9. März 2021

Sender Freies Europa trug zum Zusammenbruch des Kommunismus bei

Am 21. Februar jährte sich zum 40. Mal der Abend, als am Englischen Garten in München gegen 21.45 Uhr eine 15 kg schwere Bombe am Gebäude des US-amerikanischen Senders Radio Free Europa/Radio Liberty explodierte. Die gewaltige Detonation riss ein 18 Meter breites Loch in die Fassade und der Gesamtschaden wurde damals auf über vier Millionen Mark geschätzt. Das Attentat wurde ausgeführt von dem damals international gesuchten venezolanischen Terroristen Ilich Ramirez Sanchez, besser bekannt als „Carlos der Schakal“, der für diese Tat ungefähr eine Million US-Dollar von der ­rumänischen Securitate bekommen haben soll. Unser Landsmann Hans-Joachim (Hannes) Acker hat 28 ½ Jahre als Redakteur namens Mircea Ioanid in der rumänischen Abteilung von Radio Europa Liberă gearbeitet und schildert im Folgenden die Arbeit bei diesem Sender.
Gebäude des Senders Freies Europa im Englischen ...
Gebäude des Senders Freies Europa im Englischen Garten in München. Fotoquelle: Wir Heldsdörfer, 2000
Wer 1949 gesagt hätte, Radio Free Europe würde über 50 Jahre dauern, dem hätte man nicht geglaubt. Wer 1989 behauptete, die Mission des Senders sei im Großen und Ganzen erfüllt, der hätte womöglich zur Antwort bekommen – das haben wir auch nicht erwartet.

Ein Medienkrieg schloss sich unmittelbar an den heißen Krieg der Jahre 1939-1945 an: Während des Kalten Kriegs sendeten die einen bewusst Nachrichten und Kommentare und die anderen versuchten, diese Sendungen massiv zu stören. Nach dem Krieg wurden in dem von den Westalliierten besetzten Teil Deutschlands westdeutsche Sendeanstalten aufgebaut. Aber auch die Alliierten versorgten ihre Militärs und deren Familien mit eigenen Nachrichten- und Unterhaltungssendungen. So richteten die US-Streitkräfte den Soldatensender AFN (American Forces Network) ein, der auch von vielen westdeutschen Zuhöreren wegen seiner flotten Jazzmusik geschätzt wurde. Der zweite sehr bedeutende US-Sender war der RIAS (Rundfunk im amerikanischen Sektor von Berlin), der vor allem in Ostdeutschland sehr beliebt war.

Radio Freies Europa wurde 1950 in München ins Leben gerufen. Die US-Streitkräfte waren Herren in Bayern und auch in München. Und so ist es auch zu erklären, dass das Sendegebäude am Rande des Englischen Gartens errichtet wurde. Ein langgestreckter, einstöckiger Bau. In der Gründungsurkunde hieß es, der Sender würde so lange nach Osteuropa senden, bis diese Sendungen überflüssig würden. Die in der Münchner Sendezentrale angefertigten Sendungen wurden über Kabel nach Portugal und Spanien übertragen und von dort in die sogenannten Zielländer ausgestrahlt.
Hans-Joachim Acker mit seinem Enkelsohn, 2015. ...
Hans-Joachim Acker mit seinem Enkelsohn, 2015.
Als ich als junger Mann zum ersten Mal das Gebäude des Senders im April 1964 betrat, fiel mir am Eingang eine Tafel auf, auf der zu lesen stand: „RADIO FREIES EUROPA. Ein Sender des Kreuzzuges für die Freiheit!“ Das machte einen enormen Eindruck auf mich, war ich ja erst kürzlich aus Rumänien ausgewandert.

Hauptaufgabe des Senders war es, die innenpolitischen Fragen der jeweiligen Zielländer anzusprechen, sie zu analysieren und entsprechend auch zu kritisieren. Wegen seiner Aktualität hieß der Sender in Rumänien București 4 (Bukarest 4). Es ist mittlerweile ­bekannt, dass jeden Morgen eine schriftliche Zusammenfassung der wichtigsten Nachrichtensendungen und Kommentare von RFE auf den Schreibtischen der Mitglieder des Politbüros aus Bukarest auflagen.

Die Bedeutung von RFE lässt sich anhand zweier Beispiele veranschaulichen. Der Sender verfügte über eine Abteilung, deren Aufgabe es war, alle Sprachsendungen des Ostblocks auf Magnetband aufzuzeichnen und dann in Niederschrift dem zentralen Nachrichtenbüro weiterzuleiten, das dann seinerseits die Nachrichten, die von Ostsendern stammten, an die einzelnen Sprachenabteilungen weitergab. So kam es im Jahre 1970 in den baltischen Häfen Polens zu Arbeiterunruhen wegen überhöhter Fleischpreise. Der zentrale polnische Rundfunk verschwieg diese Unruhen, der „Monitoringdienst“, also die mit der Aufzeichnung osteuropäischer Nachrichten betraute Abteilung, fing aber die Appelle der lokalen Sender im Norden Polens auf, die zu Ruhe und Ordnung aufriefen. Diese Meldungen wurden nun auf ihre Richtigkeit überprüft, es wurden westliche Botschaften in Warschau kontaktiert, die ihrerseits die Unruhen bestätigten. Sodann verfasste die zentrale Nachrichtenabteilung von RFE eine Meldung, die sofort, vor allem nach Polen, ausgestrahlt wurde. Im Nu war nun die gesamte polnische Bevölkerung in der Lage, sich ein Bild von der Situation im Norden des Landes zu machen und als Folge brachen im gesamten Land Unruhen aus, die dann letztlich zum Sturz des Gomulka-Regimes führten.

