23. März 2015

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" ... schrewt fleßich wekter än easer Mottersproch"

Die Überschrift stammt aus einer Zeile eines Liedes, das Manfred Ungar eigens zum Treffen der mundartlich dichtenden Autoren am 1. März 2015 geschrieben hat. „Siebenbürgisch-Sächsisches Mundarttreffen im Haus der Heimat Nürnberg“ stand auf der Einladung, die Doris Hutter, Geschäftsleiterin des Hauses der Heimat (HdH) und stellvertretende Bundesvorsitzende des Verbandes der Siebenbürger Sachsen, allen Autoren zukommen und durch die Siebenbürgische Zeitung (SbZ) bekannt geben ließ. Es wurde ein Treffen, das von der Organisation, den Inhalten und guten Stimmung her allen Teilnehmern in angenehmer Erinnerung bleiben wird.
Zum vormittäglichen Seminar fanden sich 23 Interessierte ein, was für den Teilnehmerkreis einen Zuwachs bedeutet. Besonders erfreulich ist, dass neue Gesichter, darunter auch jüngere, zu erkennen waren. Moderatoren waren die beiden Betreuer der SbZ-Rubrik „Sachsesch Wält“.

Den Anfang machte Bernddieter Schobel. Er griff eine Anregung von Grete Menning-Gierer auf, die willkürlich Beispiele aus der hochdeutschen Dichtung ausgesucht hatte, in denen die Wortfolge von den Regeln im geschriebenen und gesprochenen Deutsch abweicht. Ihre Frage: Wie ist der vergleichbare Sachverhalt beim Schreiben des Siebenbürgisch-Sächsischen zu beurteilen? Schobel zeigte anhand von Beispielen aus Karl Gustav Reichs Gedichtband „Såchsesch Spaß vu Broos bäs Draas“, dass auch im siebenbürgisch-sächsischen Schrifttum oft genug ungewohnte Folgen der Satzglieder anzutreffen sind. Aus dem Band „Sachsesch Wält. Mundart-Texte aus der Siebenbürgischen Zeitung“, München 2010, präsentierte er eine systematisch geordnete Liste solcher Fälle. Das Beispiel eines vorangestellten Prädikats möge den Sachverhalt erhellen: Viktor Kästner (S. 111): Wor der Hanz en angem Gang ... In ungebundener Rede würde es heißen: Der Hanz wor en angem Gang ... Umgestellt wäre der vollständige Satz aber der Ausruf: Wåt wor der Hanz fir en angem Gang! Obwohl die beiden Wörter weggelassen wurden, ist der Sinn des Satzes eingängig. Als Ergebnis gelangte man zu der einhelligen Ansicht, dass Umstellungen von Satzgliedern, so wie rhythmusgerechtes Fehlen von zumeist unbetonten Satzgliedern auch im Siebenbürgisch-Sächsischen, wenn es sich um Kunstgriffe handelt, in Maßen zulässig sind. Allerdings sollten solche Sätze verständlich bleiben und sich nicht – gleich den dialektfernen Übernahmen aus dem Hochdeutschen – allzu leicht als grammatikalische oder lexikalische Verlegenheitslösungen nach dem Motto „reim dich oder ich fress dich“ verraten. Die Teilnehmer des Mundartseminars im Haus der ...Die Teilnehmer des Mundartseminars im Haus der Heimat in Nürnberg. Quelle: Fotoarchiv HdH Hanni Markel – sie hatte im Vorfeld alle Lesebeiträge auf die Schreibung durchgesehen – wies in diesem Zusammenhang auf das Arbeitsmaterial des vorigen Treffens zurück. Sie selbst hat zum angekündigten Mundartschwerpunkt und zur Förderung der bewussten Dialekttreue die Lauttafeln der 144 „Leitwörter“ aus dem ersten Band des Siebenbürgisch-Sächsischen Wörterbuchs zum Lesen und Ausfüllen mit Wörtern und Sätzen in der jeweils eigenen beziehungsweise auch weiteren geläufig gesprochenen Mundarten als „Hausaufgabe“ vorbereitet. Auf Wunsch konnten auch die gesamten gebietsmäßig geordneten Übersichten jener typischen Lautungen als Handhabe zum Erkennen und Einordnen – und Korrigieren – eines Textes angefordert werden. Dass die breit gefächerten Mundartlandschaften des Sächsischen selbst für ein erstes Hören kein Hinderungsgrund sind, bewiesen übrigens Auflachen und begeisterter Beifall während des Nachmittags.

In der Mittagspause sorgte Hilde Juchum wieder einmal für eine riesige Überraschung, wobei das Wort riesig sich vor allem auf den Tokana-Topf bezieht. Mit selbst gebackenem Brot und herrlichem, eingelegtem Kraut schmeckte das alles wie ein Gedicht – ein siebenbürgisch-sächsisches! Wieder einmal erwies sich die Mittagspause zu kurz für manches geplante persönliche Gespräch.

