20. Mai 2012

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Internationale Tagung in Temeswar: 40 Jahre „Aktionsgruppe Banat“

Die West-Universität in Temeswar war vom 26. bis 28. April 2012 Begegnungsort einer Tagung, die den Blick auf die literarische Tätigkeit der „Aktionsgruppe Banat“ und ihr ehemaliges Umfeld richtete. Organisiert wurde die Veranstaltung vom Institut für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas e.V. an der Ludwig-Maximilians-Universität München gemeinsam mit dem Fachbereich Germanistik der West-Universität in Temeswar. Teilnehmer waren damalige Akteure der „Aktionsgruppe Banat“, Wissenschaftler, Interessierte sowie Studenten verschiedener Germanistik-Fachbereiche.
Die „Aktionsgruppe Banat“ gilt als eines der prominentesten Beispiele der literarischen Gruppenbildung im Rumänien der 1970er Jahre. Der dreieinhalbjährigen Phase der „produktiven Provokation“ im Gruppen-Kontext des Zeitraums 1972-1975 steht eine sich verstärkende Wahrnehmung gegenüber, die der damaligen Literaten-Vereinigung in jüngster Zeit zukommt. Zahlreiche Publikationen und wissenschaftliche Auseinandersetzungen haben sich in den letzten Jahren der kurzen, aber für den rumäniendeutschen Literaturzusammenhang wirkmächtigen Geschichte der „Aktionsgruppe Banat“ und ihrer Akteure gewidmet. Verstärkt wurde die Aufmerksamkeit nicht zuletzt durch die Verleihung des Literatur-Nobelpreises an Herta Müller, die sich in ihrem literarischen Werdegang mehrfach explizit auf den Einfluss berief, den die Gruppe auf sie ausgeübt hatte.

Prof. Dr. Roxana Nubert, Lehrstuhlinhaberin an der West-Universität in Temeswar, begrüßte die Tagungsgäste und unterstrich die Bedeutung Temeswars als Kulturstandort und als Schauplatz eines „besonderen Literaturphänomens“ in den Jahren 1972-1975. Sie dankte den Akteuren und Mitstreitern der „Aktionsgruppe Banat“ für ihr Kommen, dankte ebenso den Organisatoren und Förderern der Veranstaltung, zu denen neben der West-Universität in Temeswar und dem Münchner Institut für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas (IKGS) auch der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medi­en gehörte, der diese Tagung aufgrund eines Be-­ schlusses des Deutschen Bundestages förderte.

Prof. h.c. Dr. Stefan Sienerth (IKGS, München) schloss in seinen Begrüßungsworten und der Danksagung an die Mitwirkenden an seine Vorrednerin an und brachte zugleich die Hoffnung zum Ausdruck, die Tagung möge zu einem differenzierten Bild im Hinblick auf die „Aktionsgruppe Banat“ beitragen. In den Diskurs sollten Akteure, Mitstreiter und Beobachter gleichermaßen miteinbezogen werden. Er verwies auf den ästhetisch-innovativen Charakter der Gruppe und unterstrich die Offenheit mancher Forschungsfragen.

In einer weiteren kurzen Begrüßungsrede betonte Klaus Christian Olasz, Konsul der Bundesrepublik Deutschland in Temeswar, seine Unterstützung der Tagung aus „innerer Überzeugung“ heraus. Die Teilnahme sei ihm eine „Herzensangelegenheit“. Er wähne sich, mit Blick auf das Vorhaben der Veranstaltung, so Olasz, als „Zeuge eines besonderen historischen Moments“. In seinen Willkommensworten verlieh der Konsul seiner Neugierde Ausdruck, zu erfahren, wie es in jenen Jahren 1972-1975, in denen die „Aktionsgruppe Banat“ unter ihrem aufsehenerregenden Namen agierte, „wirklich war“, welche Motivationen zur Gruppengründung und welche Bedingungen zur Zerschlagung geführt hatten.