Ein ähnliches Beispiel betraf Rumänien. In den 70er Jahren ereignete sich in der Schulerau bei Kronstadt ein Seilbahnunglück, bei dem mehrere Menschen den Tod fanden. Radio Bukarest und die Zeitungen hüllten sich in Schweigen. Da sich aber unter den Opfern auch einige tschechoslowakische Touristen befanden, meldete Radio Prag das Unglück. Der „Monitoringdienst“ von RFE griff die Nachricht von Radio Prag auf, die dann über uns die Bevölkerung Rumäniens erreichte.

Anhand dieser Beispiele können Sie erkennen, wie bedeutungsvoll RFE für Osteuropa war. Sicherlich wurden in der langjährigen Geschichte von RFE auch Fehler begangen. So zum Beispiel 1956, als in Ungarn die Revolution ausbrach. Einige Redakteure der ungarischen Sendeabteilung riefen die Bürger zum Ausharren im Kampf gegen die sowjetischen Panzer auf und ließen erkennen, dass Hilfe aus dem Westen kommen würde. Diese Tatsache löste erheblichen Wirbel aus, die Verantwortlichen wurden zur Rechenschaft gezogen. Als Folge dieser Panne wurden strenge Verfügungen erlassen. So wurde keine Nachricht mehr verbreitet, die vorher nicht von zwei unabhängigen Presseagenturen bestätigt wurde. Neben den Nachrichten und Kommentaren sendete RFE auch eine tägliche Presseschau, Sport- und Musiksendungen und vieles gleiches mehr. Sehr gefragt waren die Musiksendungen und man musste immer wieder staunen, wie es die jungen Leute fertig brachten, ihre Musikwünsche per Brief nach München zu befördern. Die meisten Briefe erreichten unsere Redaktion über Ungarn oder Jugoslawien.

Eine Glanzleistung erbrachte die ­rumänische Sendeabteilung beim Erdbeben vom 4. März 1977. Nicolae Ceaușescu und seine Frau waren zu diesem Zeitpunkt auf Staatsbesuch in Afrika. Die ersten Berichte über das Erdbeben kamen vor Mitternacht über die westlichen Medien. Ich persönlich hatte davon noch keine Kenntnis, weil ich bereits zu Bett gegangen war, denn am darauffolgenden Morgen war ich zum Frühdienst eingeteilt, das hieß für mich halb drei Uhr aufstehen und 30 km nach München fahren (ich wohne außerhalb der Landeshauptstadt).

Bei uns in der Redaktion war helle Aufregung. Noël Bernard, der bekannteste Direktor der rumänischen Sendeabteilung, war ebenso schon da wie auch viele andere Mitarbeiter, die in die Redaktion gekommen waren, um Einzelheiten zu erfahren. Noël Bernard hatte sofort die Programmleitung an jenem frühen Morgen übernommen, vorerst von der amerikanischen Senderleitung die Genehmigung eingeholt, die Nachtsendung, die gewöhnlich um 24 Uhr beendet wurde, zu verlängern. Was war geschehen? Radio Bukarest und das Fernsehen hatten zeitweilig überhaupt nicht mehr ­gesendet und als sie später die Sendungen wieder aufnahmen, mit keinem Wort das Erdbeben erwähnt. Ceaușescu war außer Landes und niemand aus Partei und Regierung hatte den Mut, auf eigene Verantwortung irgendwelche notwendigen Anweisungen zu geben. Also verschwieg man einfach das Beben und wartete auf die vorzeitige Rückkehr des Herrscherehepaares. Das war natürlich für den Sender Freies Europa die große Stunde. Die Sendungen von RFE wurden eine ganze Woche lang rund um die Uhr in den Äther gestrahlt. (Gesendet wurde in der Regel von 5.00 bis 9.00 Uhr morgens und von 16.00 Uhr bis Mitternacht.)

