4. April 2013

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Zum Dilemma der Pastior-Rezeption: "Poesie im Nachhinein verkommt zu Geschichte"

Im Zuge der heftigen Debatten um Oskar Pastiors IM-Akte stand von Anfang an die Frage im Raum, ob auch sein literarisches Werk neu bewertet werden müsse. Als Stefan Sienerth vor zweieinhalb Jahren mit seiner Entdeckung an die Öffentlichkeit trat, dass Oskar Pastior von Juni 1961 bis April 1968 als IM „Stein Otto“ beim rumänischen Geheimdienst Securitate unter Vertrag gestanden hatte, plädierte er am 17. September 2010 im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa für eine „neue Lesart“ von Pastiors Werk: „Seine Lyrik hat eine eigenartige Bildlichkeit – und eine neue Untersuchung vor diesem Hintergrund ist bestimmt nicht uninteressant.“
Den gleichen Standpunkt hat Sienerth auch in seinem umfangreichen Forschungsbericht zur Securitate-Akte Oskar Pastiors in Heft 3/2010 der Spiegelungen vertreten: „Inwiefern diese Problematik bis in die feinsten sprachlichen Verästelungen seiner Dichtung Eingang und Gestaltung gefunden hat, bleibt weiteren literaturwissenschaftlichen Untersuchungen seiner Texte vorbehalten.“ Dass ein solches Vorhaben aber nicht ohne Wenn und Aber ins Werk zu setzen ist, zeigt eine gegenteilige Äußerung Sienerths vom 17. November 2010 in einem Interview mit der Frankfurten Allgemeinen Zeitung: Gefragt, ob der Mensch Oskar Pastior neu eingeschätzt werden müsse, antwortete der Literaturhistoriker: „Der Mensch Pastior schon, der Dichter nicht.“

l ...Ebenso schwankend sind auch die Äußerungen des Schriftstellers Richard Wagner zu dieser Frage. Im publizistischen Netzwerk „Die Achse des Guten“ schrieb er am 18. September 2010: „Wir wissen bisher nicht, ob er Schaden angerichtet hat oder nicht, und so ist die These, dass man seine Texte anders lesen müsse, wie der von seiner Entdeckung beflügelte Münchner Germanist Sienerth behauptet, auch nicht zwingend. Sein Stil, der Umgang mit der Sprache, ist sicherlich auch das Ergebnis der frühen Erfahrung der Deportation und Zwangsarbeit.“ Am 16. November 2010 allerdings gab er in einem Gespräch mit dem Deutschlandfunk zu bedenken: „Es ist ein Werk, das sprachspielerisch ist, artistisch ist, großartig in dieser Weise, aber moralisch ist es eigentlich abwesend“ – eine Aussage, die Wagner zwei Tage später in einem Artikel für die Neue Zürcher Zeitung weiter zuspitzte: „Sein Überleben, dem alles andere untergeordnet blieb, hat er ausschließlich in seiner Rolle als Schriftsteller verstanden, in seiner perfektionistischen Sicht auf das eigene Werk. [...] Seine Gedichte haben formal Bestand, sie haben aber kein moralisches Echo, man kann sie auch weiterhin lesen, sie sagen aber nichts aus. Nicht, weil sie sich verweigern, sondern weil sie nichts verraten dürfen.“

Beispiele für die Verunsicherung im Umgang mit dem literarischen Oeuvre von Oskar Pastior ließen sich viele nennen. Hier sei lediglich ein weiteres herausgegriffen, um das Ausufern der Diskussion zu verdeutlichen. In der Zeitung für Literatur Volltext vom 29. März 2011 hat der Publizist und Schriftsteller Felix Philipp Ingold die Frage aufgeworfen, „inwieweit Pastiors hermetischer Formalismus [...] als subversiv beziehungsweise als simulativ zu gelten hat und ob bei ihm allenfalls ,zwischen Zeilen‘ schon längst festgeschrieben steht, was sein ,Ordner‘ erst heute an Dokumenten freigibt“, um dieser Hypothese zufolge ein close reading zu fordern, das „im Hinblick auf ,verschwiegene‘ oder ,verdunkelte‘ oder ,verfremdete‘ Informationen“ unerlässlich sei, „da der Autor [...] sein zweites Trauma, den IM-Dienst, bis zu seinem Lebensende konsequent tabuisiert hat“.

