26. Januar 2011

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Die deutsche Kultur im kommunistischen Rumänien gepflegt: Interview mit Hedi Hauser

Hedi Hauser, geboren am 26. Januar 1931 in Temeswar, wurde durch Kinderbücher wie „Waldgemeinschaft Froher Mut“, „Der große Kamillenstreit“, und „Eine Tanne ist kein Hornissennest“ bekannt. Sie war viele Jahre als Cheflektorin des Kriterion Verlags Bukarest sowie als Vertreterin der deutschen Minderheit Rumäniens in politischen Funktionen tätig. Für Erhalt und Förderung der deutschen Kultur in Rumänien erhielt sie 1971 vom damaligen Bundespräsidenten Gustav Heinemann das Verdienstkreuz am Bande. 1977 wurde sie mit dem Preis des rumänischen Schriftstellerverbands ausgezeichnet. Mit der 80-jährigen Kinderbuchautorin und Verlegerin, die seit 1991 in Hamburg lebt, führte Siegbert Bruss folgendes Interview.
Frau Hauser, Sie werden 80 Jahre alt. Blicken Sie auf ein erfülltes Leben zurück?
Ja, ich glaube, so kann man es sagen. Ich habe zurzeit drei Kinder, sechs Enkel und vier Urenkel. Ich hatte rechtschaffene, fleißige und liebevolle Eltern, die mir vieles mitgegeben haben. Die Bücher, die ich geschrieben habe und die den Kindern hoffentlich Freude gemacht haben. Ich habe Hunderte von Büchern verlegt, hatte viele Lesungen in Kindergärten und Schulen, Begegnungen und gute Gespräche mit Menschen im Banat, in Siebenbürgen, aber auch in Bukarest, Fachgespräche in Verlagen, Redaktionen, auf Buchmessen und Reisen. Ich habe viele Länder gesehen, viele Freunde gehabt und viele gute Bücher gelesen.

Weshalb sind Sie nach dem Abitur in Temeswar 1950 nach Bukarest gezogen?
Ich wollte Germanistik studieren. Einige Semester tat ich das auch und arbeitete gleichzeitig beim Neuen Weg, Nachtschicht als Korrektorin. 1954 wurde ich wegen Verwandter im Ausland entlassen. Da hatte ich bereits eine Tochter und war mit der zweiten schwanger. Beim Neuen Weg hatte ich nämlich meinen späteren Mann Arnold Hauser kennengelernt, der dort Umbruchredakteur war. 1959 kam dann noch ein Sohn hinzu.

Mit 23 haben Sie das erste Kinderbuch geschrieben und in den folgenden 20 Jahren weitere 14. Wie sind Sie dazu gekommen, für Kinder zu schreiben?
Mein erstes Kinderbuch habe ich während meiner ersten Schwangerschaft geschrieben. Ich weilte damals in Mediasch bei meinen Schwiegereltern, da wir in Bukarest keine Wohnung hatten. Da saß ich oft im Garten, beobachtete Vögel, Käfer und Insekten und alles, was da durchs Gras krabbelte und durch die Luft schwirrte, und so entstanden die ersten Geschichten aus der „Waldgemeinschaft Froher Mut“, die dann 1956 im Jugendverlag erschienen. Das Buch erreichte neun Auflagen, darunter auch Exporte in die DDR. Es folgten weitere Bücher. Meine Kinder waren meine ersten Zuhörer. Später, als sie groß waren, gab es diesen Anreiz nicht mehr, außerdem war ich dann auch mit anderen Aufgaben ausgelastet. Ich habe auch gern Kinderliteratur übersetzt und auch Ausgaben zusammengestellt, wie „Rumänische Gedichte von Arghezi, Blaga und Ion Barbu“ (gemeinsam mit Dr. Michael Rehs). Der Band erschien 1975 im Erdmann-Verlag, Tübingen und Basel. Eine zweite Anthologie war „Der Wunschring. Ein Lese- und Spielbuch für Kinder“. Es gab davon mehrere Auflagen, auch für die DDR, insgesamt über 200 000 Exemplare.

