19. Mai 2026

Heimattag der Siebenbürger Sachsen und Sächsinnen/Warum die Leistungen der Frauen besonders gewürdigt werden sollten

Bevor sich jemand umsonst aufregt: Nein, ich plädiere an dieser Stelle nicht für geschlechtergerechte Sprache und die Umbenennung des Heimattags. Ich will lediglich das Augenmerk auf eine Gruppe lenken, die immer ganz selbstverständlich dabei ist, deren Leistung aber häufig übersehen wird: Ich rede von den siebenbürgisch-sächsischen Frauen.
Die Klausenburger Künstlerin Anne Nebert bringt ...
Die Klausenburger Künstlerin Anne Nebert bringt das warme Licht Siebenbürgens nach Dinkelsbühl.
Dass die Frauen heuer mehr als sonst im Rampenlicht des Heimattags stehen, ist gar keine Absicht. Das Sozialwerk stellt zusammen mit Dr. Ingrid Schiel 15 siebenbürgisch-sächsische Wegbereiterinnen in einer Ausstellung vor, Sieglinde Botteschs „Hexenzyklus“ ist zu Pfingsten verfügbar und zum Ort passend, Marlene Linz hat kürzlich eine Forschungsarbeit über die architektonische Kulturlandschaft Siebenbürgens angefertigt, und Anne Nebert ist frei und gewillt, die Reise aus Klausenburg anzutreten, um einige Collagen und Acrylbilder auszustellen. Wenn dann auch noch eine Frau den Siebenbürgisch-Sächsischen Kulturpreis erhält (Prof. Dr. Hannah Monyer), eine andere den Jugendpreis bekommt (Astrid Göddert), wenn das Siebenbürgische Kulturzentrum „Schloss Horneck“ e.V. eine neue weibliche Vorsitzende hat (Heidi Mößner) und Petra Volkmer mit einer Kinderuni Heimattags-Neuland betreten will – ja, dann sind es halt viele Frauen im Programm. Daneben noch die Damen, die musizieren und Chöre anleiten (Andrea Kulin, Angelika Meltzer), von ihrem beeindruckenden Lebensweg erzählen (Ilse Maria Reich) und Diskussionen moderieren (Renate Bauinger) – die Landsmänninnen sind in diesem Jahr sehr gut vertreten!

Die stärkere weibliche Präsenz in Dinkelsbühl zeigt ganz deutlich: Die blau-rote Brille ist endlich geputzt worden und Sächsinnen werden besser gesehen! Beim Blick ins Programmheft des Heimattags 2016 habe ich mir die Augen gerieben: Im Kulturprogramm gab es lediglich zwei Protagonistinnen! Ansonsten: Männer, soweit das Auge reicht. Bei den drei Diskussionsrunden etwa zähle ich 16 männliche und null weibliche Gäste auf den Podien. Ich kenne die organisatorischen Hintergründe und Sachzwänge des Jahres 2016 nicht, aber 16 vs. 0 ist schon arg.

Zwischenzeitlich hat sich zum Glück viel getan. Haben Sie 2019 in den Medien mitbekommen, dass es in den deutschen DAX-Vorständen weniger Frauen gab als Männer, die den Vornamen Thomas trugen? Beim Siebenbürgisch-Sächsischen Kulturpreis war es lange ähnlich. Erst seit 2025 finden sich auf der Liste der Preisträger mehr Frauen (zehn) als Männer mit Namen Hans (neun). Dass nach 150 Jahren und elf Bänden „Schriftsteller-Lexikon der Siebenbürger Deutschen“ ein zwölfter Band geplant ist, der die Schriftstellerinnen behandelt (siehe Besprechung auf S. 7-8), ist ebenfalls eine gute Nachricht, die darauf schließen lässt, dass die kulturellen Leistungen siebenbürgisch-sächsischer Frauen heutzutage mehr gewürdigt werden.

