21. Oktober 2019

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Lesung mit Mircea Cărtărescu in Berlin

Auf seiner Leserereise, die ihn zusammen mit seinem Übersetzer Ernest Wichner durch mehrere deutsche und österreichische Städte, über die Frankfurter Buchmesse und Wien schließlich nach München führt, machte Mircea Cărtărescu am 10. Oktober Halt im recht beschaulichen Lesesaal des Literaturforums im Brecht-Haus in Berlin.
Anfangs scherzte er noch, dass Rumänien am Donnerstag, dem 10. Oktober, in Feierstimmung sei, weil die Regierung durch ein Misstrauensvotum gestürzt worden sei, und nicht noch eine Feier für einen rumänischen Nobelpreisträger ertragen hätte, weswegen er darauf verzichte. Sonst wäre ja auch der intime Rahmen dieses kleinen Lesesaals gesprengt worden, den er so schätze, sagte der Schriftsteller, der schon mehrfach als aussichtsreicher Kandidat für den Nobelpreis gehandelt wurde.

Danach schilderte Cărtărescu seine Art zu schreiben, in Kollegheften, von Hand, ordentlich, ohne eine Radierung, und jeweils nur eine Seite pro Tag. So habe er das neue Buch, Solenoid, in vier Jahren geschrieben. Es sei ganz anders als seine Trilogie Orbitor (Die Wissenden, Der Körper, Die Flügel), die ein horizontales, rhizomatisches Werk wären, in dem alles mit allem zusammenhänge. Solenoid sei ein vertikales Werk, gleichsam einer gotischen Kathedrale oder Giottos Campanile in Florenz. Mircea Cărtărescu bei einer vom Paul ...Mircea Cărtărescu bei einer vom Paul Zsolnay Verlag veranstalteten Lesung in München (2011): Foto Konrad Klein Es geht in Solenoid nicht um die Literatur, sondern um die Realität, die jedoch ein wichtiger Anker für das Fantastische ist. Erst wenn der Leser der geschilderten Realität vertraut, folgt er dem Autor ins Fantastische. Im vorgetragenen Fragment ging es daher auch um eine reale Begebenheit, die der Autor erlebt hat, um die in Rumänien alltägliche Diskriminierung eines Roma in einer Vorstadtschule in Bukarest, in dem die Hauptgestalt Lehrer ist. Der Ich-Erzähler in Solenoid unterscheidet sich grundsätzlich von dem Ich-Erzähler Mircea aus der Trilogie Orbitor, weil er eben nicht Literatur schreibt.

Man kann gespannt sein auf diesen Wälzer von über 900 Seiten, elf Seiten davon nur gefüllt mit dem Schrei nach Hilfe! So hätte vielleicht auch der Roman heißen sollen, doch Cărtărescu entschied sich für den geheimnisvollen Namen einer Magnetspule, die Levitation hervorruft.

Edith Ottschofski

Schlagwörter: Cartarescu, Roman, Lesung, Berlin, rumänische Literatur

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