8. Juli 2019

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Autobiografisches Buch: Peter Maffays Vater erzählt

„Mein Sohn, es gibt so vieles, das ich dir schon so lange sagen möchte. Nie habe ich jedoch die Zeit dazu gefunden. Ein Menschenleben vergeht so schnell – wie im Flug, wenn es so ausgefüllt ist wie meines.“ Mit diesen Worten beginnt Wilhelm Makkay, der Vater des berühmten Rocksängers Peter Maffay, sein größtenteils autobiografisches Buch „Tati, erzähl“.
Und der Vater erzählt seinem fast 70-jährigen Sohn seine Erinnerungen aus den schlimmen Nachkriegsjahren, als die Armut alltäglich war, von etlichen Verwandten, die Peter noch nie kennen gelernt hat, von den vielen Versuchen, das verhasste, kommunistische Vaterland Rumänien zu verlassen, von der endlich geglückten Ausreise aus Rumänien, die noch auf dem Rollfeld in Bukarest zu scheitern drohte, weil der Teenager Peter nicht den Mund halten konnte und deswegen vom Vater eine Backpfeife einstrich, aber auch von der Zeit danach, als man in Waldkraiburg in Oberbayern schön langsam Fuß fasste, obwohl das Ziel der Ausreise eigentlich Amerika war, wo Wilhelms Eltern lebten; oder aber auch von den Anfängen des Musikers, dem die Schule zunehmend weniger Spaß machte und er sich voll und ganz der Musik widmete.

Die Idee zu diesem sehr informativen und mit sehr viel Gefühl geschriebenen Buch hatte Wilhelms Ehefrau Elvira, die ihrem Ehemann auch tatkräftig zur Seite gestanden hat bei der Suche nach authentischen Fotos und beim Ausgraben von so vielen Erinnerungen. Sie war es auch, die letztes Jahr, als es Wilhelm gesundheitlich nicht so gut ging, nächtelang an seinem Bett saß und seine ganzen Erinnerungen aufgeschrieben hat. Als kulinarische Zugabe findet man am Ende des Buches originale Familienrezepte, die in Kronstadt, der alten Heimat, verwendet wurden, die aber auch in der neuen Heimat immer noch Gültigkeit haben bzw. benutzt werden. z ... Wilhelm erzählt von seiner Zeit, als er gerade mal 18-jährig als Pilot der deutschen Luftwaffe mit einer Versorgungsmaschine Offiziere von einem Frontabschnitt zum nächsten transportieren musste und knapp 19-jährig in amerikanische Kriegsgefangenschaft geriet. Sein Verhängnis war, dass er 1945 nach der Gefangenschaft, anders als sein Bruder und Vater, die beide zunächst in Österreich blieben, zu Fuß seine Heimreise nach Kronstadt antrat. Ganz anders Wilhelms erste Frau Augustine – sie hatte mit ihrem russischen Stiefvater großes Glück, weil der russisch sprechen konnte, und wurde somit von den russischen Soldaten erhört, als der sie bat, seine Tochter freizulassen, die bereits im Zug saß, um als junges Mädel in die Deportation verschleppt zu werden. Ihr blieben auf diese Weise lange Jahre des Elends in der Deportation erspart.

Makkay erzählt von den katastrophalen Nachkriegsjahren, als man um das tägliche Brot fürchten musste und nie sicher war, wo die Securitate mithören würde. Er hat viele Jahrzehnte darunter gelitten, ist jetzt aber bereit, seine Vergangenheit aufzuarbeiten. Er erzählt weiter von seinem Vater, Peters Großvater, der Anfang der 1920er Jahre selber das erste Kino in Kronstadt betrieb, nämlich das Astra-Kino in der Langgasse. Er war somit ein Pionier, was neue Technologie betraf, ähnlich wie Peter, der als deutscher Rockmusiker am Ende desselben Jahrhunderts der deutschen Musikszene seine unverwechselbare Handschrift verlieh.

Interessant ist auch die Geschichte, wie die Familie nach langen Wartezeiten und vielen Erniedrigungen doch noch an die Ausreisepässe kam. Kein Geringerer als der rumänische Ministerpräsident Ion Gheorghe Maurer wurde angesprochen und gebeten, man möge doch die Familie Makkay ausreisen lassen. Stattgefunden hatte das Gespräch zwischen Wilhelm und dem damaligen Ministerpräsidenten vor dem Atelier des bekannten siebenbürgischen Malers Friedrich von Bömches, in dem sich aber auch eine Büchsenmacherei befand, in der Wilhelm die Gewehre der Prominenz, darunter eben auch Ministerpräsident Ion Gheorghe Maurer, reinigte und justierte und wo er sich ein Zubrot verdienen konnte.

Ein richtig spannendes und abwechslungsreiches Leben, das der 92-jährige Wilhelm Makkay da mit dem Herz am rechten Fleck seinem berühmten Sohn erzählt. Aufgelockert wird das Ganze durch kurze Kapitel, die aus der Biographie von Peter stammen, die Titel tragen wie: „Als Peter einen Hund bekam“, „Als Peter Kartoffeln klauben ging ...“, „Als Peter Modell stand“, „Als Peter beschloss, auf keinen Fall Musiker zu werden“ oder „Als Peter sich zum ersten Mal verliebte“, um nur einige zu nennen. Wilhelm Makkay legt in diesem Buch sein gesamtes langes Leben der Öffentlichkeit dar und zwar in einer besonders ehrlichen Art, was seine Gefühle angeht. Es ist auch nicht zu übersehen, dass es ihm nur um das Wohlsein seines Sohnes geht bzw. seiner Familie. So bekommen auch jüngere Leute Einblick in ein entbehrungsreiches, aufrechtes Leben.

Herbert Liess




Wilhelm Makkay: „Tati, erzähl“. Erinnerungen – gesammelt für meinen Sohn Peter Maffay. Ueberreuter Verlag, Wien, 2019, 144 Seiten, 19,95 Euro, ISBN: 978-3-8000-77236.

Schlagwörter: Maffay, Buchvorstellung, Autobiographisches, Kronstadt

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