Weil zahlreiche Spekulationen und Unterstellungen die Auseinandersetzung mit Pastiors IM-Vergangenheit begleitet haben, sieht es die Oskar-Pastior-Stiftung als ihre Aufgabe an, die Debatte zu versachlichen und mit ebenso detaillierten wie fundierten Forschungsergebnissen nicht allein für biografische, sondern auch für literarische Klarstellungen zu sorgen. Ein erster Schritt auf diesem Weg war das Symposion mit ausgewiesenen Literaturexperten am 23. Juni 2012 in Berlin (diese Zeitung berichtete), dessen Ergebnisse nun ein Sonderband der Zeitschrift TEXT + KRITIK unter dem Titel „Versuchte Rekonstruktion – Die Securitate und Oskar Pastior“ präsentiert. In seinem Vorwort betont Klaus Ramm, dass sich der Stiftungsrat „in der Pflicht“ sehe, allen Anschuldigungen „bis ins Einzelne“ nachzugehen: „Nicht nur für die künftige Beurteilung der Person und des Autors Oskar Pastior ist diese akribische Kleinarbeit unumgänglich, sondern – mit mindestens der gleichen Dringlichkeit – auch für die Zukunft des Werks [...]. Deshalb darf sich die Suche nach mehr Sicherheit nicht nur auf die Akten richten (so wichtig das auch ist), sie darf Pastiors dichterisches Werk dabei nicht aus dem Blick verlieren, das Spiel eines gebrannten Kindes.“ Diesen beiden Forschungsschwerpunkten werden die versammelten Beiträge in gleichem Maße gerecht: Drei Studien behandeln biografische Fakten und moralphilosophische Fragen, drei weitere widmen sich sprachbiografischen und -künstlerischen sowie poetologischen Aspekten.

Ernest Wichner geht detailliert auf die in Pastiors Nachlass vorhandenen Notizblätter zum Komplex Securitate ein sowie auf die bisher in den Akten gefundenen Berichte des IM „Stein Otto“ über Dieter Schlesak, Paul Schuster und Walter Biemel, wobei Wichner anmerkt, „dass diese Berichte so gut wie wertlos waren“, und als Resümee festhält: „Überzeugender und ausführlicher als in seinen späten Notizen lässt sich die gehetzte Befreiung des IM ,Stein Otto‘ zum Dichter Oskar Pastior allein in dessen Gedichtbänden nachvollziehen.“

Stefan Sienerth präsentiert seine Forschungsergebnisse zum Kreis um Oskar Pastior in Bukarest ab Ende der fünfziger bis Ende der sechziger Jahre, bei dem es sich – im Unterschied zur späteren „Aktionsgruppe Banat“ – nicht um eine literarische Gruppe handelte, sondern um einen privaten Zirkel, zu dem außer Schriftstellern auch Musiker und Maler gehörten, die weder „politisch agieren wollten“ noch ein „gemeinsames ästhetisches Konzept“ hatten oder gar „die Möglichkeit, ihre Ansichten in einem Presseorgan zu vertreten“. Sienerth fasst zusammen: „Das Studium der Unterlagen, die von der Securitate über den Kreis um Pastior angelegt worden sind, führt zu dem vorläufigen Schluss, dass es dem rumänischen kommunistischen Geheimdienst offenbar nicht gelungen ist, die Freunde aufeinander informativ anzusetzen.“

Sabina Kienlechner erörtert die Spitzelproblematik unter moralphilosophischen Gesichtspunkten. Dabei geht sie von der Feststellung aus, „dass wir uns insgesamt in der Beurteilung von Spitzeln auf unsicherem Boden bewegen“, weil es „keine Rechtsgrundlage gibt, an der wir uns orientieren könnten“, und konzentriert sich auf das von Spitzeln verletzte fundamentale Prinzip der Gleichheit, nämlich „dass alle Menschen ungeachtet ihrer Unterschiedlichkeit hinsichtlich ihrer Grundrechte gleich sind“. In dieser Gleichheit aber erkennt sie nicht ein Ideal, sondern die Normalität, „an der sich auch – man könnte fast sagen: automatisch – unser moralisches Urteil orientiert“: „Das heißt, wir wissen durchaus, dass die kriminelle oder auch bloß unmoralische Handlung einer besonderen Anstrengung bedarf. Und eben dies macht es uns schwer, einen, der sich als Spitzel verdingt hat, zu entschuldigen. Wir müssen sozusagen auf analytischer Ebene dieselbe Anstrengung noch einmal machen, in der Hoffnung herauszufinden, was ihn dazu bewog.“

