3. Mai 2004

Training hinter den Eschergässer Gärten

Die Tartlauer Volksschule hat in den dreißiger Jahren auf dem Gebiet des Sports erheblichen Nachholbedarf. Deshalb beschließt das Presbyterium 1936, den jungen Lehrer Stefan Deszö an die Schule zu berufen, um Leben in den Turnunterricht zu bringen. Als aktiver Leistungssportler verlegt er den Schwerpunkt vom Geräteturnen auf Athletik und führt 1937 das Handballspiel bei den Jungen und Mädchen ein. Die Jugend legt unter seiner Leitung im freiwilligen Arbeitsdienst einen Sportplatz an. Das berichtet Walter Schmidt aus Tartlau. Gegner ist ausschließlich Heldsdorf, weil die anderen Burzenländer Gemeinden noch keine Mannschaft haben. Die Heldsdorfer stellen immer die bessere Mannschaft. Ein Spiel in Reps endet unentschieden.
Erste Handballspiele werden in Kronstadt 1926 ausgetragen. Als Erste versuchen sich Schüler des Honterus-Gymnasiums, der Handelsschule Mercury und der Sächsischen Sport- und Gymnastik-Schule in Kronstadt im Handballspiel. Zur Verbreitung des Handballspiels in Kronstadt tragen Männer bei wie Oskar Zeidner, Turnlehrer an der Honterusschule und Major im Ersten Weltkrieg, Turnlehrer Wilhelm Jeckel und Gerhard Albrich sowie Theo Seebald. Am 5. Juni 1939 spielt eine Kronstädter Auswahl unter der Zinne gegen die Stockholmer Auswahl 5:4. Ein paar Wochen später unterliegen die Kronstädter der deutschen Nationalmannschaft 3:20. Das Spiel wurde wegen der großen Hitze schon um 6 Uhr in der Früh ausgetragen, so Walter Schmidt. Als Spiele dieser Jahre konnten nur noch folgende Namen aufindig gemacht werden: Theo Seewald, Kotsch, Klöckner, Sturbes, Orendi und Hans Lehni aus Reps, der später in Schäßburg spielte.


Walter Schmidt
Walter Schmidt

1947 erlebt der Handball in Kronstadt und in den meisten Burzenländer Gemeinden einen Aufschwung. Wie Walter Schmidt sagt, gründeten Imre Bela und Klaus „Pus“ Theil 1947 in Kronstadt die von der Gewerkschaft geförderte Mannschaft Spartac, die bis 1952 in der ersten Liga spielen wird. Zur Mannschaft, in der bis auf einen Mann nur Sachsen spielen, gehört auch Turnlehrer Reinhold Kreisel, der 1943 den Landesmeistertitel im Weitsprung mit 6,88 Metern gewonnen hat und Leiter des Sportamts der Deutschen Volksgruppe in Rumänien war. Acht Spartac-Spieler wird Theil 1949 zu Dinamo Kronstadt nehmen, um die Handballabteilung dieses Polizeisportklubs zu gründen. Wie einer Nachricht der Bukarester Sportzeitung vom 24. April 1949 zu entnehmen ist, hat Kronstadt für ein unter der Zinne ausgetragenes Turnier gegen die Städteauswahlen von Mediasch, Schäßburg, Hermannstadt, Odorhellen und Ploieşti folgende Spieler aufs Feld geschickt: Artur Jurak, Karl Falk, Georg Salmen, Rolf Kartmann, Pus Theil, Heinrich Schuller, Walter Schmidt, Horst Zink, Heinz Krestel, Gerhard Heichel (alle Spartac) und Peter Streitferdt. Ferner im Aufgebot: Harald Schmidts, Rudolf Martin, Udo Ihl, Kurt Vogel, Richard Wagner, Kurt Krasser, Ditmar Schmidt, Volkmar Krestel und Rolf Copony. Als einziger Burzenländer spielt Walter Schmidt 1951 auch für CCA Bukarest.



Spartac Kronstadt 1949, stehend von links: Volkmar Krestel, Heinz Krestel, Rolf Kartmann, unbekannter Funktionär, Abteilungsleiter Bela Imre, Walter Schmidt, Heinrich Schuller, Gerhard Heichel; hockend: Kurt Vogel, Hermann Hänsel, Horst Zink; sitzend: Harald Schmidts, Artur Jurak und Georg Salmen.
Spartac Kronstadt 1949, stehend von links: Volkmar Krestel, Heinz Krestel, Rolf Kartmann, unbekannter Funktionär, Abteilungsleiter Bela Imre, Walter Schmidt, Heinrich Schuller, Gerhard Heichel; hockend: Kurt Vogel, Hermann Hänsel, Horst Zink; sitzend: Harald Schmidts, Artur Jurak und Georg Salmen.