Zu einer ersten Begegnung von thematischer Neugierde und geäußerter Darstellung führte der von Helmuth Frauendorfer vorgelesene Beitrag Richard Wagners. In der poetisch geformten und augenzwinkernden Stellungnahme „Grüß Gott Genossen! Kameraden Fuck off!“ pointierte Richard Wagner das Banat als kosmopolitischen Kulturraum, der von unterschiedlichen Einflussgrößen bestimmt worden war. Vorgefundene Widersprüche und Gleichzeitigkeiten, wie die von Realität und oftmals missbrauchter Symbolität, führten zu einer literarischen Auseinandersetzung in Bezug auf die Deutungshoheit über die gesellschaftliche Wirklichkeit der Zeit.

Die Tatsache, dass die „Aktionsgruppe Banat“ dem Argwohn des sozialistischen Staatsapparates ausgesetzt war, dokumentierte die Ausstellung „Die Aktionsgruppe Banat im Visier des kommunistischen Geheimdienstes Securitate“, die am Ende des ersten Veranstaltungstages eröffnet wurde. William Totok bot, als damaliges Gruppenmitglied, in einer Präsentation einen Überblick über markante historische Gegebenheiten der 1970er Jahre in Rumänien, in denen die „Aktionsgruppe Banat“ in den perfiden Fokus der Securitate geraten war. Cristina Anisescu, Mitarbeiterin des Nationalen Rates für das Studium der Securitate-Archive (CNSAS) in Bukarest, gab einen Einblick in die Zusammenstellung und das Zustandekommen der Ausstellung und verwies auf das langfristige Forschungsprojekt, das anhand der zur Verfügung stehenden Securitate-Akten versucht, der Öffentlichkeit die Bespitzelung und Diffamierung der Gruppen-Mitglieder durch den rumänischen Geheimdienst im Nachhinein sichtbar zu machen.Akteure, Mitstreiter und Weggefährten der ...Akteure, Mitstreiter und Weggefährten der „Aktionsgruppe Banat“ bei der Tagung in Temeswar, von links: Balthasar Waitz, Werner Kremm, Gerhardt Csejka, Ernest Wichner, Johann Lippet, William Totok, Anton Sterbling, Gerhard Ortinau, Helmuth Frauendorfer, Eduard Schneider und Horst Samson (sitzend). Foto: Zoltán Pázmány Der zweite Veranstaltungstag eröffnete mit einem Vortrag Prof. Dr. Roxana Nuberts. In einem Rückblick auf die „drei Jahre produktiver Provokation“ der „Aktionsgruppe Banat“ vollzog die Germanistin den historischen Rahmen des Gruppenbestehens nach, angefangen mit der Namens­gebung bis hin zur Auflösung der „Aktionsgruppe Banat“ durch den rumänischen Geheimdienst. Sie klopfte zudem literaturwissenschaftliche Schlagworte, wie das der „engagierten Subjektivität“, auf ihre Tauglichkeit gegenüber der Gruppe ab und erwähnte Einflussgrößen, die für das Selbstverständnis und Programm des Kreises ausschlaggebend waren. In ihrem beispielreichen Vortrag wies sie darauf hin, dass die „Aktionsgruppe Banat“ der ersten Generation Schreibender angehörte, die in sozialistischen Verhältnissen geboren und aufgewachsen war.

Einer zunächst ähnlichen Blickrichtung folgte der emeritierte Literaturwissenschaftler Prof. Dr. Jürgen Lehmann (Univ. Erlangen-Nürnberg), der das Phänomen der „Gruppenbildung im real existierenden Sozialismus“, so sein Vortragstitel, beschrieb. In einem Vergleich der „Aktionsgruppe Banat“ mit der sogenannten „Sächsischen Dichterschule“ in der ehemaligen DDR bestimmte Professor Lehmann die „Erkenntnis der Widersprüchlichkeit“ als wichtige Ausgangsposition für das literarische Schaffen der beiden Kreise. Eine „Risikobereitschaft“ träte als Bedingung für die Gruppenbildung stets hinzu und sie zeige sich an der „Aktionsgruppe Banat“.

