16. März 2021

„Bäm Hontertstreoch“ wird 125 Jahre alt/Vor 160 Jahren wurde dessen Komponist Hermann Kirchner geboren

Am 23. Januar jährte sich der Geburtstag des Komponisten, Dirigenten und Musikpädagogen Hermann Kirchner zum 160. Male. Und Mitte dieses Jahres ist es 125 Jahre her, seit er sein wohl bekanntestes Lied „Bäm Hontertstreoch“ komponierte, das schon bald darauf seine ungeahnte Reise um die Welt antrat.
Erstdruck des Liedes „Bäm Hontertstreoch“ im I. ...
Erstdruck des Liedes „Bäm Hontertstreoch“ im I. Heft der Siebenbürgisch-sächsischen Volkslieder von Hermann Kirchner (Mediasch 1897, Druck und Verlag von G. A. Reissenberger).
Als Hermann Kirchner in den ersten Septembertagen 1893 in Mediasch eintraf, um die Stelle eines Musikdirektors anzutreten, war dies eine Sternstunde nicht nur für den 1847 gegründeten örtlichen Musikverein. Mit Kirchners Namen sollte sehr bald eine wahrhafte Renaissance des sächsischen Volkslieds verbunden werden. Am 23. Januar 1861 im thüringischen Wölfis geboren, war Kirchner zu jener Zeit ein gefeierter Tenor und Solist in Berliner Salons, doch scheint ihn bald der Drang nach originellen kompositorischen Leistungen ergriffen zu haben. Dazu versprach er sich Inspiration in dem fernen Land Siebenbürgen zu finden. Er ließ sich auch nicht entmutigen, als diese Hoffnungen zunächst nicht erfüllt wurden. In seinen Erinnerungen schrieb er: „Als ich in das Land kam, hoffte ich einen reichen Schatz alter Volksgesänge vorzufinden; leider sah ich mich in meinen Erwartungen getäuscht, denn mit Ausnahme weniger Überreste konnte ich von einem eigentlichen Volksliede nichts entdecken. Da mir aber klar wurde, von welch hoher Bedeutung echter Volksgesang gerade unter den gegebenen Verhältnissen sei (z.B. die angesichts zunehmender Magyarisierungstendenzen, Anm. der Autoren), so nahm ich mir vor, Volkslieder in der siebenbürgisch-sächsischen Mundart zu schaffen. Bald fand ich dichterisch begabte, mit dem Volkstum verbundene Männer, die mir geeignete Texte lieferten.“

Hermann Kirchner (1861-1928) komponierte 1896 die ...
Hermann Kirchner (1861-1928) komponierte 1896 die Melodie des Liedes „Bäm Hontertstreoch“…
Kirchner und seine Dichter-Freunde, allen voran Carl Martin Römer, müssen sehr produktiv gewesen sein. In schneller Folge, von September 1897 bis April 1899, erschienen in Mediasch bei G. A. Reissenberger drei Hefte mit dem schlichten Titel „Siebenbürgisch-sächsische Volkslieder von Hermann Kirchner“. Sie enthalten 19 Lieder, die sich sehr schnell großer Beliebtheit erfreuten und von den Chören in den sächsischen Dörfern und Städten begeistert gesungen wurden. Insgesamt je neunmal wurden die beiden ersten Hefte aufgelegt, achtmal das dritte. Es gab Ausgaben für gemischten Chor, für Männerchöre, für Solostimme mit Begleitung, ja, es gab sogar spezielle Ausgaben für Schulen. Die Gesamtauflage betrug 26.000 Stück.

