11. April 2021

"Gott weiß mich hier": Radu Carp im Gespräch mit Eginald Schlattner

Ein recht ungewöhnliches Buch hat der Pop Verlag in Ludwigsburg 2020 unter dem Titel „Gott weiß mich hier“ herausgegeben. Ungewöhnlich, dass ein rumänischer Politologe, Professor Dr. Radu Carp von der Universität Bukarest, einen Pfarrer, den Schriftsteller Eginald Schlattner aus Rothberg, um ein Interview ersucht. Der Professor hatte Schlattners Romane gelesen, war vom Reichtum seiner Gedankenwelt beeindruckt. und hatte ihn zunächst 2004 in Rothberg besucht.
„Das Gedächtnis Siebenbürgens“ (Uwe Tellkamp): ...
„Das Gedächtnis Siebenbürgens“ (Uwe Tellkamp): Eginald Schlattner im Kirchengestühl seiner Kirche in Rothberg (1998). Foto: Konrad Klein
Im Jahre 2017 kam es zu einer neuen Begegnung. Über diesem längeren Gespräch findet sich der Hinweis, dass der Professor im zugesagten Interview aufzeigen wollte, „welche Bedeutung die Religion heute noch hat.“ (S. 7) Ungewöhnlich an der Durchführung dieses Gesprächs ist auch, dass es in rumänischer Sprache geführt wurde und unter dem Buchtitel „Dumnezeu mă vrea aici“ erschienen und hierauf ins Deutsche übersetzt worden ist, um den Erwartungen eines bestimmten Leserkreises entgegenzukommen. Ersichtlich wird mit dem Buch ebenso, dass die Gedanken und Ausführungen Schlattners in dieser Weise des Dialogs – als formkonstituierendes Merkmal – in seinen übrigen, umfangreichen Publikationen kaum zu finden sind. Bedeutsam ist hier auch Schlattners These, dass die deutsche Muttersprache als ein Dokument des siebenbürgisch-sächsischen Geistes sowohl ihren Fortbestand als Gemeinschaft wie auch das Weiterwirken der evangelischen Glaubenstradition sichern könne. Und dies jenseits von Ethnie und Konfession. (S. 168) Diese Aussage lässt Radu Carp nachdenklich fragen: „Sollte Sprache ein metaphysisches Vehikel und als solches bestimmt sein, die Religion über ihre Grenzen hinauszutragen?“ und versichern: „Auf diese Frage findet sich die Antwort in dem vorliegenden Buch.“ (S. 7 f.)

Auf diese wie auch auf andere Konkretisierungen der Muttersprache in der Kommunikation äußert Schlattner im Gespräch: „Für mich ist die Muttersprache jedes Menschen das Haus seiner Seele – die Sprache der Mutter, von der Mutter gelernt, ein Symbol der Liebe und der Obhut.“ (S. 31) Und zu den „sprachlichen Gepflogenheiten der Familie“ gehöre es – so Schlattner –, dass es „unvorstellbar“ war „mit meiner Mutter, meiner Großmutter oder anderen Familienmitgliedern nicht in der Muttersprache zu reden.“ (S. 149) Es ist die „Sprache des Herzens“, die man zusätzlich im Umgang mit andern Ethnien erlernen kann. Er selbst habe die Sprache des Herzens der Rumänen, in der man sich gegenseitig getröstet und gestärkt habe, in der Zelle erlernt, wo er mit rumänischen Bauern, „einfache Leute aus dem Volk“, jahrelang in Haft gewesen sei (da sich diese geweigert hatten, in die LPGs einzutreten). Die „Sprache des Herzens“ der „tzigani“ hingegen habe er als Handlanger in der Ziegelfabrik in Fogarasch gelernt. (S. 111 f.) Und über die Rolle der Sprache im Blick auf die Zukunft unserer siebenbürgisch-sächsischen Gemeinschaft und ihrer Kirche urteilt er wie folgt: „Als Theologe und Pfarrer glaube ich, dass die Evangelische Kirche mit deutscher Kirchensprache auch weiterhin liturgische, seelsorgerliche und soziale Aufgaben wahrnehmen wird, im Sinne der Verkündigung. Was die letzten 27 Jahre gezeigt haben.“ (S. 166). Und fügt hinzu: „Die hiesige deutsche Kultur der Sachsen und Schwaben, wie überall in Rumänien, wird noch mindestens ein, zwei Generationen weitergereicht werden, von diesen Menschen anderer Ethnien, die sich der deutschen Kultur angeglichen haben, indem sie die Sprache übernahmen (...) Mit dem Auge der Vernunft betrachtet, sage ich, dass wir am Ende unserer Geschichte angekommen sind (...) Dagegen weiß ich als Geistlicher, dass wir es mit einem Gott der Überraschungen zu tun haben, was Tag für Tag die geistliche Neugier weckt. Gottes Phantasie übersteigt alle unsere Vorstellungen“ (S. 169).

