18. Januar 2007

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Hans Hermannstädter: Leben "im Dienst am Menschen und an der Gemeinschaft"

In Augsburg ist am 30. Dezember letzten Jahres Hans Hermannstädter gestorben, der sich als beliebter Lehrer im Burzenland, zwischen 1952 und 1978 als geschätzter Schulinspektor in Kronstadt und danach als Landeskirchenkurator der Evangelischen Kirche A.B. in Rumänien bleibende Verdienste um die Landsleute in Siebenbürgen und die Wahrung ihrer gruppeneigenen Identität erworben hat.
Als der 1990 verstorbene Sachsenbischof Albert Klein in einer Laudatio zum siebzigsten Geburtstag seines Kurators 1988 an dessen Ausbildung am Landeskirchlichen Seminar zu Hermannstadt erinnerte, dessen Geist den späteren Lehrer, Schulrat und Kirchenmann zwischen 1934 und 1938 entscheidend geprägt habe, kennzeichnete er die einstige Lehranstalt folgendermaßen: „Es war eine Fach- und Gesinnungsschule im besten Sinne des Wortes. Sie hat in die Herzen der zukünftigen Lehrer (...) jene Maßstäbe christlicher Lebensführung und beruflicher Pflichterfüllung gepflanzt, die auf den Dienst am Menschen und an der Gemeinschaft ausgerichtet waren.“

Hans Hermannstädter hat sich als Lehrer, Schulinspektor und Landeskirchenkurator für die Siebenbürger Sachsen eingesetzt.
Hans Hermannstädter hat sich als Lehrer, Schulinspektor und Landeskirchenkurator für die Siebenbürger Sachsen eingesetzt.
Einer der aktivsten und wirksamsten Träger der Tradition dieser geistigen und moralischen Pflanzstätte war im Nachkriegssiebenbürgen Hans Hermannstädter. Als er 1952, nach Kriegsteilnahme, Deportation und Lehrertätigkeit in Brenndorf und Neustadt, zum Inspektor für die deutschen Kindergärten und Grundschulen in der damaligen „Region Kronstadt“ berufen wurde, die nahezu das gesamte Südsiebenbürgen und mit dem Burzenland sowie den ländlichen Gebieten um Hermannstadt, Mediasch, Schäßburg und Reps praktisch das siebenbürgisch-sächsische Kernland umfasste, oblag ihm zuvorderst der Neuaufbau des dortigen deutschsprachigen Schulwesens, das durch Krieg und Nachkrieg schwer gelitten hatte. Vor allem galt es, mit dem Wiederbeleben von Klassenzügen die zahlreichen Lücken zu schließen, die Krieg, Verschleppung und Säuberungsaktionen der kommunistischen Machthaber in die siebenbürgisch-sächsische Lehrerschaft gerissen hatten. Unzähligen Junglehrern, die Hans Hermannstädter in ihr Amt einsetzte und mit denen er bei seinen Inspektionsfahrten als väterlicher Kollege intensive Gespräche führte, vermittelte er eben jenes Gebot der Pflichterfüllung im „Dienst am Menschen und an der Gemeinschaft“, das seiner Lehrergeneration eingeimpft worden war. Damit war er maßgeblich an der Herüberrettung einer identitätserhaltenden siebenbürgisch-deutschen Schultradition über die Katastrophen der 1940er Jahre hinweg beteiligt.

In dem Vierteljahrhundert seiner Tätigkeit als Schulrat war er zudem ständig um die beruflichen Ausbildungs- und Weiterbildungsmöglichkeiten der deutschen Lehrer bemüht, hat dafür gesorgt, dass diese in eigenen Fachzirkeln zusammenkommen durften, um sich in ihrer Muttersprache über Lehr- und Erziehungsmethoden auszutauschen, hat Fortbildungslehrgänge geleitet und in Hunderten und Aberhunderten von Stundenbesuchen seinen jüngeren Kollegen pädagogisches Rüstzeug zur Hand gegeben.

Nicht selten gab es Schwierigkeiten, vornehmlich als die unterschiedlichen Verhaftungswellen der 1950er Jahre auch unter der Lehrerschaft wüteten. Oft musste kurzfristig Ersatz gefunden werden für Kollegen, die in den Gefängnissen verschwanden, und danach erforderte es viel Mut und persönlichen Einsatz, die später Freigekommenen, wenn der Staatsterror gerade etwas nachgelassen hatte, wieder einzustellen und sie auf diese Weise gesellschaftsfähig zu machen. Hans Hermannstädter hat in seinen Jahren als Schulinspektor zu wiederholten Malen Standhaftigkeit und diplomatisches Geschick an den Tag legen, freilich auch Kompromisse eingehen müssen, zumal er nie Mitglied der regierenden Staatspartei und dadurch eher der Willkür von engstirnigen Potentaten ausgesetzt war. Dank seiner ausgeprägten Menschenkenntnis und seinem ausgleichenden Humor ist es ihm allerdings immer wieder gelungen, auch mit den absurdesten Direktiven solcher Leute zurande zu kommen und sie nicht selten gar in förderliche Anstöße umzubiegen.

So konnte er ruhigen Gewissens in einem Gebet an seinen Herrgott, das er irgendwann in den letzten Lebensjahren aufgezeichnet hat, Folgendes über sich sagen: „Du hast mir Pflichten auferlegt, die Bessere als ich hätten auf sich nehmen sollen, und hast mich reichlich erfahren lassen, wie arm an Frucht oft menschliches Arbeiten sein kann und wie bescheiden der Ertrag eines ganzen Lebens. Und dennoch danke ich Dir. Ich danke Dir dafür, dass durch alle Wandlungen und Umbrüche der Zeit hindurch mein Leben einen geraden Gang hat gehen dürfen. Erkenntnisse und Urteile haben sich gewandelt, aber die Linie des Lebens ist dieselbe geblieben von der Jugend bis ins Alter.“

In der Tat: Die Linie seines Lebens, die 1918 im burzenländischen Neustadt in einer Familie einsetzte, welche seit Generationen schon Lehrer hervorgebracht hatte, führte in „geradem Gang“ über das Lehrerseminar in Hermannstadt zu seiner Tätigkeit als Schulmann in Kronstadt hin zu seinem Wirken als siebenbürgischer Landeskirchenkurator der 1980er Jahre. Sie war Teil jener größeren Traditionslinie des bewussten und tätigen Sicheinordnens in den Dienst am Gemeinwesen, von dem Landesbischof Albert Klein 1988 sprach, als er die Lebensarbeit des Hans Hermannstädter würdigte. Dieser größeren Traditionslinie fühlte sich der Lehrer und Erzieher aus Leidenschaft ein Leben lang verpflichtet und ist ihr ein Leben lang treu geblieben.

Die Jahre nach seiner Ausreise 1990 hat Hans Hermannstädter in Augsburg verbracht. Dort durfte er noch im Oktober letzten Jahres an der Seite seiner Ehefrau Hanni ein besonderes Jubiläum begehen: Im Kreise ihrer Kinder, Enkelkinder und Urenkel feierten die beiden Eiserne Hochzeit. Die Dankbarkeit für verständnisvolle Treue und tragfähige Gemeinsamkeit in Zeiten der beruflichen Erfolge und öffentlichen Anerkennung, aber auch der ernsten Fährnisse, mag bis in die letzten Lebenstage des Sterbenden hinein nachgeklungen haben.

Hannes Schuster

Schlagwörter: Nachruf, Schulgeschichte, Porträt, Burzenland, Brenndorf

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