Gut 35 Jahre lang haben Sie als Verlegerin gearbeitet. Sicher hatten Sie viel Freude und Genugtuung in Ihrer Arbeit.
Ja, ich war gern Verlegerin. Nach meiner Entlassung vom Neuen Weg wurde ich Lektorin in der deutschen Abteilung des Jugendverlags. Bei einer großen Verlagsreform 1969 wurde auch der Minderheitenverlag „Kriterion“ gegründet. Domokos Géza wurde als Direktor eingesetzt und ich als einer der beiden Cheflektoren. Ich war für den gesamten nicht-ungarischen Bereich zuständig. Also vor allem für Deutsch, aber auch für Serbokroatisch, Ukrainisch, Slowakisch, Tatarisch, Türkisch und Jiddisch. Verdienstvolle Mitarbeiter der deutschen Abteilung waren Erika Constantinescu, Dieter Roth, Michael Bürger, Rolf Marmont und Jürgen Salzer. Später dann Rolf Bossert, Klaus Hensel u.a.

Der Kriterion Verlag hat einen wichtigen Beitrag zur Wahrung und Pflege der deutschen Kultur in Rumänien sowie zur Förderung der zeitgenössischen rumäniendeutschen Literatur geleistet. Und dies in einer Zeit, als sich Rumänien immer stärker isolierte und der geschichtliche Beitrag der Deutschen verfälscht dargestellt wurde. Kunst und Kultur sollten nur noch eine Aufgabe haben: Land, Partei und Führer zu preisen. Wie war es unter diesen Umständen möglich, deutsche Kultur zu pflegen?
Bei „Kriterion“ sind Bücher aller Generationen erschienen, von Meschendörfer, Capesius, Cisek, Sperber, Wittstock und Aichelburg, Weißglass und Kittner, Georg Scherg und Hans Bergel, Paul Schuster, Franz Hodjak, Hans Liebhardt, Franz Heinz u.a. Die Aufzählung ist bei weitem nicht vollständig. Als dann im Banat – nach einer groß angelegten Aktion von Paul Schuster, vor allem in den Schulen – viele junge Leute anfingen zu schreiben, kristallisierten sich wirkliche Talente heraus. Nikolaus Berwanger veröffentlichte sie in der Neuen Banater Zeitung. Es gab Veröffentlichungen in der Neuen Literatur, in den anderen rumäniendeutschen Publikationen. Dann folgten Einzelbände beim Dacia Verlag in Klausenburg und bei „Kriterion“. Letzterer brachte für diese jungen Talente eine eigene Buchreihe heraus, die „Kriterion Hefte“, betreut vor allem von Rolf Marmont, Rolf Bossert und Klaus Hensel.
Die Reihe begann mit einem jungen rumänischen Dichter, Mircea Dinescu, „Unter der billig gemieteten Sonne“ in der hervorragenden Übersetzung von Werner Söllner. Danach erschienen Gedichte oder Erzählungen von Werner Söllner, Richard Wagner, Johann Lippet, Herta Müller, Horst Samson, Helmut Frauendorfer, William Totok u.a.
