25. Juni 2020

BdV-Präsident Fabritius: „Wir verbinden das Gedenken mit dem Blick nach vorn“

Die Ansprache von BdV-Präsident Dr. Bernd Fabritius zum nationalen Gedenktag für die Opfer von Flucht und Vertreibung am 20. Juni am Mahnmal für die Opfer von Flucht und Vertreibung „Ewige Flamme“ in Berlin wird im Folgenden ungekürzt wiedergegeben. Das Video der Rede ist auf YouTube abrufbar: https://www.youtube.com/watch?v=4pZjXBKWnGY.
Ein Dreivierteljahrhundert Frieden in Westeuropa: Das ist fast ein ganzes Menschenleben. Die Geschichte kennt nur wenig derart lange Phasen, in denen Völker und Nachbarn ohne kriegerische Konflikte miteinander leben konnten. Umso dankbarer sind wir für diesen Frieden, denn wir wissen aus den Erzählungen unserer Eltern und Großeltern, wie unvorstellbar grauenhaft Kriege, aber auch die Menschen selbst in Kriegszeiten sein können – und wir erleben das auch heute wieder, weltweit, immer und immer wieder.

Im Mai 1945 endete der von deutschem Boden ausgegangene Zweite Weltkrieg. In Westeuropa setzte der bis heute währende Friede ein. Doch dieser Friede bedeutete nicht automatisch Freiheit und ein Ende der Gewalt: Zeitgleich fand in Ostmitteleuropa, in Ost- und in Südosteuropa die größte Völkerverschiebung seit Menschengedenken statt: Flucht, Vertreibung und Deportation rund 15 Millionen Deutscher aus ihren Wohnungen und Häusern, Dörfern und Städten – aus ihrer jahrhundertelangen Heimat. Mehr als zwei Millionen kamen auf der Flucht, während der Vertreibung und infolge dieses Schicksals ums Leben, überstanden die Deportation nicht oder werden für immer vermisst bleiben.

1944, als die Sowjetarmee in Ostpreußen erstmals auf das Gebiet des Deutschen Reiches vorstieß, sah man die ersten Flüchtlingstrecks mit verängstigten Menschen, die den zu erwartenden Racheakten zu entgehen versuchten. In den Jahren bis 1950 folgten Flucht und Vertreibung aus den deutschen Ostprovinzen, aus den kulturell gemischten Randgebieten von Böhmen und Mähren, aus den deutsch besiedelten Regionen in Ungarn, Jugoslawien, Rumänien und Teilen der Sowjetunion. Noch 1951 wurden knapp 9500 heimatverbliebene Deutsche aus dem rumänischen Teil des Banats in Viehwaggons gepfercht, in eine der unwirtlichsten Regionen des Landes, die Bărăgan-Steppe, deportiert und schutzlos auf den endlosen Stoppelfeldern ausgesetzt. Über 600 von ihnen haben die anschließenden fünf Jahre nicht überlebt.
Im September 1944 flüchteten 35000 Sachsen ...
Im September 1944 flüchteten 35000 Sachsen Nordsiebenbürger Sachsen vor der herannahenden Roten Armee. Der Treck der Deutsch-Zeplinger durchquerte im September 1944 Billak. Fotoarchiv Kroner/Göbbel
Wir blicken auch auf die Deutschen in der Sowjetunion, die schon zu Kriegsbeginn in die Verbannung kamen, deportiert und zerstreut wurden und bis weit in die 50er Jahre Zwangsarbeit leisten mussten. Im Rückblick war die Heimat für die allermeisten für immer verloren. Rache und Vergeltung für das unter den Nazis erlittene Leid, eine fadenscheinig begründete Ordnungsmaßnahme, um ethnische Konflikte künftig zu verhindern oder einfach kalte Kalkulation im politischen Machtvakuum der End- und Nachkriegszeit: Jede nur mögliche Rechtfertigung zeigt, dass Flucht und Vertreibung damals ein Unrecht waren – und es bis heute sind, ganz gleich, wo sie geschehen.