Jacques Lajarrige geht von poetologischen Äußerungen aus, in denen Pastior „die schwierigen Beziehungen zwischen Geschichte und Poesie“ hinterfragt, um „die vielfältigen brüchigen Manifestationen des autobiografischen Gestus im lyrischen Schaffen Oskar Pastiors aufzudecken“, wobei Lajarrige einen Bogen spannt von den frühen Texten, die noch in Rumänien entstanden und im ersten Band der Werkausgabe versammelt sind, zu den „33 Gedichten“ des Petrarca-Projekts und abschließend festhält, dass die einen wie die anderen „eine biografisch verankerte, hochreflektierte Poetik darstellen, die [...] den Versuch unternimmt, das beschwiegene individuelle und kollektive Gedächtnis der Nachkriegsgeschichte Rumäniens in das Langzeitgedächtnis der poetischen Sprache zu überführen, um ein System des Terrors, des Misstrauens, der Bespitzelung nachzuzeichnen“.

Michael Lentz spürt einer vermuteten „Poetik der Camouflage“ bei Pastior nach, die mit seiner IM-Verpflichtung zusammenhängen könnte. Dabei hält er fest: „Kurz und gut, man wird bei Oskar Pastior keinen Text finden, in dem von seiner Spitzeltätigkeit ohne Umschweife die Rede wäre. Der suchende Leser hingegen, der um diese Tätigkeit weiß, erzeugt – lesend – diesen Text.“ Vor einem solchen Procedere aber warnt Lentz ausdrücklich: „Man machte es sich zu einfach, den Virus Securitate zum Lektüreschlüssel zu generalisieren.“ Ihm ist vielmehr daran gelegen, anhand „biografischer Intarsien“ Pastiors formale Strategien im Hinblick auf „eine bewusste Änigmatisierung“ zu hinterfragen: „Offensichtlich hat er sich recht früh schon, und das heißt vor dem 8. Juni 1961, für Poesie und gegen Ideologie entschieden. Ein Widerstandskämpfer war er sicher nicht. Weder als Person noch als Dichter. Eine staatswiderständige Poesie wäre also nicht von ihm zu erwarten gewesen, will man retrospektiv sein Werk nicht insgesamt als eine widerständige Suprametapher verstehen. Pastiors Widerstand hieß Abwendung.“

Thomas Eder arbeitet in seiner Studie „Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen Oskar Pastior und Heimrad Bäcker im Umgang mit Geschichte und der eigenen Biografie“ heraus. Ausgehend von der Frage: „Inwieweit gehören das Erlebte und das Verhalten ihrer Urheber zur Bedeutung der Texte, inwieweit bedarf es des Wissens über diese Umstände, um die Texte (zumindest einige von ihnen) angemessen rezipieren zu können“, kommt er zu dem Schluss, dass „der mit biografischem Lektüreschlüssel ausgestattete Interpret“ Pastiors Werk nicht gerecht werden könne, weil es „u. a. dem Verhältnis von Denken und Sprechen im je eigenen Sprachgebrauch“ nachspüre und nicht auf einem „mimetischen Modell der Relation von Sprache und Wirklichkeit“ basiere: Die Texte „entwickeln in jeder Phase aus dem Material und aus den Verfahrensweisen die Bedingungen ihres Verstandenwerdenwollens und ihrer Bedeutung (freilich in Relation zur Geschichte und Tradition der Dichtung, in der Pastiors Werk steht).“

Den Band beschließen Auszüge aus den beiden Diskussionsrunden des Symposions, die etwas emotionaler ausfallen als die wissenschaftlich fundierten Beiträge, die allesamt im Zeichen der sachlichen Argumentation und akribischen Aufklärung stehen.

