17. November 2013

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Zum Gedenken an den Schriftsteller und Pädagogen Ingmar Brantsch

Ingmar Brantsch ist nicht mehr unter uns. Er verstarb einen Tag nach seinem 73. Geburtstag in einem Kölner Krankenhaus. Damit verliert die rumäniendeutsche Literatur eine bemerkenswerte Stimme. Er war eine Persönlichkeit, die sich schwer in irgendwelche Schubladen einordnen lässt, einer, der es sich zeitlebens nicht einfach gemacht hat.
Ingmar Brantsch wurde am 30. Oktober 1940 in Kronstadt als Sohn eines siebenbürgisch-sächsischen Lehrer-Ehepaars geboren. Von 1957 bis 1962 studierte er Germanistik, Romanistik und Slawistik an der Universität Bukarest. Er schloss dieses Studium mit dem Staatsexamen ab und war von 1962 bis 1964 als Redakteur und Bibliothekar im Bukarester Haus der Presse und von 1964 bis 1970 als Gymnasiallehrer in Kronstadt tätig.

1970 übersiedelte er in die Bundesrepublik Deutschland. Hier absolvierte er von 1970 bis 1976 an den Universitäten in Köln und Bonn ein weiteres Studium in den Fächern Germanistik, Geschichte, Philosophie, Evangelische Theologie und Pädagogik. Nach dem Staatsexamen leistete er von 1976 bis 1978 sein Referendariat an einer Schule in Gummersbach ab. Seit 1978 lebte er in Köln, wo er bis 1987 Studienassessor und von 1987 bis zu seiner Pensionierung 2007 als Studienrat am Abendgymnasium Köln tätig war. Im Rahmen dieser Tätigkeit unterrichtete er unter anderem Insassen der Justizvollzugsanstalt Köln.

Ingmar Brantsch ist Verfasser von Erzählungen, Satiren, Reportagen, Essays, Aphorismen, Gedichten, Dramen und Hörspielen. Ingmar Brantsch war Mitglied des Rumänischen Schriftstellerverbandes, er gehörte dem Exil-PEN – Zentrum Deutschsprachiger Autoren im Ausland, dem Verband Deutscher Schriftsteller, der Künstlergilde Esslingen, der Regensburger Schriftstellergruppe International und der Literarischen Gesellschaft Köln an. Brantsch erhielt 1968 den Lyrikpreis der Jungen Akademie Stuttgart und 1987 den Siegburger Literaturpreis.

In seinen Büchern nahm er deutlich Stellung zu Zeitfragen. Dabei positionierte er sich abseits von herrschenden und vorgefassten Meinungen. Er vertrat nicht heute eine Ansicht und morgen in der gleichen Sache wieder eine andere. Ingmar hatte Überzeugungen.

An vielen seiner Buchtitel lässt sich ablesen, dass er historische und neuere Entwicklungen in Gesellschaft und Kultur als Reibflächen für seinen wachen Verstand betrachtete und nutzte: Karnevalsdemokratie oder Eulenspiegel, der einsame Rebell, Frankfurt (Main) 1985; Mozart und das Maschinengewehr, Frankfurt (Main) 1987; Das Leben der Ungarndeutschen nach dem ­Zweiten Weltkrieg im Spiegel ihrer Dichtung, Eckartschriften Heft 134, Österreichische Landsmannschaft, Wien 1995; Das Leben der Rußlanddeutschen nach dem Zweiten Weltkrieg im Spiegel ihres Schrifttums, Eckartschriften Heft 148, Österreichische Landsmannschaft, Wien 1999; Ungarndeutsche Literatur, Bonn 1999; Goethe und Heine hinter Gittern, Vechta-Langförden 2004; Pisastudie getürkt, Vechta-Langförden 2006; Das Weiterleben der rumäniendeutschen Literatur nach dem Umbruch, Vechta-Langförden 2007; Ich war kein Dissident, Ludwigsburg 2009; Inkorrektes über die Political Correctness, Vechta 2009.

Schon an dieser (unvollständigen) Auflistung kann man seine Vielseitigkeit, aber auch seine Streitbarkeit erkennen. In seinen Wortmeldungen bei Tagungen des Exil-PEN überraschte er immer wieder mit seinem fundierten, weitgefächerten Wissen. Er konnte weit ausholen und die Zuhörer ins Bild setzen, zumal wenn es um geschichtliche Belange ging, bevor er dann unmissverständlich Stellung bezog. Dabei scheute er sich nicht, anzuecken und unbequeme Standpunkte zu beziehen. Ingmar war keiner, der sein Mäntelchen nach dem Wind hängte. Auf zahllosen Spaziergängen oder abends am Biertisch nach der Tagung sorgte er für anregenden Austausch. Um dieses Vergnügen bin ich, sind wir nun gebracht.

Er provozierte nicht um der Provokation willen, konnte aber sehr eigensinnig sein, bis hin zur Verbohrtheit. Den eigenen Grundsätzen verpflichtet, konnte er auch austeilen und Seitenhiebe verteilen, dies aber augenzwinkernd, schelmisch, niemals bierernst. Er konnte ein guter Freund sein, wie er auch ein treuer Feind sein konnte. Ingmar Brantsch war – entgegen der vorherrschenden Meinung – der Überzeugung, dass die junge deutschsprachige Literatur in Rumänien eine Zukunft hat. Für sie – und die Schriftsteller und Dichterinnen von der Temesvarer „Stafette“ – hat er sich auch hierzulande eingesetzt, in seinem diesbezüglichen Buch auf sie aufmerksam gemacht und ihnen durch die Veranstaltung von Lesungen ein Forum geschaffen und Gehör verschafft.

Ein unruhiger Geist ist nun zur Ruhe gekommen. Die ihn gekannt haben, werden ihn vermissen. Aber in seinen Büchern, denen man noch viele Leser wünscht, lebt er weiter.

Hellmut Seiler

Schlagwörter: Nachruf, Schriftsteller, Lehrer, Kronstadt

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