19. Juli 2009

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Adelheid Goosch: "Diese Wahrheit stirbt nie"

Zum 80. Geburtstag der Bildhauerin, Malerin und Kunstpädagogin Adelheid Goosch: Die in Gummersbach bei Köln lebende Künstlerin kann heute auf ein weitgefächertes Lebenswerk zurückblicken. Als Bildhauerin, Malerin, Grafikerin, Zeichnerin, Kunsttheoretikerin und als Gestalterin von Gedenkmünzen schuf sie zahlreiche Arbeiten, von denen sich ein Teil inzwischen in Museen, Kirchen und Privatsammlungen befindet; als Kunstpädagogin unterrichtete sie jahrelang an der Kronstädter Volkskunstschule.
Und einige ihrer ehemaligen Schüler wurden später bekannte Künstler und gingen ihre eigenen Wege, wie Renate Mildner-Müller, Marianne Ganea, Mariana Scherg-Fierăstrău, Krisztina Szigety u.a.

„Ich bin in Kronstadt beheimatet, einer Stadt, die viele große und jenseits der Landesgrenzen bekannte siebenbürgisch-sächsische Namen hervorgebracht hat. Einer davon ist der vielseitige, wegweisende Hans Mattis-Teutsch, der zu meinen wichtigsten Lehrern und Vorbildern gehört“, sagte Adelheid Goosch kürzlich in einem Gespräch. „Denn ich bin, ebenso wie Mattis-Teutsch, in einer zweisprachigen Familie aufgewachsen: Meine Mutter war Ungarin und mein Vater, der Architekt Arnold Bruss, stammte aus einer alteingesessenen Kronstädter sächsischen Familie. Die Zweisprachigkeit und die Zugehörigkeit zu zwei siebenbürgischen Kulturen, der sächsischen und der ungarischen, haben mich geprägt. Auch wenn es später oft nicht einfach war, sich schließlich nur zu einer Bevölkerungsgruppe zugehörig zu fühlen. Und ein richtiger ‚Siebenbürger‘ ist ja immer offen und tolerant, wenn es sich um die anderen Bewohner seiner Heimat handelt. Denn in unserer alten Hymne heißt es ja: ‚und um alle deine Söhne schlinge sich der Eintracht Band‘“. Adelheid Goosch, „Geneviève Cordier“, Gipsbüste ...Adelheid Goosch, „Geneviève Cordier“, Gipsbüste von 1980. Adelheid Goosch, die zeitweilig auch den Doppelnamen Goosch-Bruss führte, wurde am 29. Mai 1929 in Kronstadt geboren, wo sie die deutsche Grundschule und das deutsche Mädchengymnasium besuchte. Das Abitur legte sie am ungarischen Gymnasium ab, wo zu ihren Lehrern die bekannten Kunstpädagogen und Maler Arthur Leiter und Irén Lukász – übrigens ebenfalls eine ehemalige Schülerin und Freundin von Hans Mattis-Teutsch – und der Mathematiker Donát Zsidó gehörten. Nach dem Abitur studierte sie zuerst in Klausenburg Bildhauerei und Kunstgeschichte bei Jenő Szervatiusz, Arthur Vetro und Imre Nagy an der ungarischen Sektion der Kunstakademie „Ion Andreescu“. Danach setzte sie ihr Studium in Bukarest an der Kunstakademie „Nicolae Grigorescu“ fort. Zu ihren Professoren gehörten Ionel Jianu, Adina Paula Moscu, Alexandru Moscu (Kunstgeschichte), Wladimir Siegfried (Bühnenbild) und Alexandru Ciucurencu (Zeichnen).

„Ich hatte an der Kunstakademie in Bukarest wunderbare Lehrer, die mir viel Wissen vermittelten und mich als Deutsche aus Siebenbürgen sehr gefördert haben“, erinnert sich Adelheid Goosch. „Und mit manchen von ihnen verband mich sogar eine sehr freundschaftliche Beziehung. So nahm mich zum Beispiel Adina Paula Moscu bei sich auf, als ich zeitweilig keine Unterkunft fand, und ich durfte in ihrem Atelier wohnen. Das war ein Zeichen von großer Menschlichkeit seitens einer Rumänin aus der Moldau, und das werde ich nicht vergessen. Auch von Ionel Jianu, der sich später Jonel Jianou nannte, habe ich sehr viel gelernt. Ihn besuchte ich noch einmal nach der Wende, 1991, in Paris. Es war unsere letzte und eine traurige Begegnung, denn bald danach ist er gestorben. Mattis-Teutsch, Jianou, Adela Moscu und natürlich mein Mann, Hans Otto Goosch, gehören zu den wichtigsten Menschen in meinem Leben.“

