30. Dezember 2016

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Titus Freiherr von Karger (1808-1860): "Finder" der Heiligen Stephanskrone – eine wahre Geschichte

Eine sagenumwobene Geschichte über die um 1200 entstandene und 1848 geraubte Krone Ungarns kursierte in der Erinnerungswelt der Familie meiner Schwiegermutter geb. Malvine-Luise Hoch von Alsóbajom (geboren 1903). Die Erzählung hat ihren Ursprung im Haus der gräflichen Familie derer von Apor aus Nagyened (Straßburg am Mieresch, rumänisch Aiud), in dem meine Schwiegermutter einen Teil ihrer Jugendzeit verbrachte.
Der Urahn der Magnatenfamilie Apor soll der Heerführer der Ungarn beim Angriff 959 auf Byzanz (heute Istanbul) gewesen sein. Seinen Namen bewahrte vermutlich ein einstiges Dorf in der Flur von Mindszent an der Theiß. Anhand genealogischer Aufzeichnungen sind z.B. im 17. Jahrhundert zehn Nachkommen aufgeführt, verwandt mit den Aristokratenfamilien Bethlen, Székely, Horváth u.a. Ein naher Verwandter soll aktiv an dem „Raub“ der Krone teilgenommen haben. Erst nach meiner Übersiedlung 1976 aus der alten Heimat Siebenbürgen nach Bayern konnte ich mich über die Richtigkeit dieser Erlebnisse vergewissern und stieß dabei auf den Namen unseres Landsmannes, dem es gelang, die Krone dem ungarischen König und Kaiser Österreichs unbeschädigt zuzuführen.

Im März 1848 brach in Ungarn unter Lajos Kossuth (1802-1894, Sohn einer Zipser Sächsin) die Revolution gegen das Haus Habsburg aus. Am 14. April 1849 erklärte der in Debreczen versammelte Reichstag die Dynastie Habsburg-Lothringen für abgesetzt. Ungarn wurde zur Republik erklärt und Kossuth Gouverneur mit fast diktatorischen Machtbefugnissen. Der eskalierte ungarische Freiheitskampf wurde nach der Niederlage der Honved-Armee bei Schäßburg (31. Juli 1849), in der der Nationaldichter Sándor Petöfi (geboren 1823) fiel, mithilfe russischer Truppen im August beendet. Die Revolutionäre bemächtigten sich der Stephanskrone (Abb. 1), die für den nationalen Aufstand der Ungarn höchste symbolische Bedeutung hatte. Heraldische Zeichnung der Stephanskrone ...Heraldische Zeichnung der Stephanskrone Auf der Flucht wurde die Krone samt Insignien über Szegedin und Großwardein nach Arad gebracht. Unter dem Druck der Verfolger gelang die Flucht bis nach Orschowa im Banat. Vor der sicheren Hinrichtung flohen nun Kossuth, Ministerpräsident Szemere, General Bem und insgesamt 500 Offiziere und Soldaten nach Widin in Bulgarien, damals unter türkischer Herrschaft. Die Kiste mit der Stephanskrone samt Insignien vergruben sie in einem Wald an der Straße von Orschowa zur Wodica-Mühle drei Schuh (= etwa 1 m) tief im Erdreich (Abb. 2).

Obwohl der junge Kaiser Franz Joseph (1830 -1916) keine Anstalten machte, sich zum König von Ungarn krönen zu lassen, wollte der Hof in Wien dennoch um jeden Preis in den Besitz der Stephanskrone kommen. Die „Szent Korona“ (Heilige Krone) blieb verschwunden, bis österreichische Polizeibeamte 1853 das Versteck aufdeckten. Kossuth und Gefährten vergraben die ...Kossuth und Gefährten vergraben die Kroninsignien. Bekannt und illuster wurde der „Finder“ der „Krone mit dem schrägen Kreuz“ Titus Freiherr von Karger, der 1808 im Marktort Reps geboren wurde. Nähere Lebensdaten aus dieser Zeit sind nicht überliefert worden. Nach dem Studium der Philosophie und Jurisprudenz 1831 war er bei der Militärstaatsanwaltschaft als Auditor tätig: in Klagenfurt, Laibach (1835), ab 1846 Marine-Garnison-Auditor in Ragusa (Dubrovnic), Agram (Zagreb, 1848), Temeswar (1849), 1850 erneut bei der Marine zum Major-Auditor (Vernehmungsrichter) befördert, um zuletzt zum Oberstleutnant-Auditor der Marine ernannt zu werden. Schon von Agram leitete er bei der Militär-Staatsanwaltschaft mit Erfolg die Nachforschungen nach den ungarischen Kroninsignien. Der ausführliche Verlauf der Ereignisse wurde damals in allen Journalen sowie in der Schrift „Die ungarische Krone. Geschichtliches, aus alter, neuer und neuester Zeit“ (Pesth 1854) mitgeteilt. Für seine erfolgreichen Recherchen, die zum Auffinden der Stephanskrone führten, wurde Titus Karger mit Entschließung vom 21. September 1853 mit dem Ritterkreuz des St. Stephan-Ordens geehrt, die Verleihung des Diplom und die gleichzeitige Erhebung in den Freiherrenstand erfolgte 1854. Sechs Jahre später, 1860, ereilte den nur 52-Jährigen der Tod. Leider sind über sein Leben und Wirken seitens unserer siebenbürgischen Historiker und Familienforscher bisher keine Beiträge erschienen.

In seinem kurzen und hochgeschätzten Lebensweg trug Titus Freiherr von Karger das Adelswappen auf rotem Schild mit Abbildung der königlich-ungarischen Krone, auf deren Schild die Freiherrenkrone ruhte. Die Schildhalter sind zwei Sereschaner (Militärgrenzer) in Nationaltracht. Erst 100 Jahre später, nach der Öffnung des kaiserlichen Geheimarchivs, stellte sich heraus, dass das Versteck der Krone unserem Landsmann von einem Spitzel verraten wurde, der seinerzeit die Krone mit vergraben hatte.

Es wäre begrüßenswert, wenn unsere fachkundigen Historiker und Familienforscher sowie die Heimatortsgemeinschaft Reps die bisher überaus kargen Lebensdaten unseres einst europaweit bekannten Landsmannes ergänzen könnten.

Rudolf Rösler

Schlagwörter: Ungarn, Geschichte

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