Die Einbände der „Kriterion Hefte“ gestaltete anfangs Edmund Höfer fotografisch sehr suggestiv. Auf dem Titelband des Dinescu-Buches erschien in erster Fassung ein Modelkopf, wie er von den Hutmachern verwendet wird, als Mund ein Reißverschluss, der geschlossen war. Wir überlegten hin und her, was da zu machen wäre. Domokos hatte die rettende Idee: Wenn wir den Reißverschluss zur Hälfte geschlossen bringen, dann ist es Sache der Auslegung, ob der Reißverschluss zugezogen wird, oder schon halb offen ist. Ähnlich war es auch mit den anderen Bänden. Wir konnten sogar einen Band von William Totok herausbringen, obwohl er monatelang in Haft gewesen war. Das Titelblatt zeigte eine halb geöffnete Konservendose, aus der zusammengepferchte Fische ihre Köpfe nach Luft schnappend in die Höhe reckten.
Dass wir diese Bücher herausbringen konnten, war nicht selbstverständlich. Es war nicht leicht, zwischen strikt Verbotenem und gerade noch Erlaubtem zu lavieren. Nach einem relativ aufgeschlossenen und liberalen Jahrzehnt mit wirtschaftlichem Aufschwung und Öffnung zum Westen herrschten in den 80er Jahren nordkoreanische Verhältnisse. Kultur und Kunst wurden dem Begriff „Cântarea României“ untergeordnet. Es war die Zeit des Personenkults, des „neuen Menschen“, die Zeit der Abschottung, des Leidens und Hungerns, die Lebensmittelläden waren leer, die Wohnungen kalt, der Fernseher schwieg, alle Nachrichten Lug und Trug. Da ist es nicht verwunderlich, dass immer mehr Rumäniendeutsche das Land verließen. Trotz allem hatten die rumäniendeutschen Dichter mehr Freiheit, ihre Meinung zu äußern und zu veröffentlichen, als ihre rumänischen Kollegen. Die Staatsführung ließ sie in gewissen Grenzen gewähren, weil sie meinte, das hätte wenig Einfluss auf das Volk und käme im Westen gut an.
In den ersten zehn Jahren seines Bestehens brachte „Kriterion“ zwölf Monographien heraus, u.a. über Samuel von Brukenthal, Johannes Honterus, Stephan Ludwig Roth, Johann Nepomuk Preyer, Hermann Oberth und Stefan Jäger. Wir veröffentlichten auch wichtige Sachbücher (Geschichte, Ethnographie, Architektur, Musik, Literaturgeschichte, Linguistik). War es mir 1979 noch gelungen, den ersten Band der Geschichte der Deutschen in Rumänien herauszubringen, so konnte der zweite Band nicht mehr erscheinen – er wurde unter immer anderen Vor- und Einwänden ewig verschoben. 1985 konnten wir „Deutsche Sprachdenkmäler aus Siebenbürgen“ von Friedrich Müller herausbringen. Ich wurde zwar ins Ministerium gerufen und gerügt, des Inhaltes wegen. Dass der Autor Bischof gewesen ist, habe ich verschwiegen. Und mit der Rüge konnte ich leben.
Dass die Zensur Anfang der 80er Jahre als Institution abgeschafft worden war, hat unsere Arbeit erheblich erschwert. Vorher hatte ich für ein Buch einen Zensor. Hatte ich den einmal überzeugt und den Stempel „genehmigt“ auf dem Manuskript, so hatte ich auch die Gewissheit, dass es erscheinen konnte. Später konnten Kultur- oder Parteifunktionäre die Herausgabe eines Buches in jeder Phase stoppen.