Dann geschah etwas ganz Außergewöhnliches. Noël Bernard organisierte ein Rundfunkgespräch mit zwei Architekten und einem Bauingenieur über das Ausmaß des Bebens. Während dieses Gesprächs rief ein in Deutschland ansässiger rumänischer Architekt an und teilte mit, er verfolge die Sendung, die ihm sehr interessant erschien, und nun wolle auch er seine Meinung dazu äußern. Bernard ließ das Telefongespräch in die Live-Sendung zuschalten und es entwickelte sich eine sehr interessante Diskussion. Auf Anregung von Bernard meldeten sich in der Folge sehr viele Landsleute aus Rumänien telefonisch zu Wort und schilderten, was sie erlebten und wie es in Bukarest und in den anderen betroffenen Landesteilen aussieht. So baute sich eine Brücke auf zwischen der Bevölkerung im Lande und den im Ausland lebenden rumänischen Staatsbürgern auf. Radio Freies Europa wurde zu der Schaltstelle für weltweite Kommunikation. Es entwickelte sich eine Solidarität, die nur zu selten in Rumänien festgestellt werden konnte, mit der Ausnahme einiger Wochen während und nach der sogenannten Revolution von 1989. Interessant war für uns vor allem die Tatsache, dass die durchgeschalteten Telefongespräche von den rumänischen Telefonzentralen vermittelt worden waren – ergo handelte es sich um eine von „ganz oben“ genehmigte Aktion.

Es gab aber nicht immer nur solch erhebende Augenblicke im langen Dasein dieses Senders. Die östlichen Geheimdienste haben nichts unversucht gelassen, um diese Stimme der Freiheit und Wahrheit zum Schweigen zu bringen. Es erfüllen sich gerade 40 Jahre seit dem Attentat des internationalen Terroristen Carlos auf das Gebäude am Englischen Garten. Carlos und die mit ihm agierenden Attentäter sollten am Abend des 21. Februar 1981 eigentlich den zentralen Senderaum, von wo aus sämtliche Programme des Senders ausgestrahlt wurden, treffen, doch müssen sie an ihrem Vorhaben gehindert worden sein, denn die Bombe, die in Eile deponiert worden war, zerstörte die Telefonzentrale des Senders. Später wurde bekannt, dass Ceaușescu und der rumänische Geheimdienst das Attentat in Auftrag gegeben und dafür eine Million US-Dollar bezahlt hatten.

Ich habe innerhalb von zehn Jahren vier Direktoren verloren. Alle mitsamt kamen unter äußerst mysteriösen Umständen ums Leben. Sie alle, Preda Bunescu, Noël Bernard, Mihail Cismărescu und Vlad Georgescu, erlagen äußerst aggressiven Krebsleiden und verstarben innerhalb eines Jahres nach Ausbruch der Krankheit. Es ist bis heute nicht geklärt worden, was die Ursache des plötzlichen Ausbruches dieser Krankheit war, aber es sei nur daran erinnert, dass die Streikführer des Kronstädter Aufstands 1987 auf ähnliche Weise umgebracht worden sind.

Etliche Versuche, unter den Mitarbeitern des Senders in München Angst zu streuen, gingen auch nicht fehl. Im Casino des Senders wurden in den 50er Jahren vergiftete Salz- und Pfefferstreuer sichergestellt. Wir, die Angestellten, die Redakteure, wurden angewiesen, nachts, wenn wir den Sender verlassen, den PKW unter Augenschein zu nehmen, um eventuell verdächtige Spuren zu entdecken. Auch wurden wir angewiesen, nicht immer den gleichen Weg nach Hause zu nehmen.

Das oberste Ziel des Senders Freies Europa war seine Selbstauflösung, d.h. wenn in den Ostblockländern wieder eine demokratische Pressefreiheit garantiert würde, die Sendungen aus München überflüssig zu machen. 1995, nachdem der amerikanische Kongress die Mittel für den Sender um zwei Drittel gekürzt hatte und ein Verbleib in München nicht mehr zu bewerkstelligen war, wurden die Redaktionen auf Einladung des tschechoslowakischen Präsidenten Václav Havel in sehr verkleinertem Umfang nach Prag verlegt. Die Sendungen für Rumänien wurden noch einige Jahre ausgestrahlt, zurzeit sendet RFE noch in rumänischer Sprache für die Republik Moldau.

Das war eine Kurzfassung der Geschichte von Radio Freies Europa aus der Sicht eines langjährigen Nachrichtenredakteurs. Radio Freies Europa hat einen großen Dienst für die Freiheit geleistet und nicht zu Unrecht haben manche Zeitungen, die uns früher als Propagandasender apostrophiert hatten, zugegeben, dass der Kalte Krieg zu einem gewissen Teil am Englischen Garten in München gewonnen wurde.

Hans-Joachim Acker

(Dieser Aufsatz erschien zuerst in „Wir Heldsdörfer“, Folge 83 von Weihnachten 2000 und wurde aus aktuellem Anlass vom Autor überarbeitet).

Links:

Zum 80. Geburtstag von Hans-Joachim Acker alias „Mircea Ioanid“, Siebenbürgische Zeitung Online vom 23. April 2015

Der große Radiokrieg - Liebesgrüße nach Moskau - Dokumentarfilm, Teil 1 (YouTube)

Der große Radiokrieg - Liebesgrüße nach Moskau - Dokumentarfilm, Teil 2

Der große Radiokrieg - Liebesgrüße nach Moskau - Dokumentarfilm, Teil 3

Der große Radiokrieg - Liebesgrüße nach Moskau - Dokumentarfilm, Teil 4

Schlagwörter: Acker, Radio, Journalist, München, Kalter Krieg

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