Neben Siegfried (1909-1982), der bereits als Maler, Dichter, Bühnenbildner, Illustrator und Kunstpädagoge hervorgetreten war, bevor er 1957 nach Frankreich emigrierte, hat sich dann Jianou besonders um die internationale Bekanntmachung siebenbürgischer Künstler verdient gemacht. In seiner reich illustrierten Anthologie „Les artistes roumains en occident“, die er 1986, zusammen mit dem Kunstkritiker Lionel Scantéyé in Paris, herausbrachte, sind auch alle bekannten siebenbürgischen Künstler – von Oswald Adler, Helmut von Arz, Friedrich von Bömches bis Kaspar Teutsch und Katharina Zipser – vertreten. Insgesamt werden 21 Namen siebenbürgisch-sächsischer und banatdeutscher Maler und Bildhauer, die damals in Westeuropa lebten, mit umfangreichen bio-bibliographischen Angaben angeführt. Dieses wichtige Nachschlagewerk erschien, unter der Ägide der „American Romanian Academy of Arts and Sciences“, Los Angeles, auch in einer englischen Ausgabe.

Mit siebzehn Jahren lernte Adelheid Goosch den Maler, Grafiker, Bildhauer, Dichter, Kunsttheoretiker und -pädagogen Hans Mattis-Teutsch kennen und gehörte von da an zum Kronstädter Kreis junger Künstler, der regelmäßig im Atelier des Meisters in der Langgasse zum theoretischen und praktischen Studium zusammenkam. „Es waren meist etwa sechs bis acht, manchmal auch zehn angehende Maler und Grafiker, die sich hier zum freien Zeichen- und Malunterricht einfanden. Mattis-Teutsch sprach mit jedem freundlich, gab Anleitungen und Ratschläge, doch nicht wie ein überlegener Lehrmeister sondern eher wie ein älterer Kollege. Zum Kreis gehörten damals unter anderen Augusta Pop-Peutsch, eine Bukowinadeutsche, die vor einigen Jahren in Deutschland verstorben ist, dann Irén Lukász, Lajos Boros, Reinhardt Schuster, Zina Blănuţă-Etschberger, Verona Bratesch, die später als Dichterin bekannt wurde, übrigens die Tochter der bekannten Kunstfotografin Gabriele Greiner, Gerda Wallner und der ungarische Graf Nemes. Es war eine ethnisch sehr gemischte Gesellschaft, eigentlich typisch für Kronstadt, aber auch typisch für die verbindende Kraft der Kunst, die uns Mattis-Teutsch, der sich immer als weitsichtiger Europäer gefühlt hat, vermittelte.“

Ihren eigentlichen Weg als Künstlerin begann Adelheid Goosch 1957, nach erfolgreichem Abschluss des Studiums. Sie wurde nach Neustadt in der Maramuresch (Baia Mare) zugeteilt, wo sie am dortigen Staatstheater ein Jahr lang als Bühnenbildnerin wirkte. Dann aber kehrte sie in ihre Heimatstadt zurück und unterrichtete ab 1958 an der Kronstädter Volkskunstschule Bildhauerei und Bühnenbild, zwei Fächer, die sie selbst in den Unterricht eingeführt hatte. Im selben Jahr heiratete sie den Elektroprojektanten und Kunstfotografen Hans Otto Goosch. In Kronstadt entwarf und schuf sie zahlreiche Bühnenbilder auch für die Deutsche Spielgruppe, die im damaligen städtischen Kulturhaus, der ehemaligen Redoute in der Hirschergasse, ihre Aufführungen hatte.