Sie waren auch viele Jahre Mitglied im Zentralkomitee (ZK) der RKP und im rumänischen Parlament. Waren Sie eine gute Kommunistin?
Ich wollte eine deutsche Zeitschrift für Kinder gründen. Das gab es in Rumänien nicht. Man legte mir nahe, dafür müsste ich Parteimitglied werden. Mein Antrag 1957 wurde aber auf Bezirksebene nicht genehmigt. Begründung: Meine Eltern wären in der Deutschen Volksgruppe gewesen. Schließlich setzte es Anton Breitenhofer durch, dass man mich aufnahm. Die Zeitschrift wurde dennoch nicht genehmigt.
Ich glaube, meine Wahl in politische Ämter war eher ein Zufall oder den Umständen zuzuschreiben. Als Ceauşescu seine erste große Reise durch Siebenbürgen antrat, nahm er einen ganzen Tross von Leuten mit. Darunter auch zwei Musiker, zwei bildende Künstler und zwei Schriftsteller, einer davon war Arnold Hauser.
Die Autorin und Verlegerin Hedi Hauser. ...Die Autorin und Verlegerin Hedi Hauser.Nicht lange darauf hörten wir von allen Seiten, dass man sich eingehend über uns erkundigte. Wir vermuteten, mein Mann sei für ein Amt vorgesehen. Und dann kam plötzlich ich ins ZK. Man hatte ja nicht nur ihn, sondern auch mich überprüft, hinzu kam wohl der Umstand, dass ich eine Frau war. Denn genau zu der Zeit begann eine spektakuläre Förderung der Frauen auf allen Ebenen, mit Elena Ceauşescu an der Spitze. Die Form wurde ja äußerlich gewahrt. In den Führungsgremien gab es Quoten für Künstler, Minderheiten, Frauen. Als Deutsche, Mitglied des Schriftstellerverbandes und Frau kam ich also ins Zentralkomitee. „Quotenpolitikerin“ nannten mich meine Kinder. Später wurde ich auch Abgeordnete in der Großen Nationalversammlung. Als meine älteste Tochter dann 1986 in die Bundesrepublik ausreiste, kam ich allerdings aufs Abstellgleis.
Ob ich eine gute Kommunistin war? Anfangs war ich von der Idee überzeugt und optimistisch, dass es irgendwann mal besser wird. Aber die Zeit verging, ich wurde älter und weiser, meine Überzeugung schwand mehr und mehr. Zumindest war der Alltag etwas ganz anderes als die Theorie. Wie sagte Wolf Biermann in einer seiner Balladen: „… er ist für den Sozialismus und für den neuen Staat, aber den Staat in Buckow, den hat er gründlich satt.“ Es wurde ja auch immer schlimmer und unerträglicher. Aber ich versuchte, dank meiner Position und der Tatsache, dass ich viele einflussreiche Leute kannte, manche menschlichen Probleme zu lösen oder dem einen oder anderen zu einem Reisepass zu verhelfen, auch im Beruf einiges durchzusetzen oder zu erledigen.

Frage: Hatten Sie Kontakte zur Securitate?
Als ich zum ersten Mal mit ihr in Berührung kam – indirekt – konnte man es nicht so nennen, „Kontakte“. Ein Bruder meiner Mutter wurde gemäß dem Abkommen zwischen Hitler und Antonescu aus der rumänischen Armee direkt in die Wehrmacht eingegliedert. Als er nach dem Krieg nach Temeswar zurückkam, nahm ihn die Securitate in Empfang. Sie vermutete feindliche Absichten und schikanierte ihn immer wieder. Es kam zu einer Hausdurchsuchung, bei der u.a. seine Bibelsammlung beschlagnahmt wurde. Er war bekennender Baptist und kam damit nicht klar. Schließlich erhängte er sich. Ein Bruder meines Großvaters war katholischer Erzdechant in der Banater Gemeinde Orzydorf, und wurde – wie viele kirchliche Würdenträger – unter einer fingierten Beschuldigung angeklagt und zu sechs Jahren Haft verurteilt. Die meiste Zeit arbeitete er – schon ein alter Mann – am Donau-Schwarzmeer-Kanal. Nach fünf Jahren schickten sie ihn nach Hause: Er hatte Krebs im Endstadium und sollte zu Hause sterben.
Und später: Die Securitate gehörte im Bukarester Kulturbetrieb – und nicht nur dort – zum Alltag, zumindest für Personen in leitender Funktion. Ich habe nie eine Verpflichtungserklärung unterschrieben und wurde auch nie dazu aufgefordert. Andere Rumäniendeutsche in Verantwortung haben es getan. Ohne Kompromisse war es kaum möglich, etwas zu bewegen. Jede Einrichtung hatte ihren zuständigen „Securisten“, der über alle Vorkommnisse informiert werden wollte und sollte. Gespräche mit ausländischen Gästen wurden abgehört. Allerdings konnte die Securitate nicht direkt über das Erscheinen oder Nichterscheinen von Literatur bestimmen. Sie gab ihre Informationen und Empfehlungen an Kulturbehörden und Parteifunktionäre weiter. Zum Glück saßen aber überall auch Leute, die bereit waren, sich darüber hinwegzusetzen.
Es gab wohl überall auch Informanten. Aufgrund ihrer Berichte wurden die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen und unter Druck gesetzt. Ein Beispiel: Als es Franz Hodjak gelang, den Debütband von Gerhard Ortinau im Dacia Verlag zu veröffentlichen, wurde das bei der Neuen Literatur gefeiert. Noch am gleichen Tag erhielt mein Mann, damals stellvertretender Chefredakteur, einen wütenden Anruf vom zuständigen Securitate-Offizier. Dass mein Mann unter Beobachtung stand, erfuhr ich 2007, als ich Zugang zu seiner Opferakte bekam, „D.U.I. Hans“. Meine eigene Akte wurde noch nicht gefunden.