Last not least sei hier das Augenmerk auf Pastiors „Russlandgedichte“ gelenkt, die Ernest Wichner für den Sonderband von TEXT + KRITIK sorgfältig ediert hat – jene Texte, die vormals von der Securitate wegen ihres als „antisowjetisch“ geltenden Inhalts als Druckmittel nicht nur gegen Oskar Pastior instrumentalisiert worden sind, um ihm am 8. Juni 1961 die IM-Verpflichtungserklärung abzupressen, sondern schon zwei Jahre vorher auch gegen seine Hermannstädter Bekannte Grete Löw, die wegen der Verwahrung und Verbreitung dieser Texte – wie Stefan Sienerth ausführlich dargelegt hat – am 30. September 1959 „zu sieben Jahren Haft und Entzug der bürgerlichen Rechte“ verurteilt wurde.

Um bei all dem Diskussionsbedarf, der hinsichtlich von Pastiors Biografie und Rezeption bis zu einer umfänglichen Klärung der (F)Aktenlage anhalten wird, auch den Texten selbst wieder Gehör zu verschaffen, hat Ernest Wichner nun das CD-Doppelalbum „Oskar Pastior: Lesen gehen ...“ herausgebracht – und zwar ohne IM-Raster, das hier ausgeblendet bleibt. Auf der ersten CD spricht Pastior mit bekannter Virtuosität 54 Texte, auf der zweiten tragen acht namhafte Dichterkollegen und Weggefährten 50 Texte vor, mitunter die gleichen wie der Autor, sodass sich nicht nur irritierende Imitationen, sondern auch interessante Differenzen des Vortrags ergeben, die jeweils andere individuelle Blickwinkel offenbaren und daher andere latente Dimensionen der Texte anklingen lassen. Damit antworten diese Aufnahmen dem Poesieverständnis des experimentellen Lyrikers, wie es Ernest Wichner in seinem Begleittext auf dem Cover skizziert hat: „Der Schritt zur Hereinnahme heterogener Elemente in einen Text folgt der Entscheidung, den Text nicht primär als Selbstentäußerung, sondern eher als Medium der Selbsterkundung zu verstehen. [...] Immer deutlicher wird beim Lesen und Hören der Gedichte von Oskar Pastior, wie konsequent sich dieser Dichter über Jahrzehnte hinweg poetische Sprechweisen geschaffen hat, die das Unaufgeklärte, Zwielichtige und Opake in ihm aufspürten. Dabei ist ein Werk von großer Schönheit entstanden – darf behaupten, wer Schönheit als eine Eigenschaft des rücksichtslos gegen einen selbst gerichteten Gedankens versteht.“

In diesem Sinne – nämlich als langen, mühsamen Weg der Sprach/Denk/Selbst-Erkundung/Ermunterung/Erkenntnis, den zu beschreiten auch die Rezipienten aufgefordert sind – sollten wir auch weiterhin Pastior lesen bzw. hören. Das Wissen um seine biografischen Irrungen und Wirrungen wird dabei naturgemäß nicht auszuklammern sein, wird an der einen oder anderen Stelle hellhörig machen. Klärung ist allerdings nur von den (F)Akten zu erwarten, nicht von den Texten. Ein detektivisches Zwischen-den-Zeilen-Lesen, wie es Felix Philipp Ingold gefordert hat, der somit Pastior unterstellt, dass er zeit seines Lebens nichts anders ins Werk gesetzt habe als das Verschweigen bzw. Verschleiern seiner politischen Verstrickung und persönlichen Schuld bedeutete nichts anderes als eine willkürliche Reduktion seines Oeuvres und eine vereinfachende Adaptation seines Diktums: „Poesie im Nachhinein verkommt zu Geschichte.“

Edith Konradt



Versuchte Rekonstruktion – Die Securitate und Oskar Pastior. Herausgegeben von Ernest Wichner. Text + Kritik, Zeitschrift für Literatur, Sonderband, München, 2012. ISBN 978-3-86916-199-0, Euro 24,00

Oskar Pastior: Lesen gehn ... Gedichte, gelesen und teilweise kommentiert von Oskar Pastior, Urs Allemann, Oswald Egger, Péter Esterházy, Michael Krüger, Michael Lentz, Herta Müller, Ulf Stolterfoht und Ernest Wichner. 2 CDs, 142 Minuten, Hörbuch Hamburg, 2013, ISBN 978-3-89903-380-9, Euro 14,99


Schlagwörter: Rezension, Pastior, Securitate, Lyrik

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