5. Februar 2020

Es geschah im ersten Jahr der Russland-Deportation

Es war Anfang März 1945 und geschah in einem Lager des Archipels Gulag in einem kleinen Städtchen am östlichen Rand des Donezbeckens. Dort waren wir am 2. Februar angekommen, Männer und Frauen, Deutsche aus dem Banat und aus Siebenbürgen.
Während der vierzehntägigen Fahrt in ungeheizten, von außen abgesperrten Güterwaggons wurden uns dreimal getrocknete Brotreste und gesalzene Fische in die Waggons geschoben, einmal gab es eine warme Suppe auf einem Bahnhof. Der Hunger war schon zum ständigen, unerträglichen Begleiter geworden; für die Überlebenden blieb er es bis zum Tag der Entlassung nach fünf unendlich langen Jahren. Für die, die nicht mehr zurückkehrten, waren Hunger, Unterernährung, Dystrophie die weitaus häufigsten Ursachen des qualvollen Sterbens.

Die Männer unseres Lagers waren in einem Seitenflügel des bis auf die Mauern abgebrannten einstigen Kulturhauses untergebracht. Der große, langgestreckte Raum im ersten Stock der Ruine war provisorisch abgedeckt worden, in dem Raum standen lange Reihen zweistöckige Pritschen, die Fenster waren mit Brettern zugenagelt. Dieses Verlies war eine eisige, riesige Dunkelkammer; erst im Spätsommer wurde die elektrische Beleuchtung installiert. Der verrostete Blechofen in der Mitte der Unterkunft hatte nur symbolische Bedeutung: Brennmaterial gab es nicht und die wenigen Holzstücke, die wir unter den Kleidern versteckt von den Arbeitsstellen mitbrachten und verbrannten, haben die Raumtemperatur nie spürbar über die Außentemperatur ansteigen lassen: die aber sank an einigen Tagen unter -40 °C. Das Feuer im Ofen diente eher einer kargen Beleuchtung.

Der dritte Tag nach der Ankunft war unser erster Arbeitseinsatz in der nahegelegenen großen Schamotte-Ziegelfabrik. Wir arbeiteten zwölf Stunden täglich, sieben Mal in der Woche, 365 Mal im Jahr. Vor Arbeitsbeginn gab es einen winzig kleinen Lichtblick: Nach Betreten des Fabrikgeländes durften wir die dünne Krautsuppe in dem warmen Speiseraum der Werks­kantine auslöffeln. Dann begann der trostlose Arbeitstag. Zu Mittag gab es die Wassersuppe wieder, nach Arbeitsschluss die karge, tägliche Brotration.
Hans Helmut Schneider 1949, schon fast fünf Jahre ...
Hans Helmut Schneider 1949, schon fast fünf Jahre Zwangsarbeiter in Russland.
Ich war einer kleinen Gruppe – einer „Brigade“ – zugeteilt. Wir mussten einen großen Pferdeschlitten ziehen und schieben und vor allem Sand und Ziegel transportieren. Und da habe ich ihn kennengelernt, den großen, gutmütigen Bauern aus dem Banat. Er war der älteste unserer Gruppe, weit über 40, ich war damals 17 Jahre alt. Alle waren wir schon von Hunger und der beginnenden Unterernährung gezeichnet, bei Vetter Matz aber war schon eine extreme, dem Endstadium nahe Entwicklung unverkennbar. Die eingefallenen Wangen, der verstörte Gesichtsausdruck, die schlürfende, kraftlose Bewegung der Beine, eine Fortbewegung, die Wochen später auch zu unserer Gangart wurde. All dies dürfte einen unserer Gruppe zu der traurigen, doch zutreffenden Feststellung veranlasst haben, Vetter Matz sei schon eine wandelnde Leiche.

Wir bedauerten den alten Mann; aus dem Bedauern wurde Mitleid, als Vetter Matz die eher beiläufig gestellte Frage, ob er Kinder habe, beantwortete. Anfangs schwieg er lange, wir meinten schon, er habe die Frage überhört oder wolle sie überhören, doch vor uns stand ein von Leid gezeichneter, gebrochener Mann, der mit den Tränen kämpfte. Langsam, zögernd kam dann die Antwort: Der ältere Sohn sei gefallen, der zweite vermisst, der jüngste sei erst 14 und allein geblieben. Und dann fügte er hinzu, dass er für ihn am Leben bleiben müsse, um heimkehren zu können. – Damit hatte er ihn ausgesprochen, den sehnlichsten Wunsch, den wir alle damals hatten, zu überleben und heimzukehren. Vielen hat das Schicksal die Erfüllung dieses Wunsches verwehrt; auch ihm, der überleben und heimkehren wollte.

