12. Oktober 2022

Organisten fühlen sich oft einsam: Interview mit Ilse Maria Reich über ein „fantastische Instrument“ und ihr Buchprojekt

Die bekannte Organistin Ilse Maria Reich aus Landshut ist am 9. Juli bei einem Konzert im Kulturforum des Sudetendeutschen Hauses in München zusammen mit ihrem Sohn, dem Bariton Christoph Reich, aufgetreten (die Beilage „Werken & Wirken“, Folge 14 vom 12. September, wird darüber berichten). Aus diesem Anlass führte Hellmut Seiler das nachfolgende Gespräch mit der 78-jährigen Hermannstädterin, die von 1996 bis 2014 die Siebenbürgische Kantorei leitete und gegenwärtig ein Buch über ihre eindrucksvolle Karriere schreibt. Ilse Maria Reich hat durch ihr jahrzehntelanges musikalisches Wirken als Organistin, Kantorin und Chorleiterin das Kulturleben der Siebenbürger Sachsen bereichert und das musikalische Erbe Siebenbürgens gepflegt, wofür ihr 2014 die Pro-Meritis-Medaille des Verbandes der Siebenbürger Sachsen in Deutschland verliehen wurde.
Bei deinem Konzert im Kulturforum des Sudetendeutschen Hauses in München, wo du zusammen mit deinem Sohn Christoph aufgetreten bist, hast du zum ersten Mal auch eine Lesung gehalten.

Ja, ich habe Passagen aus meinem Buch „Von Orgel zu Orgel“, mit dem Untertitel „Mein Weg als Organistin“, gelesen, das allerdings noch nicht erschienen ist. Es ist noch in Arbeit. Das Buch ist eine Zusammenfassung meiner Erinnerungen an die vielen Konzertreisen, die ich durch viele Länder und Städte Europas gemacht habe und die mich zu vielen großen Konzertsälen und bedeutenden Kirchen geführt haben. Die Veranstaltung wurde vom Kulturwerk der Siebenbürger Sachsen in München organisiert. Bei dieser Veranstaltung habe ich auch mehrere Orgelwerke gespielt und meinen Sohn Christoph, der unter anderem Lieder von Schubert und Schumann gesungen hat, an der Orgel und am Klavier begleitet.

Wen möchtest du mit deinem Buch erreichen?

In erster Linie habe ich dieses Buch für meine Familie geschrieben, für meine Kinder und Enkelkinder. Aber nicht nur, denn ich möchte auch diejenigen Menschen erreichen, die sich für die Orgelmusik interessieren und für die wunderbaren Werke, die für dieses Instrument geschrieben worden sind. Außerdem wollte ich selber auch über meinen nicht sehr einfachen Weg, der meine Karriere beschreibt, nachdenken. Er war nicht einfach, aber oft auch voller Genugtuung. Meine Familie stand mir all die Jahre immer unterstützend zur Seite. Darüber wollte ich auch schreiben.

Nach welchen Kriterien stellst du dein Repertoire zusammen? Folgst du dabei bestimmten Vorlieben oder anderen Richtlinien?

Eigentlich spiele ich gerne kontrastiv aufgebaute Programme, wie zum Beispiel Bach und moderne Musikwerke, oder Orgelwerke aus der Romantik und Moderne. Oft aber orientiert man sich als Interpret an dem, was sich die Veranstalter wünschen. Zum Beispiel wünschte sich der Veranstalter bei einem mehrtägigen Festival in Düsseldorf, dass alle Auftretenden die Passacaglia von Bach als Anfangsstück spielen. Oder in Olmütz/ Olomouc in Tschechien, wurde im ersten Teil nur Bach und im zweiter Teil nur Kompositionen aus dem eigenen Land verlangt. Ich liebe es aber auch moderne Werke befreundeter Komponisten aus Rumänien zu spielen. Ich habe 18 Uraufführungen im Bukarester Athenäum und im Rundfunksaal gespielt, unter anderem von Wilhelm Georg Berger, Myriam Marbé, Anatol Vieru, Serban Nichifor, Liana Alexandra. Vor kurzem, Ende Juni, spielte ich in der Landshuter Martinskirche die Toccata von Liana Alexandra. Aber trotzdem muss ein Organist immer flexibel bleiben und sich auch vor allem auf die Orgel, die er zur Verfügung hat, einstellen.

Ilse Maria Reich an einer Orgel in Kiew. Foto: ...
Ilse Maria Reich an einer Orgel in Kiew. Foto: privat
Welche Konzerte hast du im Laufe deiner Karriere als sehr anspruchsvoll und besonders gelungen empfunden?

