wenn ja, welche Folgen hatte dies für Ihre Familie?

Der Jude ist als soziale Konstruktion durch „den Anderen“, konkret durch den Antisemiten, erschaffen. Das hat Jean-Paul Sartre einmal gesagt. Meine Familie wurde immer von der rumänischen Gesellschaft für Juden gehalten. Mein Bruder Serban Gabrea, ein Kunstmaler, hat das einmal so zu spüren bekommen: Als er 1978 seinen Gobelin „Welt als Theater“ ausstellte, wurde der Teppich beschlagnahmt und von einer Kommission des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei stundenlang nach jüdischen Symbolen untersucht.

Ihr Film spielt in der Zeit, als Rumänien nationalsozialistisch war. Aus welchem Grund haben Sie den Roman von Eginald Schlattner als Vorlage zu Ihrem Film gewählt?

Eginald Schlattner lebt noch heute in Sieben­bürgen. Ich habe seinen Roman mit Interesse gelesen. Es ist eine große literarische Welt, die er uns da erschließt, das macht auch den weltweiten Erfolg des Romans aus. Darüber hinaus hat mich die Hauptperson, Felix Goldschmidt, an meine eigene Kindheit erinnert. Es gibt er­staunliche Parallelen zwischen ihm und mir. Die gibt es auch zwischen Eginald Schlattner und mir, denn sein Buch ist autobiografisch, der Protagonist ist in Wahrheit Schlattner selbst.

Standen Sie auch wie der Protagonist des Ro­mans vor der Entscheidung zwischen christlichem Glauben und der weltlichen Macht der Nazis?

Nein, ich selbst nicht, aber es ist das Thema meiner Generation. Wie viele seiner Altersgenos­sen musste sich der Protagonist des Films entscheiden, ob er sich konfirmieren lässt oder der faschistischen Jugendbewegung anschließt. Der Pfarrer der Gemeinde verlangt von ihm ein klares Bekenntnis zum Glauben, denn es heißt: „Du sollst nicht andere Götter haben neben mir.“ Der Film thematisiert das Hin- und Hergerissensein dieses sensiblen und ernsthaften Jugendlichen.

Wie sehen Sie das Verhältnis zwischen historischen Ereignissen und fiktiven Geschichten? Wie weit darf ein Regisseur gehen, wenn er seine Geschichten in die Weltgeschichte integriert?

Die Handlung darf fiktiv sein, sie darf aber nicht die historischen Ereignisse verfälschen. Im Verfälschen der Geschichte war die Sowjet­union Meister. Jahrelang hat man geglaubt, dass der Winterpalast des Zaren in St. Peters­burg von Arbeitern und Soldaten gestürmt wurde. Dies entspricht aber nicht der historischen Wahrheit, es war die Erfindung von Sergej Ei­sen­stein in seinem berühmten Film „Okto­ber“. Gleiches geschah mit dem Hissen der ro­ten Fahne auf dem Reichstagsgebäude im Mai 1945. Das wurde später so nachgestellt, es war eine gekonnte Inszenierung und wurde zur Ge­schichtsklitterung.

Der Film thematisiert auch den Exodus der Siebenbürger Sachsen. Was bedeutet Ihnen der Begriff Heimat in Zeiten der Globalisierung?

Die Heimat zu verlieren ist auch heute eine Grunderfahrung vieler Menschen vor dem Hinter­grund der weltweiten Wanderbewe­gungen durch Krieg, Hunger, Armut und Umweltkatastrophen. Im Zweiten Weltkrieg war es die Flucht und Ver­treibung, die dazu führte, dass man seine Heimat verlor. Der Film thematisiert den Exo­dus der Siebenbürger Sachsen, ein Schicksal, das eng verknüpft ist mit dem 23. August 1944, dem Tag also, an dem sich Rumänien auf die Seite Russ­lands schlug. Von da an kämpfte Rumänien gegen Nazi-Deutschland. Für die deutsche Minderheit in Rumänien bedeutete dies das Ende einer achthundertjährigen Geschichte. 800 Jahre lang hatte man am Fuße der Karpaten gelebt, eine Kultur und Tradition gepflegt, die deutsch war. Von einem Tag auf den anderen sollte man als Deutscher gegen das Deutsche Reich kämpfen, als Rumäniendeutscher gegen Rumänen.

Sie haben selbst Ihre Heimat verloren, sind 1974 nach Deutschland emigriert. Warum?

Das Leben und Arbeiten wurde mir in Rumä­nien immer schwerer gemacht. Es begann damit, dass mein erster Film „Zu klein für einen so gro­ßen Krieg“ in Cannes gezeigt wurde und in Locarno einen Preis erhielt. Plötzlich stand ich im Rampenlicht und zählte neben meinem Kol­legen Lucian Pintilie zu den europaweit be­kanntesten rumänischen Regisseuren. Als mein zweiter Film „Jenseits des Sandes“ herauskam, wurde er in Rumänien auf den Index gesetzt. Nicolae Ceauşescu hat ihn in seiner privaten Villa gesichtet und ihn persönlich verboten. Da stand mein Entschluss fest: Ich muss das Land verlassen. 1974 habe ich Rumänien den Rücken gekehrt und lebte bis 1997 in Deutschland, über­wiegend in München. Jetzt lebe ich wieder in Rumänien, in Bukarest und auch in Sieben­bürgen, in der Nähe von Hermannstadt.

Hermannstadt ist gemeinsam mit Luxemburg diesjährige Kulturhauptstadt Europas und Rumänien seit dem 1. Januar diesen Jahres Mitglied der Europäischen Union. Wie sehen Sie die Entwicklung Rumäniens?

Noch vor kurzem habe ich diese Entwicklungen für nicht möglich gehalten. Die Mitgliedschaft in der Europäischen Union hat Rumänien wieder zurück nach Europa gebracht, aber es gibt noch viel zu tun, damit Rumänien auch seinen Platz in Europa findet. Ebenso muss sich zeigen, ob die Europäische Union eine Zukunft hat, ob es gelingt, dass auch die verschiedenen Identitäten und Kulturen in Europa Raum haben. Sollten sie verschwinden, ist meines Erachtens auch die Europäische Union zum Scheitern verurteilt.

Vielen Dank für das Gespräch.

Schlagwörter: Schlattner, Film

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