In ihren zahlreichen Gemälden und größeren grafischen Arbeiten – die 1960er und 1970er Jahre waren „vom Schöpferischen her am fruchtbarsten“ – lassen sich, wie die Künstlerin meint, „vier gestalterische Ausdrucksformen erkennen: Das wäre die kubistische, die flächige, die lineare und die pointilistische Wiedergabe, wobei ich immer versucht habe, das Verborgene, das Innere, das Introvertierte und Erahnte sichtbar und begreiflich zu machen.“ So entwarf Adelheid Goosch zwischen 1977 und 1978 einen „Formen-Kreis“, wo sie „metaphorisch-veränderliche, exakte-geometrische und entwickelnde-natürliche Formen“, kreisförmig angeordnet, zu einem Mikrokosmos hin darzustellen versucht: „In meinem Formen-Kreis will ich die Formen nach ihren Ausdrucksmöglichkeiten ordnen: konkret und abstrakt. Das ist die erste Stufe zu meiner Musikmalerei und den daraus resultierenden ‚Musikgrafismen‘, der Versuch, die Verbindung zwischen Musik und bildnerischen Künsten malerisch darzustellen.“

Nun entstanden Gemälde wie „J. S. Bach, Toccata und Fuge in d-moll“, wahrscheinlich eines der kompositorisch und chromatisch schönsten „Musik-Bilder“ der modernen siebenbürgischen Malerei, das Flachrelief „Rumänische Rhapsodie von George Enescu“, eine Arbeit in Gips, modelliert und farbig bemalt u.a. Doch gleichzeitig schuf die Künstlerin auch immer wieder symbolträchtige Heimatbilder (z.B. „Die Schwarze Kirche in Kronstadt“), dann Pastelle mit siebenbürgischen Landschaften und schließlich auch eine Ansicht aus den Schweizer Alpen, „Gletscher beim Eiger“.

Neben Bildern mit religiösem Gehalt, wie z.B. die Folge „Glaubensbekenntnis“ (in der evangelischen Kirche zu Bernberg), „Der verlorene Sohn“ (Sammlung der Schriftstellerin Käthe Wille, Gummersbach), „Moses mit den Gesetzestafeln“ (eine ausdruckvolle Kohlezeichnung nach der bekannten Skulptur in der Schwarzen Kirche) u.a., stehen zahlreiche Porträts, wie die Bildnisse „Der Schriftsteller Georg Scherg“, „Meine Schülerin“, eine empfindsam gestaltete Arbeit, die ein wenig an ihren einstigen Meister Mattis-Teutsch erinnert, „Junges Paar“, „Jochen Barf“, „Marianne Schenker“, „Ich und meine Kollegen vom Künstlerverband“, „Frauenakt. Die grüne Hure“ u.a.

Auf einem Foto aus dem Jahr 1952 kann man Adelheid Goosch vor einer ihrer ersten bildhauerischen Arbeiten sehen, einem frühen Selbstbildnis; sie war damals 23 Jahre alt. Viele Jahre später entstand dann die expressive und majestätisch wirkende Büste der „Geneviève Cordier“. Diese beiden Büsten veranschaulichen am eindrucksvollsten die Entwicklung der vielseitigen Kronstädter Künstlerin, die erst 1990 aussiedelte und seither in Gummersbach lebt.

Sie hatte sich in den Jahren kommunistischer Diktatur nicht – wie manche andere siebenbürgische Künstler, die inzwischen ebenfalls in Deutschland leben – von der parteigelenkten Auftragskunst, dem sozialistischen Realismus verführen lassen; und so wurde ihr von den Kulturbehörden und dem Verband bildender Künstler auch niemals eine Eigenausstellung genehmigt, obwohl sie mit eigenen Arbeiten oft in Kollektivausstellungen vertreten war. Erst 2006 konnte sie ihr Lebenswerk in einer eindrucksvollen Retrospektive in den Räumen des Kronstädter Kunstmuseums zeigen. Damals formulierte sie während eines Gesprächs ihr künstlerisches Credo, überzeugend, schlicht und in wenigen Worten: „Ich glaube an die Wahrheit in der Kunst, denn wahre Kunst bedeutet in erster Linie Können, und Können heißt eigenständig denken und gestalten. Und diese Wahrheit stirbt nie, auch wenn sie manchmal verschwiegen oder entstellt wird.“ Am 29. Mai beging Adelheid Goosch, immer noch kreativ tätig und voller Ideen und Zukunftspläne, ihren 80. Geburtstag.

Claus Stephani

Link:

Adelheid Goosch: Brücke aus Bildern und Farben, Siebenbürgische Zeitung Online vom 2. Mai 2006

Schlagwörter: Kultur, Künstler, Kronstadt

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