24. Oktober 2018

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Wie Minderheiten zu Rumäniens Entwicklung beitragen: Diskussionsveranstaltung des Rumänisch-Deutschen Forums

Bukarest – Etwas „nemţește“ (deutsch) zu tun, heißt im rumänischen Sprachgebrauch, seine Sache gut zu machen. Das Image der deutschen Minderheit in der rumänischen Gesellschaft könnte nicht besser sein. Kein Wunder, dass die deutsch-rumänische Freundschaft längst institutionalisiert ist: Es gibt ein Deutsch-Rumänisches Forum (DRF) in Berlin und ein Rumänisch-Deutsches Forum für bilaterale Kooperation (FCBRG) in Bukarest. Dieses Jahr stand die Hauptveranstaltung des letzteren mit der Diskussion zum Thema „100 Jahre modernes Rumänien und die Rolle der Minderheiten. Rolle der deutschen Minderheit als Impuls zum gesellschaftlichen Dialog“ am 24. September in der Zentralbibliothek der Bukarester Universität im Zeichen der Hundertjahrfeier Rumäniens. Unter der Moderation von Christel Ungar-Ţopescu diskutierten Andrei Pleșu, Schriftsteller, Philosoph und Vorsitzender des FCBRG, sowie die Historiker Konrad Gündisch und Lucian Boia.
Überschattet wurde das Ereignis lediglich durch die – eigentlich als Wahlkampfspitze gegen Klaus Johannis gerichteten – jüngsten Verleumdungen des Demokratischen Forums der Deutschen in Rumänien (DFDR) durch regierungsnahe PSD-Abgeordnete und Berater (siehe Bericht in Folge 16 vom 15. Oktober, Seite 5). Michael Schmidt, Generalsekretär des FCBRG, stellte seine Werbekampagne für die Reputation der deutschen Minderheit vor: Gezeigt wurde ein Kurzfilm der Michael Schmidt Stiftung aus der Reihe „Deutsche Minderheit. 100 Schicksale in 100 Jahren modernem Rumänien“, der zehn Persönlichkeiten vorstellt. Opernsängerin Anita Hartig, Unternehmer Werner Braun, Schriftsteller-Pfarrer Eginald Schlattner, Bischofsvikar Dr. Daniel Zikeli, der Unternehmer Michael Schmidt und andere erzählen darin über Werte und Leistungen der Deutschen in Kultur, Schule, Kirche, Berufsausbildung und Wirtschaft.

In der Diskussion rollten Boia, Gündisch und Pleșu historische Hintergründe auf und würdigten die Beiträge der Minderheiten zum heutigen Rumänien. „Im vereinten Großrumänien trafen Deutsche aufeinander, die keinesfalls eine homogene Gruppe bildeten“, erklärte Dr. Konrad Gündisch, in welcher Situation sich die Deutschen im vereinigten Königreich Großrumänien nach 1918 wiederfanden. Siebenbürger Sachsen, Banater Schwaben, Zipser, Landler, Bukowina- und Dobrudschadeutsche – alle hatten unterschiedliche historische Erfahrungen. Einige waren vom Einfluss des Osmanischen Reichs geprägt, andere von der Österreich-Ungarischen Doppelmonarchie, manche kämpften mit der Magyarisierungspolitik Budapests. Die Siebenbürger Sachsen nahmen eine in Europa einzigartige Sonderrolle ein: Sie hatten sich auf der Basis der Erklärung von Mediasch 1919 freiwillig für einen Anschluss an den Staat Rumänien entschieden. Die Deutschen aus dem Altreich haben vor allem Mitte des 19. Jahrhunderts viel zur Entwicklung des Landes beigetragen, hob der Historiker hervor. „Sie standen klar und loyal zu dem Staat, in dem sie sich niedergelassen hatten.“ Die Situation der Sachsen war eine andere: Sie taten diesen Schritt auf der Basis der von den Rumänen zugesagten Privilegien. Diese Rechte, zuvor mit den Ungarn verbrieft, waren von diesen vernachlässigt worden, nachdem Siebenbürgen unter die Verwaltung Budapests gefallen war.Diskussionsveranstaltung des Rumänisch-Deutschen ...Diskussionsveranstaltung des Rumänisch-Deutschen Forums für bilaterale Zusammenarbeit: (von links) Andrei Pleșu, Konrad Gündisch, Christel Ungar-Țopescu, Lucian Boia. Foto: George Dumitriu Bereits im 19. Jahrhundert hatte eine starke Annäherung zwischen deutscher und rumänischer Kultur stattgefunden, erklärte Boia. Unter der Dynastie der Hohenzollern erfuhr die rumänische Gesellschaft eine starke Modernisierung und Verwestlichung. Die türkischen Einflüsse in der Mode verschwanden, 1862 wurde das lateinische Alphabet eingeführt. Die unter hellenistischem Einfluss stehenden Lehranstalten in Moldau und Walachei orientierten sich zunehmend an der deutschen Wissenschaft.

Pleșu ergänzte: „Ohne die deutsche Präsenz im literarischen und akademischen Milieu wäre unsere europäische Integration langsamer vonstattengegangen.“ „Unsere Modernität in Rumänien verdanken wir den Minderheiten“, meinte Pleșu und verwies beispielhaft auf eine Reihe prägender Persönlichkeiten. Multikulturelles Zusammenleben mit Durchdringung laute das Erfolgsrezept. „Die Rumänen besaßen die Großzügigkeit, die Expertise von jedem, der sich hier niederlassen wollte, wertzuschätzen.“

Kann es für Angehörige einer Minderheit, ausgewandert oder in Rumänien lebend, Patriotismus geben? Menschen mit zwei Heimaten gibt es, darin stimmten die Diskutierenden überein. Auch das Kulturerbe einer Minderheit kann, moralisch gesehen, beiden gehören, dem Urheber und dem Erben. Woraus sich für beide eine Motivation zum Schutz desselben ergibt. Für den Erhalt des sächsischen Erbes jenseits der staatlichen Verpflichtung engagieren sich sowohl verbliebene als auch ausgewanderte Sachsen sowie Rumänen. In dieser Hinsicht kann Rumänien mit seinen Minderheiten durchaus ein Modell für Europa sein, befand Pleșu.

Die deutsch-rumänische Freundschaft wird weiter bestehen – trotz des hässlichen Kratzers in ihrem Gesicht. „Die Brückenfunktion ist für uns nicht nur ein Slogan“, bekräftigte der DFDR-Vorsitzende Dr. Paul Jürgen Porr. Deutsche Firmen werden von Standorten der deutschen Minderheit mit ihren Schulen angezogen und schaffen Arbeitsplätze für alle. In Hermannstadt stellt das DFDR zum fünften Mal den Bürgermeister – mit weniger als zwei Prozent Deutschen als Wähler. „Nemțește“, kann man dazu nur sagen. Und hoffen, dass es in Rumänien auch weiterhin als Kompliment verstanden wird.

Nina May

Schlagwörter: deutsch-rumänische Beziehungen, DFDR, Podiumsdiskussion, Minderheiten, Politik

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