Ihre politischen Funktionen haben Ihnen, wie Sie sagten, manche Türen geöffnet und geholfen, einiges durchzusetzen. War Ihr Mann dadurch nicht vor der Securitate sicher?
Man war mir wahrscheinlich wohl gesonnen. Dass dies meinem Mann genützt hat, erfuhr ich aus seiner Akte. So unterschlug Dumitru Popescu, damals Sekretär des ZK für Ideologie, 1978 eine anonyme Anzeige, die von der Securitate mit Wissen des Generalstaatsanwalts Ardeleanu an ihn geschickt worden war und die meinen Mann betraf. Hätte er den Brief, wie es seine Pflicht war, an denselben Staatsanwalt weitergeleitet, so hätte dieser ein Strafverfahren gegen meinen Mann einleiten können. Es hatte der Securitate nicht genügt, dass Arnold auf ihr Betreiben hin nicht mehr in den Vorstand und das Parteibüro des Schriftstellerverbandes gewählt wurde, sie wollte auch verhindern, dass er weiter ins Ausland fuhr.
Manche Bekannte warnten mich offen: „Geh mir aus dem Weg, Hedi, ich muss über dich berichten.“ Einmal empfahl mir ein Mitarbeiter des Innenministeriums, aufzupassen, wen meine Kinder in unser Haus einladen. Es läge ein Bericht darüber vor, was auf der Silvesterfeier diskutiert worden war – aber weder mein Mann noch die Kinder nahmen sich je ein Blatt vor den Mund. Das war manchmal beängstigend.
An meinen Mann trat die Securitate Anfang der 50er Jahre heran, versprach ihm eine große Karriere und warnte ihn davor, mich zu heiraten, weil ich ein Makel in seiner Akte sein würde. Damals verweigerte er die Zusammenarbeit und heiratete mich trotz der Warnung.
Mitte der 60er Jahre begann er sich mit seinen Skizzen und Kurzgeschichten im binnendeutschen Raum einen Namen zu machen. ­Zeitungen und Zeitschriften wollten ihn veröffentlichen, er erhielt Einladungen zu Lesungen, Tagungen, Veranstaltungen. Die Securitate eröffnete ihm, dass er nur reisen dürfe, wenn er bereit sei, über seine Gesprächspartner zu berichten. Er unterschrieb 1966 eine Verpflichtungserklärung. Ob er Berichte geliefert hat, ist mir nicht bekannt. 1971 heißt es allerdings in seiner Akte, er sei seinen Verpflichtungen nicht nachgekommen, im Gegenteil, er habe seine ausländischen Gesprächspartner gewarnt, dass er Berichte schreiben müsse, und ihnen sogar Staatsgeheimnisse verraten. Außerdem habe er im Ausland „Republikflüchtlinge“ getroffen, den Deutschlandfunk besucht und sich verleumderisch über die RKP geäußert.