Es gibt natürlich viele Konzerte und Auftritte, die für mich überwältigend waren, zum Beispiel im Moskauer Tschaikowski-Saal, im Rigaer Dom, Ulmer Münster oder in der Lorenzkirche Nürnberg. Aber für alle Konzerte habe ich hart arbeiten müssen. Am Anfang meiner Musikerkarriere, als ich die ersten Einladungen zu Konzerttourneen bekam, hatte ich viele Zweifel und Minderwertigkeitskomplexe, weil ich auf mich alleine gestellt war und mir alles autodidaktisch erarbeiten musste. Später, nachdem ich Unterricht bei Professor Schneider in Essen und Professor Bremsteller in Hannover hatte, habe ich deutlich mehr Sicherheit und Selbstvertrauen verspürt. Zufrieden war und bin ich aber immer noch selten, trotz vieler positiver Kritiken, die mir einen gewissen Halt gegeben haben und eine gute Orientierung waren.

Ist die Orgel ein einsames Instrument?

Ich würde sagen, aufgrund ihres Alleinstellungsmerkmals, auf der Orgel Konzerte ohne Hilfe anderer Instrumente spielen zu können, führt dazu, dass sich der Organist oft einsam fühlt. Wie übrigens Solisten allgemein. Eine rumänische Pianistin hat mal gesagt: Auf einer Bühne ist man der einsamste Mensch auf der Welt! Als Organist braucht man zwar auch einen Helfer, der die Register zieht, manchmal auch zwei, wie in Kronstadt in der Schwarzen Kirche, aber spielen muss man schon allein.

Wie kam es, dass du Organistin geworden bist?

Organistin wurde ich, weil ich keine andere Möglichkeit hatte. In meinem Elternhaus gab es keine Alternative dazu. Die Liebe zur Musik und zur Orgel kam erst mit den Jahren und mit der intensiven Beschäftigung mit diesem fantastischen Instrument. Jede Orgel ist anders und jede hat ihren unverwechselbaren Klang und eine eigene Struktur. Und das immer wieder schon beim Üben vor einem Konzert zu entdecken ist ein faszinierendes Erlebnis, welches ich nicht missen möchte.

Welche Orgeln haben dich vor die größte Herausforderung gestellt?

Die zwei Orgeln, die von der Mechanik am schwersten zu spielen waren, waren die Buchholz-Orgel in der Schwarzen Kirche in Kronstadt und die Walcker-Orgel im Rigaer Dom…

… die aber auch zu den klangmächtigsten und nuancenreichsten in Europa gehören, wie man hören kann.

Ja, früher waren diese Instrumente sehr schwer zu spielen. Heute sind sie beide in einem sehr guten Zustand, weil sie hervorragend restauriert wurden und jetzt eine viel leichtere Mechanik haben.

Beschreibe uns deine Beziehung zu Siebenbürgen.

Ich habe sehr viele Konzerte in Siebenbürgen gespielt. Inzwischen bin ich 78, und weiß nicht, ob ich noch nach Siebenbürgen fahren werde, um dort Orgel zu spielen. Hier in Landshut spiele ich noch jeden Sonntag im Gottesdienst und ab und zu auch ein Konzert. Überlassen wir das Konzertieren der Zukunft, dem Schicksal! Es ist aber großartig, was in der Hinsicht in Siebenbürgen geschieht.

Verfolgst du die diesbezügliche Entwicklung dortzulande? Ist wirklich alles großartig? Ich denke an Verfall, sträflichen Umgang mit unschätzbaren, einmaligen Orgeln. Kannst du auch darüber etwas sagen? Und ebenso vielleicht ein Beispiel geben für eine besonders gelungene Restauration?

Natürlich verfolge ich die Entwicklung dort und meine, dass bezüglich der Restauration von Orgeln viel gemacht wird. Früher hatte man kein Geld dafür, insoweit sind schon viele Instrumente mit der Zeit kaputt gegangen. Heute scheint die EU viel dazu beizutragen, dass wertvolle Orgeln wieder spielbar gemacht werden. Die Firma Stemmer aus Honigberg, aber auch der Orgelbauer Hermann Binder macht da hervorragende Arbeit. Zum Beispiel hat er die Orgel in Baaßen, von Johannes Hahn 1757/58 gebaut, restauriert. Ich habe für dieses Instrument in den Jahren 2011 bis 2014 mehrere Benefizkonzerte gespielt, aber auch für die Orgel, die in der Bukarester Evangelischen Kirche im Chorraum steht, 1796 von Johannes Prause gebaut und aus Magerei stammend. Leider wartet die große Orgel auf der Empore, 1912 von Walcker gebaut, wo ich acht Jahre lang Organistin war, noch immer auf eine Restauration. Für manche Projekte scheint es noch tatsächlich an Geld oder auch an Initiative zu fehlen. Es finden aber viele Orgelkonzerte und kulturelle Veranstaltungen in Kirchen und Burgen statt, die Kollegen dort verdienen Achtung für ihre großartige Arbeit. Ich bin überzeugt, die Orgel hat dort, wie bisher schon, auch eine Zukunft.

Vielen Dank für das Gespräch.

Schlagwörter: Musik, Orgel, Reich, Buch, Siebenbürgische Kantorei

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