2. Mai 2009

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Günther Johrend: Ausdrucksstarke Kunstwerke aus Glas

Der siebenbürgische Künstler Günther Johrend beherrscht als einer der Letzten die fast vergessene, jahrtausendealte Kunst der Farbfensterherstellung. In liebevoller Handarbeit schafft er Kunstwerke aus mundgeblasenem Echtantikglas. Mit seinen Motiven, häufig biblischer Art, möchte er zum Nachdenken anregen. Für die Kirchengemeinde St. Michael in Schweinfurt gestaltete Johrend im letzten Jahr unter dem Motto „Seligpreisungen“ acht eindrucksvolle Farbfenster. 2009 schuf er für die Erich Kästner Bibliothek in Oberschwarzach Fenster, auf denen die „vier archimedischen Punkte“ nach Erich Kästner dargestellt werden.
Schon als kleiner Junge war der 1962 in Sächsisch Regen geborene Günther Johrend von bunten Fenstern fasziniert. Von 1979-1981 eignete er sich das Kunsthandwerk der Glasmalerei in einer dualen Ausbildung in Würzburg und Vilshofen bei Passau an. 1988-1990 besuchte er in Vilshofen schließlich auch die Meisterschule und eröffnete 1990 sein Atelier in Schweinfurt (siehe Siebenbürgische Zeitung vom 31. März 1996). Damit erfüllte sich für den Siebenbürger Sachsen ein Lebenstraum.

Johrend hat Siebenbürgen bereits als Elfjähriger verlassen. Dennoch fühlt er sich mit seiner Heimat verbunden und engagiert sich für den Erhalt der siebenbürgisch-sächsischen Kultur. Er übernahm von seinem 1994 verstorbenen Vater die Aufgabe, das nordsiebenbürgische Heimatbuch Kyrieleis herauszugeben, das 1995 gedruckt wurde. Günther J. Johrend: „Die acht Seligpreisungen“ ...Günther J. Johrend: „Die acht Seligpreisungen“ für St. Michael, Schweinfurt. Studioaufnahme: Atelier Johrend, Collage: Architekturbüro Buzzi/Schlereth Bei seinen Farbfenstern lässt er gerne biblische Motive in die Gestaltung einfließen. Dennoch war die Darstellung des gewünschten Themas der Schweinfurter Kirchengemeinde St. Michael, „Die Seligpreisungen Jesu aus der Bergpredigt“, auch für ihn keine leichte Aufgabe. Wie sollte man die acht unterschiedlichen Seligpreisungen nach Matthäus, selig die Armen, die Trauernden, die Gewaltlosen, die Gerechten, die Barmherzigen, die Reinen, die Friedensstifter und die um der Gerechtigkeit willen Verfolgten, gestalten? Es war eine Herausforderung, der sich der Künstler gerne stellte.

Seine Entwürfe überzeugten Pfarrer Roland Breitenbach und den Gemeinderat von St. Michael sofort. Und am 1. und 2. November 2008 konnte er die Farbfenster offiziell an die Kirchengemeinde übergeben. Sie wurden ohne Rahmen aufgehängt und scheinen nun frei im Innenhof vor den großen Klarglas-Scheiben zu schweben. Die 100 mal 120 cm großen Glasbilder sind aus wertvollem Echtantikglas gefertigt, welches seine Farbintensität auch über Jahrhunderte behält.

Einen besonderen Ausdruck verleiht ihnen das Sonnenlicht. Je nach Wetterlage und Tageszeit entstehen immer neue Effekte, eine immer neue Wirkung. Die Fenster sollen zum Weiterdenken anregen, daher ist eine mehrmalige Betrachtung erwünscht. „Die Bilder und Darstellungen in unseren Kirchen haben es nicht mit dem flüchtigen Besucher, der kommt, als ginge er durch ein Museum“, so Pfarrer Roland Breitenbach gegenüber der Schweinfurter Volkszeitung. Breitenbach war so fasziniert von Johrends Interpretation der Glasfenster, dass er ein Buch darüber schrieb: „Grundsätzliches. – Die Seligpreisungen Jesu aus der Bergpredigt. Eine spirituelle Deutung in den Glasfenstern von St. Michael“, Reimund Maier Verlag.

Farblich dominiert werden die Glasfenster durch ein kräftiges Blau, das eine beruhigende, ausgleichende Wirkung hat. Visuell sind die Kunstwerke durch ein horizontales, unterschiedlich farbiges Band in den Glasbildern verbunden. „Sie sollen nicht nur dekoratives Beiwerk sein, sondern predigen, verkünden, leuchten und ein neues Licht des Glaubens in die Michaelskirche bringen“, so Günther Johrend, der im unterfränkischen Schwebheim lebt und arbeitet. Plakat der Erich Kästner Bibliothek. ...Plakat der Erich Kästner Bibliothek. Anfang dieses Jahres hat Günther Johrend Farbfenster für die Erich-Kästner-Bibliothek in Oberschwarzach bei Schweinfurt fertig gestellt. Die kleine Bibliothek verfügt über 8 200 Bücher, die Erich Kästner dem Erich Kästner Kinderdorf e.V. vererbt hat. Johrend hat künstlerische Fenster zum Thema „Die vier archimedischen Punkte nach Erich Kästner“ erarbeitet. Abgebildet werden natürlich die vier Punkte: „Jeder soll sein Gewissen hören“, „Jeder soll sich Vorbilder suchen“, „Jeder soll seiner Kindheit gedenken“ und „Jeder soll sich Humor erwerben“. Aber auch Zitate und Buchtitel des berühmten Autors, wie zum Beispiel „Das fliegende Klassenzimmer“ und „Der kleine Mann“, hat Johrend in seine Glasarbeiten integriert. Die Kunstwerke stellen eine gekonnte Verbindung aus Literatur, Glas und Farbe dar. Darüber hinaus dämpft das verwendete besondere Glas das hineinflutende Sonnenlicht derart, dass die Bücher und das Original-Mobiliar vor dem Ausbleichen geschützt werden.

Weitere beeindruckende Werke des Künstlers sind in der Evangelischen Kirche Scheinfeld, der Aussegnungshalle Poppenhausen, der Evangelischen Kirche Gochsheim und der Aussegnungshalle in Niederwerrn zu sehen.

Ina-Maria Maahs

Schlagwörter: Kultur, Kunsthandwerk, Kirche und Heimat, Nordsiebenbürgen

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