… zu einem Gedicht des Mediascher ...
… zu einem Gedicht des Mediascher Gymnasiallehrers Carl Martin Römer (1860-1942).
Hier soll nur am Rande auf ein Paradoxon hingewiesen werden: Von ihrem Ursprung her handelt es sich um Kunstlieder, Kompositionen eines einzigen Musikers auf Texte namentlich bekannter Mundartdichter. Im Titel der gedruckten Liedsammlungen kommt Kirchners Hoffnung zum Ausdruck, dass seine Werke zu Volksliedern werden – und da hatte er sich auch nicht getäuscht! Viele seiner Lieder werden auch heute noch gesungen, und sicher wissen nicht alle, die dies tun, dass sie zum Volkslied gewordene Kunstlieder vortragen. Wir wollen daher die in den drei Heften enthaltenen Kompositionen an dieser Stelle aufführen:

Heft I: Nårr deng Ūge loss mich sän (Verse von Josef Lehrer), Wī huët de Streoss gebeangden (Carl Römer), Bäm Hontertstreoch (Carl Römer), Dea äm Fräjōr af der Wis (Carl Römer), Äm Fräjōr kåm e Vijeltchen (Ernst Thullner), Än āses Nōbers Guërten (Ernst Thullner).

Heft II: Af deser Jërd, dō äs e Lånd (Ernst Thullner), De Breokt vun Urbijen (Carl Römer), De grän J­äjer (Carl Römer), Såksesch Regruttelīd (Ernst Thullner), Schniël bekīrt (Ernst Thullner), Seangtuchsklōk (Georg Meyndt).

Heft III: Sakselīd (Carl Römer), Me Sakselånd (M. Schuster), Hīmetstroa (1. u. 2. Str. Fr. Ernst; 3. u. 4. Str. Carl Römer), Gäade Mårgen (Georg Meyndt), Trännungswiëh (Emil Sindel), Äm Må (Ernst Thullner), Wånderlīd (Carl Römer).

Zwölf Lieder von Kirchner wurden in die Sammlung „E Liedchen hälft ängden – Alte und neue Lieder aus Siebenbürgen“ aufgenommen, die Angelika Meltzer und Rosemarie Chrestels im Verlag Haus der Heimat Nürnberg (2017, 2018, 2020) herausgegeben haben (www.angelika-meltzer.de).

Im Vorwort zu seinem ersten Liederheft schreibt Kirchner, dass er „keineswegs annehme, sämtliche Liedchen würden Gemeingut des sächsischen Volkes werden; doch sollte dies auch nur einem einzigen gelingen, so wäre immerhin etwas gewonnen“ und er könne „mit dem Erfolg mehr als zufrieden sein“. Nun, wie bereits eingangs erwähnt, hat eines seiner Lieder weit mehr geschafft – mehrere Völker dieser Erde reklamierten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts das Lied „Bäm Hontertstreoch“ auf Verse von Carl Martin Römer als eigenes Volkslied. Der schlichten Weise muss ein Zauber innewohnen, dem sich offenbar niemand entziehen konnte bzw. kann. Bei der Bezirkstagung des Gustav-Adolf-Zweigvereins, die am 24. September 1896 (und nicht am 29., wie dies unisono in allen Publikationen zu lesen ist) in Reichesdorf stattfand, erklang das Lied – der Überlieferung nach – zum ersten Mal. Leider erwähnt das Mediascher Wochenblatt dieses Lied nicht explizit, hält aber fest, „der Gesangverein gab sein Bestes in Liedern dazu, darunter sächsische Lieder, deren Dichter und Tondichter in den Reihen der Gäste saßen“.
Die Darsteller der Hannenfamilie und der beiden ...
Die Darsteller der Hannenfamilie und der beiden Bewerber um die Hand der Hannentochter aus Kirchners Oper.
Als Kirchner im Jahre 1900 nach Hermannstadt übersiedelte und dort neben dem sächsischen Männergesangverein auch die rumänische Liedertafel (Reuniunea de cântări) dirigierte, entstand unter dem Titel „Sub crengi de soc“ eine rumänische Fassung, die bald zum Standardrepertoire rumänischer Männerchöre in Siebenbürgen wurde. Schon im Herbst 1896 trug Kirchner das Lied in einer eigenen deutschen Fassung in Berlin vor.