In diesem Geist fordert uns der jährlich am 20. Juni begangene nationale Gedenktag für die Opfer von Flucht und Vertreibung auf, all dieser Menschen – der Toten wie der Überlebenden – zu gedenken. Wir wollen an sie erinnern. Wir wollen in Demut und Andacht von ihnen sprechen. Und wir wollen anerkennen, dass bei den deutschen Flüchtlingen, Vertriebenen und Deportierten sowie deren Nachkommen über die letzten sieben Jahrzehnte hinweg eine Leere im Herzen unausgefüllt geblieben ist: jene Leere, die nur durch Anerkennung des erlittenen Heimatverlustes, des schmerzhaften Leids und der verlorenen Kinder, Eltern und Geschwister notdürftig gefüllt werden kann.

Den Überlebenden bin ich dankbar für die Charta der Heimatvertriebenen, die bereits 1950 proklamiert wurde. Aus der noch frischen Erinnerung an Krieg und Vertreibung reichten sie den Völkern Europas die Hand. Mit der Zukunft im Blick wagten sie einen mutigen Schritt aus der Spirale von Rache und Gewalt heraus, deren Opfer sie selbst geworden waren.

Das erste Verpflichtungs-Bekenntnis in der Charta von 1950 lautet: „Wir Heimatvertriebenen verzichten auf Rache und Vergeltung. Dieser Entschluss ist uns ernst und heilig im Gedenken an das unendliche Leid, welches im Besonderen das letzte Jahrzehnt über die Menschheit gebracht hat.“ Die Charta der Heimatvertriebenen wird in diesem Jahr 70 – aber sie ist nicht „in die Jahre gekommen“. Sie ist ein Mahnmal der Verständigungsbereitschaft mit dem Ziel, Grenzen zu überwinden und zum Wohle des Gemeinwesens beizutragen. Sie ist eine Willensbekundung zum Frieden und steht diametral entgegengesetzt zum selbst erlittenen Leid. Und sie fordert – ebenfalls bis heute aktuell – das Recht auf die Heimat, den Schutz vor Vertreibungen und ethnischen Säuberungen als fundamentale Menschenrechte und Grundwerte, die der Friedens- und Zukunftssicherung dienen. Darauf sind wir im Bund der Vertriebenen stolz – nur ausruhen dürfen wir uns darauf nicht!

Die Charta ist uns Vertriebenen, unseren Kindern, Kindeskindern und deren Nachkommen Verpflichtung zum grenzüberschreitenden Handeln im Sinne der Völkerverständigung und der in Freundschaft miteinander verbundenen Europäer. Die Mütter und Väter der Charta haben uns dies Dokument der Vernunft und der Versöhnung als Erbe hinterlassen. Nun ist es an uns, aber mehr noch an den jungen Generationen von heute und morgen, das Vermächtnis der Charta zu leben und so die Weitsicht der Charta zu belegen. Darum verbinden wir heute das Gedenken an die Opfer von Flucht und Vertreibung mit dem Blick nach vorne und der Zuversicht in das Verantwortungsbewusstsein der Jugend von heute. Gerade deshalb – und als Aufforderung an die nachgeborenen Generationen – muss ich angesichts dieses 20. Juni, der auch Weltflüchtlingstag ist, fragen: Warum gibt es bis heute in Europa keine klar normierte Festlegung zur Ahndung ethnischer Säuberungen und zum Verbot völkerrechtswidriger Vertreibungen? Auch heute noch werden weltweit zu viele Menschen Opfer von gewaltsamen Vertreibungen.

Ich bitte Sie, mit mir und allen im Bund der Vertriebenen vereinten Menschen, jetzt ganz besonders an die Millionen Opfer von Flucht und Vertreibung – auch in unseren Reihen – zu denken. Gemeinsam wollen wir ihr Leid und ihre Opfer anerkennen und dafür Sorge tragen, dass ihr Schicksal einen festen Platz im Erinnerungsbogen unseres Volkes findet.

Schlagwörter: BdV. Präsident, Bernd Fabritius, Gedenktag, Flucht und Vertreibung, Berlin, Video

Bewerten:

27 Bewertungen: o

Noch keine Kommmentare zum Artikel.

Zum Kommentieren loggen Sie sich bitte in dem LogIn-Feld oben ein oder registrieren Sie sich.