8. November 2016

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Dieter Roth liest aus seinem Roman „Der müde Lord“

„Und eines sollten Sie sich für die Zukunft auf jeden Fall merken: Was gestrichen ist, ist kein Fehler.“ Mit diesem zweideutigen Satz erklärte der Chefredakteur dem frischgebackenen Journalisten Christian Rosenow, warum er seinen Artikel ein wenig „kürzen“ musste. Kürzen ausgerechnet um die Passage, in der dieser stolz erklärt, wie der Held der Arbeit, „Meister Militaru täglich mit der wunderbaren Leistung von 130 Prozent Planerfüllung glänzen kann“ – nämlich auf Kosten der anderen Mitarbeiter, die sich dafür auf Weisung von oben recht dumm anstellen müssen, wie ihm jemand aus dem Betrieb zuflüstert… Ein Sahnestückchen aus dem Roman „Der müde Lord“ von Dieter Roth – und nur eines von vielen. Ein Stückchen Zeitgeschichte zudem, ist doch Rosenow niemand anderer als das Alter Ego des Autors. Als ehemaliger Mitarbeiter des Neuen Wegs 1954-1965 schildert er in 60 Anekdoten den kuriosen Redaktionsalltag und die Kulturszene im kommunistischen Bukarest der 50er bis 70er Jahre bis zu seiner Ausreise nach Deutschland. „Es gibt keinen anderen, dermaßen erfahrungsgesättigten und zugleich klaren Text über das, was einst in Rumänien in deutscher Sprache kulturell, zumal literarisch geschah“, lobte der Schriftsteller und Literaturkritiker Georg Aescht das Buch.
„Der müde Lord“, erschienen 2013, ist der erste und einzige Roman des 1936 in Ploiești geborenen Dieter Roth. Als Absolvent des Kronstädter Honterus-Gymnasiums heuerte dieser – zeitgleich mit seinem Haupthelden – beim „Neuen Weg“ an, studierte parallel Germanistik in Bukarest und avancierte schließlich zum Leiter des Lektorats im Kriterion Verlag. Nach seiner Ausreise machte er sich auch in Deutschland einen Namen als Herausgeber, Übersetzer und Schriftsteller, zuletzt bis 2001 als Feuilletonchef der Rhein-Neckar-Zeitung in Heidelberg.

Kostproben aus seinem Werk gab der Autor in Lesungen beim Presseseminar der Siebenbürgischen Zeitung (SbZ) am 15. Oktober in Leitershofen zum Besten sowie am 13. Oktober im Haus des Deutschen Ostens in München (HDO) auf einer Veranstaltung der Instituts für Kultur und Geschichte Südosteuropas (IKGS) und des Verbands der Siebenbürger Sachsen in Deutschland. In die Lesung in München führte Alt-SbZ-Chefredakteur Hannes Schuster – als langjähriger Redakteur der Karpatenrundschau ein Zeitgenosse von Roth – ein. Im Anschluss fanden Diskussionen statt, in der beide die Absurdität der erforderlichen Winkelzüge und Zwischen-den-Zeilen-Taktiken lebhaft vor Augen führten.