Über das „Kaiserliederbuch“ wurde „Bäm Hontertstreoch“ auch in Deutschland bekannt und gehörte mehrere Jahrzehnte lang zum Standardrepertoire deutscher Männerchöre; zahlreiche Aufnahmen auf Schellackplatten belegen diese Popularität. Im Ersten Weltkrieg brachten es vermutlich Kriegsgefangene nach England und auch nach Russland, sächsische Auswanderer verbreiteten das Lied in Amerika, und Ende der 1930er Jahre hat man sogar eine japanische Fassung gekannt. Bemerkenswert ist auch, dass Erwin Strittmatter (sorbisch-deutscher Schriftsteller, DDR) das Lied in seinem 1963 erschienenen Roman „Ole Bienkopp“ zitierte. Alle diese Völker waren überzeugt, dass es sich um ihr „eigenes Volkslied“ handelte – ein schmeichelhaftes Kompliment für den Komponisten, der mit seinen Liedern ein viel bescheideneres Ziel verfolgte – das sächsische Volksliedgut neu zu beleben.
Gruppe junger Frauen in Tracht aus der Oper „Der ...
Gruppe junger Frauen in Tracht aus der Oper „Der Herr der Hann“ von Hermann Kirchner (Fotografiert von M. Horowitz nach der Premiere des ersten Aktes der Oper im April 1898 in Mediasch)
Noch in Mediasch komponierte Hermann Kirchner seine Oper „Der Herr der Hann“ nach einem eigenen Libretto, dem er Bilder aus dem Volksleben eines sächsischen Dorfes zugrunde legte. Nach der groß gefeierten Mediascher Uraufführung 1898/99 wurde sie wiederholt mit viel Erfolg in Hermannstadt dargeboten. 1906 wurde Kirchner als Dirigent der Deutschen Liedertafel und Organist der evangelischen Kirchengemeinde nach Bukarest berufen. Wohl auf Betreiben der Königin Carmen Sylva wirkte er auch als Professor am dortigen Konservatorium. Er beschäftigte sich intensiv mit rumänischer Volksmusik, die ihn zu zahlreichen Kompositionen inspirierte. 1910 verließ er Bukarest und trat eine Stelle im höheren Schuldienst in Ratibor in Oberschlesien an. Er sehnte sich sein Lebtag lang nach Siebenbürgen. 1928 kam er für einen kurzen Besuch nach Mediasch und wurde anlässlich des 30. Jahrestages der Uraufführung seiner Oper „Der Herr der Hann“ begeistert gefeiert. Link zum Video Zum Jubiläum des Holderstrauch-Liedes sei an einen bemerkenswerten Film aus dem Jahre 1975 erinnert, den die Redaktion der „Deutschen Stunde“ des Rumänischen Fernsehens Kirchners Lied widmete: „Der Holderstrauch – Ein Lied geht um die Welt“. Er wurde in der Akzente-Sendung (Deutsche Sendung, TVR1 Bukarest) vom 16. Mai 2019 erneut ausgestrahlt. Er kann unter https://www.youtube.com/watch?v=NIp0twxT3qk... aufgerufen werden und ist dort ab der Minute 51 zu sehen. (Eine eigenständige Filmversion ist auf YouTube auch unter „Der Holderstrauch“ zu finden, hat aber eine schlechte Bildqualität.) Der von Christine Elges-Popa (Regie), Hans Liebhardt (Verfasser und Sprecher des Textes) sowie Ilja Ehrenkranz und Florin Orezeanu (Kamera) realisierte Film, an dem Professor Hans Tobie als Sachberater mitwirkte, stellt unserer Meinung nach ein besonderes kulturgeschichtliches Dokument dar, nicht nur als Würdigung dieses besonderen sächsischen Liedes, sondern auch als Beispiel der Bemühungen, sächsisches Kulturerbe im sozialistischen Rumänien zu pflegen. Von den zahlreichen Darstellern in dem Film dürften viele