Keiner von uns ahnte und hätte sich vorstellen können, was einige Tage später geschehen sollte, wie es geschah, wie es verlief, wie furchtbar es endete.

Der verhängnisvolle Tag begann wie die vorhergehenden und die vielen, die noch folgen sollten. Am Morgen stieß einer unserer Bewacher die Türe unseres Verlieses auf und rief mit gellender Stimme den ersten Tagesbefehl in den finsteren, stockdunkeln Raum: „Stawaite“ (Aufwachen). Es folgte der zweite Befehl, auch wie immer mit drohendem Ton: „Dawai, bystro!“ (Rasch, schnell). Diese Aufforderung war überflüssig¸ man hat uns beigebracht „bystro“ zu sein. Wir waren ja immer marschbereit, denn wir schliefen in den Kleidern, in denen wir tagsüber arbeiteten und nur die wenigen, die abends ihre Schuhe ausgezogen hatten, mussten sie nun in der Dunkelheit wieder finden und brauchten einige Zeit, um sie wieder anzuziehen. Waschen konnten wir uns nicht; im Lager gab es kein Wasser.

Doch an jenem Morgen gab es eine kleine Verzögerung: Mit dem üblichen „Dawai“ wurde ein Nachzügler aus dem Raum geschoben und mit einem Fußtritt die Treppe hinuntergestoßen. Mit lumpenumwickelten Füßen kam er unten an und mit Windeseile verbreitete sich das Geschehene. In der Nacht waren ihm die Schuhe gestohlen worden, er hatte die nackten Füße mit irgendwelchen Lappen umhüllt und versucht, diese festzubinden. Der Russe, der ihn fand, meinte einen simulierenden „Nemetz“ ertappt zu haben, entsprechend war seine Reaktion.

Wir hätten damals versuchen müssen, die Freistellung des Mannes von der Arbeit zu erreichen; wir taten es nicht. Abgestumpft, apathisch warteten wir auf den Abmarschbefehl, vielleicht auch weil wir schon die rücksichtslose Reaktion unserer Bewacher erlebt hatten und alle Bemühungen für aussichtslos erachteten. Das „Dawai“ kam, der Elendszug setzte sich in Bewegung. Hunger und Kälte ließen uns tagsüber zeitweise den Vorfall vergessen. Am Abend erlebten wir die Fortsetzung des Dramas, das in seinem grausamen, unmenschlichen Verlauf für alle und für immer unvergessen bleiben sollte.

Wir lagen schon auf den Pritschen unter den unzureichenden Decken und versuchten uns gegenseitig warm zu halten. Der Lärmpegel vor der bevorstehenden Nachtruhe war im Abklingen und verstummte plötzlich. Ein Streitgespräch ließ uns hellwach werden. Es ging um die in der vergangenen Nacht gestohlenen Schuhe und die wiederholt und lauf gestellten Fragen: „Wo sind die Schuhe? Warum hast du sie gestohlen?“ ließen vermuten, dass der Täter gestellt worden war. Das Geständnis fehlte, die Schuhe fehlten und die immer lauter, eindringlicher, drohender, fast geschrienen Fragen sollten wohl beides erzwingen. Ein Schlag, ein Stoß war vernehmbar und dann kam es, das Geständnis, mit kraftloser, angstentstellter Stimme: Er habe den Hunger nicht mehr ertragen können, die Schuhe habe er einem Russen für ein Stück Brot verkauft. Man solle ihm verzeihen, er werde es nie wieder tun.

