2. März 2020

"Sie haben sich damit abgefunden": Ausstellung in Berlin erinnerte an die Russlanddeportation vor 75 Jahren

„Ein Gefangener hatte immer nur das Essen im Sinn, denn Hunger hatten wir jeden Tag. Mit Hunger standen wir auf, mit Hunger gingen wir schlafen.“ 75 Jahre nach der Deportation von rund 70.000 Rumäniendeutschen in die Sowjetunion brachte die Ausstellung „Order 7161 Zeitzeugenporträts einer Deportation“ ein Kapitel der Nachkriegsgeschichte ans Licht. Das Rumänische Kulturinstitut Berlin zeigte in einem Kooperationsprojekt mit der Kulturreferentin für Siebenbürgen vom 14. Januar bis 18. Februar eine Ausstellung mit Bildern des Luxemburger Fotografen Marc Schroeder. Seit 2012 besuchte und fotografierte er auf seinen Rumänienreisen 40 Opfer der Russlanddeportation. Aida Ivan führte das folgende Gespräch mit Marc Schroeder.
Wie sind Sie auf die Idee gekommen, ein fotografisches Projekt zu diesem Thema durchzuführen?
Gelesen habe ich einen Reisebericht über Hermannstadt. Ich habe recherchiert und herausgefunden, dass die Siebenbürger Sachsen ursprünglich aus dem heutigem Raum Luxemburg Mosel-Rheinland kamen. Dann wollte ich ein fotografisches Projekt über die Deportation machen. Ich war mir natürlich bewusst, die sind die Letzten. Ada zum Beispiel war damals 83 Jahre alt und sie war eine der jüngsten. Und ich habe gedacht, wenn ich das durchziehen möchte, muss ich mich beeilen. Weil ich als Fotograf das Thema behandelt habe, habe ich die Leute eigentlich frei reden lassen. Meine Priorität war, dass ich die Leute in Bildern darstelle. Ich bin kein Historiker, ich bin kein Forscher. Ich wollte, dass die Leute sich in meiner Anwesenheit wohlfühlen.
Marc Schroeder und die Politologin Dr. Anneli Ute ...
Marc Schroeder und die Politologin Dr. Anneli Ute Gabanyi in der Berliner Ausstellung „Order 7161 Zeitzeugenporträts einer Deportation“. Foto: Aida Ivan
Welche Schwierigkeiten gab es während der Reise?
Die Leute haben sich wirklich gefreut. Ich war positiv überrascht, denn das war mein größtes Bedenken, als ich mit dem Projekt angefangen habe: Dass die Leute sich mit diesem Thema nicht auseinandersetzen wollen. Aber das war überhaupt nicht der Fall. Die Herausforderung war, die Leute zu finden. Ich bin acht Mal nach Rumänien geflogen. Als ich 2013 dann das Stipendium vom Rumänischen Kulturinstitut bekam, war ich zwei Monate in Rumänien. Und da habe ich 10-12 Leute fotografiert. Ich wollte nicht nur Siebenbürger Sachsen vor der Kamera haben. Es gibt auch andere Gemeinschaften – in der Bukowina, Sathmar, Banater Bergland, in Craiova, Bukarest und Ploiești. Jeder hat natürlich seine eigene individuelle Geschichte und die hat mich sehr interessiert. Das kollektive Gedächtnis ergibt sich erst, nachdem man mit mehreren Personen gesprochen hat. Diese Entdeckungsreisen waren eigentlich die schönsten Arbeiten meines Lebens, seitdem ich mit der Fotografie angefangen habe. Für mich war das sehr wichtig, denn hier ging es noch um ein Thema, worüber ich nichts wusste und worüber viele Leute in Rumänien damals nichts wussten. Eine gewisse Genugtuung war auch noch da, denn ich kann hier der Öffentlichkeit etwas mitteilen, was sie noch nicht weiß.

Wie sind die Fotos entstanden?
Als ich angefangen habe, wollte ich mir keine Regeln vorschreiben. Ada war die erste, die ich damals fotografiert habe. Wir haben in der Küche gesessen und geredet und dann hat sie mich ins Wohnzimmer mitgenommen. Sie hatte dort einen Wandteppich, auf den sie ganz stolz war. Ich bat sie, sich aufs Bett vor den Wandteppich zu setzen und habe ein Bild gemacht. Und so entstand das Leitmotiv für die gestellten Farbporträts – die Leute in ihrem Wohnraum mit einem Weitwinkelobjektiv zu porträtieren.
Die Ausstellung, ein Kooperationsprojekt des ...
Die Ausstellung, ein Kooperationsprojekt des Rumänischen Kulturinstituts Berlin und der Kulturreferentin für Siebenbürgen, konnte bis Mitte Februar im Rumänischen Kulturinstitut Berlin besichtigt werden.
Nicht alle Fotografien sind aber Porträts.
Ja, an der Wand gibt es ein Bild von einem Zimmer ohne Person. In der Mitte steht ein leerer Stuhl, die Dame lebte in Freidorf und wollte nicht fotografiert werden. Dann habe ich ein Foto von diesem Stuhl in der Küche neben dem Kachelofen gemacht. Zur Ausstellung gehören auch vorbeiziehende Landschaften, die die Leute vielleicht gesehen haben, als sie nach Russland fuhren oder als sie aus der Deportation zurückkamen.

Sie haben so viele Geschichten gehört. Wie sind die Leute mit ihren Traumata umgegangen?
Sie haben sich damit abgefunden. Auch wenn das Erinnern schwer fiel, waren sie froh dass jemand, ein Fremder, nach ihrem Schicksal gefragt hat. Die meisten haben vielleicht mir mehr als eigenen Familien erzählt. Solche katastrophalen Ereignisse werden selten in der Familie besprochen, glaube ich. Es war das größte Leid, das Unheilbarste, das diesen Leuten widerfahren ist.
Zur Ausstellung gehörte auch das Porträt von ...
Zur Ausstellung gehörte auch das Porträt von Franz Pleth aus Bildegg/Beltiug. Marc Schroeder machte das Foto 2013.
Ihre Fotos wurden sowohl in Deutschland als auch in Rumänien gezeigt. Wie hat rumänische Publikum reagiert? Gab es Unterschiede zum deutschen Publikum? Die Ausstellung ist sowohl in Deutschland als auch in Rumänien beim Publikum gut angekommen. Große Unterschiede in den Reaktionen hat es keine gegeben. Abgesehen von Hermannstadt und der Ausstellung zur 75. Gedenkfeier der Deportation in Reschitza, war dieses Thema – ähnlich wie dem deutschen Publikum – auch den rumänischen Besuchern meistens unbekannt gewesen.

Schlagwörter: Kultur, Deportation, Ausstellung, Fotografie, Luxemburg, Berlin

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