heute noch leben, und sicher erkennen sie sich selbst, Eltern, Verwandte oder Freunde wieder. Daher soll hier eine ausführlichere Würdigung des Films erfolgen. Hans Liebhardt sagt zur Zielsetzung der Redaktion: „Das Lied musste oft und in verschiedenen Fassungen gebracht werden, einmal richtig als Volkslied gesungen, dann von einer Krainer-Formation gespielt, als rumänische Romanze mit einer bekannten Sängerin, als englischer Folk, als Schlager. Wir hatten eine rumänische Nachdichtung bestellt (die rumänische Originalfassung haben die Autoren wohl erst gegen Ende der Dreharbeiten in der ASTRA-Bibliothek Hermannstadt entdeckt, Anm. der Autoren) und die englische konnte Ricky Dandel selber machen.“ So erklingt der „Hontertstreoch“ in dem Film zunächst vorgetragen von Sofia Weinhold und Katharina Schenker im Duett, wonach der Heldsdorfer Männerchor einen Chorsatz des Musikers Arnold Schmidt (der Chor steht vor dessen Geburtshaus in Heldsdorf) unter der Leitung von Hartfried Depner das Lied anstimmt. Es singen (von links nach rechts) Werner Depner, Friedrich Lorenz, Werner Reip, Hans Tontsch, Hermann Franz, Ernst Schall, Reinhard Depner, Kurt Gusbeth, Walter Plennert, Thomas Nikolaus, Jürgen Nikolaus, Hermann Nikolaus, Deszö Ottwald, Wilhelm Scheip, Hermann Kolf, Albert Liess, Reiner Horvath, Karl Jobi, Hans Otto Mooser, Erhard Depner, Otto Tontsch und Kurt Roth. Vor dem Rumänischen Athenäum in Bukarest wird das Lied im Stil der „Kokeltaler Musikanten“ in Bearbeitung und unter der Leitung von Reinhard Konyen, dem Gründer der „Kokeltaler Musikanten“, am Akkordeon gespielt, mit Hansi Skarba (Posaune), Benö László (Trompete), Romeo Tudorache (Klarinette), Gabriel Tabliga (Gitarre und Gesang) und Gisela Kosma (Gesang), damals allesamt Studenten des Bukarester Konservatoriums. Es folgt „În luna mai“ – eine wie wir meinen recht schmalzige rumänische Nachdichtung aus den 1970er Jahren, vor der Kulisse des Bukarester Dorfmuseums gesungen vermutlich von Angela Moldovan, und dann die englische Dixiversion von und mit dem jugendlichen Ricky Dandel. In Hermannstadt an den Hartenecktürmen vorbei flanierend, singen daraufhin die späteren Gründer der „Līdertrun“ mit Gitarre und Gesang, Karl Heinz Fisi (Piringer), Kurt Wagner und Hans Seiwerth, bewundert von dem Damentrio Nicoleta Fișcă (Wagner), Roswitha Möss und Lisbeth Porfetye. Zum Abschluss erklingt der Schäßburger Chor unter der Leitung von Hans Jakobi an der Bergkirche. Gesungen haben damals Grete Lienert mit Ehemann, Gerda Jakobi, Wiltrud Baier, Alida Homm, Anneliese Gross („Vierzig”), Gerda Jakobi, Edith Hayn, Anni Schiroki, Emmi Martini, Christa Osivnik, Lenke Kuhn, Meta Wellmann (Pomarius), Otto Kamilli, Reinhard Wellmann, Christian Pomarius, August Baltres, Erwin Kellner, Hans Martini und Fritz Tausch.

Erst 68-jährig starb Hermann Kirchner unerwartet am 29. Dezember 1928 in Breslau. Seiner Tochter Berta Konopka soll er den Wunsch geäußert haben: „Pflanzt mir einen Holderstrauch auf mein Grab, da singen mir die Vögel ein Lied.“

Angelika Meltzer und Hansotto Drotloff

Schlagwörter: Jubiläum, Lied, Kulturgut, Musik, Mediasch

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