27. Juni 2019

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"Pfingstbräuche in Siebenbürgen": Brauchtumsveranstaltung der Landesgruppe Baden-Württemberg

Rappelvoll ist der Festsaal der Dinkelsbühler Schranne am Samstag, dem 8. Juni. Wir sind gespannt, wie die Landesgruppe Baden-Württemberg alte Pfingstbräuche wieder „zum Leben erweckt“! Chor, Blasorchester, Darsteller und Tanzgruppen – alle in festlichen sächsischen Trachten gekleidet – ziehen uns Publikum über all‘ unsere Sinne in ihren Bann. Helge Krempels, 1967 in Kronstadt geboren und 1990 mit 23 Jahren nach Deutschland gekommen, leitet die Veranstaltung. Er führt uns auf sächsisch in das Geschehen ein, das uns zwei Stunden lang in die Welt unserer alten Bräuche entführt. Doch wie kam es dazu?
Seinen Worten nach, stammt das Konzept von Christa Andree, der Grande Dame der Landesgruppe Baden-Württemberg, der ehemaligen Frauenreferentin und Stellvertretenden Landesvorsitzenden, und von Michael Konnerth, dem Landesvorsitzenden. Als Quellen dienen ihm vage Aufzeichnungen aus zwei Gemeinden, die noch bis ins 20. Jahrhundert Pfingstbräuche pflegten. Im Vorspann zur Aufführung nennt er auch weitere Gemeinden, die Pfingstbräuche am Leben erhielten. Dabei schöpft Helge Krempels insbesondere aus dem Fundus der Heimatsortsgemeinschaften (HOG) (lesen Sie dazu das Interview mit Helge Krempels in der SbZ Online vom 12. Juni 2019). Ihre Heimatbücher lagern im Siebenbürgischen Archiv in Gundelsheim und in den Gemeinden selbst. Sehr schnell zeigt es sich, dass sie sich auf den Königsumzugs-Brauch in Leschkirch und auf den Königinnentanz in Deutsch-Weißkirch konzentrieren wollen, wie es auch Christa Andrees Idee entsprach. Brauchtumsveranstaltung „Pfingstbräuche in Siebenbürgen“. Video: Günther Melzer Besonders wichtig ist ihnen dabei, dass sie alle Kulturgruppen der Landesgruppe Baden-Württemberg vereinen und sie möglichst vollständig in die Veranstaltung einbinden: die Kleinen aus den Kindertanzgruppen in der Landesgruppe aus Biberach, Heilbronn, Sachsenheim sowie Jugendliche aus allen Jugendtanzgruppen, unter der Leitung des Landesgruppenleiters Patrick Welther und Astrid Göddert. Letztere ist auch Organisationsreferentin in der Landesgruppe. Die schönen Trachten gehören weitestgehend den Trägerinnen und Trägern – bis auf die Königinnen, Bräute und Altknechte. Diese tragen die Originaltrachten aus Deutsch-Weißkirch. Daneben sind fast alle Trachtenlandschaften vertreten: vom Burzenland über das Altland bis hin zu Nordsiebenbürgen – sei es im Chor, im Jugendorchester oder in den Tanzgruppen. Die Zuschauer sind gespannt, inwieweit der Funke von diesen alten, wiederbelebten Bräuchen, die man ethnologisch gesehen nicht vollständig reproduzieren kann, auf sie überspringt. Das ist bald der Fall, denn das Publikum wird in die Gemeindelieder mit einbezogen und singt mit. Das Pfingst-Königspaar präsentiert sich dem ...Das Pfingst-Königspaar präsentiert sich dem Publikum und erntet begeisterten Applaus. Foto: M. Tuschinski Es fällt erfreulich auf, dass alle Generationen auf der Bühne vertreten sind. Es wirkt wie ein Symbol für die Zukunft unseres Verbandes der Siebenbürger Sachsen. Dessen Konzept beruht genau auf dieser Idee, die auch als Motto für den diesjährigen Jubiläumsheimattag gilt: „70 Jahre – Für die Gemeinschaft“ und die gesamte Gemeinschaft im Blick.

Pfingstkönigsbrauch in Leschkirch

Es ist der Aufmarsch durch die Gemeinde auf deren sehr langen Hauptstraße. Wir können uns vorstellen, wie der Brauch in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts noch stattfand, wie er – ausgehend von den Kindern – die gesamte Gemeinde erfasste bis hin zum Festplatz. Dort mündete das Geschehen in eine Tanz- und Spielveranstaltung aller Generationen.

Auf der Bühne im Schrannenfestsaal steht zunächst die gebundene Blumenkrone im Mittelpunkt und die Schulkinder stellen sie gerade fertig. Sie freuen sich auf den Aufmarsch, auf den Königsumzug. Der neckische Dialog der Mädchen und auch der Jungen verdeutlicht dies auf humoristische Weise. Von der Schule tragen die Kinder die Pfingstkrone zum Haus des Pfingstkönigs, danach zur Pfingstkönigin und zuletzt auf den Dorfplatz. Dies ist der Umzug der im Mittelpunkt des Pfingstbrauches steht.

Danach heißt es im Heimatbuch der Leschkircher: „Der Träger verlangt den König von seinen Eltern in gesetzter Rede“ oder „Der König verlangt die Königin in gesetzter Rede“. Was eine „gesetzte Rede“ ist, mussten die Veranstalter erst noch herausfinden. Zum Glück können sie noch Angehörige befragen, die es selbst miterlebt haben. Anhand der Anleitungen im Heimatbuch erkennen sie, wie früher jeder seine Texte zurechtlegte. Es ergeben sich jedoch auch gemeindeübergreifende Muster. Zugute kommt ihnen besonders, dass Walter Theiss, der Leiter des Jugendorchesters in Sachsenheim, auch Leschkircher Nachbarvater in Deutschland ist. Christa Andree zog als Pfarrerskind mit ihren Eltern durch etliche Dörfer und kennt die Gemeinden Stein, Deutsch-Weißkirch und das Harbachtals sehr gut. Der Bogen spannte sich zuerst in ihrer Phantasie und der Funke sprang danach auf alle Beteiligten über.

