23. Oktober 2012

Leserecho: "Ich werde noch als alte Frau in mein Dorf fahren"

Persönliche Anmerkungen der 28-jährigen Großpolderin Eva-Maria Piringer zur Bedeutung von Heimat(treffen).
Mein Name ist Eva-Maria Piringer, geboren in Großpold in Siebenbürgen. Seit kurzem wohne ich in Freiburg im Breisgau und da fand am letzten Wochenende im Fritz-Hüttinger-Haus der „Tag der Heimat“ der Siebenbürger Sachsen statt (siehe Bericht in dieser Zeitung). Ich wurde kurzfristig gebeten, bei der Lidertrun bei zwei sächsischen Balladen mitzusingen. Danach wurde ich – da ich mit meinen 28 Jahren die jüngste Anwesende war – von einer Journalistin der Badischen Zeitung interviewt.

Zugegeben sind Treffen dieser Art nicht immer etwas, das auf Jüngere anziehend wirkt. Allerdings geht es dabei ja auch nicht ausschließlich ums Feiern. Zwar sind Treffen mit Menschen aus der Heimat immer ein Grund zur Feier, aber es wäre auch schade, wenn diese ganze Kultur und Gesellschaft demnächst der Vergangenheit angehörte. Ich bin dort sehr wehmütig geworden und war immer den Tränen nahe. Ohne jetzt sentimental zu wirken: vielleicht bin ich auch nur ein Mensch, der schlecht loslassen kann, aber ich weiß ganz genau, was ich durch die Auswanderung verloren habe. Und ich kann mir sogar gut vorstellen, dass einige von uns nach der Auswanderung an Heimweh gestorben sind. Einem Hiesigen kann man nichts davon beschreiben, nicht die Landschaft, die Dörfer, die Häuser, die Feiern im Dorf und im Wald, den Zusammenhalt unter den Dorfbewohnern, die einzigartige Mischung von Rumänen, Zigeunern, Sachsen, Landlern und auch Ungarn. Die vielen Rituale, die Trachten, den Geschmack von dort wachsendem Obst, überhaupt das Essen: geriebene Bohnen mit gerösteten Zwiebeln und Eisbein, Krautwickel, die selbstgemachte Wurst, das selbst gebackene Brot, Hanklich, die Milch frisch von der Kuh, den Wein und Schnaps in den Kellern; und dann diese warmen Menschen, alle gastfreundlich und mit offenen Armen und Herzen. Jedesmal wenn wir im Urlaub endlich nach 24-stündiger Fahrt in unser Großpold hineingefahren sind, wollte ich weinen vor Glück. Und stehe ich dort auf dem Boden, spüre ich wortwörtlich meine Wurzeln, ich finde zur Ruhe und zum Frieden. Natürlich weiß ich um die Gründe der Auswanderung und bin dankbar für die endlosen Möglichkeiten, die Deutschland jedem bietet. Aber je länger ich hier bin, desto mehr weiß ich meine Herkunft zu schätzen. Es gab dort andere Werte als hier. Und obwohl die Sachsen und Landler im Prinzip schon immer ein Volk der Vertriebenen waren, haben sie sich ein offenes Herz, Menschlichkeit und Humor bewahrt, etwas wovon sich die Deutschen hier auch eine Scheibe abschneiden können. Das ist jetzt auch nur mein Eindruck.

Sicher wird es irgendwann in Vergessenheit geraten, was die Siebenbürger dort unten alles aufgebaut haben: begonnen bei ihren eigenen Häusern, Dörfern, Kirchen, bis hin zu Institutionen, Schulen, Universitäten und einer eigenen Kultur und Sprache, die sehr wahrscheinlich bald aussterben wird. Ich selbst verlerne den Dialekt immer mehr. Und was ist Siebenbürgen ohne die Menschen darin. Eginald Schlattner sagte zu mir, dass wir, die geflohen sind, nicht nur uns selbst die Heimat genommen hätten, sondern auch denen, die geblieben sind. Fahren wir im Sommer hin, so finden wir uns alle, und es ist beinahe, als wäre keine Zeit vergangen – bis auf die modernen Einrichtungen, wie fließend Wasser, Toilette und Heizung, die dort Einzug gehalten haben. Dann freue ich mich wie ein Kind und denke nicht an Morgen und das Ende des Urlaubs. Ich werde noch als alte Frau in mein Dorf fahren und das verkaufte Haus meiner Großeltern betrachten. Und mein Traum ist es, mir einmal ein eigenes Haus dort zu kaufen.

Wir verstreuen uns jetzt alle und mischen uns sozusagen unter die Welt. Ich als Schauspielerin, die in Freiburg versucht, sich ein Standbein in der Freien Szene aufzubauen. Ihr alle, ich weiß nicht wohin. Ja, ja, ich weiß, es hat alles gute und schlechte Seiten. Die, die dort ein schweres Schicksal hatten, möchten nichts lieber, als es verarbeiten und hinter sich lassen. Andere schämen sich über den Kult der Treffen der Sachsen und Landler in verschiedenen Städten hier in Deutschland. Ich bin glücklich um diese Treffen, da mir jedes Gesicht dort verwandt vorkommt. Ich verbleibe mit einem herzlichen Gruß an alle aus meiner Heimat.

Eva-Maria Piringer, Freiburg i.Br.

Schlagwörter: Leserecho, Heimat

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