Prof. Dr. Anton Sterbling, damaliges Gruppenmitglied, rekapitulierte in seinem so betitelten „persönlichen Rückblick“ die Auseinandersetzungen der Gruppe mit den gesellschaftlichen Realitäten. Dabei stellte er heraus, dass es für die Akteure der „Aktionsgruppe“ galt, sich mit verschiedenen Bezugsgesellschaften und auch deren Literaturen ins Verhältnis zu setzen: denen des Banats, Rumäniens und der BRD. Die literarischen, experimentellen Neuentwürfe, so das damalige Selbstverständnis der „Aktionsgruppe Banat“, sollten auf „eingeschliffene Missstände“ einwirken und mit literarischen Mitteln auf die Bewusstseinsgegebenheiten der Zeit Einfluss nehmen. Dass es sich dabei um eine „doppelte Überschätzung“ handelte, wie Sterbling schmunzelnd betonte, kann im 40-Jahre-Rück­blick durchaus als kreatives und dem Schaffenseifer zuträgliches Moment angenommen werden.

In seinem nachdenklichen und kritisch-ernsten Vortrag nahm Ernest Wichner, heute Leiter des Literaturhauses Berlin, zunächst einige Texte Rolf Bosserts in den Blick. In der Darstellung der Rezeption von Paul Celans Lyrik durch die Gruppen-Akteure eröffnete sich ein weiterer Themen-Aspekt, der, so war herauszuhören, zu den schwierigsten im Bezug auf die „Aktionsgruppe Banat“ gehört: das Spannungsfeld ästhetisch-radikaler Neuorientierung, die zum Selbstverständnis der Gruppe gehörte, und der Anbindung an ein Literaturbewusstsein, das sich bereit zeigt, historische Prägung und Verantwortung nachzuvollziehen und abzubilden. Vertieft wurden die Überlegungen in der Frage nach der Vergleichbarkeit verschiedener Herkunftsräume: Exemplarisch dafür wurde die Bukowina, mit ihrer eigenen literarischen Tradition, angeführt, die sich in mancherlei Hinsicht dem Ver- gleich mit den Herkunftsräumen des Banats oder auch Siebenbürgens entzieht. Im Anschluss an Ernest Wichners Vortrag wurde die Denkrichtung einer je spezifischen literarischen Verantwortung weiter problematisiert und in verschiedenen Redebeiträgen zu kontextualisieren versucht.

In weiteren Referaten, wie dem von Stefan Sienerth, traten zusätzliche Perspektiven auf die literarische Tätigkeit der „Aktionsgruppe Banat“ zum Vorschein. Sienerth beschrieb mit Nikolaus Berwanger einen Gruppen-Förderer und Unterstützer, der aber auch als streitbare und widersprüchliche Temeswarer Persönlichkeit der Zeit galt. Auch Johann Lippet beleuchtete mit dem „Adam Müller-Guttenbrunn“-Literaturkreis die literaturbezogene Umgebung der „Aktionsgruppe Banat“ und vervollständigte somit das Bild der kulturellen Landschaft im Temeswar der 1970er Jahre.

Den Abschluss des zweiten Veranstaltungstages bildete die von Gerhardt Csejka moderierte Autorenlesung, an der Johann Lippet, Werner Kremm, Gerhard Ortinau, Anton Sterbling, William Totok und Ernest Wichner beteiligt waren. Dem gemeinsam vorgetragenen Kollektivtext „Engagement“ ließen die Dichter jeweils eigene Texte, ältere und neuere, folgen und lieferten dem Publikum somit einen literarischen Eindruck ihres einstigen und heutigen Schaffens und Denkens.

Zu Beginn des letzten Veranstaltungstages lenkte Gerhardt Csejka in seinem Eröffnungsvortrag die Aufmerksamkeit auf die Bedeutung der Gruppen-Konstituierung und den mit ihr verbundenen Begriff der „Aktion“. Er erläuterte, dass es der „Aktionsgruppe Banat“ um ein „Weiterkommen in literarischer Hinsicht“ gegangen sei, um literarische Kommunikation im engeren Sinne und um Herausbildung eines kritischen Bewusstseins im weiteren.

In seinem biographisierten Beitrag dachte Horst Samson noch einmal über das Gruppenphänomen nach, das die „Aktionsgruppe Banat“ ausmachte und das ebenso wirkmächtig wie auch manchmal exklusiv erschien. Der Vortrag brachte eine abermals neue Perspektive in den Tagungsdiskurs mit ein: Eröffnete die Aktionsgruppe „ein Geschäft mit der Sprache“? Spielten sich die Akteure gegenseitig die Bälle zu und ließen andere Literaturschaffende bewusst außen vor? Horst Samson gab Hinweise auf Schreibweisen und Diskussionswege der „Aktionsgruppe Banat“, hinterfragte aber auch deren Selbstverständnis.