Im vierstündigen Gespräch sind die Betrachtungen Schlattners über die Sprache in den aufschlussreichen Wirklichkeitsbezügen zu finden, auf die der Politologe Radu Carp seine Aufmerksamkeit richtet. Auf diese Weise gewinnen Relevanz die zahlreichen biographischen Details des bewegten Lebens des Rothberger Pfarrers, seine persönlichen und familiären Erlebnisse (S. 40), die missliche Situation der Familie in den dumpfen Zeiten des sogenannten Klassenkampfes und der verhängnisvollen Deportation der Deutschen in die Sowjetunion 1945. (S. 35 ff.) Aber auch eigenes Leid, verursacht durch seelische Krisen (S. 76), Krank­heiten und Anfechtungen, vor allem aber durch die Verhaftung und die Gefängniszeit, mit dem unsäglichen Druck der Geheimpolizei „Securitate.“ (S. 46 ff.) Rückblenden lassen das erste, unheilvolle Theologiestudium 1953 vorüberziehen, (S. 44 ff.) hierauf das anschließende Hydrologiestudium. (S. 42-46) Der Ruf Gottes kam erst nach 15 Jahren, 1973. (S. 52) Es folgte nun das zweite, das vollständige Theologiestudium, die Gründung einer Familie (S. 74), hierauf die Pfarrjahre in Rothberg (S. 77 f.), eindringlich geprägt von vielfältigen Erfahrungen, vor allem als Gefängnisseelsorger. (S. 79, 88, 92, 100)
Radu Carp stellte das Buch "Dumnezeu ma vrea ...
Radu Carp stellte das Buch "Dumnezeu ma vrea aici" am 17. Juli 2018 im Erasmus Büchercafé in Hermannstadt vor. Foto: Klaus Philippi
Das Gespräch richtet sich vor allem auf sein schriftstellerisches Werk nach 1990, auf die drei großen Romane (S.80, 116), die Schlattner „aus Verzweiflung“ (S. 80) geschrieben hat. Ihr „gemeinsamer Nenner“ – so Schlattner – „ist meine Biographie.“ (S. 116) Und: „Das ist auch mein poetisches Credo: dass nämlich die Literatur eine gelebte Wirklichkeit abbilden sollte, und zwar ohne jede Art von Kommentar oder ideeller Absicht.“ Es gehe darum, „sich zu bemühen, das, was man darstellen will, möglichst konkret zu vermitteln, möglichst authentisch, möglichst wirklichkeitsnah, farbig, lebendig, erinnerlich.“ (S. 117) Jedes seiner Bücher habe „einen eigenen Impetus“ und dieser werde in den drei großen Romanen, die auch in rumänischer Übersetzung erschienen sind, beschritten. (S. 118-122) Die gemeinsame Botschaft der Bücher sei „– als Erfahrung und Versuch – den anderen als solchen zu erkennen und als solchen anzuerkennen. Indem dieser sich von dir unterscheidet in Bräuchen, Religion, Trachten, vor allem aber in der so bedeutenden Muttersprache.“ (S. 122) Als Ergebnis seiner Handlungen gelten auch seine Erfahrungen mit dem „Literaturkreis“ der Studenten an der Universität Klausenburg, 1957, wo man sich auch mit den Fragen der Zukunft der Deutschen im Rumänien des Sozialismus beschäftigt hatte und viele Studenten bereit waren, sich für diese Zukunft zu engagieren. Der Literaturkreis in Klausenburg sollte dazu verhelfen, sich mit diesen Fragen „in marxistischem Geist“ zu beschäftigen. (S. 46) Die Ereignisse der Verhaftungen von Intellektuellen, auch vieler Studenten, 1957, im Anschluss an die Volkserhebung in Ungarn 1956, machten diese Absichten zunichte.

