31. Mai 2021

Der unbekannte Johann Strauss: Zur zweiten Auflage des Buches von Franz Metz

Die Biographie von Johann Strauss (Sohn) ist mit dem südöstlichen Europa und der Geschichte dieses Kulturraums eng verbunden. In den meisten Biographien wird dieses Kapitel, wenn überhaupt, nur am Rande erwähnt. Der Walzerkönig hat nicht nur durch seine Konzertreise der Jahre 1847-1848 tiefe Spuren in der Musikgeschichte Südosteuropas hinterlassen, sondern hat das Milieu dieser Region in seine Bühnenwerke miteinbezogen. Es ist die Reise eines Künstlers, die man sich spannender nicht vorstellen kann. Selbst die abenteuerlichen Kunstreisen von Franz Liszt 1846 und Johannes Brahms 1879 durch das Banat und Siebenbürgen verkommen zu kleinen Spazierfahrten neben der „Weltreise“ des Walzerkönigs von 1847-48.
Der aus dem Banat stammende Organist und Musikwissenschaftler Franz Metz veröffentlichte nun in der zweiten Auflage im Münchner Verlag Edition Musik Südost sein bereits 1999 erschienenes Buch „Eine Reise in den Orient. Johann Strauss und seine Konzerte im Banat, in Siebenbürgen und in der Walachei“. Thomas Kloiber, Leiter des Österreichischen Kulturforums in Bukarest, schreibt in seinem Vorwort: „Diese Reisen vermehrten nicht nur den Ruhm des Wiener Ausnahmemusikers und -komponisten, sondern inspirierten Johann Strauss zu neuen Werken, in denen das Lokalkolorit südosteuropäischer Musik unschwer zu erkennen ist. Mit Auseinandersetzung fremder Musikelemente und deren Aufnahmen in sein eigenes musikalisches Schaffen wirkte Johann Strauss damals schon als Proponent eines interkulturellen Dialogs, einer der Schwerpunkte gegenwärtiger österreichischer Auslandskulturpolitik.“

Die musikalischen Beziehungen zwischen Wien und Südosteuropa waren im 19. Jahrhundert viel ausgeprägter, als man dies heute aus einzelnen Büchern und Lexika erfahren kann. Der bedeutende Publizist Ignaz Franz Castelli (1781-1862) schrieb als Temeswarer Theaterdirektor eine Ouvertüre mit dem Titel „Temeswar, das kleine Wien“. Auch durch Adolf Müller (1801-1886), Franz Doppler (1821-1883) und viele berühmt gewordene Sängerinnen, die in Temeswar debütierten, war das „kleine Wien“ in der damaligen Musikhauptstadt der Welt nicht unbekannt. Strauss‘ Walzer erklangen im selben Konzert neben dem ungarischen Csárdás, der rumänischen Ardeleana oder dem serbischen Kolo. Die Texte seiner Chorwalzer und Operetten wurden in die Sprachen der dort lebenden Nationalitäten übersetzt, und so manche südosteuropäische Bühnenwerke nahmen sich seine „Fledermaus“ zum Vorbild. Ohne diese wäre die Entstehung einer ungarischen „Csárdásfürstin“ oder einer rumänischen „Ana Lugojana“ unvorstellbar.

Franz Metz ...
Franz Metz
Bis in unsere Tage ist von dem damaligen Klein-Wien in Temeswar, Arad, Budapest, Klausenburg oder in vielen anderen Städten der ehemaligen Doppelmonarchie einiges erhalten geblieben – wenn auch nur mehr überwiegend von architektonischer Natur. Auf den Straßen von Lugosch, Reschitza, Orawitza oder Temeswar hörte man noch vor wenigen Jahren den Dialekt der Nachkommen der ehemaligen österreichischen Beamten und Zuwanderer. Auf dem Weg mit der „Elektrischen“, von der Temeswarer Josefstadt bis in die Innenstadt, konnte man den „Weaner“ Dialekt in all seiner Originalität erleben. Die Reschitzaer Operettengruppe widmete ihre ganze künstlerische Energie bis etwa 1985 diesem musikalischen Genre und in Temeswar versucht man dem nun neuen einheimischen Publikum den „Zigeunerbaron“ näher zu bringen.

„Wer die Emigration mitgemacht hat, weiß, dass man bei Johann-Strauss-Musik Heimweh bekommt ...“. Diese Worte Marcel Prawys, eines österreichischen Emigranten in Amerika, könnten auch einem Banater Aussiedler zum Beginn des 21. Jahrhunderts in Deutschland zugeschrieben werden. Was hat Strauss eigentlich mit dem heutigen Balkan zu tun? Als Strauss 1847 seine Reise entlang der Donau, die ihn fast bis zu ihrer Mündung führen wird, begann, berichtete er von einer „Reise in den Orient“. Zum Glück sind uns viele zeitgenössische Dokumente und Berichte darüber erhalten geblieben. Ob in Jassy, Hermannstadt, Klausenburg, Kronstadt, Bukarest, Arad oder Temeswar, die Spuren seiner damaligen Konzertreise können auch im 21. Jahrhundert noch verfolgt werden.

Andreas Schein


Franz Metz: „Eine Reise in den Orient. Johann Strauss und seine Konzerte im Banat, in Siebenbürgen und in der Walachei“. 2. erweiterte Auflage. Edition Musik Südost, München, 2021, 164 Seiten, 15 Euro, ISBN: 978-3-939041-35-1. Zu bestellen über den Buchhandel, per E-Mail: franzmetz[ät]aol.com oder per Fax: (089) 45011762.

Schlagwörter: Buch, Buchvorstellung, Musik, Musikgeschichte, Südosteuropa, Biographie

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