Früh trafen am Nachmittag die ersten Zuhörer ein und bald war der Vortragsraum bis auf den letzten Platz besetzt. Doris Hutter begrüßte die Gäste auf humorvolle Weise, passend zum Thema des Nachmittags, welches „Humor“ lautete.



Viel Beifall gab es immer wieder für die musikalische Umrahmung: Manfred Ungar, Gitarre, und Siegi Roth, Cajón (ein kastenartiges Rhythmusinstrument). Es waren durchwegs Lieder in Mundart, die Manfred Ungar sang, darunter mehrere von seiner neuen CD. Als erstes sang er natürlich das der Rubrik „Sachsesch Wält“ gewidmete Ir ihrsem läw Giëst.

Es besteht die Absicht, die vorgetragenen Texte in künftigen Folgen von „Sachsesch Wält“ zu veröffentlichen. Um die Pointen nicht zu verraten, werden im Folgenden nur Titel und gelegentlich Hinweise zum Thema genannt. Den Reigen der Vortragenden eröffnete klassisch-antik unsere „Fabulistin“ Martha Scheiner mit der Fabel Der Kockesch uch de Med (frå noo Äsop). Katharina Kessel, Nordsiebenbürgerin aus Weilau, gab die gereimte Anekdote zum Besten: Kristof, der Spaßvogel, während Walter-Georg Kauntz, der Puschke Walter aus Donnersmarkt, eine seiner gesammelten Anekdoten in Prosa vortrug: De Geriajchtegetsfanatikeria. Michael Kenst, aus Bremen angereist, las Der näe Bräden und De vergäft Tokana. Bernddieter Schobel ließ es in Kån em wassen? mythologisch und in De Vierfuehren paläoanthropologisch zugehen. Elfriede Meedt, wie M. Kenst ein Schäßburger heuriger Zugang, schloss ihr Feiertåchseßen mit der Schilderung andächtigen Verweilens des Ehemannes vor der ursächsischen Kåmpestbitt. Malwine Markel ließ uns Berliner Laft oidmen (Prosa), während Hilde Juchum daran erinnerte, dass En musikalesch Fraa nicht nur die erste Geige spielt, und in E måldärfresch Nummen, dass dort Frauen, die Sophia heißen, Ficki gerufen werden. Grete Menning-Gierer erzählte von der Versuchung, die die moderne Fitnessindustrie für einen wackeren sächsischen Senioren darstellt. Jeweils präzise auf den Punkt brachte Doris Hutter agnethlerisch die Wirkung eines Films in Winnetou ä Grißpuld, die eines sattsam bekannten Porträts in De Haumwihstuww und angestammter Bindung ans eigene Haus in Et kou njet kunn! Es durfte auch Fremdes eigener Wahl vorgetragen werden. So erinnerte Elisabeth Kessler mit dem Vortrag von De Fra Motter an den feinen Humor der verstorbenen Rose Schmidt, und Grete Menning-Gierer brachte mit Der Bläck åf de Autobahn ein Gedicht von Hans Otto Tittes, der nicht anwesend sein konnte, zu Gehör.



Nach so viel Humor gab es dann einen geradezu feierlichen Abschluss: Zäh Johr Medwescher Tramiter, eine Erfolgsgeschichte. Als Beilage des „Mediascher Infoblattes“ von Günther Schuster 2005 begründet, ist der „Medwescher Tramiter“ weltweit (!) die einzige regelmäßig erscheinende Publikation in siebenbürgisch-sächsischer Mundart. Auch dem „Tramiter“ darf zugerufen werden: „ ... schrewt fleßich wegter!“

Luise von Simons und Heinz-Jürgen Schnabel stellten „Radio Siebenbürgen“ vor, das die Zusammenarbeit mit siebenbürgisch-sächsisch schreibenden Autoren sucht. Der Internetradiosender zeichnete die in Nürnberg vorgetragenen Texte auf und wird sie am Ostermontag senden (siehe separater Radio-Tipp in dieser Zeitung).

Am Ende einer solchen Veranstaltung darf der Dank natürlich nicht fehlen. Diesmal war es im wahrsten Sinne des Wortes ein bildhafter: Grete Menning-Gierer schenkte Doris Hutter zum Dank für ihre organisatorische Mühe und die Freude, die sie dadurch allen Teilnehmern bereitet hat, einen großformatigen, selbst gemalten Blumenstrauß.

Zum Schluss sprach Inge Alzner, Vorsitzende der Kreisgruppe Nürnberg. Wie sehr ihr die Pflege der Mundart am Herzen liegt, zeigte sich darin, dass sie, die gewohnt, ist Reden hochdeutsch zu halten, es sich nicht nehmen ließ, den Gästen, Autoren und Veranstaltern in unserer lieben Muttersprache zu danken.

Nicht zuletzt sei an dieser Stelle dem Haus der Heimat in Nürnberg und dem Kreisverband Nürnberg für die Zuschüsse gedankt.

Bernddieter Schobel

Schlagwörter: Mundart, Seminar, Haus der Heimat, Nürnberg

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