29. Oktober 2008

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Jüdischer Friedhof in Bukarest geschändet

Aufsehen erregte der Oberrabiner Dr. Moses Rosen, als er in einem Gespräch für die damalige Bukarester deutsche Tageszeitung „Neuer Weg“ im März 1990 mit Dr. Claus Stephani, dem Verfasser des folgenden Artikels, erklärte, es gäbe für die Juden Rumäniens nur noch zwei sichere Wege, um das Land zu verlassen: der eine führe zum Flughafen Otopeni, der andere auf die Şoseaua Giurgiului, zum Hauptfriedhof. Damals wurde diese Äußerung Rosens von „neuen freiheitlichen Stimmen“ kritisiert. Doch jüngste Schändungen des jüdischen Friedhofs in der rumänischen Hauptstadt zeigen, dass nicht einmal dieser „zweite Weg“ so „sicher“ ist.
Während der Hohen Feiertage – dem Jüdischen Neujahr, dem Versöhnungsfest und dem Laubhüttenfest – haben unbekannte Täter den Jüdischen Hauptfriedhof auf der Şoseaua Giurgiului 162 in Bukarest verwüstet. Das geschah während der Feiertage vom 30. September zum 21. Oktober, wenn für die Gläubigen der Besuch eines Friedhofs untersagt ist. Dadurch konnte der Tatbestand erst mit Verspätung festgestellt werden. Die Ermittlungen der hauptstädtischen Polizei haben noch keine genauen Erkenntnisse gebracht. Diesem Verbrechen, das an die dunkelsten Zeiten des rumänischen Faschismus erinnert, fielen 131 Grabmale zum Opfer. Darunter viele Stelen aus Marmor und Granit von kunsthistorischem Wert, die teils völlig zerstört wurden. Zerstörte Grabmale auf dem jüdischen ...Zerstörte Grabmale auf dem jüdischen Hauptfriedhof in Bukarest. Foto: Edi Kupferberg Die Täter hatten die Fenster des Verwaltungsbüros eingeschlagen, die Inneneinrichtung verwüstet und die Wände mit Hassworten beschmiert. Der materielle Schaden beläuft sich auf schätzungsweise 1,2 Millionen Euro. Dem Ansehen des Landes, das Mitglied der Europäischen Union ist, wird dadurch allerdings ein noch viel höherer Schaden zugefügt, der nur schwer abzuschätzen ist.

Unter den geschändeten Gräbern und Grabsteinen befinden sich auch die letzten Ruhestätten von Opfern des Holocaust und die Ehrenmale jüdischer Soldaten und Offiziere, die einst für ihre rumänische Heimat gekämpft hatten. Nun wäre ihre Heimat gefordert, die Würde der toten Helden wieder herzustellen. Unbekannte Täter haben während der jüdischen ...Unbekannte Täter haben während der jüdischen Feiertage den Hauptfriedhof in Bukarest verwüstet. Foto: Edi Kupferberg „Es fällt uns schwer“, sagt Dr. Aurel Vainer, Vorsitzender der Föderation Jüdischer Kultusgemeinden Rumäniens (FCER) und Abgeordneter im rumänischen Parlament, „nach diesem entsetzlichen Verbrechen nicht an jene politischen Kreise zu denken, die immer noch, als Ewiggestrige, Hass und Feindschaft verbreiten, um so die Einwohner Rumäniens mit rassistischen und religiösen Äußerungen gegeneinander aufzuhetzen.“

Die Saat mancher ungestrafter Provokationen aus linksradikalen und rechtsradikalen Kreisen scheint nun aufgegangen zu sein. Das trifft sowohl auf die kommunistischen Nationalisten zu, die es immer noch gibt, aber auch auf die faschistischen Bewegungen, die nun wieder marschieren dürfen. Angst um die Zukunft lähmt die kleine jüdische Gemeinde in Bukarest, die von einst 850 000 auf heute 8 500 Seelen geschrumpft ist.

Claus Stephani

Schlagwörter: Bukarest, Juden

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