Im Verbandsleben können wir ähnliche Beobachtungen machen: Mit Herta Daniel haben die Delegierten 2015 erstmals eine Frau zur Bundesvorsitzenden unseres Verbandes gewählt und mit Natalie Bertleff als Bundesjugendleiterin zog die SJD 2023 gleich. Auch bei den hauptamtlichen Mitarbeitenden in der Münchner Geschäftsstelle sind die männlichen Kollegen mittlerweile in der Unterzahl.
Marlene Linz stellt beim Heimattag die ...
Marlene Linz stellt beim Heimattag die Linolschnitte aus, die sie für ihre Forschungsarbeit über die architektonische Kulturlandschaft Siebenbürgens angefertigt hat.
Ich will mich nicht beschweren. Die Entwicklung geht die letzten Jahre meines Erachtens in die richtige Richtung und Frauen haben (im Übrigen genauso wie Männer) mehr Freiheiten bei der Gestaltung ihres Lebensweges. Trotzdem sprechen die Zahlen eine deutliche Sprache. Mittlerweile sind wir in der Bundesrepublik so weit, dass sich ungefähr gleich viele Männer (37%) wie Frauen (36,4%) ehrenamtlich engagieren. Es gibt aber auch einige Unterschiede (alle Zahlen stammen aus dem Sechsten Deutschen Freiwilligensurvey von 2024): Von den männlichen Engagierten üben 31% eine Leitungs- oder Vorstandsfunktion aus, von den weiblichen lediglich 21%. Wenn Freiwillige ihre ehrenamtlichen Tätigkeiten aufgegeben, geben fast doppelt so viele Frauen (30%) wie Männer (17%) familiäre Gründe an.

Sie fragen sich, warum? Frauen arbeiten häufiger Teilzeit als Männer. Sie verdienen weniger und sie leisten zu Hause mehr unbezahlte Sorgearbeit, selbst wenn sie Vollzeit arbeiten. Jeder, der ehrenamtlich aktiv ist, weiß aber, dass es für freiwilliges Engagement zwei Dinge braucht: Zeit, und nicht selten auch Geld.

Wieso ich das alles schreibe? Weil man nicht oft genug darauf hinweisen kann, dass unter den gegebenen Bedingungen keine Chancengleichheit herrscht. Jede Form der Selbstverwirklichung hängt auch von den zeitlichen und materiellen Ressourcen ab, egal ob im Beruf oder im Verein. (Randnotiz: Dem Deutschen Frauenrat zufolge erhalten Männer im freiwilligen Engagement auch häufiger Geld als Frauen.) Als Verband müssen wir uns dessen bewusst sein, dass Frauen selbst heute noch unnötig ausgebremst werden.

Ich schreibe kurz vor dem Heimattag aber auch über das Thema, weil ich die Leistungen der Siebenbürger Sächsinnen eben auch einmal besonders hervorheben will. Wer trotz der herrschenden Machtverhältnisse und bestehender Rollenbilder die Zeit findet und sich die Freiheit nimmt, sich ehrenamtlich zu engagieren und seinen eigenen Weg zu gehen, verdient größte Hochachtung.

Die Frauen waren im Verbands-Kosmos immer schon aktiv, sei es als Bäckerinnen, Dekorateurinnen, Stickerinnen, Fahrerinnen, Gruppenleiterinnen usw. usf. Wichtig und schön finde ich es, dass sie zunehmend in Positionen zu finden sind, in denen sie auch ihre Perspektive einbringen können. Dafür braucht es mitunter ein Mikro und eine Bühne, vor allem aber ein Publikum, das ihren Worten Bedeutung beimisst. Solange sie nicht nur hübsche Staffage in Festtagstracht oder Küchenschürze sind, kann ich mir die Sächsinnen gerne dazu denken und mit der Benennung „Heimattag der Siebenbürger Sachsen“ sehr gut leben. Andernfalls werde ich von mir hören lassen.

Dagmar Seck, Bundeskulturreferentin

Schlagwörter: Heimattag 2026, Frauen, Programm

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