Unterschiedliche Rezensenten nannten dieses Buch einen „Schlüsselroman“ über die Protagonisten des rumänischen Geisteslebens, erklärt Hannes Schuster. „Ihre im Roman oft nur leicht veränderten Namen lassen den einst mitimplizierten Zeitzeugen, als den ich mich wohl bezeichnen darf, unschwer auf die realen Personen schließen“, fährt er fort und versichert, es sei keine Abrechnung mit diesen. Roths „Spottgeburten, die gernegroßen Apparatschiks und die willfährigen Zuträger des Geheimdienstes, die ‚Sekretängs‘ und ‚Schnüffelköter‘, wie sie der Autor nennt, allesamt passieren Revue, nicht um ihrer selbst und ihrer Bloßstellung willen, sondern als Produkte und Zeugnisse realer Existenzen in einer totalitär determinierten Welt“. Wie mit einem Brennglas werde das Erlebte – Treue und Verrat, Selbstzweifel und Selbstvergewisserung, kollegiale Solidarität und „klassenkämpferisch“ kaschierter Berufsneid, nahtlos Seite an Seite in „anekdotisch geraffte Erzählkerne“ gezwängt, beschreibt Hannes Schuster den Stil des Autors. Dieter Roth las aus seinem Roman „Der müde Lord“ ...Dieter Roth las aus seinem Roman „Der müde Lord“ im Haus des Deutschen Ostens in München. Foto: Hans-Werner Schuster Wenn auch für den nicht-kommunismuserfahrenen Leser so manche Andeutung oder Zweideutigkeit mitunter erst auf den zweiten Blick verständlich wird, ist es doch ein kolossales Lesevergnügen, ein Potpourri an kraftvollen Bildern und seltsamen Gefühlen. Schon das Inhaltsverzeichnis weckt mit kuriosen Kapiteltiteln wie „Affentheater am Platz der Flieger“, „Schädlinge im universitären Unterholz“ oder „der Schikaneur“ die Neugier des Lesers. In ersterem verweist Rosenow in einem Gespräch mit einem Freund sarkastisch auf einen der bedeutendsten Reporter in der Geschichte des Journalismus, Egon Erwin Kisch, im Roman „Egonek“ genannt: „Wo ‚Egonek‘ sich aus der kapitalistischen Hölle , in die er nun einmal hineingeboren war, immer die heißesten Kastanien herausholen konnte, und zwar weltweit über Länder und Grenzen hinweg, da war man hier und heute in dieses rote Paradies richtiggehend eingesperrt und musste zusehen, in welchem seiner Winkel es noch auffälligere Blumen zu pflücken gab.“ Gehässig fügt er an: „Stell dir vor, der ‚Egonek‘ müsste, wie ich mit ein paar anderen neulich, über einen Ersten-Mai-Aufmarsch im Bukarest des Jahres 1955 schreiben.“ Eine Reportage, in der freilich die „Lederjacken“, die den Volksmassen von den Dächern der Rundfunkwagen mit Megaphonen aus zuriefen, „sie sollten doch gefälligst fröhliche Gesichter machen“, mit keinem Sterbenswörtchen erwähnt werden ... Der Roman spiegelt aber auch die unterschiedlichen Etappen des Kommunismus wider, macht Hannes Schuster aufmerksam. Bedient wird die bekannte rumänische Witzfigur des „Eleven Benis“, der beim Anblick der Brâncuşischen „Endlosen Säule“ tönt, sie versinnbildliche eindeutig das Regime: „Mal drücken die uns die Gurgel zu, mal lassen sie es lockerer zugehen.“

In der Diskussion in Leitershofen wurde die Frage laut, ob man denn trotz Zensur auch Befriedigung an der journalistischen Tätigkeit erfahren konnte. Hannes Schuster illustrierte mit einem Beispiel: Zu einer Zeit, in der es verboten war, in den Dörfern rein deutsche Kulturveranstaltungen zu organisieren – etwa den traditionellen Kathreinenball –, hatte die Zeitung statt dessen zu „Lesertreffen mit Kulturprogramm“ aufgerufen. Mit diesem Trick gelang es, in über 50 rein deutschen Dörfern die identitätsbewahrenden Bräuche am Leben zu erhalten, bis sich das Regime etwas lockerte und man dies offiziell wieder durfte. Eine andere Taktik war das Zwischen-den-Zeilen-Schreiben, wobei die Leserschaft eine Perfektion im Deuten entwickelte. Dieter Roth hat als verantwortlicher Verlagsdirektor Bücher von Autoren herausgegeben, die sich in fast jedem Text einer Zwischenzeilentaktik bedienten – und sie wurden massenhaft gekauft. „Wir alle hatten Spaß daran“, bestätigt Hannes Schuster und Roth nennt ein Beispiel: In einem Roman hieß der Schriftsteller, der einen anderen durch sein Geständnis ins Gefängnis gebracht hatte, „Pirol“, weil er gesungen hatte – und jeder wusste, wer gemeint war. Ein anderes betrifft einen bekannten Autor und Verlagslektor aus Klausenburg, der wiederholt vom DDR-Schriftsteller Ulf Kirsten eingeladen worden war, jedoch keine Ausreisegenehmigung erhielt. Dem Publikum teilte er dies in Form eines launigen Gedichts im Neuen Weg mit: „Ulf Kirsten und ich trinken ein Bier. Er in Weimar, – ich hier.“ „Der müde Lord“ – diesen Spitznamen hatte ein Redaktionskollege beim Neuen Weg dem Autor alias Rosenow heimlich verpasst – entpuppt sich so als aufgeweckter Geist, der zwischen den Zeilen auf so manchen brillianten Einsatz lauert.

Nina May




Dieter Roth: Der müde Lord. Roman, Heidelberg: Rhein-Neckar-Zeitung 2013, 484 Seiten, ISBN 978-3-936866-46-9, zu bestellen zum Preis von 24,80 Euro (einschließlich Versand) bei Dieter Roth, Kirchheimer Straße 39, 69214 Eppelheim, Telefon: (0 62 21) 76 75 50, E-Mail: hans-dieterroth[ät]t-online.de.
Der müde Lord
Dieter Roth
Der müde Lord

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Schlagwörter: Lesung, Dieter Roth, Literatur, Roman, Neuer Weg, Journalist, München, Augsburg, Siebenbürgische Zeitung

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