Was halten Sie von der derzeitigen Diskussion in den deutschen Medien über die IM-Verstrickung rumäniendeutscher Schriftsteller?
Es wird zurzeit ein hässlicher Streit in unserer kleinen rumäniendeutschen Gemeinschaft ausgetragen. Gründe, eine IM-Vereinbarung zu unterschreiben, gab es bestimmt mehrere. Manch einer wollte vielleicht einfach nur seine Ruhe haben oder ins Ausland fahren. Oft wurde die Genehmigung der Ausreise von der Lieferung brauchbarer Berichte abhängig gemacht. Sicher haben viele aus welchen Gründen auch immer unterschrieben und dann nur Belangloses oder gar nichts berichtet. Wer kennt schon alle Hintergründe, den Druck, der oft mit Drohungen ausgeübt wurde, Gefährdung der Familienangehörigen. IM aus Überzeugung waren die wenigsten, man sollte nicht über allen generell den Stab brechen. Oskar Pastior und Werner Söllner haben in unserem Haus verkehrt, hatten beruflich und privat mit uns Kontakt. Ich habe aber in der Akte „Hans“ keinen einzigen Bericht von ihnen gefunden. Von IM Moga hingegen gibt es aus den 70er Jahren einige Berichte, über Gespräche, die bei der Neuen Literatur geführt, über Entscheidungen, die in der Redaktion getroffen wurden. Er wurde 1974 auf meinen Mann angesetzt, später war es IM Marin, der von 1980 bis 1988 über Arnolds Verhalten in der Redaktion berichtete.

Sie sind mit 60 in den Ruhestand gegangen und im gleichen Jahr von Bukarest nach Hamburg umgezogen. Seither hört und liest man nichts von Ihnen. Haben Sie sich bewusst zurückgezogen?
Es war ein spontaner Entschluss. Zwei meiner Kinder waren bereits in Deutschland, mein Mann war zu Silvester 1988 im Alter von 59 Jahren in Bukarest verstorben, und mit dem Verlag ging es nach 1989 − entgegen allen Erwartungen − immer schlechter statt besser.
Das Reden lag mir auch früher nicht besonders. Ich habe nur meine Arbeit gemacht. Es gibt sehr gute Leute hier, die die rumäniendeutsche Literatur wissenschaftlich aufarbeiten, sich auch in Rumänien engagieren, geschichtliche und politische Studien verfassen. Und es gibt Verlage, die sie herausbringen, Stiftungen, die sie fördern. Das ist gut so. Dazu braucht man mich nicht. Wenn man allerdings an mich herangetreten ist, habe ich mich zu Wort gemeldet. Ich wurde zu Veranstaltungen eingeladen, habe Referate präsentiert, war über Jahre Schriftführerin der Deutsch-Rumänischen Gesellschaft für Norddeutschland und ehrenamtlich für den Honorargeneralkonsul für Rumänien in Hamburg, Hasso Kornemann, tätig.
Ich lese viel, mache Konzertbesuche und Städtereisen, freue mich über den Besuch von Familie und Freunden, koche gern. Und ich habe jetzt viel Zeit nachzudenken. Über die verflossenen Jahre, was ich gut oder weniger gut gemacht habe, wie ich mich in kritischen Situationen verhalten habe, privat und beruflich, gesellschaftlich, politisch, wen ich mit einem vorschnellen Urteil gekränkt habe.
Und da ich nun 80 werde, möchte ich meiner Großmutter Maria Wegesser danken. Hätte sie keine zwölf Kinder zur Welt gebracht, gäbe es mich gar nicht. Denn meine Mutter war das zwölfte Kind. Und es gäbe diese ganze großartige Familie, die in meinem Herzen wohnt, gar nicht. Möge es mir vergönnt sein, sie noch einige Jahre bewusst und gesund auf ihrem Lebensweg begleiten zu können.

Schlagwörter: Schriftsteller, Verleger, Interview, Securitate, Kinder

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