Zu den Auswahlkriterien des Interviewers Radu Carp gehört auch die Bezugnahme auf Fragen zur geistigen wie auch zur geistlichen Kultur der Siebenbürger Sachsen: zur Literatur, zur Theologie, zu ihrer Geschichte und zu der Rumäniens. Weiterhin gehören her liturgische Auskünfte, so über das Beten und die „Gebetszeiten“ (S. 115 f.) und ebenso über die eindrücklichen Gottesdienste, die Schlattner 14 Jahre lang jeden Sonntag „vor leeren Bänken“ hielt. „Ich tat es, um Gott zu trösten, der seit 1225 weiß, dass er in dieser Basilika mit einer Liturgie in deutscher Sprache rechnen konnte, 400 Jahre lang mit der katholischen Messe und dann ebenfalls 400 Jahre lang mit einem evangelischen Gottesdienst.“ (S.129)

Besondere Aufmerksamkeit widmet der orthodoxe Politologe im Gespräch auch der Frage des Verhältnisses Schlattners zur Orthodoxie. So werden Schlattners Kontakte zur orthodoxen Kirche umsichtig erfragt, nachdem der Monachismus und das Klosterleben auf Schlattner faszinierend gewirkt haben. Als Ausdruck seines Verständnisses als evangelischer Pfarrer für die gemeinsame Kommunikation gilt die Aussage: „(aber) ich freue mich über jede Konfession, sogar über die Pfingstbewegung, weil durch biblische Vermittlung in jeder etwas vom Geheimnis der unermesslichen Wahrheit Gottes aufscheint. Deshalb ergänzen sich meiner Ansicht nach alle Glaubenslehren gegenseitig.“ (S. 153) Vielfältig waren auch Schlattners Kontakte zu orthodoxen Klöstern. Seine Begegnung mit der orthodoxen Kirche wurzelt in einer 20-jährigen Freundschaft mit dem blinden Pater Teofil Părăianu aus dem Kloster Sâmbăta. Bei einer ersten Begegnung mit dem blinden Mönch fragte dieser den jungen Pfarrer Eginald Schlattner, was ihm in seiner Zelle besonders auffalle. Schlattner antwortet: „Ich sehe Briefordner bis zur Decke.“ Hierauf der Mönch: „Für uns Blinde spricht Gott deutsch.“ Damit wollte er sagen, dass er die ganze Bibel, aus dem Deutschen in die Blindenschrift übertragen, in diesen Briefordnern habe, und begann sie durch Abtasten vorzulesen. Der Pater „war sehr gebildet, belesen und in mehreren Sprachen bewandert“. (S.151)

Aus dieser wohl eigenen zwischenmenschlichen Beziehung zur Welt der Klöster und ihrer Bewohner hat sich auch die Neigung Schlattners zum Schrifttum der orthodoxen Kirche aufgebaut. Diese zeigt sich in seinem Interesse für Standardwerke, wie das des damaligen Metropoliten Antonie Plămădeală „Biserica slujitoare“, das sich mit dem christlichen Denken 1970-80 schlechthin beschäftigt und in dem der Metropolit „keineswegs behauptet, dass die orthodoxe Kirche als die einzige die christliche Wahrheit absolut umfasse“. (S. 154 f.)

Als er in einer ZDF-Fernsehsendung in Berlin 2007 gefragt worden ist, welches der Beitrag Rumäniens zur „Seele Europas“ sei, hat er geantwortet: „Dieser Beitrag ist die orthodoxe Spiritualität.“ (S. 155 f.) Anzuschließen ist hier Schlattners Erwähnung, dass er sich schon als Theologiestudent 1976 im Rahmen eines Seminars über Symbolik dem Studium der Orthodoxie gewidmet und diese Beschäftigung auch später, als Pfarrer in Rothberg, mit Hilfe des orthodoxen Kollegen fortgesetzt habe. (S. 159 f.)