Das erste Hallenturnier mit Kronstädter Beteiligung wird Ende Februar 1951 in Bukarest ausgetragen. Angetreten sind je zwei Mannschaften von Dinamo Kronstadt und CCA Bukarest. Die in der Bukarester Sportzeitung genannten Spielernamen sind wie so oft in jenen Jahren unvollständig oder falsch. Hier die teilweise vervollständigten und korrigierten Spielernamen: Dinamo I: Szücs, Richard Tischler, Bako, Wolf, Istrate und Schwab; CCA II: Rudolf Haberpursch, Heinz Kartmann, Adelbert Weidenfelder, Hans Andreas Bretz, Rolf Csallner, Günter Höchsmann, Horst Kremer; Dinamo II: Deutsch, Franz Spier, Bocar, Oprea Vlase, Antonescu, Lulu Caliman, Moszes Balasz, Campeanu; CCA I: Romica Platon, Lucian Tiganus, Walter Schmidt, Günter Müller, Kurt Wagner, Walter Lingner und Otto Telmann. Franz Monis und Dumitru Lupescu haben die Begegnungen in der Dinamo-Halle gepfiffen.

Trotz anstrengenden Tagesarbeitspensums, politischer Belästigungen und Schikanen gelingt es, das Handballspiel auch in Tartlau wieder in Schwung zu bringen. Walter Schmidt gründet 1947 als 17-Jähriger eine Mädchen- und eine Jungen-Mannschaft. Beide trainieren auf dem Sportplatz hinter den Eschergässer Gärten. „Wir hatten zunächst nur einen Ball, der sich allmählich verformte“, erinnert sich Walter Schmidt. In der Anfangsphase zeigt sich, dass nichts von selbst kommt, dass sich aber Erfolge einstellen, wenn hart gearbeitet und richtig trainiert wird. Vor allem die Mädchen-Elf erlebt einen ungeahnten Höhenflug. Er ist das Ergebnis einer erstklassigen Besetzung, von Zusammenarbeit, Zweikampfstärke und guter Spielauffassung. Die Mannschaft kann auf eine wurfstarke Stürmerreihe und wieselflinke, torgefährliche Außenstürmerinnen bauen. Dem Team von 1947 gehören an: Rosi Weber, Rosi Zeides, Katharina Zeides, Hermine Bruss, Katharina Zerbes, Anni Janesch, Rosi Zerbes, Isa Guef, Katharina Schmidt, Anni Balint, Katharina Feltes, Emmi Schmidt, Katharina Batschi und Anni Roth, die später 16 Mal rumänische Landesmeisterin im Kugelstoßen werden sollte und 1960 bei den Olympischen Spielen in Tokio den sechsten Platz in dieser Disziplin belegt.

Die Mädchenmannschaft trägt von 1948 bis 1951 insgesamt 36 Spiele aus, davon gewinnt sie 32. Am 9. Juli 1949 spielt Tartlau als Vertreter des Kreises Sf. Gheorghe in der Regions-Sommer-Spartakiade in Hermannstadt und verliert das Finale gegen die Hermannstädter, den späteren Landespokalgewinner, 5:7. Kurz vor Spielende stehen die Tartlauer Mädchen sogar vor dem Ausgleich. Die linke Läuferin vergibt aber freistehend, weil ihr das nötige Selbstvertrauen fehlt. Am 30. August 1951 trägt die erfolgreiche Tartlauer Mannschaft ihr letztes Spiel in Honigberg aus und gewinnt 14:3 (7:1). Es ist zugleich das „schönste Spiel unserer Mädchen“, heißt es in einem Sportrückblick von Walter Schmidt. Es ist eine Augenweide, die Mädchen gehen ein unglaublich schnelles Tempo, sie sind ballsicher, spielen ideenreich, ein einmaliger Ballzauber - alles gekrönt mit 14 Toren.

Die Tartlauer Jungenmannschaft trägt bis 1961 rund 100 Spiele aus, berichtet Walter Schmidt weiter. Schmidt spielt in der Saison 1947/48 für Sf. Gheorghe in der ersten Liga. Von 1948 bis 1950 ist Schmidt Spieler bei Spartac Kronstadt und 1951 bei CCA Bukarest. Als Bauernsohn wird er aus der Armee entlassen. Den Vorschlag des Bukarester Armeeklubs, weiter für CCA zu spielen und Zivilangestellter der Armee zu werden, lehnt Schmidt ab und kehrt heim nach Tartlau. Dort wird er von 1951 bis 1961 als Spielertrainer Handball spielen. Als Textilmeister arbeitet Schmidt bis zur Aussiedlung 1984 in der Tartlauer Tuchfabrik. In Böblingen, wo der am 26. März 1929 in Tartlau geborene Schmidt sich niederlässt, macht er noch einige Jahre in einer Alt-Herrenmannschaft mit. 1992 macht er das Sportabzeichen in Gold des Deutschen Sportbundes.

Johann Steiner



Editorische Notiz


Die Reihe „Geschichte und Geschichten rund um den Siebenbürger und Banater Handball“ ist Ende letzten Jahres in einem Buch unter dem Titel „Handball-Geschichte(n)“ erschienen. Der Band umfasst nicht nur die in der Siebenbürgischen Zeitung veröffentlichten Beiträge, sondern zusätzliche rund 40 Spielerporträts. Das 234 Seiten starke, reich bebilderte Buch kann beim Autor Johann Steiner, Telefon: (0 22 46) 21 66, bestellt werden. Die Handball-Reihe wird in loser Folge mit neuen Beiträgen fortgesetzt, die nicht im Buch enthalten sind.

Schlagwörter: Handball, Tartlau, Burzenland

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