Eine eisige Stille lag über dem stockfinsteren Raum; es war die unheimliche Stille vor dem Sturm. Ein kurzes Gerangel erfolgte und dann unterbrach ein furchtbarer Schlag die lähmende Stille. Mit einem Riemen war auf einen nackten menschlichen Körper eingeschlagen worden. Ein markerschütternder Schrei ließ uns auf den Pritschen erstarren, doch schon folgte der zweite Hieb mit derselben Wucht. Der Geschlagene schrie seinen Schmerz in den Raum, er bat, er flehte um Hilfe und wir saßen erstarrt auf den Pritschen und keiner rührte sich. Die Hiebe gingen rhythmisch weiter, die Schreie wurden leiser, ein kraftloses Jammern ging über in ein ersterbendes Wimmern. Und dann – nach unendlich langer Zeit – verhallte der letzte Schlag. Die unheimliche Stille war wieder da und nur das leiser werdende Wimmern des Bestraften durchdrang den Raum und machte uns das grausame Geschehen in furchtbarer Weise bewusst.

Die Spannung löste sich, die Kälte sprach ihr Machtwort, kein Wort war zu hören, wir krochen unter die Decken. In der Nacht bin ich wiederholt aufgeschreckt, die Schreie des Gemarterten waren da, die Hilferufe, aber dann sah ich auch den Bestohlenen, barfuß im eisigen Schnee des russischen Wintertages.

Am darauffolgenden Morgen taumelten wir kraftloser als an den vorhergehenden Tagen über die Treppe zum Lagertor. Und wie Zugtiere, die gewohnheitsgemäß an ihre Plätze zu den Wagen gehen, so gingen wir zu unseren Plätzen an den Pferdeschlitten. Da erst merkte ich, dass einer fehlte. Ein furchtbarer Verdacht stieg auf, ich verwarf ihn doch er war wieder da – ich wollte fragen: „es wird doch nicht …?“ Und brachte kein Wort heraus, die Kehle war wie zugeschnürt. Ich blickte mich um, einer wollte es sagen – und konnte es auch nicht: er nickte nur. Unser Vetter Matz war es, der die furchtbare Tat begangen hatte, die für den Bestohlenen fast einem Todesurteil gleichkam. Er war es, der so brutal und entwürdigend bestraft worden war und der in Todesangst um Hilfe gerufen hatte und keiner hatte sich gerührt.

Am Abend des Tages erfuhren wir den Ausgang, das Ende des Dramas, das zu einer Tragödie geworden war. Auf dem kurzen Weg vom Lagertor zur Treppe wurde es leise weitergesagt. Leise wurde es gesagt, einige flüsterten es dem Nebenmann zu. Man hätte meinen können, es werde leise, flüsternd weitegersagt, um die Ruhe des Toten nicht zu stören – oder sagten wir es leise, flüsternd und dachten und hofften, dass dadurch die Schuld für die erbetene, erflehte aber nicht gewährte Hilfe gemindert oder gar erlassen würde? Es wurde leise weitergesagt: Vetter Matz sei gestorben.

Viele Jahre sind vergangen. Viele, die dabei waren sind nicht mehr da. Zu den ersten Heimkehrertreffen der Überlebenden unseres Landes 1993 kamen 47 Leidensgefährten aus jener Zeit. Das zweite und letzte Heimkehrertreffen fand fünf Jahre später statt. Heute am 2. Februar 2001, 56 Jahre nach unserer Ankunft in dem kleinen Städtchen im Donezbecken, beende ich diese kleine, schriftliche Erinnerung an jenen qual- und leidvollen Lebensabschnitt. Das tragische, unvergessene Ereignis aber steht weiterhin als mahnendes Marterl am Rande des unmenschlichen, verhängnisvollen Irrweges einer längst vergangenen Zeit.

Hans Helmut Schneider


Hans Helmut Schneider wurde am 1. Dezember 1927 in Großpold geboren. Zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion wurde er am 13. Januar 1945 im Alter von 17 Jahren, zusammen mit seinem Vater, der Lehrer in Großpold war, deportiert. Er selbst war von 1957-1977 Lehrer für Mathematik und Physik in Mühlbach (Sebeș/Alba) und von 1978-1992 Oberstudienrat am Freiherr-von-Stein-Gymnasium in Frankfurt am Main. Er starb am 1. Januar 2003 in Weiterstadt/Braunshardt.

Schlagwörter: Deportation, Russlanddeportation, Zeitzeuge, Zeitzeugenbericht, Großpold, Geschichte

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