Königinnen-Pfingsttanz in Deutsch-Weißkirch

Im Repser Stuhl gelegen, fand der Brauch in dieser Gemeinde nach dem Pfingstgottesdienst unter der Tanzlinde statt, der die Tanzveranstaltung eröffnete. Diese stand unterhalb der Kirchenburg in Deutsch-Weißkirch, wo sie auch heute steht – allerdings ist es eine neue Linde. Der Königinnentanz im zweiten Teil der Veranstaltung ist ein ritualisierter Initiationstanz, den die Tanzenden dafür aufführten. Die Königinnen sind noch nicht konfirmierte Schulkinder, tragen jedoch den schön verzierten Weißkircher Borten und sind verschleiert, als Referenz an vorchristliche Bräuche und Riten, angelehnt an deren Gottheiten. Im Heidentum waren es häufig junge, unbefleckte Mädchen. Der Siebenbürgische Chor Baden-Württemberg unter ...Der Siebenbürgische Chor Baden-Württemberg unter Leitung von Ilse Abraham untermalte die Veranstaltung mit schönen alten Pfingstliedern. Foto: M. Tuschinski Sie treten verschleiert auf, um das Geheimnis, das Mysterium zu wahren. Dies erkennt man in dem Brauch sehr gut, und die evangelische Kirche war sich seinerzeit dieser heidnischen Referenzen bewusst. Sie versuchte dadurch, die Kirchentracht einzuführen und das Kirchenlied voranzustellen. Auch die Altknechte sind in das Stoßgebet mit symbolisch eingebunden, indem sie den Hut abnehmen und den Knicks durchführen, bevor sie sich setzen. Dieser Königinnentanz stand am Beginn der Zeremonie, die am dritten Pfingsttag in Deutsch-Weißkirch stattfand. Den Veranstaltern in der Schranne gelingt es, die Bräuche zu vereinen und die Jugendtanzgruppen führen anschließend ihre schönen Tänze auf. Der Chor und das Jugendorchester untermalen die Veranstaltung musikalisch.

Die teilnehmenden Gruppen

Auf der Bühne sehen wir Teilnehmer aus der Landesgruppe Baden-Württemberg mit der Kinder- und Jugendtanzgruppe aus Biberach unter der Anleitung von Astrid Göddert. Wir bewundern auch die Tänzer der Jugendtanzgruppen aus Heidenheim, Böblingen, Heilbronn, Ludwigsburg und Sachsenheim. Das Jugendorchester aus Sachsenheim, dirigiert von Walter Theiss, spielt dazu auf. Es singt der Stuttgarter Chor, geleitet von Ilse Abraham. Der Veranstaltungsleiter Helge Krempel ist Vorsitzender der Kreisgruppe Ludwigsburg und stellvertretender Landesvorsitzender in Baden-Württemberg. Es verbindet ihn sehr viel mit diesen Kulturgruppen, und seine Familie unterstützt ihn tatkräftig. Seine Frau Ute Martini-Krempels leitet die Tanzgruppe Sachsenheim. Ihre Kinder Tobias und Anna engagieren sich in der Tanzgruppe und im Jungendorchester. Schlussapplaus für die Gestalter der ...Schlussapplaus für die Gestalter der Brauchtumsveranstaltung „Pfingstbräuche in Siebenbürgen“. Foto: Günther Melzer Die beteiligten Gruppen probten jeweils die einzelnen Teilabschnitte gesondert. In der Gemeindehalle Hohenhaslach auf einem nachgestellten Grundriss der Dinkelsbühler Schranne machten sich die Teilnehmer miteinander vertraut und studierten die Bewegungsabläufe ein, um fließende Übergänge und eine dynamische Aufführung zu erzielen. Als Zuschauerin kann ich bezeugen, dass ihnen das in Dinkelsbühl sehr gut gelungen ist. Und wenn man bedenkt: Sie hatten weder Vorlagen, noch Vorläufer oder Drehbücher mit dramaturgischen Abläufen. Jacqueline Melzer interviewt Helge Krempels. Video: Hermann Depner Das Faszinierende an der Idee, die Pfingstbräuche zu zeigen ist, dass sie sehr alt sind und sogar in eine vorchristliche Zeit hinüberblenden, die noch vor der Auswanderung unserer Vorfahren aus Deutschland lag. Sie stehen am Ursprung vieler unserer Bräuche, die wir heute ganz selbstverständlich feiern und gar nicht mehr wissen, worauf sie genau zurückzuführen sind. Das war für die Organisatoren besonders faszinierend an der Veranstaltung, zu zeigen, wie gemeinschaftsfördernd und gemeinschaftsbildend diese Bräuche waren und weiterhin sind. Sie hoffen, dass sie das dem jüngsten wie dem ältesten Teilnehmer und auch Zuschauer verdeutlichen konnten, dass sie diese im Herzen mitnehmen und erkennen, wie wertvoll diese Initiationsriten sind. In der Hoffnung, dass aus diesen Worten diejenigen, die nicht dabei waren, ableiten können, auf welche schönen Pfingstbräuche wir Siebenbürger Sachsen zurückblicken, wünschen sie sich, dass diese weiterhin am Leben erhalten bleiben.

Melita Tuschinski

Schlagwörter: Heimattag 2019, Brauchtumsveranstaltung, Dinkelsbühl, Baden-Württemberg

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