27. April 2011

Orgelabend mit Ilse Maria Reich in Bukarest

Anfang April gab die in Hermannstadt geborene, 1988 nach Deutschland emigrierte und seit Jahrzehnten international bekannte Organistin Ilse Maria Reich einen Soloabend im Bukarester Athenäum. Auf dem Programm standen Orgelwerke von Johann Sebastian Bach, Franz Liszt, Béla Bartók sowie von der jüngst verstorbenen rumänischen Komponistin Liana Alexandra.
Den Auftakt bildete die wohl bekannteste Komposition Johann Sebastian Bachs für die Königin der Instrumente: die berühmte Toccata und Fuge in d-Moll (BWV 565). Obschon ein Jugendwerk Bachs, bringt dieses ausdrucksstarke Orgelstück den kompositorischen Erfindungsgeist des kaum zwanzigjährigen Tonschöpfers bereits auf bemerkenswerte Weise zur Entfaltung und schöpft dabei die klanglichen Möglichkeiten des majestätischen Tasten-, Pedal- und Windinstruments voll aus. Es folgte die Choralpartita „Sei gegrüßet, Jesu gütig“ (BWV 768), die mit der Bach’schen Fassung der von anonymer Hand stammenden Choralmelodie anhebt, an die sich elf Variationen des großen deutschen Barockkomponisten anschließen. Ilse Maria Reich verlieh jeder einzelnen durch ihre behutsame und abwechslungsreiche Registrierung ein eigenes Gepräge und ließ dabei, neben dem Charakter bravouröser Virtuosität, der das vorangegangene Werk kennzeichnete, ein weiteres Merkmal Bach’scher Musik aufscheinen: das der Innigkeit. Den Abschluss der Johann Sebastian Bach gewidmeten ersten Hälfte des Konzerts bildete dessen Toccata und Fuge in F-Dur (BWV 540).

Nach der Pause stand ein Werk der rumänischen Gegenwartsmusik auf dem Programm: das 1979 entstandene Opus „Consonances III“ für Orgel allein, das von der international bekannten Komponistin Liana Alexandra stammt. Sie hat der Organistin Ilse Maria Reich vor Jahren ein Werk gewidmet: Am 13. November 2002 wurde im Bukarester „Mihail Jora“-Saal Liana Alexandras Konzert für Orgel und Orchester unter der Leitung von Cristian Brâncuşi mit dem Radiokammerorchester und Ilse Maria Reich an der Orgel uraufgeführt. Das von Reich im Athenäum interpretierte zweiteilige Werk „Consonances III“ knüpft nach seinem charakteristisch rhythmisierten Eröffnungsteil musikalisch gewissermaßen an die F-Dur-Toccata Bachs an. Im Anschluss wurden von Ilse Maria Reich Béla Bartóks „Sechs rumänische Volkstänze“ aus dem Jahr 1915 in einer Bearbeitung durch den deutschen Komponisten und Kirchenmusiker Oskar Gottlieb Blarr dargeboten. Der in Groß Sankt Nikolaus geborene ungarische Komponist sammelte auf ausgedehnten Reisen tausende Lieder und Tänze, darunter auch die sechs rumänischen Volkstänze, die er ursprünglich für Klavier gesetzt hatte. Besonders eindrucksvoll war bei der Aufführung im Athenäum die Darbietung des dritten Tanzes „Pe loc“ (Der Stampfer), der aus Egresch/Igriş stammt, einem Ort im rumänischen Banat, nur wenige Kilometer von Bartóks Geburtsort entfernt.

Den Abschluss des Orgelabends bildete Franz Liszts Opus „Präludium und Fuge über den Namen BACH“, das der ungarische Klaviervirtuose 1855 für die Orgel komponierte und 1870 überarbeitete. Die ausschweifende Komposition mit improvisatorischem Charakter findet ihre feste und stetig rekurrierende Verankerung in der Tonfolge B-A-C-H, die Bach selbst mehrfach als musikalisches Thema verwendet hat. Die spätromantische Orientierung der Oscar-Walcker-Orgel im Athenäum mit ihrer warmen und weichen Intonation kam den musikalischen Eigenarten der Lisztschen Komposition sehr entgegen.

Zum Schluss gab die gefeierte Virtuosin auf der weltweit einzigen vollständig erhaltenen Oscar-Walcker-Konzertsaalorgel zwei Zugaben, beide von Johann Sebastian Bach: die berühmte Air aus Bachs 3. Orchester-Suite (BWV 1068) in einer Bearbeitung für Orgel sowie den Choral „Jesus bleibet meine Freude“ aus der Kantate „Herz und Mund und Tat und Leben“ (BWV 147) in einer Fassung für Orgel allein. Der begeisterte und lang anhaltende Applaus der Zuhörerinnen und Zuhörer bekräftigte das Erlebnis eines außergewöhnlichen und wunderbar in sich gerundeten Orgelabends unter der Kuppel des Bukarester Athenäums.

Dr. Markus Fischer

Schlagwörter: Konzert, Orgeln, Bukarest

Bewerten:

3 Bewertungen: ++

Noch keine Kommmentare zum Artikel.

Zum Kommentieren loggen Sie sich bitte in dem LogIn-Feld oben ein oder registrieren Sie sich.