Die literaturwissenschaftlichen und theoretisch-fundierten Vorträge von Dr. Grazziella Predoiu (Universität Temeswar), Dr. Cosmin Dragoste ( Universität Craiova), Drd. Robert Elekes (Universität Kronstadt) und Dr. Beate Petra Kory (Universität Temeswar) untersuchten mittels unterschiedlicher Theoriemodelle die literarischen Schreibweisen der „Aktionsgruppe“ und besprachen diese exemplarisch. Prof. Dr. Thomas Krefeld (München) führte anhand eines Textes von Richard Wagner im sprachwissenschaftlichen Horizont das Zusammenwirken verschiedener Bedeutungsebenen vor und erörterte Assoziationspotentiale. Über das Spektrum literaturwissenschaftlicher Zugangsweisen zu den Texten und Wirkungen der „Aktionsgruppe Banat“ gab Dr. René Kegelmann (IKGS, München) in seinem Überblicksvortrag „Zur Rezeption der ,Aktionsgruppe Banat‘ im Literaturbetrieb der Bundesrepublik Deutschland“ implizit Auskunft. Er zeigte auf, wie sich die wissenschaftliche Rezeption mit der Öffnung der Securitate-Akten in Bezug auf die „Aktionsgruppe“ verändert hat.

Nicht unerwähnt bleiben darf auch der differenzierte Beitrag Dr. Sabina Kienlechners (Berlin), der zur Brisanz im Umgang mit den Secutitate-Akten Stellung bezog. Kenntnisreich dimensionierte sie die Positionen von Anklage, Schuld und Verharmlosung und trat mit Vehemenz gegen eine Verkehrung der Schuldfrage ein.

Die Tagung erwies sich somit als reich an Themen und Aspekten bezüglich der „Aktionsgruppe Banat“ und ihres Umfeldes. Die Veranstaltungs-Atmosphäre war konzentriert, die Neugierde des Publikums spürbar; es darf aber auch nicht verheimlicht werden, dass das straffe Tagungsprogramm und die thematischen Gewichte von den Teilnehmern Anstrengung und ein hohes Maß an Fokussierung einforderten.

Am Abend des letzten Veranstaltungstages fand eine Podiumsdiskussion der ehemaligen Akteure statt, an der William Totok, Johan Lippet, Ernest Wichner, Gerhard Ortinau und Anton Sterbling teilnahmen und die von Eduard Schneider moderiert wurde. Diskutiert wurden Entwicklungen, Wegmarken und auch persönliche Wahrnehmungen der Akteure ihrem damaligen Kreis gegenüber. In diesem Zusammenhang wurde spürbar, dass die Mitglieder heute zu durchaus unterschiedlichen Identifikationsstrategien im Bezug auf die einstige „Aktionsgruppe“ gelangt sind. Die meisten der vormaligen Akteure sind weiterhin publizistisch oder schriftstellerisch tätig. Ihr jeweiliger persönlicher Rückblick auf die vierzig Jahre zurückliegende Gründungszeit der Gruppe mag unterschiedlich ausfallen. Neulich, in Temeswar, haben sie sich aber wieder getroffen und miteinander diskutiert!

Den Abschluss der Tagung bildete die Vorführung des Dokumentarfilms Helmuth Frauendorfers „Junge rumäniendeutsche Schriftsteller im Visier der Securitate“. Setzte der Film noch einmal wichtige Sequenzen und Narrative der „Aktionsgruppe Banat“ in Bild und Ton um, so war er in gleichem Maße ein Zeugnis dafür, dass die Dokumentation der „Aktionsgruppen“-Zeit und deren literarische Folgewirkungen nach wie vor in vollem Gange und von großem Interesse ist.

Das IKGS bereitet einen Tagungsband vor, in dem alle Veranstaltungsbeiträge nachzulesen sein werden.

Joachim Schneider

Schlagwörter: Banat, Tagung, Temeswar, Schriftsteller, IKGS

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