Eine intensive Annäherung an die Inhalte des Lebens in der Welt der orthodoxen Kirche brachten seine Besuche in einem Nonnenkloster in Nordsiebenbürgen – für ihn zu einem Zufluchtsort geworden, nachdem er auf dem Pfarrhof in Rothberg ohne Familie zurückgeblieben war. (S. 162) Eröffnet worden ist ihm dieser Weg von Schwester Marta Felicia, die orthodoxe Theologie in Hermannstadt studiert und das Lizentiaten-Diplom erworben hatte mit einer Arbeit über die Literatur Schlattners, ausgelegt aus der Sicht der orthodoxen Kirche. (S. 163) Obschon evangelischer Pfarrer, hat er im Kloster die Herzen der Nonnen gewonnen, die freilich bedauerten, dass ihm, als Nicht-Rechtgläubigen, der Himmel verwehrt sei.

Neben die Stellungnahmen Schlattners zur Geschichte der Siebenbürger Sachsen, besonders im Königreich Rumänien, und zum gegenwärtigen Geschehen (S. 62 ff.) gehören auch seine Betrachtungen zur Auswanderung der Siebenbürger Sachsen und zur Zukunft unserer Kirche angesichts des großen Exodus nach 1990. (S. 53 ff.) Denn nach der mit dem August 1944 einsetzenden – und immer mehr auch gegen die Sachsen gerichteten – institutionalisierten Machtausübung saßen die Sachsen großteils auf „gepackten Koffern“. Als Pfarrer habe er dem jähen Exodus im Sommer 1990 „mit Kümmernis im Herzen zugesehen“. Denn die Sachsen hatten inzwischen auch hierzulande ihr Ein- und Auskommen, und es gab ein reiches gottesdienstliches Leben in der Kirche, mit all den Traditionen und Wirkungsmöglichkeiten (trotz Kommunismus). Doch 1990/91 „blieb ich plötzlich ohne Kirchengemeinde zurück.“ (S. 57)

Fragte man sich, wie solche geschichtlichen Abläufe denn überhaupt möglich waren, so müsse man – so Schlattner – aus den zwei „Traumata“ der Deutschen in Rumänien ein Gesamtbild gewinnen. Und zwar aus der Deportation in die Sowjetunion im Januar 1945 (S. 58) und aus der kurz darauf, zwei Monate später erfolgten Enteignung von Grund und Boden sowie von Haus und Hof der Sachsen. Als sichtbare Geschichte habe ebenso zu gelten der gewaltsame Konflikt vom März 1990 zwischen Ungarn und Rumänen in Neumarkt am Mieresch, der womöglich als „Katalysator der Ausreise fungiert“ haben könnte. Man habe damals Sachsen hören können: „Hier können wir nicht bleiben. Wer wird uns schützen?“ (S. 58 f.)

Der Ortspfarrer Eginald Schlattner blieb in Rothberg zurück. Doch für ihn war die Zukunft nicht abschließbar, denn er war sich „einer Sache sicher: ‚Gott weiß mich hier und will mich hier haben‘. Und (ich) fragte mich konfus: ‚Was soll ich ohne Gemeinde tun?‘“ Seine Antwort war: „Harre aus bis zu einer Erklärung Gottes“. Die Antwort Gottes kam, als Eginald Schlattner im Jahre 1991 zum Gefängnisseelsorger unserer Kirche ernannt wurde. Doch eine erste Antwort war schon Weihnachten 1990 gekommen, als die Kirche fast leer war. Sie lautete: „Damals habe ich zu schreiben begonnen – aus Verzweiflung“. (S. 78-80)

Und die dritte Antwort wurde gegeben, als sich – nach 14 Jahren Gottesdienst in der leeren Kirche – „Menschenkinder vom Bach“ und ebenso „aus allen Windrichtungen“ einfanden. Selbst „der Europäische Hochadel“ war schon zugegen. Gepredigt wird in der jeweiligen Sprache der Hörer: „Predigten verschiedenen Inhalts, Rumänisch, Deutsch (...) Der Schluss-Segen gilt villae et orbi, auch den Vergangenen, auch den Weggegangenen.“ (S. 227) Auch uns!

Christoph Klein



„Gott weiß mich hier“. Radu Carp im Gespräch mit Eginald Schlattner. Aus dem Rumänischen übersetzt von Edith Konradt und überarbeitet von Eginald Schlattner. Pop Verlag, Ludwigsburg, Reihe Fragmentarium, Bd. 20, 239 Seiten, 19,50 Euro, ISBN 978-3-86356-311-0

Schlagwörter: Rezension, Schlattner, Interview

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