22. September 2013

Gedanken und Einsatz für Siebenbürgen

„Bin ich eine Siebenbürger Sächsin?“ Diese Frage stellt sich Antonia Weißert, 1994 in Berlin geboren und aufgewachsen. Ihre Mutter kommt aus Siebenbürgen und reiste mit sechzehn Jahren nach Deutschland aus. Ihr Vater ist kein Sachse. Antonia spricht zwar kein Siebenbürgisch-Sächsisch, aber die Mundart ist ihr von frühester Kindheit vertraut, denn bei den Großeltern in Süddeutschland ist Sächsisch immer noch die Alltagssprache. Die 19-Jährige ist überzeugt, dass ihre Generation „durch ihr Handeln über den Fortbestand des kulturellen Erbes der Siebenbürger Sachsen in Rumänien mitentscheidet“.
Obwohl die siebenbürgische Herkunft meiner Mutter für mein eigenes Leben in Deutschland nie eine große Rolle gespielt hat, war mir dennoch schon lange bewusst, dass die Vergangenheit meiner Familie in Rumänien etwas Besonderes ist, und mit den Jahren habe ich angefangen, mich mehr und mehr für die Familiengeschichte zu interessieren. Doch nicht nur über die Vergangenheit meiner Vorfahren wollte ich mehr erfahren, mir wurde klar, dass mir die Familiengeschichte eine Tür zu einem vergessenen oder nie besonders beachteten Kapitel europäischer Kultur- und Zeitgeschichte öffnet.

Um das Land meiner Vorfahren besser kennen zu lernen, fuhr ich im Mai 2013 zusammen mit meiner Mutter für zwei Wochen nach Siebenbürgen. Es war für mich bereits das dritte Mal, doch mit jeder Reise nach Rumänien ist mein Bewusstsein für das Land stärker geworden.

Nachdem meine ersten beiden Reisen nach Rumänien Urlaubsreisen waren, sind wir dieses Mal mit einer Mission hingefahren. Unser Plan war es, zusammen mit interessierten Verwandten und Bekannten die alte Kirchenburg in Braller, dem Heimatort meiner Mutter im so genannten Krautwinkel in Siebenbürgen, aufzuräumen und wieder betretbar zu machen. Denn auch hier verfiel seit über 20 Jahren die Kirchenburg, um die sich nach dem Wegzug der Mehrheit der Gemeindemitglieder kaum noch jemand gekümmert hatte.

Die Idee, etwas gegen den Verfall zu unternehmen, entstand spätestens im Sommer 2012 bei unserer letzten Rumänienreise, als wir bei einem Abstecher nach Braller den Schaden vor Ort besahen. Es war während dieser Reise, ich war gerade achtzehn Jahre alt geworden, dass mir klar wurde, wie stark die Verbindung zur vermeintlich verlorenen Heimat meiner Vorfahren ist. Mir wurde bewusst, dass meine Generation durch ihr Handeln über den Fortbestand des kulturellen Erbes der Siebenbürger Sachsen in Rumänien mitentscheidet. Als Mitwissende über den Zustand dieser Zeugnisse einer jahrhundertealten Kultur mache ich mich durch Nichtstun automatisch schuldig an ihrem Verfall. Wenn wir jetzt nichts dagegen unternehmen, wird es niemand mehr tun. Diese Gedanken haben mich bewogen, bei dem Projekt mitzumachen.

In der Woche vom 26. Mai bis zum 4. Juni bezogen wir, dreizehn Freiwillige aus Deutschland, Haus und Hof der Familie Ziegler in Braller als Hauptquartier und Nachtlager. Unsere Aktion hatte sich schnell herumgesprochen. Vor der Kirche versammelten sich jeden Tag Schaulustige aus dem Dorf, die sich über den ungewöhnlichen Trubel in der alten verlassenen Kirchenburg wunderten. Über die einzelnen Arbeiten und den Abschlussgottesdienst wurde im Artikel „Arbeitseinsatz in Braller“ in der Print- und Onlineausgabe der Siebenbürgischen Zeitung berichtet.

Aber wie sieht die Zukunft der Braller Kirche in den kommenden Jahren aus, wie sieht die Zukunft aller siebenbürgisch-sächsischen Kirchen aus, die nicht das Glück haben mit EU-Geldern instand gesetzt zu werden? Dieser Frage müssen die Siebenbürger Sachsen in Deutschland und sonst wo in der Welt sich alle gemeinsam stellen. Die Älteren, in deren Erinnerung die heimatliche Kirchenburg noch sehr präsent ist, aber auch die Jüngeren wie ich, die sich für ihre Wurzeln interessieren. Wir alle müssen gemeinsam nach Antworten suchen, wie unsere zurückgelassenen Kulturgüter gerettet werden können.

In Braller haben wir jetzt einen Anfang gemacht. Noch ohne nachhaltiges Nutzungskonzept für die gesamte Kirchenburg – darüber muss in einem weiteren Schritt nachgedacht werden – haben wir in nur einer Woche gemeinsamen Arbeitens unser Ziel erreicht und die Voraussetzungen geschaffen, dass in der Kirche wieder Gottesdienste gehalten werden können. Und es wird weitergehen, in kleinen Schritten, aber stetig verbunden mit der Hoffnung, dass unsere Aktion sich herumspricht und diejenigen zum Mittun motiviert, die ein Interesse am Erhalt des siebenbürgisch-sächsischen Kulturgutes haben. Ich bin stolz, bei diesem Pionierprojekt meinen Beitrag geleistet zu haben, und ich werde weitermachen, denn ich habe nicht zuletzt durch diese Aktion begriffen: Ich bin eine Siebenbürger Sächsin.

Antonia Weißert

Schlagwörter: Identität, Siebenbürger Sachsen, Kulturerbe, Jugend

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Neueste Kommentare

  • 29.09.2013, 21:07 Uhr von gloria: @Horst David:Habe ich auch nicht behauptet,für mich gibt es diese "alte" und "neue" Heimat-da ist ... [weiter]
  • 29.09.2013, 14:23 Uhr von Horst David: zu Gloria ... "in der alten Heimat Siebenbürgen und in der neuen Heimat Deutschland!!". ... Heimat ... [weiter]
  • 23.09.2013, 10:09 Uhr von gloria: Lobenswert der Einsatz von Antonia Weißert,aber Zitat" Mir wurde bewusst, dass meine Generation ... [weiter]

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